Stützen der Gesellschaft

Unsoziales Abrutschen wie ein reicher Sünder

It was a dark and stormy night.
Snoopy nach Edward Bulwer-Lytton

Naja, also, was heißt schon “die Reichen”. Wieder ist ein Jahr um, wieder wurde viel an den Reichen kritisiert, weil sie noch reicher wurden, weil sie von Aktien und Immobilien und Erbschaften profitieren, weil der Staat zu wenig tut, um sie mehr bluten zu lassen, weil sie sich abschotten und nur untereinander Sex haben, was übrigens, das darf ich Ihnen hier versichern, überhaupt nicht stimmt. Das alles ist, um es mit Don Giovanni zu sagen “un impostura della gente plebea! La nobilità ha dipinta negli occhi l’onestà.” Danach beschwatzt Don Giovanni Zerlina, auf sein Schloss mit ihm zu kommen, so war das früher und so ist es heute dem Vernehmen nach noch immer, also habe ich gehört. Immer diese Legendenbildung, als ob es “die Reichen” gäbe und ein Philanthrop wie Bill Gates auch nur entfernte Ähnlichkeiten mit dem Bodensatz jener nicht ganz Armen zu tun hätte, die wirklich rudern und kämpfen müssen, um am untersten Ende der bundesamtlichen Definition von Reichtum bleiben zu können. Laut Bundesbank gehört man schon mit einem Nichtwirklichvermögen von 468.000€ in Deutschland zu den Reichen – dafür reicht eine von den Eltern gekaufte Studentenbude in Münchner Toplage, wie sie eigentlich jeder hat, allein schon aus.

Also, ich denke, wir sind uns da einig, liebe Leser: Reich ist nicht gleich reich und man soll das Erbschaftskind nicht mit dem Sozialwohltatenbade ausschütten. Von außen betrachtet – und dieses Außen beinhaltet nun mal leider auch viele Vertreter der schreibenden Zunft, die gar nicht wissen, worüber sie da schreiben, wenn sie über Berufskinder eine Meinung haben – von außen betrachtet also mag das eine homogene Masse sein, und ich war gestern am Tegernsee spazieren, da kann es wirklich so wirken: Da schliddern alle unterschiedslos auf den Eisflächen am Wasser, da rufen wir einheitlich Hoppla, wenn wir die Beine in die Luft werfen, unsanft auf dem Hintern und dem uniformartigen Schneiders-Salzburg-Lodenmantel landen, und der immer gleiche Sanka holt im 10-Minuten-Takt klassenlos alle ab, die nicht mehr auf die Beine kommen. Ich habe mich gerade noch fangen können, und so, wie es hier zwei Arten von Reichen auf dieser Welt gibt, die einen liegen auf dem Sofa und die anderen in der Chirurgie, ist es auch in allen Bereichen. Fast. Es gibt da eine Ausnahme, und die will ich Ihnen verraten Da sind sich alle, die ich kenne, doch einig, Es ist nämlich so:

Das hier könnte das schönste Bild nach der Wintersonnenwende sein, denn es ist tatsächlich der Blick aus meinem Schlafzimmer auf die frisch eingeschneite Alm, über der gerade die Sonne erstrahlt. Viele junge Männer haben da, wo ich inzwischen faltige Triefaugen habe, noch einen richtigen Schlafzimmerblick – mag sein, aber ich habe eben diesen Schlafzimmerblick. Auch nicht schlecht, und er bleibt! Oder wie wäre es damit:

Das ist der Sonnenuntergang unten bei Seeglas, für mich nichts Besonderes, in der Wirtschaft kennen sie mich, ich bin da dauernd und eigentlich sollte man meinen, man hat sich irgendwann an den Blick gewöhnt – aber es stimmt nicht. Seit fast 10 Jahren wohne ich hier. Ich habe hunderte von Sonnenuntergängen von diesem Ort aus. Alle sind toll. Egal ob direkt in die Sonne oder mit Blick hinüber zum Hirschberg.

Oder in Tegernsee auf dem Weg zu meiner Konditorei, wo man mich auch kennt.

Alle Bilder sind schön. Aber das schönste Bild, das ist das hier.

Jetzt werden Sie vermutlich sagen, dass es sich bei diesem Bild um eine schlecht ausgeleuchteten, kitschig bekerzten Baum im Garten handelt, und das Bild einfach in der Nacht geschossen wurde, als hier 20cm Neuschnee herunter kamen und ich einfach faul auf einem dänischen Sessel an der Heizung saß. Und wissen Sie was? Sie haben recht. Es ist ein vom Schneesturm gepeitschter Baum in einer dunklen, langen Nacht im Garten. Und ich habe einfach zum Fenster hinaus photographiert. Draußen hat es gut minus 10 Grad. Es ist nicht schön. Aber das hier war zwei Stunden davor mein leider auf dem oberen Parkplatz vergessenes Auto.

