Der Sonntag in Washington

Der Sonntag in Washington

Der Fernsehtalk in Amerika

Skandal ohne Sex, und doch unterhaltsam

Bridgegate: Chris Christie, Gouverneur von New Jersey, wurde als Präsidentschaftskandidat gehandelt. Jetzt sitzt er erst einmal im Stau.

Auf dem Weg ins Weiße Haus ist Chris Christie, Gouverneur des Bundesstaats New Jersey, im Verkehrsstau stecken geblieben. Vorläufig nur? Oder doch dauerhaft? Darüber sollte in den sonntäglichen Fernsehtalkrunden Klarheit geschaffen werden, aber, wie nicht ganz so schwer vorauszusehen, gab es keine Einigung, weder unter den vorgeladenen Politikern noch Journalisten. Christie, der in skandaltechnischer Hinsicht die Woche beherrschte, hatte ja in einer epischen Pressekonferenz jede Beteilung an der Operation, deren Folgen inzwischen als „Bridgegate“ verbucht werden, strikt von sich gewiesen.

Enge Mitarbeiter, so seine Darstellung der Dinge, hätten ganz und gar ohne sein Wissen gehandelt. Erwiesen ist nun, dass die angeblich meistbefahrene Brücke der Welt, die George Washington Bridge, vier Tage lang in ein Verkehrschaos gestürzt wurde, um einem politischen Gegner Christies, dem Bürgermeister des an der Brückenauffahrt gelegenen Orts Fort Lee, eine deftige Lektion zu erteilen. Das Szenario, absurd, wie es auch klingen mag, passt durchaus ins Verhalten des schwergewichtigen Gouverneurs, dem da nicht zum erstmal vorgeworfen wird, gern Rache zu üben und als Politrabauke und –rüpel, eben als „bully“, ohne Konkurrenz zu sein.

Er musste reagieren, musste sich verteidigen, aber mit Fingerspitzengefühl, nicht mit seiner üblichen Raubeinigkeit. Wie Richard Nixon einst der verstörten Nation mitteilte: „I’m not a crook“, versicherte Christie ihr jetzt: „I am not a bully“. Das alles würde keine so gewaltigen Wellen schlagen, wäre er nicht im Spiel als nächster Präsidentschaftskandidat der Republikaner. Darum das Nationalinteresse für eine Lokalposse, allerdings eine besonders schleimige. Und deren Ende halt noch nicht abzusehen ist. Rudy Giuliani, ehemals Bürgermeister von New York und einer seiner besten Freunde, versuchte bei „This Week“, die Kritik von Christie auf den Präsidenten umzulenken, der in ähnlichen Situationen schon drei-, viermal versagt habe. Giuliani zog damit das Drehbuch hervor, dem viele Republikaner jetzt folgen, wenn sie nicht aufhören wollen, an Christie als ihren künftigen Präsidentschaftskandidaten zu glauben. Auf die Frage von Martha Raddatz, ob die ganze Sache also bald abklingen werde, antwortete Giuliani: „Yes, it’ll go away.“

Mark Sokolich, der Bürgermeister von Fort Lee, sah das anders. Zwar wollte er Christie beim Wort nehmen und erst einmal seine Unschuldsbeteuerung nicht in Frage stellen, warnte aber auch: „Da draußen gibt es noch eine Menge Zeugs.“ Wenn Christie nichts gewusst habe, hätte er es wissen sollen und müssen. Dass die schon begonnenen und sicher noch kommenden Untersuchungen keine Email, keine SMS und kein Telefongespräch ununtersucht lassen, bekräftigte bei „Face the Nation“ John Wisniewski, der demokratische Vorsitzende des Untersuchungskomitees. Für ihn ist Christies Gelöbnis, nichts gewusst zu haben, einfach „unglaublich“. Auch Donna Brazile, die politische Strategin in Diensten der Demokraten und Dauergast bei „This Week“, zweifelte daran, dass es im Stab des Gouverneurs nur eine einzige Stelle gegeben habe, die nicht nur informiert war, sondern das trübe Geschehen in Gang setzte.

Mehr als Vermutungen, Spekulationen und allenfalls vage Prognosen hielt eigentlich keine der Sendungen parat. Bei „Meet the Press“ fand Stephanie Rawlings-Blake, die Bürgermeisterin von Baltimore, es schwer nachzuvollziehen, dass Christie von dem Vorhaben keinen Schimmer hatte. Oder keinen Schimmer davon haben wollte. Aber selbst wenn solche Rachefeldzüge nicht mit seiner ausdrücklichen Billigung unternommen worden seien, hätten sie nur in einer von ihm geförderten „Kultur der Rücksichtslosigkeit“ stattfinden können. Kim Strassel vom Wall Street Journal suchte abzuwiegeln: „Das ist nicht Watergate.“ Könnte es aber werden, wenn Christies bei einer Lüge ertappt wird. Eine zweite Affäre dieser Art, gab Strassel zu, dürfe sich der Gouverneur mit Präsidentschaftshoffnung nicht leisten.

Christie habe schon immer nach seinen eigenen Regeln gespielt, sagte Mark Halperin vom Nachrichtenmagazin „Time“. Zum Guten wie zum Schlechten. Während Halperin sich begnügte, von einer „konstitutionellen Krise“ zu raunen, die eine Untersuchung im Bundesstaat New Jersey hervorrufen könnte, gab es vom Abgeordneten Wisniewski auch schon das Wort „Impeachment“, Amtsenthebung, zu vernehmen. Christies Präsidentschaftspläne sind jedenfalls kräftig durcheinandergeraten. Was nicht bloß zu seinem Schaden sein muss. Denn wenn er die Krise überlebe, gibt sogar der demokratische Wahlkampfberater David Plouffe zu, werde er nur gestärkt daraus hervorgehen. Ein Ende ist freilich noch lange nicht abzusehen. In der Zwischenzeit rät John Harris vom Medienportal „Politico“ seinen Landsleuten, den grotesken Eklat in New Jersey zu genießen. Unterhaltsamer sei noch kein Skandal ohne Sexzutaten gewesen.