Salon Skurril

"Ich bin kein Leser. Ich bin ein Schreiber."

Das Internet hat die Art und Weise, wie wir kommunizieren, revolutioniert. Wir haben den Raum überwunden. Wir können in Echtzeit Gedanken austauschen. Es gibt nicht eine beschränkte Bühne, sondern jeder kann sich äußern. Jedes 14-jährige Mädchen, das eine Internetanbindung hat, kann ihre Gedanken mit der ganzen Welt teilen. Regierungsgegner in unfreien Ländern, Behinderte, winzigste Randgruppen können Information verbreiten und sich mitteilen, auch ohne in die etablierten Medien zu gelangen.

 


CC by-nc Melvin Gaal (Mindsharing.eu)

 

Hier bei uns im Internet hat jeder was zu sagen. Viele möchten Schreiber sein; aber nicht Leser. Auch in der klassischen Kommunikation kennen wir dieses Phänomen. Zum Beispiel findet in Talkshows zwischen den Gästen ja kein Gespräch im eigentlichen Sinne statt. Sie reden, aber nicht miteinander. Politischer, gesellschaftlicher und philosophischer Diskurs besteht oft daraus, dass man seine Meinung kund tut und dann ungeduldig wartet, während der andere redet, um selbst wieder zu Wort zu kommen. Der Andere, indess, konstatiert auch nur seine Meinung, ohne auf die erste einzugehen.
Beständig produzieren wir Menschen Inhalt, wir verwirbeln die Luft und oft ist es uns egal, wer aus diesen Verwirbelungen Information gewinnt. Wir sind ungeduldig, wenn andere erzählen, denn was können sie schon wissen. Um überhaupt Inhalt zu transportieren, knallt die Presse uns kürzeste Überschriften, kürzeste Texte um die Ohren, im Schleudertempo. Die Welt kommt mir manchmal sehr laut vor, während alle versuchen, einander zu überschreiten.

Als ich meine Mutter fragte, was ihrer Meinung nach das Thema der Zeit sei, sagte sie: „Zuhören“. Einerseits meinte sie damit den politischen Diskurs, den sie zurzeit beobachtet, andererseits bezog sie sich auf ihre ganz privaten Probleme, die nicht entstanden wären, wenn Menschen einander gehört hätten. Interessanterweise war sie diese Woche aber nicht die einzige, die mich darauf ansprach. Während ich im Zug darüber nachdachte, worüber ich wohl schreiben könnte, antwortete der Fahrgast neben mir: „Ich weiß nicht.“ „Ich weiß es auch nicht“, erwiderte ich. Er sagte: „Nein, nein, das Phänomen des ‚Ich weiß nicht‘. Dass kaum noch jemand sich traut, diese Worte zu sagen. Dass alle kompetent wirken wollen.“
Das hat sich dann wundersam an das Zuhören geknüpft. Anstatt seine halbgaren Lösungsvorschläge oder Beurteilungen einer Situation abzugeben, einfach mal zu sagen: „Ich weiß es nicht, kannst du es mir erklären?“ Und dann die Erklärung anhören. „Ich weiß es nicht“ ist eine Phrase geworden, zu der man immer weniger berechtigt ist, je häufiger man die Möglichkeit bekommt, zu sprechen. Und das ist, im Internet, praktisch immer.

Dabei ist der Vorteil des Zuhörens, dass man so unendlich viel lernen kann. Seltsam, wie wenig die Lust, die beim Lernen entsteht, angesprochen wird. Der ganz praktische Vorteil, wenn man Älteren zuhört, ist ja zum Beispiel, dass man aus deren Fehlern gut lernen kann. Man glaubt es nicht, aber in den paar tausend Jahren Menschheitsgeschichte haben unsere Vorfahren ein paar ganz nützliche Erfahrungen sammeln können. Und es muss ja nicht jede Generation das Fahrrad neu erfinden.  Aber gerade, wenn man mit weit offenen Ohren durch die Welt geht, entdeckt man auch das Wunderbare darin. Einmal traf ich im Bus zufällig eine Frau, die mir erklärt hat, warum es Schicksal sein könnte, dass meine Haarfarbe sich von meiner Familie unterscheidet. Sie sagte während einer 20-minütigen Busfahrt vor vier Jahren Dinge über Gott und die Menschen, die ich bis auf den heutigen Tag nicht vergessen werde. Wie viele verschiedene Berufe und Lebensläufe lernte ich auf Parties, an Bushaltestellen und in Zügen kennen.

