Salon Skurril

Salon Skurril

Man kann sagen, Kunst ist unnötig. Und man hätte recht. Kunst gehört nicht zu den überlebenswichtigsten Dingen, um die man sich kümmern muss,

Finger weg von Religion?

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Ist der vermittelte Glaube der Eltern manipulative Einflussnahme auf Kinder? Wie ist ein Kind eigentlich, wenn man es gar nicht manipuliert? Die Autorin denkt über Religion nach und stellt einige steile Thesen auf.

Also gut, jetzt wird es etwas schwierig. Das Ding ist, dass ich eigentlich ziemlich viele Ideen hatte, worüber ich aus der Welt der Kunst schreiben möchte. Mir sind auch einige rein kulturell-zwischenmenschliche Dinge eingefallen, die ich unbedingt berichten muss. Aber in den letzten Wochen bin ich kaum dazu gekommen, mich damit zu beschäftigen.
In den letzten Wochen habe ich viel über Religion diskutiert. Anstoß war die mir inzwischen überdrüssig gewordene Beschneidungsdebatte. Da ging es viel um Grundrechtsabwägung, Menschenrechte und elterliche Freiheit – alles Argumente, die ich mit großem Vergnügen gesammelt und abgewogen habe. In der ganzen Debatte aber vernahm ich ein dünnes Stimmchen, das sich als Unterton heraus stellte, den ich immer lauter und lauter hörte.  Und mir kam ein Gedanke: Wenn wir über die Unversehrtheit von Kindern sprechen würden, dann hätten wir doch eigentlich alle schon vor 10 oder 20 Jahren aufschreien können. Vielleicht geht es um mehr. Viele der Stimmen, die ich in der Debatte vernommen habe, fragten nicht nach Kindern. Sie fragten nach Religion.

Die Vertreter dieser Richtung äußern sich verschieden. „Das ist ein guter Schritt, man sollte auch die Taufe von Babys verbieten“, sagen sie. Oder: „Kein Elternteil darf seinem Kind seine Religion aufzwingen.“  Die plötzliche Empörung vieler Menschen, die lebhaft an der Beschneidungsdebatte teilnehmen, hängt vor allem damit zusammen, dass hier körperliche Veränderungen aufgrund der Religion passieren. Und vielen geht es gar nicht um die körperliche Veränderung dabei – wie das Taufe-Argument zeigt, dass ich mir nicht ausgedacht, sondern wirklich oft gehört habe. Es geht darum, ob Eltern das Recht haben, ihr Kind in ihren „Irrglauben“ zu zwingen.

Darum will ich heute überhaupt nicht auf Beschneidung eingehen, dieser Artikel hat gar nichts damit zu tun. Es ist wirklich nur der Auslöser meiner Gedanken. Die Beschneidung ist besonders, weil sie tatsächlich einen physischen Eingriff darstellt. Sie ist daher nochmal anders zu bewerten. Ich will aber nur über den psychischen Eingriff einer religiösen Erziehung sprechen. Die Argumente gegen religiöse Beeinflussung von Kindern finden wir überall. Auch, wenn es um Säkularisierung oder um Schule geht, gibt es immer wieder jene, die Kinder dringend vor Religion und damit der fremden Einflussnahme beschützen wollen.

