Supermarktblog

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Nach jedem Lebensmittelskandal wollen die Verbraucher wissen: Was können wir noch essen? Dabei ist die Frage, wie wir einkaufen, mindestens genauso

Die kleinen Preise müssen fetter werden

| 17 Lesermeinungen

Auf jedem Schild im Supermarkt muss nicht nur der Kaufpreis stehen, sondern auch ein "Grundpreis", damit sich unterschiedliche Produkte vergleichen lassen. In manchen Läden geht das aber nur mit Vergrößerungsglas. Die Verbraucherzentrale NRW klagt dagegen. Außerdem: alles zum artgerechten Umgang mit unterfütterten Einzelhandels-Maskottchen.

Als Edeka 2007 den Discounter Plus vom Konkurrenten Tengelmann übernahm, war das ein harter Schlag für die Population der kleinen Preise, die Plus bis dahin als Maskottchen dienlich waren (und die es eine Zeitlang sogar als Plüschversion zu kaufen gab, weil alle sie so niedlich fanden).

Mit dem Umbau der Märkte in Netto-(ohne Hund)-Filialen wurde auch das Habitat der orangefarbenen Sympathieträger stark eingeschränkt. Aus der Fernsehwerbung verschwanden sie sofort. In den Läden waren sie noch eine Zeitlang geduldet, aber lediglich, um für gestellt wirkende Bilder ihren gelb eingefärbten und mit Netto-Logo entstellten Kompagnons die Hand zu schütteln und eine Symbiose zu suggerieren, die es nicht mehr lange geben sollte.

Bild zu: Die kleinen Preise müssen fetter werden

Heute haben sich die wenigen noch existierenden kleinen Preise auf die Website des Plus-Onlineshops zurückgezogen, wo lediglich zum Download angebotene Bildschirmschoner noch an frühere Glanzzeiten als sympathisches Einzelhandelsmaskottchen erinnern.

Immerhin können sie dort ungestört ihrem Lebensabend entgegenkieksen.

Den Überläufern ist es nicht ganz so gut ergangen. Jedenfalls ist ein Teil der Kleinpreisgemeinschaft, womöglich gelockt durch falsche Versprechungen, beim neuen Filialherrn Netto (ohne Hund) verblieben, in den vergangenen Monaten aber durch fehlende Pflege und Mangelernährung ganz schwarz, klein und runzelig geworden. In den unteren Ecken der Preisschilder an Regalen und Kühltruhen fristen sie ihr Dasein und sind, gänzlich ihrer Fröhlichkeit beraubt, kaum noch wiederzuerkennen.

Dieser unwürdigen Existenz will die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen ein Ende bereiten. Mitte August entschied das Landgericht Nürnberg-Fürth nach einer Klage der Verbraucherzentrale, dass die schrumpeligen Minipreise auf den Schildern in Netto-(ohne Hund)-Märkten „nicht deutlich lesbar“ seien, deshalb gegen die Preisangabenverordnung (PAngV) verstoßen – und fetter werden müssen.

Die PAngV regelt zwar nicht in erster Linie die artgerechte Haltung von Discountermaskottchen (obwohl das durchaus notwendig wäre), aber immerhin, wie Handelsunternehmen ihre Waren auszeichnen müssen, um größtmögliche „Preiswahrheit“ und „Preisklarheit“ für ihre Kunden zu erreichen. In §2 der PAngV steht zum Beispiel der lustige Bandwurmsatz:

„Wer Letztverbrauchern gewerbs- oder geschäftsmäßig oder regelmäßig in sonstiger Weise Waren in Fertigpackungen, offenen Packungen oder als Verkaufseinheiten ohne Umhüllung nach Gewicht, Volumen, Länge oder Fläche anbietet, hat neben dem Endpreis auch den Preis je Mengeneinheit einschließlich der Umsatzsteuer und sonstiger Preisbestandteile (Grundpreis) in unmittelbarer Nähe des Endpreises gemäß Absatz 3 Satz 1, 2, 4 oder 5 anzugeben.“

Und jetzt nochmal im Klartext: Das, was im Supermarkt verkauft wird, muss nicht nur mit einem Kaufpreis ausgezeichnet sein, sondern auch mit dem Durchschnittspreis pro Kilogramm oder Liter, damit die Letztverbra… – Entschuldigung: die Kunden diesen „Grundpreis“ mit dem „Grundpreis“ ähnlicher Produkte vergleichen können. Weil sie dann unabhängig von der Verpackungsgröße wissen, wie günstig oder teuer etwas ist.

