Salon Skurril

Die Kunst in der Politik

Eine kleine Gruppe von Menschen mit Dreck im Gesicht stehen draußen in der Kälte vor dem Reichstag und schreien durch ein Megaphon enttäuschte Erwartungen. Sie sind Künstler. Sie machen Politik.
Ich bin schon vor längerer Zeit eher zufällig über ein Video gestolpert, das mich auf das Zentrum für politische Schönheit aufmerksam gemacht hat. Seitdem denke ich über Kunst in der Politik nach.

 

Um zu verstehen, warum es politisch ist, was diese und viele andere Gruppen und Einzelpersonen machen, muss man erstmal darüber nachdenken, was Politik eigentlich ist.
Obwohl wir natürlich alle das verregelwerkte, anzugkratische Gebilde vor Augen haben, das man täglich in den Nachrichten und den Zeitungen sieht, dient Politik ja ursprünglich einem ganz einfachen, menschlichen Zweck. Wie können viele Menschen friedlich auf einem Haufen leben? Alle weiteren Komplexitäten ergaben sich dann im Laufe der Antwortfindung. Für die komplexe Welt mussten immer mehr Regularien geschaffen werden. Aber im Kern geht es noch immer um den Menschen.
Und dann kommt die Kunst. Die Kunst hält der Welt einen Spiegel vor, hat es schon immer getan. In den mittelalterlichen Darstellungen zeigte sie durch die Größe der dargestellten Personen ihre wahre politische Bedeutung. In der Renaissance wurde sie zur naturalistisch abbildenden Kunst, zum Spiegel der Wirklichkeit. Mal wurde über den Spiegel der Filter der reinen Wahrnehmung gelegt – wie im Impressionismus – später der Filter der Emotion – wie im Expressionismus. Immer beschäftigte der Mensch sich darin mit der Wahrnehmung der Welt und den daraus gewonnenen Erkenntnissen.

Insofern überrascht es mich eigentlich, dass das überschneidende Feld zwischen Kunst und Politik so klein ist. Genauer gesagt ist es gar nicht klein. Wir haben viel Politik in der Kunst. Die künstlerische Darstellung von politischen Ereignissen und Vorgängen ist so alt, wie die Kultur selbst. Was wenig da ist, ist Kunst in der Politik. Also Künstler, die direkt mit Politikern interagieren, wie es das „Zentrum für politische Schönheit“ macht. Oder Politiker, die selbst Künstler sind. Politiker, die sich aus der Rationalität des sinnhaften Handelns für eine Sekunde lösen und etwas Unerwartetes tun, um ihre eigenen Grenzen aufzusprengen.

Warum ist Kunst in der Politik wichtig?

1. Kunst reflektiert und bricht damit eingefahrene Bahnen auf. Sie stellt immer wieder die Rechtmäßigkeit und Sinnhaftigkeit der aktuellen Strukturen in Frage.
2. Kunst lockert auf. Sie ist im Grunde Humor, auch wenn sie nicht fröhlich ist. Sie nimmt jedem Gegenstand seine Schwere, ohne ihm seine Wichtigkeit zu nehmen.
3. Kunst ist Kreativität und Kreativität ist der Prozess, neue Gedanken anzunehmen, auch wenn sie erstmal nicht rational erscheinen. Kreativität steigert die Fähigkeit, Probleme zu lösen und neue Wege zu gehen. Wir können nur von der unbeschwerten Kunst lernen, wie wir keine Angst vor unseren eigenen spontanen Eingebungen haben.
3. Kunst feiert, sie betont, wie wichtig die Sache ist, um die es da gerade geht. Sie macht uns alle Prozesse durch Verbildlichung bewusster.

Wenn ich beschließe, dass 300 Sinti und Roma in der Stadt bleiben dürfen, ist das eine politische Entscheidung, die durch eine Zahl repräsentiert wird, die der Mensch sich nicht vorstellen kann. Sie ist eine nüchterne, nicht nur von menschlichen Beweggründen abhängige Entscheidung. Wenn ich zu ihrer Illustration 300 Menschen vor dem Rathaus aufstelle, um zu zeigen, wie viele Einzelschicksale dadurch gerettet wurden, muss man den Preis der Entschiedung anders bewerten. So macht Kunst Politik erst wirklich transparent und greifbar.
Kunst kann die Politik durch mehr Moral bereichern.


Kunstaktion „Hannover ist Klimaflüchtlingslager“ von Hermann Josef Hack mit 600 kleinen Klimaflüchtlingszelten.
Foto CC-BY Sven Kindler.

Kunst öffnet neue Fenster. Sie schafft es immer wieder, durch ungewöhnliche Gegenüberstellung von Dingen, Sachverhalte in ein neues Licht, in einen neuen Kontext zu stellen. Eine Bildungsreform, die sich nach Sparmaßnahmen richtet, klingt wie eine rationale Entscheidung. Schreibe ich aber ein fiktives Geschichtsbuch aus dem Jahre 2150 über dieselbe missglückte Bildungsreform, bekommt sie gleich eine ganz neue Bedeutung. Der Wechsel des Kontextes ist wichtig, damit eine Entscheidung nachhaltiger, besser ist und nicht von der engen Wahrnehmung aktueller Umstände geleitet wird.

Ein wichtiger Bereich von „Kunst in der Politik“ ist übrigens Satire. Die Satire ist eines der wichtigsten Werkzeuge der politischen Illustration und Bewertung durch die moralische Instanz. Sie spiegelt, zeigt der Politik in etwas überzogenen Strichen ihr eigenes Gesicht. Dabei ist es nicht wichtig, ob sie immer recht hat. Wichtig ist, dass man sie sieht und dadurch sensibilisiert wird. Daher halte ich satirische Projekte wie DIE PARTEI für eine Art Kunst.

Über den Inhalt von Kunst kann man ja nun bekanntlich geteilter Meinung sein. Und das ist auch gut so. Und doch kenne ich niemanden, der ihre Existenz an sich verurteilen würde. Daher würde ich persönlich mich freuen, wenn Politiker sich trauen, auch ihre eigenen Handlungen künstlerisch, frei zu kommentieren. Ein wenig mehr Leichtigkeit in der Politik, ein wenig mehr Selbstironie, würde ihrem Betrieb nicht schaden. Und wir könnten uns ständig selbst ermahnen, dass unser Kopf offen sein muss für Neues, dass wir die Veränderung zulassen müssen, während die Welt sich weiter dreht. Denn wenn wir nicht ein wenig verrückt sind, werden wir am Ende wahnsinnig.

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