In meiner Generation in Deutschland erscheint mir Atheismus eine Standardeinstellung zu sein. Wir leben in Zeiten, in denen die Wissenschaft als Welterklärungsmodell absolut ausreichend ist und alles, was nicht direkt wissenschaftlich nachgewiesen ist, allgemein erst mal als Humbug abgetan wird. Wer an die Wissenschaft glaubt, ist wirklich frei. Ich finde das als Wissenschaftlerin natürlich in gewissem Rahmen gut. Dinge beobachten und beweisen (beziehungsweise das Gegenteil widerlegen) ist, was wir tun. Wenn es beispielsweise um Medizin und Gesundheit geht, überlasse ich mich ungern reinem Glauben. Ich möchte Medikamente bekommen, deren Wirkung nachgewiesen wurde. Obwohl ich gläubig bin. Ebenso geht es den meisten anderen Gläubigen, die ich so kenne. Niemand davon betet bloß zu Gott, wenn er eine Lungenentzündung hat. Man geht zum Arzt und lässt sich Antibiotika verschreiben. Ich finde es auch gut, wenn Gesetze, die für alle gelten, nicht vom Glauben Einzelner beeinflusst sind. Das gibt jedem die Freiheit, zu glauben, was er will. Gott (oder Götter) und die Religion spielen eher in anderen Lebensbereichen eine Rolle. Vor allem dort, wo es die Traditionen und die Werte betrifft, mit denen ein Mensch so lebt. Religion bietet uns eine Orientierung an, was richtig und was falsch ist. Sie kann Hoffnung geben, wenn es gerade sonst nichts gibt, an das man sich halten kann. „Jemand da oben wacht über mich, weist mir meinen Platz zu. Die Welt ist noch in Ordnung, ich werde schon nicht untergehen.“ Ich habe von vielen Personen gehört, bei denen der Glaube alles war, was zwischen ihnen und Verzweiflung über ein schweres Unglück stand.

Einige Gläubige treiben es auf die Spitze. Sie verweigern ihren Kindern notwendige medizinische Eingriffe oder verurteilen andere Menschen, weil sie nicht denselben Glauben teilen. Ja, einige extrem wenige töten auch für ihren Glauben. Aus meiner bescheidenen Lebenserfahrung muss ich sagen, dass es ein wirklich kleiner Teil der Gläubigen ist. Trotzdem sind es gerade diese „Fanatiker“, die den neuen schlechten Ruf der Religion prägen. Religion wird assoziiert mit Homophobie, Xenophobie, Rückständigkeit, Wissenschaftsfeindlichkeit und viel anderem Mistzeug. So gesehen verstehe ich jeden, der sagt: „Ich möchte nicht, dass schon kleine Kinder in diese Schiene gelenkt werden“. Religion ist allerdings nicht das Einzige, was teilweise furchtbare Eltern mit furchtbaren Lebensanschauungen produziert. Wenn eine fanatische Mutter ihr Kind auch nicht taufen dürfte – ich bezweifle, dass dieses Kind mit einer völlig angepassten Lebensanschauung heranwachsen würde. Und, nur weil es Fanatiker gibt, dürfen wir nicht dem Großteil der Menschen einen Glauben verbieten.

Die vernünftigeren Religionskritiker sagen: „Okay, Religion muss nicht schlimm sein, aber der Mensch soll sich mit 14 Jahren selbst dafür entscheiden können. Kinder sind viel zu leicht zu beeinflussen und zu manipulieren.“

Und genau an diesem Argument, das ich wirklich verstehen und nachvollziehen kann, muss ich ansetzen. Denn es ist das Argument der Bewahrung eines „natürlichen Zustandes“.
Dahinter steckt der Glaube, dass ein Kind auf die Welt kommt und nur, wenn es möglichst unbeeinflusst von seiner Umwelt ist, sein eigentliches Wesen entfalten kann. Dazu ist folgendes zu sagen: Glaubt ihr wirklich, das aus einem Kind, das in einem völlig einflussfreien Raum aufwächst, etwas werden kann? Natürlich nicht! Ja, Menschen verfügen über gewisse genetische Veranlagungen, die aber erst in Wechselwirkung mit der Umwelt zu Handlungen, Gedanken und Charaktereigenschaften werden. Und dabei prägt das arme Kind praktisch alles. Angefangen bei der Farbe der Zimmerwände, über die Lautstärke der Umgebungsgeräusche, die Fütterungsroutine und die Beinfreiheit.  Der Beeinflussungsprozess endet genau mit dem Tod der Person. Und zwar ob wir wollen, oder nicht. Die Mutter kann dem Kind erzählen, dass es Gott gibt, und das Kind würde es glauben. Militante Atheisten würden jetzt natürlich schreien, dass sie ihm dann Lügen erzählt. (Kann sein; ich könnte jedenfalls nicht beweisen, dass es nicht so ist.) Andererseits – wenn sie ihm erzählt, dass die Sonne abends schlafen geht, ist das auch eine Lüge. Auch, dass der Donner kommt, weil Wolken gegeneinander knallen – und sogar, dass das Schaf „määh“ macht. Wir erzählen unseren Kindern jede Menge Dinge, damit sie die Welt verstehen lernen. An viele davon glauben wir dann als Erwachsene. Zum Beispiel halten viele es für eine wissenschaftliche Tatsache, dass das Flugzeug fliegt, weil die Luftstrecke oberhalb des gewölbten Flügels länger ist, als die unterhalb, und das Flugzeug durch den so entstehenden Unterdruck nach oben gezogen wird. Habe ich in der Schule gelernt. Stimmt aber nicht, ist eine Vereinfachung. Ich bin übrigens auch gezwungen, das zu glauben, was mir Wissenschaftler erzählen, weil ich in Physik so mittelgebildet bin und nicht alles selbst beweisen kann. Aber es steht in einer Veröffentlichung und darum glaube ich es. Glaube ist also ganz normal und keineswegs schrecklich.