Wie groß genau diese Angaben sein müssen, steht dummerweise nicht in der PAngV. Die einzige Vorgabe ist, dass die Hinweise „leicht erkennbar“, „deutlich lesbar“ oder „sonst gut wahrnehmbar“ sein sollen. Also handhabt das jedes Unternehmen unterschiedlich. Überall dort, wo die Auszeichnung nach Ansicht der Verbraucherzentrale NRW zu klein ausfällt (und damit aufgrund ihrer Unlesbarkeit ihren Zweck nicht erfüllt), mahnt sie Änderungen an, denn:

„Bei der Vielzahl an unterschiedlichen Packungsgrößen und der unüberschaubaren Anzahl an Herstellern ist die Grundpreisangabe für Verbraucher oft die einzige Möglichkeit, die Preise im Supermarkt zuverlässig zu vergleichen.“ (Pressemitteilung)

Netto (ohne Hund) ist in Berufung gegangen, um das Urteil des Landgerichts überprüfen zu lassen – und zwar, weil die beanstandete Preisgröße noch aus dem Jahr 2010 stamme, erklärt Sprecherin Christina Stylianou auf Supermarktblog-Anfrage:

„Unser Unternehmen hat bereits Ende 2010, Anfang 2011, unabhängig vom laufenden Gerichtsverfahren, im Sinne unserer Kunden die Grundpreisangabe systemseitig deutlich vergrößert.“

Die deutliche Vergrößerung sieht derzeit so aus:

Bild zu: Die kleinen Preise müssen fetter werden

Auch Kaufland hat sich gegenüber der Verbraucherzentrale verpflichtet, größere Grundpreise auf ihre Schilder zu drucken. Kaiser’s, das ja zum Kleine-Preise-Erfinder Tengelmann gehört, hat ebenfalls Anfang des Jahres eingelenkt. Die Verbraucherzentrale meldete damals:

„Das Unternehmen zeigt sich einsichtig und wird im Laufe der kommenden Monate seine Etiketten bundesweit austauschen und die Grundpreise deutlicher gestalten.“

Seitdem sind elf Monate vergangen, aber der Prozess des Etikettenaustauschens scheint ein äußerst mühsamer zu sein. Denn zumindest in vielen Berliner Filialen hängen – vor allem an Kühltheken und Gefriertruhen – noch haufenweise alte Schilder neben den neuen. Immerhin lässt sich so aber recht anschaulich darstellen, dass die bisherige Grundpreisangabe ausschließlich auf das überragende Sehvermögen einkaufender Mäusebussarde abgestimmt war.

(Géramont: neues Preisschild mit größerer Grundpreisangabe; Président: altes Preisschild mit winziger Grundpreisangabe.)

Bild zu: Die kleinen Preise müssen fetter werden

(Becel pro Activ: altes Preisschild mit winziger Grundpreisangabe; Becel Vital: neues Preisschild mit größerer Grundpreisangabe.)

Bild zu: Die kleinen Preise müssen fetter werden

Auf Nachfrage, wie lange Kaiser’s denn laut der Vereinbarung brauchen dürfe, um bundesweit alle Schilder auszutauschen und ob innerhalb des laufenden Jahrzehnts damit zu rechnen sei, zeigt sich die Verbraucherzentrale NRW überrascht. Rechtsanwältin Carolin Semmler erklärt:

„Die Firma Kaiser´s Tengelmann GmbH hat gegenüber der Verbraucherzentrale NRW eine Unterlassungserklärung abgegeben, in der sie sich verpflichtet hat, die in der Erklärung näher bezeichneten Preisschilder (die Grundpreisangaben dieser Preisschilder waren gerade mal 2 mm hoch) bis zum 01.08.2011 nicht mehr zu verwenden. Im Falle einer Zuwiderhandlung wird eine Vertragsstrafe fällig. Die Höhe dieser Vertragsstrafe wird dann von der Verbraucherzentrale NRW festgesetzt und im Streitfall über dessen Angemessenheit vom zuständigen Gericht überprüft.“

Vielleicht ließe sich mit dieser Vertragsstrafe ja ein Gnadenhof für aussortierte Discountermaskottchen gründen. Damit die kleinen Preise nicht länger leiden müssen.

Fotos: Supermarktblog

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Nachtrag, 17. November: Plus.de versichert in den Kommentaren, dass es den kleinen Preisen zumindest auf der Plus.de-Website gutgeht.


