West-östliches Sofa

West-östliches Sofa

Auf das ost-westlichen Sofa setzen sich Autoren nach Belieben, erzählen, berichten und plaudern, gehen einen Tee holen und machen anderen platz,

Ihr Sofa auf meinem Teppich

| 41 Lesermeinungen

Eine kleine Einführung in dieses Blog, warum es so ist, wie es ist, und was das alles mit Teppichen und Sofas zu tun hat.

Lassen Sie mich Ihnen, werte Leser, eine Geschichte erzählen.

Ende der 70er Jahre bauten meine Eltern ein Haus. Es hatte einen hübschen Garten und einen kleinen Teich, eine umfangreiche Terrasse und grosse Glasflächen, und hellbraune, damals sehr moderne Fliessen in Räumen und Gängen. Die Fliessen waren neutral, damit die Perserteppiche darauf um so besser zur Geltung kommen konnten. Ein schönes Haus ohne Perserteppiche war damals – und ist es für mich bis heute – nicht vorstellbar.

Das Haus wurde in die iranische Revolution hinein gebaut, und als meine Eltern den freundlichen, als Händler alt eingesessenen Perser zu sich einluden, und der freundliche Herr einen Teppich nach dem anderen auf den braunen Fliessen zur Begutachtung auslegte, war Khomeini schon an der Macht. Wir Kinder durften bei der Entscheidung ein klein wenig mitreden, und weil die 70er Jahre sehr farbenfroh waren, blieben einige Teppiche im Haus, die sehr bunt und psychodelisch waren. In jenen Tagen waren diese Exemplare sehr teuer, aber als Kind hat man davon keinen Begriff, mit zwei Mark Taschengeld plus Buchflatrate pro Woche sind 5000, 6000 und 8000 Mark völlig irreale Preise. Als dann die Auswahl getroffen und die Gesamtsumme doch recht hoch war, machte der Händler meinen Eltern ein Angebot: Wenn sie ihnen nach ein, zwei Jahren nicht mehr gefallen würden, würde er sie zum gleichen Preis zurücknehmen. Denn bald werde es diese Teppiche nicht mehr geben.

Bild zu: Ihr Sofa auf meinem Teppich

Er hatte Recht: Die iranische Revolution führte zu einem Niedergang der persichen Teppichkultur, viele Hersteller wanderten aus, und andere Nationen wie Indien, Pakistan oder Ägypten übernahmen die Muster, ohne die Qualität der Originale zu erreichen. Deren Preise schossen aufgrund des verschwindenden Angebots in den frühen 80er Jahren in die Höhe, und über den Teppichen zeigte das TV-Gerät die Botschaftsbesetzung im Iran, den Krieg gegen den Irak, fanatisierte Menschen und all das Elend der arabischen Welt, so unendlich fern von den eingewebten Paradiesgärten auf jenem Teppich, den die Katzen klar bevorzugten, wenn sie gestreichelt werden wollten.

Nach all den Kriegen, Bürgerkriegen, Massakern, Staatsstreichen, Diktatoren, dem Ölembargo und den Attentaten, den Flugzeugentführungen und bestialischen Grausamkeiten war die islamische Revolution so etwas wie der Endpunkt des grossen Missverständnisses der europäischen Orientliebe. Goethe konnte unbeeindruckt von der Realität dem Dichter Hafiz im west-östlichen Diwan huldigen, Hollywood konnte Errol Flynn ohne Bedenken in einem Pappbagdad sein Glück finden lassen – das TV-Gerät in den Wohnstuben zeigte zu lange, zu deutlich, dass es dort, durchaus auch aufgrund westlicher Machtpolitik und Wirtschaftsinteressen, ganz anders war. Noch zehn Jahre sollte es dauern, bis der Kalte Krieg zu Ende war, aber der neue Krieg gegen den Terror, der seit 2003 heiss geworden ist, war in jener Zeit schon im Entstehen begriffen.

Bild zu: Ihr Sofa auf meinem Teppich

2010 war in Deutschland ein Buch der absolute Bestseller, das sich umfassend mit der Bedrohung dieses Landes durch Zuwanderer aus der islamischen Welt beschäftigte, ein Buch, das noch einmal auch schlimmste westliche Vorbehalte gegen diese Anderen in sich trug. Kurz vor Weihnachten gingen Terrorwarnungen durch die Medien. 2011 erschüttern dann Revolutionen  die islamische Welt, aber die Revolutionäre verlangen weder den Tod für Amerika noch die Vernichtung Israels, sie wollen Europa nicht erobern und das Christentum unterjochen, keiner von denen will uns mit Bomben bewerfen – sie wollen einfach nur ihre korrupten Herrscher loswerden, Demokratie, Gerechtigkeit, ein Ende von Korruption und Unterdrückung. Dieses Verlangen betrifft unsere hochverehrten und lupenrein demokratischen Freunde des Westens in Ägypten und Tunesien mit ihrer Offenheit für neoliberales Wirtschaften und gute, alte Folter nicht weniger als die anderen, uns weniger genehmen Diktatoren im Sudan, Jemen und Syrien. Und so stellt sich mir 30 Jahre nach dem Teppichkauf durchaus die Frage:

Haben wir da etwas übersehen?