Der Fahrgast, den ich da auf der Strecke von Münster nach Berlin traf und der solchen Wert auf die Phrase „Ich weiß nicht“ legte, ist Designer. Er entwirft zum Beispiel Dinge rund um Tischkultur. „Das Design so eines Gegenstands beeinflusst direkt das Verhalten des Menschen, der damit umgeht. Ich richte mich da immer nach dem Satz: ‚Wenn man einen Stuhl entwirft, entwirft man eine Art, sich zu setzen.'“, erzählte er mir. Man kann einen Gegenstand so gestalten, dass die Benutzung ganz automatisch geht, oder dass er im Gegenteil befremdlich ist und innehalten lässt. Er kann zu schnellen oder langsamen Bewegungen verleiten, zu guter oder schlechter Stimmung. Ich mochte es, diesen Gedanken weiter zu spinnen. Wenn ich das Verhalten eines Menschen durch das Design einer Teekanne beeinflussen kann, kann ich auch das ganze soziale Verhalten der Tischgesellschaft beeinflussen. Eine Kanne mit zwei Griffen und zwei Ausgüssen würde vielleicht den Gedanken wecken, man schenkt lieber einander ein, als sich selbst. Dadurch würde ich die soziale Konstellation am Tisch verändern.

Solches sozial-veränderndes Design findet man auch in einem ganz anderen Bereich – dem Straßenverkehr. Immer mehr europäische Gemeinden, darunter das niedersächsische Bohmte im Landkreis Osnabrück, probieren ein Straßenmodell, das „Shared Space“ heißt. Diese Straßen zeichnen sich dadurch aus, dass sie auf Markierungen, Schilder, Ampeln, Radwege und Bürgersteige völlig verzichten. Der Raum wird von Fußgängern, Rad- und Autofahrern geteilt. Dadurch, dass Schilder den Vorgang nicht extern steuern und automatisieren, sind alle Verkehrsteilnehmer gezwungen, stärker auf einander zu achten und zu kommunizieren. Die Aufmerksamkeit für einander im Öffentlichen Raum wird gesteigert. Die Unfallstatistik sieht sehr vielversprechend aus, es kommt nirgends zu einer Häufung von Unfällen. Denn dieses Design zwingt Menschen, auf einander zu achten, Signale von einander wahrzunehmen – zuzuhören.

Wenn es nur öfter Elemente im öffentlichen Raum gäbe, die uns den Raum so entfremden würden, dass wir kurz stehen bleiben, inne halten und auf die Umgebung und die anderen Menschen wieder aufmerksam achten, das wäre gut. Doch Moment – fiel mir ein – so etwas gibt es. Das ist eine der Aufgaben von Kunst. Kunst ist der Zerrspiegel, der die Welt so entfremdet, dass wir ihr aufmerksamer lauschen. Monet hat mir die unterschiedlichen Farben eines Sonnenuntergangs verdeutlicht, Kahlo die Intensität von Schmerz und Einsamkeit. Viele Kunstwerke erzählen eine Geschichte und dadurch, dass sie so seltsam sind, möchte man die Geschichte dahinter hören. Besonders beeindruckend in ihrem ’social engineering‘ ist die Kunst im öffentlichen Raum. Wenn eine Stadt durchzogen ist mit Skulpturen und interaktiven Kunstwerken, die Menschen ins Interagieren bringen. Sie kann helfen, uns in Zeiten des lauten Sprechens die Kunst des Zuhörens zu bewahren.

Einmal stand in Münster mitten auf dem Bahnhofsvorplatz eine grüne Tür. Um sie herum war nur ein Türrahmen, sonst nichts. Man konnte sehr leicht drum rum gehen. Die Tür war verschlossen. Um sie zu öffnen, musste man 50 Cent hinein werfen. An der Tür klebte ein Schild: „Die 50 Cent fließen ausschließlich in den Erhalt dieser Tür“.
Solche und andere Wundersamkeiten waren Teil der Skulptur Projekte Münster, deren Geschichte ich in zwei Wochen hier näher beleuchten will. Denn ich habe da einigen sehr interessanten Männern zugehört…

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