Supermarktblog

Supermarktblog

Nach jedem Lebensmittelskandal wollen die Verbraucher wissen: Was können wir noch essen? Dabei ist die Frage, wie wir einkaufen, mindestens genauso

Ein Missverständnis namens Mindesthaltbarkeitsdatum

| 52 Lesermeinungen

Jedes Jahr werden haufenweise Lebensmittel weggeschmissen – weil sie nicht den Standards der Supermärkte entsprechen oder weil wir sie aus dem Kühlschrank sortieren, sobald das Datum auf der Verpackung überschritten wurde. Dabei wäre vieles davon noch genießbar. Im Kino läuft jetzt eine sehenswerte Doku dazu.

Nach den fantastischen Erklärerfolgen der Unterschiede zwischen „Hier“ und „Da“ sowie dem Klassiker „Langsam“ und „Schnell“ wird es allerhöchste Zeit für eine Sesamstraßen-Kampagne, die den heranwachsenden Supermarktkunden von morgen erklärt, was eigentlich „mindestens“ von „höchstens“ unterscheidet. Damit die das anschließend gleich ihren Eltern erklären können. Denn die wissen’s ja meistens auch nicht.

Die Konsequenzen dieser Unkenntnis wiegen allein in Deutschland ungefähr 20 Millionen Tonnen pro Jahr und landen in großen Eimern oder Containern, um entsorgt zu werden.

Es geht, Sie ahnen es, um Lebensmittel. Über deren ungeheure Verschwendung hat der Filmautor Valentin Thurn eine äußerst sehenswerte Dokumentation gedreht, die gerade in den Kinos läuft (und in einer kürzeren Ursprungsversion bereits im vergangenen Jahr während der Themenwoche „Essen ist leben“ im Ersten gezeigt wurde).

Bild zu: Ein Missverständnis namens Mindesthaltbarkeitsdatum

Die Bilder, die Thurn in „Taste the Waste“ zeigt, sind ein Schock: haufenweise Gemüse, Brot, Fisch und tadellos verpackte andere Lebensmittel, die keiner mehr haben will. Und die Gründe dafür sind vielfältig. Manches entspricht von Anfang an nicht den Normen, die sich der Handel ausgedacht hat. Gurken werden sofort nach der Produktion entsorgt, weil sie zu krumm sind, um ordentlich in die Transportkisten zu passen. Tomaten müssen ein spezielles Rot haben, sonst werden sie erst gar nicht verladen. Weil viele Kunden im Markt absolute Makellosigkeit erwarten. (Im NDR lief neulich dazu ein ebenfalls sehenswerter Beitrag über Standards bei Äpfeln.)

Andere Lebensmittel werden erst noch tausende Kilometer weit transportiert, bevor sie weggeworfen werden. Weil wir sie nicht rechtzeitig gekauft haben.

„Tagesware wie Salat oder Radieschen wird morgens ins Regal sortiert und abends wieder rausgenommen – egal, in welchem Zustand die Ware ist“, sagt Thurn. Und mit „rausgenommen“ meint er: weggeworfen. Trotzdem sind die Regale im Supermarkt immer voll, weil die Kunden auch kurz vor Ladenschluss gerne die volle Auswahl haben. Thurn erklärt: „Es ist für die Handelsketten schlimmer, wenn ein Kunde im Markt umkehrt, weil er sein Lieblingsjoghurt nicht mehr kriegt und zur Konkurrenz geht, als Waren zu vernichten.“

Das allein ist schon zum Heulen. Aber dass ein großer Teil der weggeworfenen Lebensmittel eigentlich bloß wegen eines Missverständnisses im Müll landet, ist ein Skandal. Und schuld ist – das Mindesthaltbarkeitsdatum.

Bild zu: Ein Missverständnis namens Mindesthaltbarkeitsdatum

Wenn das Datum auf dem Joghurtbecher, der im Kühlschrank steht, überschritten ist, wird er entsorgt. Dasselbe passiert im Laden – nur schon viel früher, weil kaum jemand Produkte kaufen mag, die scheinbar bald ablaufen. (Und weil die Haftung mit überschrittenem Datum vom Hersteller auf den Supermarkt übergeht, der kein unnötiges Risiko eingehen möchte.)

