Der Sonntag in Washington

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Der Fernsehtalk in Amerika

Angela Merkels Handy, Dick Cheneys Herz

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Die Kontroversen um Obamacare übertönen weiterhin die amerikanische Debatte über den Überwachungsstaat.

Über das Handy von Angela Merkel haben nun auch die Amerikaner so manches erfahren dürfen. Zu behaupten, es gäbe für sie sonst kein Gesprächsthema, wäre aber übertrieben. In den sonntagmorgendlichen Talkshows kreisten die Gespräche erst einmal und immer wieder um Obamacare und die erstaunlichen Pannen, die bei der digitalen Einführung des Gesundheitsprogramms aufgetreten sind und weiter auftreten. Während darüber nicht ausführlich genug geredet, gestritten und polemisiert werden kann, bleibt für die geheimen Umtriebe der National Security Agency nicht mehr viel Sendzeit, und das ist bei „Face the Nation“ nicht anders als bei „Meet the Press“ und „This Week“.

Obamacare bestimmt also nach wie vor die nationale Debatte. Was ist außerdem noch wichtig? Für Bob Schieffer ist es der Jahrestag des Attentats auf John F. Kennedy, dem er den Großteil seiner Sendung bei CBS widmet. Für David Gregory, den Moderator von „Meet the Press“ bei NBC, ist es ein Erziehungsproblem, nämlich wie mit Teenagern und vor allem ihrem Alkoholkonsum umzugehen ist. Und für George Stephanopoulos ist es Dick Cheney, der tatsächlich ABC den Gesinnungsgenossen von Fox News vorzieht, um sein neues Buch zu verkaufen. Darin geht es um seine Herztransplantation, die er uns als „spirituelle Erfahrung“ erklärt, und das nach seiner Meinung ausgezeichnete amerikanische Gesundheitssystem, das „weitaus beste der Welt“. Ein Multimillionär wie Cheney verzichtet gern auf Obamacare.

Immerhin ergreift Stephanopoulos die Gelegenheit, den ehemaligen Vizepräsidenten und Supergeheimnisträger nach der Kontroverse um die Überwachungsaktionen der Regierung Obama zu befragen. „Nichts Neues“, wiegelt Cheney gleich ab, das wichtige staatliche Überwachungspotential müsse bewahrt bleiben. Im Übrigen sei er nicht mehr auf dem Laufenden und wisse auch nur, was er in den Zeitungen lese. Darum kein Kommentar. Es schicke sich für ihn einfach nicht, darüber zu reden. Aber dass „Mr. Snowden“ der Nation schaden zugefügt habe, will er bestimmt wissen. Doch genug davon. Nicht das Handy der Kanzlerin, sondern sein neues Herz soll im Mittelpunkt des Gesprächs stehen.

Hillary Clinton gibt sich nicht auskunftsfreudiger. Die wohl künftige Präsidentschaftskandidatin war von Stephanopolous zwar nicht für ein Interview zu gewinnen, redete sich aber bei einem Auftritt an der Colgate University um das Thema herum. Auf dem Videoclip, der in „This Week“ zu sehen war, erklärt sie in Sachen Überwachung, es sei angemessen, bis dicht an die Grenzlinie zu gehen, aber nicht darüber. Wer das als ein bisschen vage empfand, der kann sich auf „das Gespräch“ freuen, zu dem Hillary Clinton alle besorgten Landsleute anregt. Ob das die Demonstranten beruhigt, die am Samstag in Washington gegen die Überwachungsmethoden der NSA protestierten, mag eher zu bezweifeln sein.

„Furious“, wütend, sei Angela Merkel gewesen, als sie bei Barack Obama anrief, berichtet die altgediente Reporterin Andrea Mitchell in „Meet the Press.“ Davon wenig beeindruckt zeigt sich Peter King, der den Staat New York im Repräsentantenhaus vertritt und ebenfalls Snowden, „diesen Kerl“, für die Verstimmung mit den Freunden aus Übersee verantwortlich macht. Von Obama erwartet King, dass der Präsident den Schulterschluss mit der NSA nicht verweigert. Die Vereinigten Staaten betrieben Überwachung nicht, um andere Staaten zu schaden, sondern um ihnen zu helfen. Allzu offen sei halt auch im Kongress nicht über Geheimmethoden zu reden. Überwachung sei nötig. Und dann verwebt King auch noch irgendwie den Zweiten Weltkrieg und die Bombennächte von Hamburg und Dresden in seine wirre Pauschalverteidigung der Weltmacht und ihrer Weltüberwachung. Tausende von Menschen seien damals umgekommen. Will er damit sagen, die NSA, wäre sie nicht erst 1952 gegründet worden, hätte das alles verhindert?


5 Lesermeinungen

  1. Merkel sollte Snowden ein Denkmal stiften
    das wäre angemessen wenn der Kanzlerin Bürgerrecht, Unabhängigkeit und freiheit etwas bedeuten würden. Ich fürchte aber Sie hat nur Macht im Sinn.

  2. civil rights?
    Dass US-Behörden die totale Überwachung ansteuern, muss sich Sitting Duck Obama zurechnen lassen, als US-Präsident.
    Dass die deutsche Kanzlerin Merkel als Ostdeutsche gegen Horcher allergisch ist, kann zu einer Weichenstellung historischen Ausmaßes beitragen.
    Ich spanne nicht. Ich bin gespannt.

  3. Auf solche Hilfe kann verzichtet werden!
    „Die Vereinigten Staaten betrieben Überwachung nicht, um andere Staaten zu schaden, sondern um ihnen zu helfen.“
    Die Helfer steuern die anderen, die hinterher noch mehr Hilfe brauchen, oder wie?
    Schon als Kinder haben wir Jüngeren, unter dem Vorwand auf ihn aufzupassen, den Lutscher weggenommen.
    Die HERSHEY’S Schokolade, wie nach dem Krieg von den Amis an die neben den Panzern hertanzende Kindern verteilt wurde, zieht nicht mehr.
    S.

  4. Situation als Chance nutzen
    Die deutschen Politiker sollen als Konsequenz jetzt Snowden endlich die Einbürgerung anbieten.
    In dieser Situation ist das die beste Antwort für Amerika.

  5. Kann man über die USA auch ohne den herablassenden Duktus
    deutscher Arroganz berichten?

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