Der Glaube an Gott geht meistens mit einem bestimmten Wertesystem einher, um das es eigentlich primär geht. Denn ob es einen Gott gibt, oder nicht, beeinflusst mein Leben nicht direkt. Wohl aber, was Gott von mir für ein Verhalten erwartet. In den meisten Religionen kann man alle Gebote und Verhaltensregeln im Wesentlichen mit „Sei kein Arschloch“ zusammenfassen. Die Grundwerte der großen Religionen entsprechen meistens auch den gesellschaftlichen Werten: Teilen, sich gegenseitig kümmern, lieben und das Leben wertschätzen. Und ehe die empörten Kommentare sich ergießen: Ja, Extremisten aus allen Glaubensrichtungen gehen darüber hinweg und können Religion pervertieren. Das können sie aber auch mit Wissenschaft, Politik, Erziehungsstilen und wirklich Allem tun. Ein Prozentsatz an“ Arschlöchern“ existiert. Zu sagen, dass das ausschließlich in der Religion begründet liegt, wäre ein unreflektiertes Vorurteil. Ich kann nicht beweisen, dass es da keine Korrelationen gibt. Aber wieder: Der Großteil der Gläubigen ist einfach friedlich und für mich zählt das.

Wenn Eltern also ein Kind religiös erziehen, geben sie ihm einfach ihr Set an Werten mit. Und welche Eltern tun das nicht? Bildet sich irgendjemand ein, dass man ein Kind neutral und wertfrei erziehen kann? Es gibt keine Neutralität im menschlichen Umgang. Irgendwas vermitteln wir immer. Zumeist durch unser Vorbild. Es ist manipulativ, wenn ich meinem Kind beibringe, dass es mit anderen teilen soll. Es ist manipulativ, wenn ich es als Belohnung für das aufgeräumte Zimmer streichle oder ihm zu guten Noten gratuliere. Wenn Eltern einem Kind vermitteln, selbstständig zu denken, ist es egal, ob sie ihm gleichzeitig von Gott erzählen oder nicht. Das Kind wird das im Erwachsenenalter schon selbst reflektieren. Wenn Eltern nicht in der Lage sind, einem Kind das selbstständige Denken zu vermitteln – dann hätte es auch nichts gebracht, wenn sie es von Religion ferngehalten hätten. Selbstständig denken könnte es trotzdem nicht.
Wenn man also religiöser Erziehung unterstellt, sie sei autoritätsgläubig, konservativ und wissenschaftsfeindlich, müssen wir uns die Frage stellen, ob es besser wird, wenn autoritätsgläubige, konservative und wissenschaftsfeindliche Eltern ihr Kind ohne Taufe und das Wort „Gott“ großziehen.

Wenn wir ein Kind ohne Glauben erziehen wollten, dürfte es auch nicht an das Grundgesetz glauben. Es dürfte nicht blind an die moralischen Vorstellungen unserer Gesellschaft glauben, sondern müsste sie für sich selbst konstruieren. Kurz gesagt: Das wäre eine Katastrophe. Normen sind eben keine Fakten. Es gibt keine moralische Neutralität. Es gibt keinen „natürlichen Zustand“, bei dem wir das Kind belassen können. Ebenso wenig, wie es eine natürliche Sprache gibt, die Kinder sprechen, wenn man ihnen keine beibringt. Die Frage ist nicht, ob wir Kinder prägen, sondern nur wie.