Dabei bedeutet ein überschrittenes Mindesthaltbarkeitsdatum noch lange nicht, dass der Joghurt nicht mehr genießbar wäre. Die Angabe ist bloß die Garantie des Herstellers, dass bis zu diesem Zeitpunkt alle Eigenschaften des Produkts (zum Beispiel die Cremigkeit) gewährleistet sind. Wer minimale Cremigkeits-Abstriche in Kauf nimmt, kann den Becher auch noch Tage später auslöffeln. Wenn er vorher die Anstrengung in Kauf nimmt, die Folie abzuziehen und höchstpersönlich zu testen, ob der Joghurt noch gut ist. Riechen und schmecken nennt man das. Irgendwie müssen wir das verlernt haben.

Das Problem ist: Bei manchen Produkten ist das Haltbarkeitsdatum dann doch unbedingt einzuhalten, bei Eiern zum Beispiel, bei Fisch und Fleisch. Weil uns das unser Magen sonst nämlich nicht verzeiht.

„Es kann doch kein Mensch unterscheiden zwischen dem Verbrauchsdatum, nach dem der Konsum von frischen Lebensmitteln wirklich der Gesundheit schadet, und der Mindesthaltbarkeit“, sagt Filmemacher Thurn – und schlägt vor, das Mindesthaltbarkeitsdatum umzubenennen. Da die meisten Leute die Bedeutung des „Mindest-“ immerzu mit dem Gegenteil verwechseln, ist das keine schlechte Idee. Im Englischen steht auf den Produkten zum Beispiel viel klarer: „best before“. Vielleicht fällt jemandem eine elegante Übersetzung ein?

Auf die Frage, wann Produkte aus dem Regal genommen werden, deren Haltbarkeitsdatum bald abläuft, gibt es von den Unternehmen auf Anfrage keine konkreten Antworten. Eine Edeka-Sprecherin erklärt, es existierten „unterschiedliche Empfehlungen, die je nach Produkt (Konserve vs. Frische-Produkte) variieren“ – jedoch ohne sie zu benennen. „Die letzte Entscheidung, wann ein Produkt vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums aus dem Verkauf genommen wird, liegt jedoch bei den Einzelhändlern.“

Schon jetzt geht auch nicht automatisch alles in den Müll, was nicht verkauft wird. Handelsketten wie Aldi und Edeka arbeiten mit den „Tafeln“ zusammen, die verwertbare Lebensmittel an Leute geben, die sich keinen Großeinkauf im Laden leisten können.

Aldi verweist aber auch auf „gesetzliche Vorschriften“, wegen denen „lediglich zum Verzehr geeignete Lebensmittel abgegeben werden“. Aldi-Sprecherin Kirsten Windhorn erklärt: „Dabei spielen Kriterien wie beispielsweise die Einhaltung der Kühlkette oder die Abgabe unter Beachtung der Restlaufzeit des Mindesthaltbarkeitsdatums eine Rolle“.

Bild zu: Ein Missverständnis namens Mindesthaltbarkeitsdatum

Um aber die massive Verschwendung von Lebensmitteln zu vermeiden, müssten die Supermärkte komplett umdenken und auch mal riskieren, ihre Kunden zu enttäuschen, wenn ein Regal kurz vor Ladenschluss leer ist. Das fällt Unternehmen, die mit harter Konkurrenz zu kämpfen haben und auf Profit ausgerichtet sind, schwer. (Genauso wie uns als Verbrauchern.) Aber nach der Medienaufmerksamkeit für „Taste the Waste“ hätten einige Ketten bereits signalisiert, gegensteuern zu wollen, sagt Thurn. Mit welchen Mitteln und in welchem Zeitraum ist noch völlig unklar.

Thurn erklärt aber auch: „Der Handel reagiert nur, wenn es eine Sensibilität für das Thema gibt.“ Und zwar bei denen, die nachher an der Kasse stehen: bei uns. Das scheint gerade zu passieren. Zumindest tourt Thurn mit seinem Film durchs ganze Land, ist bei Vorführungen in den unterschiedlichsten Städten dabei, diskutiert im Radio, bei Podiumsveranstaltungen und gibt Interviews. Er sagt: „Das Thema scheint bei den Leuten einen Nerv getroffen zu haben. Einer der Kinozuschauer hat mir nach der Vorführung gesagt: ‚Man fühlt sich ertappt‘.“

Anstatt sich ertappt zu fühlen: Wollen Sie nicht einfach zuhause mal in den Kühlschrank schauen und überlegen, ob es sich lohnt, aus den Gemüseresten ein schönes Süppchen zu kochen?