Sind die vielleicht gar nicht so, wie es in diesem Bestseller und den Propgandabüchern des Krieges gegen den Terror beschrieben wird? Gibt es dort eine Kultur und einen gesellschaftlichen Wandel, den man bislang übersehen hat? Warum stehen amerikanische Botschafter, Islamisten und wir leider auch gerade offenen Mundes am Strassenrand, wenn die bei Facebook verabredeten Jugendlichen vorbeiziehen? Wo ist das Einigende, von dem Goethe geträumt hat? Gern, zu gern würde man das ausgestreckt auf einem Perserteppich Abende für Abende besprechen, aber es sind Zeiten der Revolution und des Aufstandes, so schnell kommen die Nachrichten durch Glasfasernetze, zu atemlos treiben uns die Ereignisse vor sich her. Zudem sind meine Perserteppiche nicht gross genug für Sie alle, werte Leser.

Bild zu: Ihr Sofa auf meinem Teppich

Ich darf Ihnen deshalb dieses kleine FAZ-Blog als einen Führer der Unschlüssigen in den Weiten der Nachrichtenwüsten anbieten, in dem wir einfach ein wenig sammeln und ordnen, was dazu an Meinungen, Entwicklungen und Überlegungen kluger Menschen im Netz zu finden ist. Wir wollen hören, was die Menschen zu sagen haben, Debatten darstellen, und Sie sind natürlich herzlich dazu eingeladen, in den Kommentaren zu reden und interessante Links zur Thema niederzulegen. Aufgrund der Ereignisse werden wir das am Anfang täglich tun und, wenn hoffentlich alles gut ausgegangen ist, später der Hektik entsagen und normale Geschichten erzählen. Wer „wir“ sein werden, weiss ich auch noch nicht genau, man wird sehen, wir haben Zeit, ich hoffe, andere werden davon mehr als ich verstehen, ich bin nur neugierig und mache die Tür auf, das hier ist ein offenes Gebäude, treten Sie ein, setzen Sie sich auf das west-östliche Sofa, es ist Ihr Haus.


41 Lesermeinungen

  1. HansMeier555 sagt:

    Als Student lebte ich ein paar...
    Als Student lebte ich ein paar Monate in Frankreich in einem Zimmer in einem Haus, in dem die anderen Zimmer fast nur an junge Leute aus dem Senegal, Marokko und Algerien vermietet waren. Das war eine total entspannte Runde und der Senegalese (studierte irgendeinen Ingenieurberuf) kochte immer Gerichte aus REis, Hühnchen und Erdnüssen und lud alle dazu ein.
    Die Mädchen äußerten sich abfällig über den König von Marrokko, von dem bekannt war, dass er seine in Frankreich lebenden Bürger bespitzeln ließ.
    Der Islam spielte für meine Mitbewohner(innen) eine große Rolle, der „Kampf der Kulturen“ aber war damals noch unbekannt.

  2. Pauline sagt:

    @Vroni
    es spricht ja nichts...

    @Vroni
    es spricht ja nichts dagegen, mit dem zugezogenen Nachbarn zu reden 🙂
    Integrationsschritte von unserer Seite können aber nur das sein: reden, erklären, zuhören…. Allerdings immer mit dem Ziel, dass sich der Zugezogene der Lebensweise des ihn aufnehmenden Landes anpasst. Nicht umgekehrt!

  3. Vroni sagt:

    Wer sich für Texte und...
    Wer sich für Texte und Bücher interessiert: Ich finde den Autor Yasmina Khadra
    (Pseudonym für Mohammed Moulessehoul) sehr gut. Seine Bücher vermitteln einen Eindruck, wie sich die junge Leute dort fühlen. Man muss jedoch seine westliche Denkweise mitsamt Denkschablonen ablegen.
    .
    „Integrationsschritte von unserer Seite können aber nur das sein: reden, erklären, zuhören….
    .
    Vorschlag: Sie erst einmal willkommen heißen auf einen Tee. So macht man das mit Gästen. Alte beduinische Sitte, könnte uns auch gut stehen.

  4. Pauline sagt:

    Gäste bleiben nur für eine...
    Gäste bleiben nur für eine gewisse Zeit.

  5. donalphonso sagt:

    Ach, ich weiss nicht, manche...
    Ach, ich weiss nicht, manche wachsen einfach rein…

  6. sterne sagt:

    Wo gibt es ehrliche...
    Wo gibt es ehrliche Teppichhändler?

  7. Grimaldeli sagt:

    @sterne
    03. Februar 2011,...

    @sterne
    03. Februar 2011, 16:45
    Wo gibt es ehrliche Teppichhändler?
    Ici:
    https://www.moghadam.mc/en/pge/collection/

  8. maternus sagt:

    Famose Idee, das westöstliche...
    Famose Idee, das westöstliche Blog-Sofa! Unhektische Betrachtungen in hektischen Zeiten, daran tut es allenthalben not.

  9. donalphonso sagt:

    Kaktus, nun ja, es ist...
    Kaktus, nun ja, es ist irgendwie, wie soll ich sagen, nun, es ist Bürgerkrieg. Da kann man als Schläger nicht damit rechnen, gestreichelt zu werden.
    .
    maternus, danke!

  10. sterne sagt:

    Grimaldeli, danke. Ich schaue...
    Grimaldeli, danke. Ich schaue gelegentlich herein. (Mein Teppichhändler, ein würdiger Iraner, hat leider resigniert, die letzten Taler für einen wundervollen alten Sarough musste ich ihm auf die chirurgische Station bringen. Zum Glück erholte sich der Mann, das Geschäft weniger.)

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