Ich finde es sehr schwierig zu erwarten, dass ein atheistisch erzogenes Kind plötzlich und von ganz allein mit 18 Jahren zu irgendeiner Religion seiner Wahl findet und von ganzem Herzen an sie zu glauben beginnt. Es geht hier nicht um einen Livestyle, es geht um wirklichen Glauben. Den kann man sich nicht aussuchen und einkaufen, wie im Supermarkt. Glaube hängt immer eng mit dem zusammen, wie wir von unserer Umwelt geprägt wurden und was wir infolge dessen für richtig und für falsch erachten. So oder so ist er nicht unsere völlig selbstständige und unabhängige Wahl. Ich bin selbst in einem atheistischen Haus aufgewachsen und scheine hier eine Lanze für die Religion zu brechen. In Wirklichkeit möchte ich aber nur dafür plädieren, dass Eltern diesen sehr privaten Aspekt selbst entscheiden dürfen.
Eltern geben im Leben ihrer Kinder eine ganze Menge vor. Sie entscheiden, ob sie das Kind früh bilden und fördern oder nicht. Sie wählen den Kindergarten und bestimmte Impfungen, sie entscheiden, ob sie umziehen und das Kind seiner Freunde berauben, ob es Antidepressiva oder Ritalin bekommt, wie lange es aus bleiben darf, wie gut es aufgeklärt wird und über so Vieles mehr, was möglicherweise traumatische Folgen hat. Aber wir lassen es zu. Denn Eltern beeinflussen ihre Kinder nun mal. Und weil sie meistens das Beste für ihr Kind im Auge haben, sind viele von uns gar nicht so schlecht geworden. Den Rest erledigen Freunde, Schule, sonstige Umwelt.

Ich bin froh, dass wir in einer Gesellschaft leben, die Religion zur Privatsache erklärt hat und nicht per Gesetz durchsetzt. Die Neutralität von Bildungseinrichtungen, Gesetzgebung, Gerichten und Öffentlichkeit finde ich sehr wichtig. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass wir wirkliche Wahlfreiheit haben, was wir glauben wollen und ob überhaupt. Jeder kann für sich entscheiden, was ihn am glücklichsten macht und erraten, was sein Kind vermutlich am glücklichsten macht. Das müssen Atheisten genauso entscheiden, wie religiöse Eltern. Wir leben damit, dass Eltern bei diesen Entscheidungen Fehler machen. Aber wir tolerieren das, weil die Alternative dazu zentralisierte Erziehung wäre, was eine reichlich beängstigende Vorstellung ist.

Ob Gott Bestandteil der Erziehung ist, oder nicht, sollte eigentlich gesellschaftlich keine Rolle spielen und im Ermessen der Eltern liegen. Man bräuchte vor Religion keinerlei Angst zu haben, solange Eltern ihren Kindern gleichzeitig Toleranz, eigenständiges Denken und generelle Sei-kein-Arschloch-Mentalität vorleben. Das ist das Wichtigste. Und ich glaube, dass die meisten das nach besten Möglichkeiten versuchen.


88 Lesermeinungen

  1. was man daraus macht! Es hat...
    was man daraus macht! Es hat schon immer „Abwegige“ gegeben. Schon immer hat es Extremismus in der Menschheitsgeschichte gegeben. Aber schon immer hat der „klare“ Menschenverstand immer gewonnen! Ich selbst habe verschiedene Perioden des Glaubens durch gemacht. Ich habe nie immer gleich stark geglaubt. Ich bin jetzt wieder in einer Phase des „weniger“ Glaubens…möchte aber für den Glauben ebenfalls eine Lanze brechen. Ich kann die Meinung des Lesers „stimmviech“ nicht teilen. Diese sind mir – besonders am Ende des Artikels – zu extrem. Und da haben wir es wieder. Es wird immer extreme Meinungen geben. Und Glaube hat für mich auch etwas mit Hoffnung zu tun. An das Gute im Menschen. In Zeiten der medialen Verbreitung von Ereignissen wird den schlimmen Dingen noch mehr Bedeutung beigemessen als früher – sagen wir mal zu Zeiten der Kreuzzüge. Damals war die „bekannte“ Welt zu einem großen Teil islamistisch. Und sogar eines kriegerischen Islamismus. Das ist vorbei. Wenigstens bisher. Jedes Kind wird von seinem Umfeld geprägt. Und diejenigen die „ausgerastet“ sind…das waren Atheisten und streng gläubig erzogene. Das waren Menschen, die für glaubten sich „entwickelt“ zu haben. Auch Atheismus kann ein militanter „Glaube“ sein!

