Der Sonntag in Washington

Der Sonntag in Washington

Der Fernsehtalk in Amerika

Deutscher Konsens, amerikanische Konfrontation

Henry Kissinger blickt zuversichtlich in die Welt hinaus, während die Republikaner im Repräsentantenhaus den staatlichen Geldhahn zudrehen wollen.

Deutschlands Neigung zum Konsens, war gerade noch in der „New York Times“ zu lesen, könne zu einem Machtteilungspakt zwischen Parteien der Linken und Rechten führen. Und das sei so ungefähr nirgendwo sonst denkbar. Ganz bestimmt undenkbar wäre es jedenfalls in den Vereinigten Staaten unserer Tage, wo die Republikaner im Repräsentantenhaus den staatlichen Geldhahn total zudrehen wollen, weil ihnen ein Gesetz nicht gefällt, das zuvor vom gesamten Kongress verabschiedet, vom Präsidenten unterzeichnet und vom Obersten Gericht für verfassungskonform erklärt wurde. Um diese Farce, die fürs Land allerdings schlimme Folgen haben könnte, ging es in den sonntagmorgendlichen Talkshows.

Republikanische Absolutisten, die nun offenbar auch von Realisten in der eigenen Partei nicht mehr zu zähmen sind, durften somit ihre über die Wochen und Monate weich gekauten Argumente in all ihrer Unappetitlichkeit ein weiteres Mal servieren. Bob Schieffer, seit fast einem Vierteljahrhundert als Moderator von „Face the Nation“ im Dienst, fühlte sich an seine Zeit in den Philippinen erinnert, als japanische Soldaten weiterkämpften, obwohl der Zweite Weltkrieg lange schon vorüber war. „So verhält sich keine Supermacht“, verkündete er im Voraus per Internet, um uns auf seine Fernsehsendung Lust zu machen.

Dort ließ er zwar anfänglich ein paar Kongressmitglieder total kalkulierbar zu Wort kommen, wandte sich dann aber geradezu demonstrativ einem Stargast zu, der über den Washingtoner Sandkasten hinaus seinen Blick gen Syrien gerichtet hatte. Also saßen sich der Politveteran Henry Kissinger und der Fernsehveteran Bob Schieffer gegenüber und raunten über hohe Weltpolitik. Seltsam zusammengeschnipselt war das Interview, als wolle uns Schieffer ersparen, was Kissinger zwischendurch von sich gab. Während wir Bilder des greisen Staatsmanns sahen, versicherte uns der Moderator, dass sein prominenter Gesprächspartner „wertvolle Einblicke“ biete und „nicht gerade verliebt in den Prozess“ gewesen sei. Der Prozess, das war das Kuddelmuddel zwischen Putin und Obama um den syrischen Einsatz von Giftwaffen.

Trotzdem: „Ein ganz gutes Ergebnis.“ Den Raspelton immer tiefer und dunkler gestimmt, entfuhren da dem Methusalem des diplomatischen Welttheaters bedeutsame Formeln wie „relativer Friede“, „friedliche Elemente“ und „im Interesse der Welt“. Wie Putins Einlenken zu begreifen sei? Es sei in Russlands Interesse, die Giftwaffen ebenso unter Kontrolle zu bringen wie den „radikalen Islam“. Deshalb gehe doch der Wettbewerb zwischen Russland und den Vereinigten Staaten weiter, von einer Konversion des russischen Präsidenten könne keine Rede sein. Wäre er noch in diplomatischer Mission unterwegs, hätte er sicher nicht den Focus auf Assad  gerichtet. Das sei nicht der beste Weg zum Ziel. Jetzt aber, nach dem Übereinkommen über die Vernichtung der syrischen Giftwaffen, sei ein „Friedensprozess“ wieder möglich geworden.

Zu einem Zusammentreffen mit dem neuen iranischen Präsidenten würde er Obama jedoch noch nicht raten. Dafür sei es noch zu früh. Überhaupt gab sich Kissinger durchaus optimistisch, was die Rolle der Vereinigten Staaten in der Welt angeht. Einheit im Innern sei freilich eine Voraussetzung für die amerikanische Stärke draußen in der Welt. Zum inneren Tohuwabohu und den obsessiven Obstruktionstechniken der Republikaner aber wurde der ehemalige Außenminister nicht befragt. Auch nicht zu jenem seltenen Phänomen, dem Konsens, wie er in seinem Geburtsland ja vorherrschen soll. Die Wahl in Deutschland blieb restlos unerwähnt.