Vielleicht haben Sie Lust, danach noch ins Kino zu gehen.

Zum Film ist das Buch „Die Essensvernichter“ erschienen (siehe dazu auch FAZ.NET). Und noch mehr zum Thema steht im nächsten Supermarktblog-Eintrag.

Screenshots: Das Erste/Thurnfilm

Das gefällt Ihnen? Das Supermarktblog gibt’s auch bei Facebook.


52 Lesermeinungen

  1. Uli sagt:

    Und um alles noch schlimmer zu...
    Und um alles noch schlimmer zu machen dürfen Speisereste in der EU nicht mal mehr an Tiere verfüttert werden (das sprichwörtliche „Schweinefutter“):
    https://www.wdr.de/tv/westpol/sendungsbeitraege/2011/0911/speisereste.jsp?mid=445529
    Wenn man einmal in dem Themenkomplex drin ist, kommt man aus dem Heulen nicht mehr heraus.

  2. hgebhardt sagt:

    MHD von Bier

    Sofern das Bier...
    MHD von Bier
    Sofern das Bier beim Abfüllen in Ordnung war und der Flasche- oder Dosenverschluss dicht ist, hält sich Bier vermutlich ewig und Weisse wird sogar besser.
    Das MHD wird vermutlich so kurz angesetzt, damit der Alkoholiker sich nicht von einem Sonderangebot zum nächsten hangelt.
    *****************************************
    Das wahre MHD von Wasser ist vier Milliarden Jahre, was weder in Evian noch in Gerolstein oder Selters bekannt zu sein scheint.

  3. Chajah sagt:

    @Goofy: wenn's nach den 4...
    @Goofy: wenn’s nach den 4 Tagen im Anbruch ginge, müßte ich mir an Milch schon mehrfach eine Lebensmittelvergiftung oder zumindest eine Magenverstimmung zugezogen haben. Biomilch (in nicht-homogenisierter Version) „lebt“ bei mir meist nicht lange, ESL-Milch (ob nun Bio oder konventionell, ist egal) ist auch schonmal weit über ’ne Woche im Anbruch, ohne daß sie mir „umgeht“. Lustigerweise kippt H-Milch einmal angebrochen wesentlich schneller als ESL-Milch und herkömmlich pasteurisierte Milch.
    Aber wer hier ißt eigentlich noch dickgelegte Frischmilch (nicht ESL-Milch, mit der geht das nicht; die wird nicht dick sondern fies) mit dem Löffel und wirft sie nicht weg?
    @Bassa: naja, es hat schon was, wenn man von der Arbeit kommt, seine Einkäufe macht und tatsächlich noch alles kriegt, was man braucht bzw. haben will. Zu Zeiten, als die Läden noch um halb sieben schlossen und noch nicht die Konsumentenverwöhnstrategie fuhren, war Einkaufen für mich mitunter ein mühseliges und frustrierendes Unterfangen. Man stürzte um fünf vor halb sieben total gehetzt in den Laden, nur um keine Milch, kaum frisches Gemüse und auch ansonsten recht ausgedünnte Bestände vorzufinden.
    Andererseits bin ich auch damals nicht Hungers gestorben. Alles eine Frage der Selbstorganisation. Man benötigt vermutlich nicht die Hälfte des heute allgegenwärtig angebotenen und irgendwie selbstverständlich gewordenen Luxusses….

  4. DJ Doena sagt:

    So ganz kann ich die Aussagen...
    So ganz kann ich die Aussagen nicht nachvollziehen. In meinem Supermarkt passiert es regelmäßig, dass es meine Schokomilch oder meinen Pudding nicht mehr gibt und das sind Sachen, die Haltbarkeiten von 1,5 Monaten haben.
    Auch diverse Wurstprodukte wie Wiener sind öfter mal eine Lücke im Regal.
    Ist zwar blöd, aber eine „wir haben immer alles garantiert vorrätig“-Politik wollte ich auch wieder nicht mezahlen, also akzeptiere ich es.

  5. hgebhardt sagt:

    Was Nutzen die kleinen...
    Was Nutzen die kleinen Gebinde, so es sie denn gibt, wenn es meist billiger ist, grosse zu kaufen und die nicht verzehrte Hälfte wegzuwerfen?
    Beispiel: Gemüsekonserven, Tiefkühlkost, Speiseeis.
    ***********************************************
    Die abendliche Leere ian manchen Verkaufstheken rührt oft daher, dass das Personal lange vor Ladenschluss anfängt abzuräumen.

