Supermarktblog

Wie "The People’s Supermarket" in London seine Kunden zu Mitarbeitern macht

Es soll tatsächlich Menschen geben, die bei ihrem Einkauf im Supermarkt außer dem hastig geschriebenen Einkaufszettel und einem Einkaufskorb auch noch ein klitzekleines schlechtes Gewissen mit sich herumtragen – weil sie wissen, dass die Mitarbeiter, die am Morgen die Regale füllen, an der Käsetheke den Gouda schneiden und bis spätabends abkassieren, dafür nicht gerade fürstlich entlohnt werden. Gut, die meisten deutschen Verbraucher achten eher darauf, dass sie für möglichst wenig Geld möglichst viele Lebensmittel nachhause schleppen können.

Aber bloß mal angenommen, Sie gehörten zu den wenigen, denen es nicht egal ist, dass die geringen Preise im Discounter auch mit den Lohnkosten fürs Personal zu tun haben: Es gibt eine Alternative dazu, den Arbeitskräften wenig Geld zu zahlen.

Und die lautet: Man zahlt ihnen gar nichts.

Das mag zunächst wie der Alptraum jedes Kapitalismusverächters klingen, ist aber zum Beispiel in Großbritannien längst Wirklichkeit – und das, ohne dass die Gewerkschaften dagegen auf die Straße gingen. Denn im „The People’s Supermarket“ im Londoner Stadtteil Holborn arbeiten Menschen nicht nur freiwillig, sie zahlen absurderweise auch noch Geld dafür.

Was sich nach einer besonders perfiden Art der Ausbeutung anhört, geht in Wirklichkeit auf die Initiative des Berufskochs Arthur Potts Dawson zurück und wird die etablierten Supermarktketten zwar nicht unbedingt das Fürchten lehren, soll aber aufzeigen, dass es eine Alternative gibt zum national gesteuerten Lebensmittelhandel, der in Großbritannien zu 75 Prozent von vier großen Ketten beherrscht wird (Tesco, Sainsbury’s, Asda und Morrisons).

Dawsons Idee ist: Wenn wir unseren eigenen Supermarkt aufmachen, werden wir unabhängig(er) von der Versorgung durch die Konzerne. Gleichzeitig müssen Angebot und Preise aber so attraktiv sein, dass die Leute einen Anreiz haben, ihr Einkaufsverhalten umzustellen. Und das geht nur, indem die Kosten im Markt so gering gehalten werden, dass die teureren Einkaufspreise für die Lebensmittel (bei denen die Ketten sich auf erhebliche Mengenrabatte verlassen können) ausgeglichen werden.

„The People’s Supermarket“ funktioniert deshalb als eine Art Genossenschaftsmodell: Für 25 britische Pfund kann man Mitglied werden, erhält 10 Prozent Rabatt auf seine Einkäufe, verpflichtet sich aber auch, vier Stunden im Monat unbezahlt im Markt zu arbeiten. Dafür kann jedes Mitglied mitbestimmen, was verkauft werden soll und wie der Laden sich entwickelt.

Inspiriert wurde das Projekt vom New Yorker Park Slope Food Coop, der bereits seit Jahren als selbst verwalteter Supermarkt funktioniert.

Ganz so einfach ist die Sache aber natürlich nicht: Mit seinem Projekt hat Dawson zwar eine eigene Reality-Reihe beim britischen Channel 4 bekommen, die Anfang des Jahres die nötige Aufmerksamkeit herstellte. (Das professionelle Design war dabei sicherlich auch hilfreich.) Und im Februar lud sich Premierminister David Cameron als Gast ein, bevor er sein Konzept der „Big Society“ vorstellte, in der sich die Bürger wegen der angekündigten Kürzungen seiner Regierung stärker ehrenamtlich engagieren sollen. Als eines der Musterbeispiele der bei den Briten verhassten Koalition hat das „The People’s Supermarket“ aber nicht gerade nur Freunde beschert.

Das Problem an Dawsons Konzept ist auch: Wie organisiert man einen Markt, der sich finanziell tragen muss, bei dem aber viele Mitglieder (nach monatelangen Anstrengungen sind es nun knapp 1000 – inzwischen plus 12 Festangestellte) entweder gar nicht erst zu ihrer vereinbarten Schicht auftauchen oder sich mit äußerst gegensätzlichen Interessen ins Tagesgeschäft einmischen und deswegen aneinander geraten?

Dawsons Motivation war es vor allem, eine Alternative zur Verschwendung der großen Handelsunternehmen aufzubauen, die reichlich Lebensmittel in den Müll kippen, bloß weil das aufgedruckte Haltbarkeitsdatum näher rückt oder die Verpackung einen Knick hat. Im „The People’s Supermarkt“ gibt es ein Bistro, in dem (für Londoner Verhältnisse) zu überschaubaren Preisen Gerichte mit eben solchen Lebensmitteln zubereitet werden. So muss weniger weggeschmissen werden.

Der Laden ist nicht speziell darauf ausgerichtet, Bioprodukte zu verkaufen, weil viele Bürger in ihrer Nachbarschaft eben auch konventionelle Produkte haben wollen, zumal „The People’s Supermarket“ eben nicht in einem klassischen Besserverdiendenden-Viertel eröffnet hat. Auch deswegen hat Dawson gemerkt, dass es beim Einkaufen meist nicht um Idealismus geht, sondern darum, ob die Chips im Tesco um die Ecke doch ein paar Pence günstiger zu haben sind.

Nichsdestotrotz hat „The People’s Supermarket“ in der Londoner Lamb’s Conduit Street nun seit einem Jahr geöffnet und versucht, den Betrieb aufrecht zu erhalten.

Mir ist nicht bekannt, dass es in Deutschland eine ähnliche Initiative geben würde, und einerseits wäre es vermutlich ähnlich schwer wie in Großbritannien, den niedrigpreisverwöhnten deutschen Verbrauchern ein derartiges Projekt schmackhaft zu machen. Andererseits haben die diversen Lebensmittelskandale nicht gerade dazu beigetragen, das Vertrauen in den klassischen Handel zu stärken, und viele Konsumenten sind dazu bereit, im Biomarkt ein paar Euro mehr auszugeben, wenn sie sich dafür darauf verlassen können, dass sich vorher jemand Gedanken darüber gemacht hat, was ins Regal kommt – und vor allem: was nicht.

Was meinen Sie? Ein konsumentengeführter Supermarkt in Berlin, Hamburg oder München – kann das gut gehen? 

Oder ist’s uns am Ende doch wurscht, wie und woher wir unsere Lebensmittel beziehen, so lange zuhause der Tisch gedeckt ist?

Fotos: Channel 4

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