  2. Das Leben an sich ist schon...
    Das Leben an sich ist schon unfreiwillig. Schon das Genom des Kindes ist eine Prägung. Daher ist auch die kulturelle Formung eine Fortsetzung dieser Seins-Grundlage. Das Rüstzeug und die Werkzeuge des Denkens können sich nur entwickeln, wenn sie erprobt werden können. Eine große Verantwortung für das Leben, die Gesellschaft und die Eltern im Besonderen. Individuelle Freiheit entsteht in der Bejahung oder Ablehnung des (kreatürlichen) oder kulturellen Seins, im Spannungsfeld zwischen Erlerntem, Gelerntem und zu Erlerndem. Alle anderen Wege führen in die Barbarei und in die Bewußtlosigkeit im schlimmsten Sinne.

  3. Guter Beitrag!

    Bei der...
    Guter Beitrag!
    Bei der Erziehung meiner Tochter (6) achten wir darauf das Wissen und Verstehen an vorderster Stelle stehen. Dazu gehört auch Religion und genauso wie wir unsere Tochter sprechen lern(t)en und auch vieles andere, wird sie auch religiös erzogen. Als Ergebnis merke ich schon Heute das meine Tochter Fragen stellt die aufzeigen das diese Fragen nach dem wie und warum sie sehr beschäftigen und es ihr sogar Spaß macht auch Tabus anzugehen. Aber wer im Glauben steht, freut sich darüber weil man weiß das dies der Weg ist gute Antworten zu finden und auch zudem gibt es keine falschen Fragen wenn sie vom Herzen kommen.
    Ich erlebe Eltern die keine Ahnung von Religion haben und Ihre Kinder auf diesen Gebiet alleine lassen. Die Aussage – man mag ja seine Kinder nicht beeinflussen – ist eine Ausrede und gerde für Atheisten eine Beleidigung. Denn Atheisten meinen doch das man alles Erklären kann, warum habt ihr dann so große Berührungsängste vor Religion?

  4. aber nur halb durchdacht, ist...
    aber nur halb durchdacht, ist meine spontane Reaktion auf diesen Blog. Und ich spreche aus der eigenen Erfahrung. Drei inzwischen erwachsene Kinder sind auf meine Anregung hin nicht getauft worden und somit nicht in eine Religion/Konfession hineingestopft worden. Wie oft höre ich gerade von Katholiken den resignierten Satz: „ich bin mit Vielem in der kath. Kirche nicht einverstanden, aber was soll ich denn machen? Ich bin halt damit aufgewachsen“.
    Wer seinen Arbeitgeber, seine Wohnung oder den Verein bzw. die Partei nicht mehr akzeptabel bis unerträglich findet, der kündigt, wechselt oder tritt aus.
    Dieser Schritt ist für die Mehrheit der unzufriedenen Mitglieder einer Religion aber nicht vorstellbar, hängt doch der Ruf innerhalb der Familie, der Nachbarschaft und das versprochene Seelenheil nach dem Tod daran.
    Und so wird die Sänfte mit den einsamen alten Männern darin, die über Moral, Familie, Sexualität und Seelenheil herrschen, von der schweigenden Mehrheit immer weiter getragen, seit tausenden von Jahren schaukeln sie in ihrer eigenen Realität über den Massen und sind ihre eigene Instanz.
    Kinder können durchaus menschlich und sozial erzogen werden, ohne religiöse Werte, es besteht kein Monopol der Religionen auf Sozialkompetenz, ganz nebenbei gibt es ja neben den religiösen Geboten schon lange Gesetzbücher und ethische Grundwerte. Bei meinen drei Kindern hat es sehr gut funktioniert – eine Tochter hat sich mit 12 auf eigenen Wunsch hin evangelisch taufen lassen und ist dennoch kein aktiver Christ geworden, die beiden anderen Kinder sind weiterhin ungetauft und dennoch keine „Arschlöcher“ geworden, sondern bewusst und z.B. vegetarisch lebende Mitmenschen.
    Merksatz: wenn wir wie im Mittelalter Ethik und Sozialwesen den Kirchen überlassen, werden wir zum Kirchenstaat, konfessionell geprägt – statt dem gemeinsamen Nenner aller Menschen fällt wieder mehr Gewicht auf die Unterschiede der Religionszugehörigen. Wir sind in erster Linie Mensch und frei.

