West-östliches Sofa

Warum ich Araber liebe. Alle.

Als ich mit Mitte zwanzig allein nach Marokko wollte, waren Freunde und Familie entsetzt. Araber! Die schicken statt der geschätzten Tochter irgendwann Kamele nach Hause, und danach gibt’s nur noch Fotos von Ganzkörper-Zelten, und die Enkel bekommt man auch nicht zu sehen.

Gegen den Widerstand setzte ich mich durch. Gleich der erste Marokkaner, den ich kennenlernte, mein Vorgesetzter, spottete jeder Beschreibung von arabischem Machismo, und wurde allen Erwartungen an Klischees gerecht. Eitel und völlig von sich überzeugt, verbrachte er den grösseren Teil jedes Tages damit, wie ein Gockel durchs Büro zu stolzieren. Der Rest der Zeit ging für Selbstdarstellung und Wichtigtuerei drauf. Als einige Tage lang das Internet ausfiel und den gesamten Betrieb lahmlegte, wunderte er sich lautstark, warum niemand seine Kontakte spielen ließe, schimpfte auf die Kollegen, tätigte nach drei (!) Tagen selbst den notwendigen Anruf und gab dann ebensoviele Wochen lang damit an, wie souverän er die Situation gehandhabt hätte. Seine Ehefrau hatte in all den Dienstjahren noch niemand zu Gesicht bekommen, dafür fand er es völlig in Ordnung, fertig studierte Berufseinsteiger tagelang Ordnerrückenschildchen kleben zu lassen. Nie vorher oder nachher habe ich einen Vorgesetzten so ausgeprägt verabscheut und irgendwann auch verachtet. Er blieb allerdings die einzige negative Erfahrung.

And den Wochenenden schaute ich mir das Land an, Marrakesch, Fes, irgendwann auch eine Ecke des Rif-Gebirges. Am Busbahnhof bekam ich zum ersten Mal Angst. Die Destination war so abgelegen, dass sie nur noch auf Arabisch ausgeschildert war, also musste ich mich einem halbwüchsigen Bengel anvertrauen, der mir erst das Ticket besorgte und mich dann durch aufgeschnittene Maschendrahtzäune und über Trümmer und Müll hinweg in eine Ecke des riesigen, lärmenden Parkplatzes führte. Hier solle ich warten, der Bus käme irgendwann. Er spannte noch eine eine arabische Mutti mit Kopftuch ein, auf mich aufzupassen, und dann wartete ich in der prallen Mittagshitze. Sehnsüchtigen Auges bewunderte ich komfortabel klimatisierte Reisebusse, mit Angst hingegen verrostete Klapperkisten, bei denen sogar die Motorhauben zwecks besserer Belüftung offenstanden. Am Ende traf ich es mittelprächtig: für dortige Verhältnisse durchaus noch akzeptabler Komfort, aber natürlich kein Vergleich mit europäischen Standards.

Der Busfahrer schloss mich sofort in sein Herz, und platzierte mich gleich neben der Mutti in der ersten Reihe neben ihm. Ich hätte mir zwar lieber eine Reihe für mich gesucht, aber im Laufe der Fahrt begriff ich: neben der Mutti war ich definitiv gut aufgehoben, hatte die beste Aussicht und sicherlich tolle Erklärungen – hätte ich sie nur verstanden. Der Fahrer radebrechte auf Englisch, ich behalf mich mit freundlichem Lächeln, bewunderte Familienfotos meiner Nachbarin und nutzte die drei arabischen Wörter, die mir zur Verfügung standen. In den folgenden Tagen durchstreifte ich die Souks, plauderte mit Händlern, gabelte einen zahnlosen, 50-jährigen Marokkaner auf (oder er mich?), der mir die Stadt zeigte, etwas anhänglich zwar, aber am Ende doch immer nett, hilfsbereit, gastfreundlich. Ich bin nachts um vier in Casablanca und später auch in Ägypten allein auf der Straße gewesen, und habe mich nie bedroht gefühlt – im Gegensatz zum Frankfurter Bahnhofsviertel, wo man schon mittags manchmal Angst bekommen kann. Nordafrikaner mögen ihre Frauen lieber mit als ohne Kopftuch sehen und oftmals Machos mit konservativen Ansichten sein: mir sind sie meist mit einem gewissen Respekt begegnet.

In einer einsamen Seitenstrasse, in die ich mich einmal unvorsichtigerweise begeben hatte, das Telefon in der Hand, versuchten einige jugendliche Rowdies, mir das Handy zu klauen. Nach dem ersten Schrecken stürzte ich laut schreiend hinter den Dieben her, und eh ich mich’s versah versperrten ihnen Autos den Weg, Passanten kreisten sie ein und eroberten mein Handy für mich zurück. Fürsorglich nahmen mütterliche Damen mich in den Arm, reichten bärtige Herren mir Tee, boten junge Männer an, mich bis zur Straße zurück zu begleiten. In Deutschland hingegen hätte ich schreien können bis zur Heiserkeit: mein Telefon hätte ich dennoch nicht wiedergesehen.

