Stützen der Gesellschaft

Stützen der Gesellschaft

Leben, Bildung, Torten und sozialunverträgliches Spätableben unter Stuck und Kronleuchtern.

Menschenjagd in den Bergen I

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In der guten alten Zeit war es Sport, das Geld in die Schweiz zu bringen. Heute gilt es als Vergehen, man wird verfolgt und überwacht, der neue Finanzminister mag es im Gegensatz zu alten Schatzmeistern nicht, und zu allem Elend will ab heute auch die Schweiz den Transfer scharf kontrollieren. Der letzte grosse Sport der besseren Gesellschaft ist in Gefahr, aber ich werde hier und heute überprüfen, ob es wirklich so schlimm geworden ist. Ein Mann, ein Auto, eine Strecke, eine Lieferung.

Hinweg, törichte Vorurteile! Nur furchtsame Seelen sind euch untertan!
Comte de Mirabeau, Der gelüftete Vorhang

Es gibt exklusive Sportarten, die nie den niederen Schichten zugänglich sein werden, und die immer Teil der besseren Gesellschaft bleiben: Was dem Briten das Polospiel und dem Amerikaner seine Yacht vor Long Island, ist dem Deutschen vom schwäbischen Mittelständler bis zum Hamburger Kaffeeröster, vom Münchner Waffenschieber bis zum Berliner Lobbyisten die Menschenjagd in den Bergen. Es ist ein Sport mit vollem Risiko, man kann dabei alles verlieren, und trotzdem gilt seit Generationen: Man gehört erst dazu, wenn man erzählen kann, wie man den Jägern entwischt und den Staat und seine Büttel besiegt hat.

Die Menschenjagd in den Bergen hat klare, einfache Regeln und kann mit einem Mindesteinsatz von 10.001 Euro pro Person gespielt werden, und nach oben gibt es keine Grenzen. Dem gemeinen Volk als “Geldtransfer zur Steuerhinterziehung in die Schweiz” bekannt, ist die Jagd Gegenstand mannigfaltiger Erzählungen beim Essen, in Parteizentralen und an Gräbern. Es ist echter Sport für echte Männer, die nur lachen können über den weinerlichen PRler aus Berlin, der seine Fälschung des Fahrtenbuches über Twitter verkündet, oder den feigen Sachbearbeiter, der den Staubsauger für die Frau über das Büro absetzt. Keiner von denen riskiert etwas, es geht ihnen um ein paar lumpige Kröten, aber hier auf den Pässen und Jochen auf dem Weg in die Schweiz geht es um alles. Es ist Sport, wie er sein soll: Eine existenzielle Erfahrung, es ist echtes Eigentum in echter Krise, stilsicher in schnellen Wägen mit dunkelgrauem Bargeld, verruchten Tafelpapieren und anderen Werkzeugen des Steuerteufels umgesetzt.

Bild zu: Menschenjagd in den Bergen I

Früher gab es klare Abmachungen zwischen den Jägern und den Gejagten. Wer an der Grenze erwischt wurde, zahlte heftig an den deutschen Staat, der dafür eine Menge elitenfeindlicher Gesetze bereithält, und ausserdem sogar wissen will, woher das Geld kommt. Das kann sehr unschön werden, wenn man sich etwa als Abgeordneter vom Atomkraftwerksbetreiber einen angenehmen Beratervertrag hat zukommen lassen, den die Sekretärin in all der Hektik anzugeben vergessen hat. Hatte man aber erst mal Razzien und die Grenze hinter sich gelassen, erwartete einen nur noch der Schweizer Zöllner: Ein Freund, der genau wusste, dass dieser Sport der Schweiz als Ziel dicke Geldzuflüsse bescherte, die Wirtschaft förderte, das Land stabilisierte und am Ende auch seinen Lohn mitbezahlte. Der Schweizer Zöllner ist bei der Menschenjagd in den Bergen die Zielflagge. Man wollte aussteigen und sie abbusseln. Bis zum 28 Februar 2009.

Denn ab gestern, dem 1. März 2009, ist aus dem verehrten Freund nichts anderes als ein neuer, schnöder Predator auf Staatskosten geworden. Bedrängt durch amerikanische Behörden und deutsche Finanzminister, hat sich die Schweiz entschieden, ihre Sportfreunde zugunsten der politischen Anwanzung zu verraten. Während der deutsche Finanzminister immerhin noch die unregistrierte Mitnahme von 10.000 Euro pro Person in die Schweiz erlaubt, will die Schweiz nur noch die unregistierte Einfuhr von 10.000 Franken erlauben. Natürlich könnte man das mit ordnungsgemäss versteuertem Geld jederzeit tun, aber wo bleibt da der Sportsgeist?