Es handelt sich nicht um ein sportliches SUV, sondern um einen sehr niedrigen SLK mit Neuschnee nach zwei Tagen Arktissturm oben drauf. Es ist das Auto, mit dem ich eigentlich den Tegernsee wegen des Wetters verlassen wollte, weil das Wetter wirklich erbärmlich war, und ich mich schon gezwungen sah, meine strategischen Nudelvorräte anzugreifen. Also kehrte ich den Wagen ab und gedachte, ihn für das letzte Abtauen in die Tiefgarage zu stellen. Die Tiefgarage liegt unter der Anlage, man muss einen nicht wirklich steilen Berg hinunter, aber als ich einmal auf dieser Strasse war, kam das Áuto ins Rutschen. Es rutschte an der Tiefgarage vorbei, und ich schaffte es mit einigem Lenkradgewirbel, so quer auf die Strasse zu gelangen, dass das Auto keinen Weidezaun und keine Hecke fällte. Es war etwas glatt, deutlich zu glatt jedenfalls für 272PS an der Hinterachse bei vorne liegendem, schweren V6-Motor, trotz nagelneuer 225er Winterreifen hinten. Die Jungmänner hier legen 100 Kilo Sandsäcke in den Kofferraum, wenn sie mit ihren 3er BMWs auf den Kurven das Schicksal herausfordern, ich dagegen hatte nur ein leeres Reindl (wie sagt man da auch Hochdeutsch?) für die mitgenommene Weihnachtslasagne. Nach einer Stunde und unzähligen Unterlegungen der Reifen mit den Autoteppichen hatte ich den Wagen dann gerade noch rechtzeitig entlang einer Schneewehe am Strassenrand bugsiert, als von oben ein BMW, auch mit Heckantrieb, aber ohne Sandsack dorthin herunterrutschte, wo ich vorher stand. Es war glatt, und alle dramatischen Details dieser Nacht würden Sie zwar nicht ermüden, sondern erheitern, aber ich möchte sie dringend verdrängen. Sonst kaufe ich mir noch einen Landrover. Oder gleich einen alten Unimog. Wie jeder Kluge hier und dann zeige ich den Grünen, was Dieselfeinstaubklimaerwärmung wirklich ist.

Also, es war glatt, sehr glatt, ich war nicht als einziger in der misslichen Lage, und der BMW-Fahrer musste sich vom Notdienst sagen lassen, dass viel los sei und man nicht versprechen könnte, dass es jemand zu uns hinauf schaffen würde. Der Sturm pfiff dramatisch und die Eiskristalle prickelten im Gesicht. Am nächsten Morgen sah die Senke automobilistisch aus wie ein prähistorischen Teersumpf voller Mastodone und Säbelzahntiger, denn es kamen noch einige und blieben auch, aber da war ich schon zurück in meiner Wohnung, auf dem Sessel an der Heizung, schaute auf den sturmgepeitschten Baum und dachte mir: Was wäre jetzt eigentlich passiert, wenn mir das vor 11 Jahren geschehen wäre?

Der Tegernsee ist restlos über die Feiertage ausgebucht. Der ADAC kommt nicht durch. Ich hatte vielleicht noch 15 Liter im Tank. Und die Nächte sind sehr, sehr lang und kalt. Das nächste Hotel ist von hier aus nicht weit entfernt – nur liegt dazwischen die Mangfall, 70 eisige Höhenmeter mit 20% hinunter und 70 weitere Höhenmeter mit 14% wieder hinauf. Auf ungeräumten Gehwegen. Ob sie etwas frei gehabt hätten? Und was, wenn nicht? Hier habe ich einfach mein Auto in der Schneewehe stehen lassen, bin zurück in meine Wohnung, habe ein heisses Vollbad genommen, eine Tee gekocht und noch eine Esterhazytorte wie die hier gefunden.

Und tiefgekühlte Semmelknödel. 4 Stück! Wer nie in einer dunklen und stürmischen Nacht liegen bleibt und dann 4 Semmelknödel in kochendem Wasser tanzen sieht, und in seinen eigenen Hüttenschuhen mittanzt, der weiß nicht, was Glück bedeutet. Obwohl die Wohnung nicht ganz billig war – man hätte damals für den gleichen Preis Slumlord für 4 Journalisten in Berlin werden können – hat sie sich gelohnt, denn ein temporär leeres Konto ist immer noch besser als eine temporäre Nacht ohne Unterkunft im Schneesturm. Es ist das Beste, was man in so einer Situation haben kann. Leben wie die Marmeladenfüllung im puderbezuckerten Krapfen.

Und das ist übrigens auch der Punkt, in dem sich alle Reichen, die ich kenne, einig sind: Kein einziger hat jemals gesagt: Dieser Fluchtort, nur für mich selbst und mein Vergnügen – den habe ich viel zu früh gekauft. Alle, wirklich alle, denken nachher, dass sie die jeweilige Liegenschaft eigentlich schon viel, viel früher hätten kaufen sollen. Denn jeder hat gern irgendwann seine private, wirklich private Sicherheitszone mit einem Postfach, an dem fast nichts ankommt, und in der man verweilen kann, wenn draußen die Stürme toben. Man schaut hinaus auf die vom Sturm gebeutelte Tanne und denkt sich: Zum Glück bin ich hier. Es ist warm, der Tee ist fertig, alles ist gut und wird gut bleiben, was immer auch daheim passiert.

Liebe Leser, noch nie hatte ich so viele Kommentare wie in diesem Jahr, noch nie hatte ich so viel Arbeit mit diesem Blog, und trotz aller Stürme, die darüber hinweg gefegt sind: Ich hoffe, für Sie war das hier auch so ein guter Ort. Und wo immer Sie sein mögen: Rutschen Sie besser als ich mit meinem Auto ins neue Jahr, und finden Sie den Platz, der Ihnen 2018 Ruhe, Zufriedenheit und ein Stück Torte garantiert, was immer auch kommen mag.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit und die gute Zeit bei den Stützen der Gesellschaft.