Touristen aus Djerba oder Sharm-el-Sheikh berichten oft nach der Heimkehr aus dem Tauch- oder Golfurlaub, sie hätten sich wie wandelnde Geldbeutel gefühlt. Das ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Es gibt weit mehr kaputte als funktionierende Taxameter (vor allem, wenn es dem Fahrer so besser passt) und ganz ohne volkswirtschaftliche Bildung beherrscht selbst der kleinste Unternehmer das Konzept der Preisdiskriminierung: Einheimische kennen die üblichen Preise und zahlen gerade so viel, wie angemessen ist. Ausländer hingegen sind informationell im Nachteil und außerdem weitaus zahlungswilliger – da kann man auch das Vierfache verlangen. Ähnliches gilt auf den Souks und manchmal auch in Restaurants oder Imbissbuden. In den ersten Wochen merkt man gar nicht, wie man über den Tisch gezogen wird (hat allenfalls eine dumpfe Ahnung), aber mit immer mehr Ortskunde ist man zunehmend verärgert, je bewußter einem die Preisdifferenzen werden. Bevor man jedoch vor Frust überschäumt, gibt sich das Phänomen von selbst. Irgendwann sehen die Einheimischen, daß man kein grüner Tourist mehr ist, und die Aufschläge werden moderater. Die Restdifferenz kann man dann großzügig als tätige Entwicklungshilfe betrachten und zufrieden sein. So oft ich jedoch über Taxifahrer geschimpft habe, so nette Erfahrungen habe ich auch gemacht. Taxifahrer, die mir ihre Karte gaben, damit ich sie abends anrufen könne, wenn ich mal wieder als junge Dame allein unterwegs sei: besser, jemanden zu haben, den man kennt! Taxifahrer, die warten, bis man im Haus verschwunden ist (in Deutschland eine aussterbende Höflichkeit). Imbissbudenbesitzer, die die Töpfchen mit Baba Ghannoush und Tabbouleh besonders voll machen für ihre geschätzte Stammkundin aus Deutschland. Hostelbesitzer, die sich überschlagen haben im Bemühen, mir aus Verlegenheiten herauszuhelfen.

Die ausgeprägte Fürsorglichkeit für die eigene Familie und der Zusammenhalt unter Nachbarn und Freunden sind allgemein bekannt – sie erstrecken sich aber auch auf den wohlmeinenden, vorurteilsfreien Besucher, so er sich aus den Bettenburgen in Touristikzentren hervorwagt. Ich vermag nicht zu sagen, ob das typisch arabisch ist, oder vielleicht eher orientalisch, oder sogar afrikanisch. Ich habe mich aber in nordafrikanischen Städten keinen Moment jemals verängstigt oder eingeschüchtert gefühlt, sondern willkommener und aufgehobener als in London oder Hamburg. Franzosen rümpfen die Nase, wenn man den Subjonctif nicht beherrscht – Araber hingegen begeistern sich über jedes falsch ausgesprochene Wort ihrer Sprache aus dem Munde eines Ausländers. New Yorker haben nicht mal Zeit für eine Orientierung auf dem Stadtplan – in Nordafrika ging man bis zur nächsten Kreuzung mit. Vielleicht bin ich voreingenommen: ich bin immer freiwillig in solche Länder gereist, mit einem offenen Geist und mehr Neugier im Gepäck als Kleidung im Rucksack – und das kam immer zu mir zurück.

Offiziell sitze ich heute in meinem Büro und arbeite. Tatsächlich bin ich jedoch im Geiste in Kairo, wünschte, ich wäre vor Ort, aber so kann ich den Ägyptern nur meine Stimme geben und für ihr couragiertes Unterfangen von Herzen Erfolg wünschen.

Von S.I.

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Heute zur Abwechslung mal in anderem Format, wollen wir Ihnen trotzdem einige Links nicht vorenthalten:

Den Tagesüberblick von gestern (aufopferungsvoll live bis Mitternacht) gibt es hier.

Die FAZ über den wachsenden Reformdruck, der gestern wider jede Erwartung doch wieder offensichtlich wurde.

Die FAZ über Journalisten – und hier eine Perspektive von live vor Ort.

Robert Fisk vom Independent berichtet von neuen Andrang gestern, was auch erklärt, warum Protestierer auf Twitter nach einem weiteren Midan al-Tahrir rufen – er kann die Massen nicht mehr fassen.

Hier eine Antwort auf die spannende Frage: wieviele sind es denn nun, die sich auf dem Tahrir auf die Füsse treten?

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