  6. Florian sagt:

    Also ich hab mal als Kind...
    Also ich hab mal als Kind gelernt, dass ein guter Metzger Samstag Mittag nichts mehr im Regal hat. Diese Regel könnte man doch auf Supermärkte und jede andere Form des Lebensmitteleinzelhandels ummünze. Wobei Samstag Mittag vielleicht etwas früh wäre. Aber auch ich war schon oft in der Situation, dass ich Abends beim Einkaufen im Supermarkt nicht mehr das bekommen habe was ich wollte. In dem Moment ärgere ich mich dann schon ein wenig. Aber letzlich ist es mir lieber, der Markt hat bereits alles verkauft, als das er Lebensmittel wegwirft.

  7. entejens sagt:

    mich wundert es nicht, daß...
    mich wundert es nicht, daß sehr viele menschen das mit dem „mindest“ nicht verstehen – wer von den jüngeren menschen kennt denn noch den unterschied zwischen „von … bis“ und „zwischen“? und woher haben sie das? vor allem auch aus den medien, die da z. b. schreiben „5 junge männer im alter zwischen 18 und 20 jahren …“ und meinen, daß der der jüngste 18 und der älteste 20 ist. dabei bedeutet doch diese formulierung, daß alle 5 eigentlich 19 sind. schaut euch um, nicht nur der handel und der gesetzgeber sind dafür verantwortlich, auch und vor allem wir verbraucher (wie es immer so schön heißt). man denke dabei nur mal an den versuch von coca cola 1985, das rezept zu verändern. wer hats verhindert? die verbraucher … 🙂 und dabei ist coca cola nun nicht gerade ein wald-und-wiesen-produzent.

  8. Ich verstehe nicht, daß man...
    Ich verstehe nicht, daß man Reste, z.B. von zu großen Packungen, wegwirft/“wegwerfen muß“. Kann man die Lebensmittel nicht auch mal 2 Tage hintereinander essen? Oder einfrieren, um die Reste später noch zu verwenden? Nein? Solche Leute sind für mich wirklich verwöhnt, ihnen sind Lebensmittel wirklich nichts wert. Anders kann ich das wirklich nicht deuten.
    Auch Brot müßte man nicht so häufig wegwerfen, wenn man nicht das superbillige Brot in Plastiktüten aus dem Supermarkt/Discounter kaufen würde.
    Da man es direkt nach dem backen in Plastiktüten abpackt, hat es keine Zeit und Gelegenheit richtig anzutrocknen, Geschmack zu entwickeln und dadurch auch haltbarer zu werden. Wenn man mal Brot aus einer Bäckerei, die noch nach alter Tradition backt, kauft, merkt man den Unterschied. Ich war vorgestern über 7 km von Wanne-Eickel nach Wattenscheid gefahren, nur um bei einem Bäcker alter Tradition mal wieder so richtige Brötchen, die so schmecken wie früher, zu essen. Und es war ein Hochgenuß!! Auch wenn sie dioppelt so teuer sind wie in den billigen Aufbackshops: der Genuß gegenüber den Pappbrötchen rechtfertigt den Preis auf alle Fälle! Und diese teuren Brötchen kann man auch noch problemlos am nächsten Tag aufbacken. Also selbst da ist das Geld nicht rausgeworfen!
    ——————————————————————————-
    Und ja, ich esse auch noch sauer gewordene Frischmilch. Warum auch nicht?! Sie ist zwar nicht mehr für in den Kaffee oder Tee geeignet, aber für Müsli oder mit Früchten – ähnlich wie Joghurt – gut zu essen.

  9. Petra sagt:

    Link vom Shopblogger Björn...
    Link vom Shopblogger Björn Harste zu einer Freeganerin.
    Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Was sagen dann 48 Bilder??
    https://nachbarsgarten.blogspot.com/

  10. tobiasla sagt:

    Man könnte vermutlich relativ...
    Man könnte vermutlich relativ einfach das Wegwerfen von Lebensmitteln verteuern. Soweit ich weiß, sind dafür sowieso Spezialmülltonnen erforderlich. Könnte man diese zumindest innerhalb einer größeren Region einheitlich besteuern, so steigt der Anreiz die Ware abzuverkaufen.

Hinterlasse eine Lesermeinung