Schlimmer noch: Diese Vorgabe wird brutal unter den Stützen der Gesellschaft wüten, denen dieses Blog gewidmet ist. Man stelle sich nur mal den alten Kommerzienrat vor, der glaubt, es geschafft zu haben, und nun dem Schweizer Zöllner erklären muss, dass ihm das Vermögen gar nicht gehört, sondern von seinem Verband zur politischen Landschaftspflege gestiftet wurde. Batz, trifft ihn der Schlag, und wer muss dann die Krankenhausrechnung und die Reha im Luxusressort in Bad Wiessee für den armen, alten Mann bezahlen? Die Allgemeinheit in Deutschland. Oder nehmen wir – gerade in Hessen kennt man sich damit ja aus – den Schatzmeister einer Volkspartei, der mit einem Geldkoffer erwischt wird, und dem das jüdische Vermächtnis nicht geglaubt wird. Man wird ihn verfolgen, öffentlich abwatschen und zu unser aller Kosten pensionieren, wonach er zu unser aller Kosten eine Politikberatungsgesellschaft betreibt, statt seiner Partei zur Last zu fallen. Es mag der Sport der Reichen und Schönen sein, aber wenn die Schweizer nun für eine steigende Abschussrate sorgen, werden wir alle die Rechnung zahlen.

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Ist es wirklich so schlimm? Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden. Nachdem sich die “Stützen der Gesellschaft” in jahrhundertealter Tradition befinden, und natürlich zur eigenen Klasse eine höhere Affinität ausweisen, als zu einem Staat, der allen Ernstes alle Bürger auszuplündern gedenkt, um uns mit Opels zwangszubeglücken – übrigens: Wenn ein Autofabrik für diesen Sport ungeeignet ist, dann ist es Opel – werden wir keine Kosten und Mühen scheuen, um den ehemaligen Freund aufzusuchen, in seine Augen zu schauen und ihn zu fragen, ob er uns nun wirklich verfolgen will. Wir weden überprüfen, ob man wirklich in den Parteien zittern muss, ob man Waffenhändler auf die Kanalinseln zwingt, ob das alte Europa seinen alten Hinterhof für real existierende Politiktransaktionen verloren hat. Wir werden dazu eine ausgesprochen schwere Route wählen: Durch vier Länder, vom Tegernsee ins Inntal nach Österreich, dann hinüber nach Italien, und erst von dort aus in die Schweiz. Viermal also haben Staaten die Gelegenheit, uns in den Bergen nachzustellen, als da sind:

– der deutsche Zivilfahnder als Hauptfeind in seinem schnellen BMW 530i, der wirklich etwas zu gewinnen hat.
– der österreichische Zöllner auf seinem Steyr Waffenrad von 1912 und seinem zwei Haflinger-PS starken Pferdeschlitten – man hat sich in Osteuropa verspekuliert und gerade eine Finanzkrise, mehr geht dort beim besten Willen nicht mehr. Ausserdem ist eine Verhaftung in Österreich wegen Geldtransfer so unwahrscheinlich wie die Festnahme in Las Vegas wegen Teilnahme am Black Jack.
– die italienische Finanzpolizei, mit ihren Alfa 147 2.0 Twinsparks ein wahrlich stilvoller und schneidiger Gegner.
– der Schweizer Zöllner in seinem Wachhaus.

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Wir aber fahren eine silberne 1995er Fiat Barchetta mit frischem Tüv, Sportauspuff, Bremsbelägen und 139 PS, haben eine Silberkanne im Kofferraum, nehmen in einer flachen Ledermappe als Dummy auf dem Beifahrersitz wertvolles Papier aus der Papierfabrik Gmund mit, wo auch sonst Geld und Aktien erstellt wird. Wir verheimlichen nicht, dass wir zur Gattung der gejagten Menschen gehören: Wir tragen Féraud und Rolex, unser Gepäck ist edel, wir lächeln zynisch und rechnen mit allem. Es ist Sport, es ist der letzte Sport, in dem man unter seinesgleichen ist. By fair means.

Heute Nacht werden wir in einem alten Adelssitz in Naturns Schlutzkrapfen essen, oder in einer ungemütlichen Zelle unangenehme Fragen beantworten. So Sie nichts von uns hören, halten Sie besser Ihren Generalsekretär zurück und überlegen Sie sich, ob Monaco nicht auch ein netter Ort ist. Nun gilt es.

Ein Mann, ein Auto, eine Lieferung, eine Strecke.