  5. Danke Frau Weisband, Sie...
    Danke Frau Weisband, Sie sprechen mir aus dem Herzen.
    Ihr absolut bester Kernsatz lautet: „Es geht nicht um Lifestyle, es geht um Religion“. Das trifft den Kern der gesamten Debatte. Es ging keinem Diskutanten um Religion sondern umd die Durchsetzung seiner eigenen Vorstellung von Leben, seinem persönlichen Lifestyle. Dass andere Menschen unterschiedliche Vorstellungen haben, ist für viele „Lifestyle“-Philosophen ein Gräuel, welche ihren eigenen Vorstellungen vom Leben zuwiderläuft.
    Klasse Artikel.

  6. Vielen Dank, Frau Weisband,...
    Vielen Dank, Frau Weisband, jetzt weiss ich, warum ich mir die Blogs nicht antue, in denen oft Umfang und Gehalt nicht kongruent sind. „Finger weg von Religion“ ist in dieser totalen Aussage genau so inakzeptabel wie die Forderung „Finger weg von …“ Wissenschaft, von elterlicher Erziehung, von Weltanschauung, von zwischenmenschlichem Verhalten. Im Übrigen fehlt Ihren Ausführungen zu Prägungen in der Erziehung, die Dimension der „Kritikfähigkeit“.

  7. Soweit ich Ihren Text erst...
    Soweit ich Ihren Text erst gelesen, dann überflogen habe, alles sehr richtig. Aber zu langatmig, Frau Weisband – wie gehen Sie mit der Lebenszeit Ihrer Leser um! Weniger wäre mehr gewesen, arbeiten Sie an Ihrem Stil, erfahren Sie, wieviel Spaß radikales Kürzen machen kann.

  8. Ich habe...
    Ich habe Migrationshintergrund, jedoch lange her. Durch Nahtoderlebnis verfolge ich seit über 3 Jahrzehnte medi., wissenschaft- u. Berichte von andere Nahtodbetroffene Menschen. Wie viele Kinder war auch ich gelangweilt wenn religiöse Feiertage anstanden oder Kirchenbesuche u.a. Das änderte sich nach meinen Unfall dabei ich ein Nahtod erlebte. Mich interessierten div. Religionen bzw. religiöse Überlieferungen, Kirchen, Moscheen, Synagogen, Tempel usw. Im Religionsunterricht konnte ich meine Mitschüler unterstützen wenn sie abgefragt wurden. Hätte ich beim Unfall die Wahl gehabt, wollte ich nicht wieder zurück. Bis heute kann ich mich an alle Details erinnern, auch immer wiederkehrende Träume (nicht Albträume). Heute kann ich besser Berichte von andere Opfer differenzieren. Nicht alle Nahtodberichte treffen zu, manche entsprechen ehr der med. Definition. Nahtodberichte von Theologen sind sehr Fantasievoll.
    Man sollte alle Religionsvertreter fragen warum sie dem Menschen ihre Religion/Überzeugung aufzwingen statt nur zu erklären. In alle heilige Schriften wird dem Mensch die Wahl und Freiheit zu glauben gegeben. Beschneidung, Taufe müssen nicht sein auch wenn die kath.-Kirche ungetaufte Menschen eine christl. Beerdigung verweigert, auch noch einreden dass gar ungetaufte Kinder nicht im Paradies aufgenommen würden. Bin auch gegen Organspende. Aus allem kann ich nur resümieren dass es ein Machterhalt aller Religionen sind, wobei der Islam z.Zt. das selbe durchlebt das bereits in Abendland bzw. Vatikan ab 1095 in Gang setzte. Eltern sollten Kinder über div. Religionen aufklären, beiläufig wie eine Unterhaltung. Jedoch nicht aufzwingen oder gar auswendig lernen wie im Islam. Das ist vergleichbar mit Gehirnwäsche. Als Mensch brauchen wir eine religiöse Aufklärung/Wissen als Leitfaden fürs Leben. Im Erwachsenen Leben findet jeder selbstständig seinen Weg, sein Glaube. Alle heilige Überlieferungen sind Leitfaden fürs Leben, dabei einige übertrieben radikal einige Inhalte auslegen. Ich bin auch überzeugt das selbst Atheisten in ihrer letzte Minute glauben. Der Tod ist nur eine Transformation, nicht das Ende. Trotzdem sollte jeder Mensch strebsam, sinnvoll usw. leben statt Untätigkeit. Der größte Feind ist das eigene Gewissen, mehr oder weniger, in jeden Menschen. Kann nur jeden auf den Weg geben, Habt etwas Gottvertrauen.

