Salon Skurril

Die Zeit der Retronauten

Von Marina Weisband

Noch einmal die Fingerspitze in ein kreisrundes Plastikloch drücken, das genau die richtige Größe hat. Sie langsam im Uhrzeigersinn bewegen, gegen einen Widerstand, der so genau justiert ist, dass man ihn noch spürt, ohne dass er behindert. Mit der Haut über die Ziffern streichen. Und dann loslassen. Ein Surren geht durch die ganze Mechanik, während die Scheibe langsam ihre Ausgangsposition einnimmt, und die Prozesse im Inneren des Apparats sind in diesem wohligen Schnurren zu erahnen. Jeder Anruf wird zu einem Erlebnis.

Es ist heute nicht mehr leicht, an ein Wählscheibentelefon zu kommen, schon gar nicht an ein funktionierendes. Auf eBay wird man dafür im Schnitt 80 Euro los, und es gibt begeisterte Käufer. Nicht nur für Telefone. Auch Schreibmaschinen, alte Radios, sogar Strümpfe aus der Vorkriegszeit finden guten Absatz. Die Käufer sind oft zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt und leben vor allem mit einem: mit Stil. Manche versetzen sich in ihrem Alltagsleben zur Hälfte in andere Jahrzenhte, die meisten übernehmen nur Stilelemente oder toben sich auf zur Zeit beliebten Zwanziger-Jahre-Parties aus. Gerade fortschrittliche, junge Menschen stöbern um so lieber in den Schatzkisten vergangener Zeiten. Sie nennen sich manchmal Rollenspieler, manchmal Rockabillys, manchmal Retronauten. Und sie alle suchen etwas. Ich versuche, ein paar Bereiche zu sammeln, in denen die neue Nostalgie heute eine Rolle spielt.

 

Was die Mode betrifft, so gab es nur all zu viele Analysen dieses Phänomens. Ich habe neulich die These gelesen, dass junge Menschen sich deshalb so gern gerade in die zwanziger Jahre hineinversetzen, weil sie sich heutzutage in einer ähnlichen Situation wiederfinden. Auch sie leben in einer Welt, die geprägt ist von einer Wirtschaftskrise, von Umbruch und Ungewissheit. Und während dies zutreffend ist, ist diese Erklärung mir persönlich zu pauschalisierend. Die Gründe für die Liebe des Einzelnen zum Stil der Jugend der Großeltern wird auch persönlicher Natur sein. Ich habe also mit einzelnen Freunden gesprochen, die diesem Hobby viel Zeit und Geld widmen.

Einer dieser Freunde ist Lotte. Sie trägt zwar meistens ausgefallene T-Shirts, näht aber mit großer Hingabe und Detailverliebtheit originalgetreue Outfits aus den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren. Sie hat einige umwerfende Shootings in ihren eigenen Kreationen. Als ich sie fragte, was sie daran fasziniert, begann sie erstmal, leidenschaftlich zu differenzieren: Retro ist nicht gleich Retro. Während viele (darunter auch die Modeindustrie) sich von Elementen alter Mode beeinflussen lassen, näht sie originalgetreu.
„Wenn Retro, dann aber auch so authentisch, wie möglich. Da rege ich mich dann auch mal über 2 Zentimeter Rocksaum oder den Übergang eines Absatzes zum Schuh auf.“, schreibt sie mir.
Sie sieht den Umgang mit alten Schnittmustern für sich als persönliche Herausforderung, denn oft haben die Kleider ein Innenleben, das es so heute schon lange nicht mehr gibt. Aber gerade die Erfahrung und das Fingerspitzengefühl, das diese Kunst erfordert, bilden die Herausforderung.

Interessant ist, dass die Kleidung natürlich auch Merkmale der Gesellschaft transportiert, in der sie entsteht. Beispielsweise hängt an Schnittmustern für Kleider gleichsam ein bestimmtes Frauenbild. Heutige Retrobegeisterte spielen mit diesem Element. Für Fotos posiert Lotte in Pin-up-Posen, in ihrem Alltag programmiert sie und ist politisch engagiert. Es ist also eine Mischung aus einem Spiel mit gesellschaftlichen Regeln und Liebe zum Detail, zum präzisen Kunsthandwerk, ob man nun einen Saum bemisst, ein Schmuckstück wählt oder Haarlocken in Form steckt.


Lotte reist manchmal durch die Zeit.