17 Lesermeinungen

  1. Wolfgang sagt:

    Die Ignoranz, die die...
    Die Ignoranz, die die Handelskonzerne den Verbraucherzentralen bzw. den von ihnen bewirkten Urteilen entgegenbringen, erinnert mich an die lustigen Spielereien zwischen Presserat und Boulevardmedien (vor allem „Bild“).
    Es scheint überall das Gleiche zu passieren: Unternehmen, die das Wort „Ethik“ im Fremdwörterlexikon nachschlagen müssen, scheren sich einen feuchten Dreck im Vorgaben, Regeln, Urteile, Gesetze oder gar das Wohl ihrer Kunden. Eventuell vorhandene Kontrollgremien sind meist zahnlose Tiger, die den Unternehmen de facto nichts anhaben können (vergleiche die „Missbilligungen“ des Presserates oder die weitgehende Hilflosigkeit der Bundesnetzagentur gegen Telefon-Abzocker).
    Leider scheint dieser Missstand bei der breiten Masse auf Ignoranz zu stoßen – allenfalls senkt es die Schwelle zum eigenen unethischen Verhalten im Kleinen. Außerhalb der überdurchschnittlich interessierten und informierten (kleinen) Leserschaft des Supermarktblogs und ähnlicher Angebote scheint sich die Kundschaft willig und widerstandslos der massenhaften Verarschung zu beugen.
    Kundentäuschung wird offenbar immer noch nicht als kriminell wahrgenommen, dabei sollte sie ähnlich wie sexuelle Belästigung, Korruption etc. gesellschaftlich stigmatisiert werden. Bei anderen Straftaten hat das teils eine sehr lange Zeit gedauert; vielleicht gelingt das hier auch irgendwann mal.
    Möglicherweise könnte es helfen, wenn auch Peer Schader mal etwas härtere Worte für das Verhalten der Konzerne verwenden würde – es liest sich teils noch ein wenig zu „flauschig“.

  2. pschader sagt:

    @Wolfgang: (Eine gewisse...
    @Wolfgang: (Eine gewisse Flauschigkeit schadet nicht, wenn man ab und an auch mal mit den Unternehmen ins Gespräch kommen will.)

  3. IDUR sagt:

    Schönes Beispiel für...
    Schönes Beispiel für Konsumentenveräppelung kürzlich bei REAL: Frostschutz für die Scheibenwaschanlage vom ADAC (!) für 20 € pro 5 l (kostet normalerweise ein Viertel des ADAC Preises und es ist ziemlich sicher die gleiche blaue Brühe drin

  4. Plus.de sagt:

    Wir versichern Ihnen, dass die...
    Wir versichern Ihnen, dass die Kleinen Preise bei Plus.de nicht zu leiden, sondern ihr Wohlfühl-Zuhause gefunden haben. Sie ziehen sich durch unser gesamtes Sortiment von über 100.000 Produkten, wachsen und gedeihen dort und sind besonders „groß“, wenn es besonders viel zu sparen gibt. Zudem finden sie nicht nur über den monatlichen Wallpaper Einzug in jedes Zuhause, sondern auch bei Facebook (https://www.facebook.com/Plus.de) und Flickr (https://www.flickr.com/photos/plus_de/) verbreiten sie Weisheiten und tummeln sich in Gewinnspielen. Sie müssen sich also um die Kleinen Preise nicht sorgen, sondern können sich bei Plus.de jederzeit selber davon überzeugen, dass es ihnen gut geht.

  5. Plus.de sagt:

    Wir versichern Ihnen, dass die...
    Wir versichern Ihnen, dass die Kleinen Preise bei Plus.de nicht zu leiden, sondern ihr Wohlfühl-Zuhause gefunden haben. Sie ziehen sich durch unser gesamtes Sortiment von über 100.000 Produkte, wachsen und gedeihen und sind besonders „groß“, wenn es besonders viel zu sparen gibt. Zudem finden sie nicht nur über den monatlichen Wallpaper Einzug in jedes Zuhause, sondern auch bei Facebook (https://www.facebook.com/Plus.de) und Flickr (https://www.flickr.com/photos/plus_de/) verbreiten sie Weisheiten und tummeln sich in Gewinnspielen. Sie müssen sich also um die Kleinen Preise nicht sorgen, sondern können sich bei Plus.de jederzeit selber davon überzeugen, dass es ihnen gut geht.

  6. T.G.B. Smoo sagt:

    Die Grundpreisauszeichnung ist...
    Die Grundpreisauszeichnung ist schon eine sinnvolle Sache. Aber spätestens dann, wenn man bei Kapselkaffeemaschinen-Kaffeekapseln den Grundpreis je 100 g angeben muss anstatt einfach draufschreiben zu dürfen „soundsoviel Euro pro Tasse“, fasst man sich doch an den Kopf. Ich meine … Wen interessiert es, ob sich in einer Packung Dolce Gusto Typ Cappucino 119,8 g Inhalt befinden und diese dann 3,74 je 100 g kosten? Da will man doch bloß wissen, wie viele Kapseln drin sind und was die Portion kostet …

  7. @T.G.B. Smoo
    Sie scheinen das...

    @T.G.B. Smoo
    Sie scheinen das Prinzip nicht verstanden zu haben. Zumal Ihr wunsch danach, zu wissen wieviel eine Tasse kostet, in so fern schwammig ist, als dass es keine einheitliche Definition für „Tasse“ gibt. Sie werden schon mit den Systemen leben müssen auf die wir uns einmal alle gemeinsam geignet haben. Denn 100g sind immer 100g. Eine Tasse Kaffee ist nie eine Tassee Kaffe, ausser in einem Fall: Ihrem eigenem.

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