  9. Hi Marina,

    "Es geht darum, ob...
    Hi Marina,
    „Es geht darum, ob Eltern das Recht haben, ihr Kind in ihren „Irrglauben“ zu zwingen. “ überschreibst du als Leitgedanke deine Abwägungen dazu.
    Wenngleich ich vielem im Einzelnen darunter zustimmen kann, ist für mich die Trennlinie „Zwang“ z.B. dort, wo verbindliche (Kirchen-)Rechtsakte hergestellt werden wie bei der Taufe. Diese jur. Verbindlichkeit impliziert für sich schon, daß hier gar keine rein private Entscheidung für ein Kind getroffen werden *kann*. Entsprechend habe ich bei meinem Kind darauf verzichtet und ihm diese Entscheidung später selbst überlassen.
    Da es wohlgeraten ist, kann ich mich meiner Vorschreiberin nur anschließen: „Die Kirche hat kein Monopol auf Sozialkompetenz“. Im Gegenteil: für einen kirchl. Mangel an Sozialkompetenz ließen sich zig Beispiele aufführen. Eigenständiges Denken zu fördern, daß es Kindern erlaubt, sich später einer Religionsgemeinschaft zu- aber genausogut auch wieder abwenden zu können, finde ich wichtiger als das verfrühte „Besiegeln“ einer religiösen Zugehörigkeit.
    Besten Gruß 😉

  10. Hallo Frau Weisband. Ihre...
    Hallo Frau Weisband. Ihre Argumentation stützt sich auf ein falsches Dilemma zwischen wertneutraler und ideologischer / religiöser Erziehung. Der Fehler liegt darin, Religionen als Grundlage bestimmter Werte zu betrachten. Es ist aber vielmehr so, dass die für uns interessanten religiösen Texte die Wertvorstellungen ihrer Zeit lediglich kanonisiert haben. Aus heutiger Sicht lassen sich diese Texte nur noch selektiv lesen, wobei die Auswahl auf einen von Religion unabhängigen Kontext angewiesen ist. Wir orientieren uns dabei an Werten, die ihren Ursprung im pragmatischen Miteinander sozialer Wesen haben und die sich mit dem Wandel der Gesellschaft weiterentwickeln. Sie verweisen ja selbst auf diese Art der selektiven Religionsauslegung, wenn Sie schreiben „Die Grundwerte der großen Religionen entsprechen meistens auch den gesellschaftlichen Werten“. Dies tun sie aber eben nur, weil heute nicht mehr zeitgemäße Wertvorstellungen ausgeklammert werden. Für die Vermittlung von Werten an Kinder müssen also zivilisatorische Regeln grundlegend sein, die sich bewährt haben. Religion bietet hier nicht den geringsten Mehrwert und sollte deshalb in der Erziehung auch keine Rolle spielen.

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