Ein verbreitetes nostalgisches Gerät ist der Plattenspieler. Seltsam, dass gerade in Zeiten der schier unendlich verfügbaren Musik im Internet viele meiner Freunde sich gerade Schallplatten zulegen. Echte Musikfanatiker wissen, was sie daran haben. Nach einhelliger Meinung ist die Akustik einer Schallplatte nicht zu überbieten. Und selbst von der Reinheit des Klangs abgesehen, bietet eine Platte so viel mehr als Musik. Sie verleiht der Musik ein materielles Pendant; wenn man sie in den Händen hält, meint man fast, die Musik in den feinen Rillen ertasten zu können. Sie hat einen bestimmten Geruch, ein bestimmtes Gefühl, wenn man sie auf den Plattenspieler legt, und das charakteristische leichte Kratzen der Nadel, die die Musik stofflich, real machen.
Man kann eine Schallplatte nicht den ganzen Tag im Hintergrund laufen lassen, wie eine Playlist. Man muss öfter neu auflegen. Dadurch wird das Musikhören an sich bewusster, die Wertschätzung für die Musik wächst durch ein regelmäßiges, ehrerbietendes Ritual.

Wo wir gerade bei Datenträgernostalgie sind: Es gibt da natürlich auch noch die Bücher. Vielleicht kann der Durchschnittsmensch gerade hier am besten nachvollziehen, warum nicht alle technischen Entwicklungen nur positiv aufgenommen werden. Natürlich wiegt ein E-Book deutlich weniger (das berechnete Gewicht eines E-Books aufgrund der veränderten Elektronenladungen auf dem Speichermedium wird auf 0,0000000000000000001 Gramm geschätzt), es ist handlicher, ganze Bibliotheken lassen sich bequem im Handgepäck verstauen. Doch das Gefühl, ein echtes Buch aufzuschlagen und zu lesen, konnte es bisher nicht ersetzen, weshalb der Buchdruck unbeeindruckt weitergeht. Ich kaufe meine Bücher allerdings bevorzugt im Antiquariat. Erstens weiß man bei den dortigen Klassikern natürlich, was man hat. Da man in seinem Leben nur eine begrenzte Anzahl von Werken lesen kann (aus Zeit- und Sterblichkeitsgründen), bietet es sich an, die getesteten Modelle zu bevorzugen.  Doch das echte Leseerlebnis beginnt eigentlich bereits vor dem Konsum des Inhalts. Es beginnt bei der liebevollen estaltung des schweren Deckels, beim typischen Ledergeruch alter Bücher, beim leisen Knarrzen während des Aufschlagens, beim Papierrelief, dem Geruch der Druckerschwärze, während das Überblättern der ersten, leeren Seite bereits mit Vorfreude erfüllt. Das Buch wird uns so schnell nicht verlassen, auch wenn die digitalen Medien als reine Informationsträger dem Druck überlegen sein mögen.


So muss ein Computer in den 20ern ausgesehen haben. (CC-BY-SA ChiefRanger)

Sehr interessant finde ich neue Symbioten, die unter einem Stil laufen, der als „Steampunk“ bezeichnet wird. Wie der Name andeutet, eine Mischung aus viktorianischen Elementen der Dampfmaschinenära und der Moderne. Beispielsweise Tastaturen, die mit Tasten aus Schreibmaschinen besetzt sind. Antike Telefone mit USB-Anschluss. Computertower mit Uhrwerk. All das sind im Alltag benutzbare Gegenstände, die zugunsten des Stils auf die moderne optimierte Bedienung verzichten. Stil ist hier allerdings nicht die einzige Erklärung. Nein, alle von mir beschriebenen Dinge haben einen viel größeren Wert als allein ihr Aussehen. Obwohl diese Dinge auf den ersten Blick unpraktisch sind, sehnen wir uns gerade nach diesem Unpraktischen. Sie entschleunigen uns, sie geben uns ein Stück Realität zurück, sie stellen unsere Handlungen in den Mittelpunkt. Wir unterscheiden stärker, ob wir lesen, Musik hören oder telefonieren –
all das machen wir im Alltag mit dem selben Gerät. In Zeiten des Touchscreens gewinnen wir durch diese Dinge wieder verschiedene Empfindungen unter den Fingern. Geräusche, Gerüche und Texturen, die wir mit Handlungen assoziieren, die uns auf die Handlung einstimmen und uns mit Vorfreude erfüllen. Kurz: Wir leben bewusster.

Als Retronaut träumt man sich in vergangene Zeiten, ohne im Zweifel auf den angenehmen Komfort des 21. Jahrhunderts zu verzichten. Man erkennt, was die Vergangenheit Verlockendes zu bieten hat, und übernimmt diese Elemente. Man kombiniert also kreativ die Zeit und sein eigenes Umfeld. Und das ist wahres Schaffen.

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