Supermarktblog

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Nach jedem Lebensmittelskandal wollen die Verbraucher wissen: Was können wir noch essen? Dabei ist die Frage, wie wir einkaufen, mindestens genauso

Herr der 1000 Tiefkühlpizzen (oder wie man einen veganen Supermarkt aufbaut)

| 20 Lesermeinungen

Mit 6000 verschiedenen Produkten will sich "Veganz" in Berlin von etablierten Bioläden abheben. Doch das große Sortiment ist auch ein Risiko: weil vieles importiert werden muss, im Zoll hängen bleibt und anschließend viel Platz für die Lagerung benötigt. In Berlin und Leipzig sollen im nächsten Jahr weitere Filialen eröffnen.

Die meisten Leute haben den Keller voller Kram, den sie nicht mehr brauchen: den alten Schlitten, der mal repariert werden müsste; die Malerausrüstung von der letzten Renovierung, die schon längst mal jemand aussortiert haben wollte; ein paar Kisten, die nach dem Umzug immer noch nicht ausgepackt wurden.

Jan Bredack hat den Keller voller Lebensmittel. Eigentlich sind es gleich drei Keller. Und noch zwei in ein paar Kilometern Entfernung, in denen es immer ziemlich kalt ist.

Da fangen die Probleme auch schon an, wenn man seinen eigenen Supermarkt eröffnen will: Man braucht nicht nur den Platz, um die Lebensmittel in den Laden zu stellen. Sondern auch welchen, wo der ganze Rest bleiben kann, der gerade nicht ins Regal passt. „Ich kann ja nicht wegen fünf Riegeln ein Flugzeug aus Amerika holen“, sagt Bredack, der im Juli in Berlin einen Supermarkt mit ausschließlich veganen Produkten eröffnet hat. Vielleicht hätten es nicht gleich 6000 verschiedene sein müssen.

Bild zu: Herr der 1000 Tiefkühlpizzen (oder wie man einen veganen Supermarkt aufbaut)

Doch, sagt Bredack: „Unser Anspruch war, zusätzlich zu den Standardprodukten aus jeder Warengruppe immer auch etwas anzubieten, das einzigartig ist. Das ist natürlich teuer – aber nur so kann sich unser Laden von den Biomärkten unterscheiden, die zum Großhändler gehen und einmal das komplette Sortiment bestellen.“

Derzeit kommt Veganz auf 80 Lieferanten, eingekauft wird auf der ganzen Welt. Vom veganen Aufschnitt aus Polen für 1,59 Euro über die Packungen mit den vier Mini-Eis aus den USA für 5,99 Euro bis zum Himbeertrüffel-Rohkakao im 100-Gramm-Päckchen für 6,59 Uhr aus Ecuador.

Das macht das Sortiment im Laden tatsächlich ziemlich einzigartig. Aber halt auch zu einem ziemlichen Risiko. Gerade ist wieder eine Lieferung im Zoll hängen geblieben, weil der immer haargenau über die Inhaltsstoffe der importierten Lebensmittel Bescheid wissen will. Wenn die Paletten erstmal da sind, brauchen sie nicht nur Platz, sondern müssen auch bezahlt werden, obwohl sie Bredack noch gar nicht weiterverkaufen kann. Und ein Mindesthaltbarkeitsdatum haben die Lebensmittel ja auch. Noch dazu müssen bei vielen Lieferanten Mindestbestellmengen eingehalten werden. Wenn Bredack also ein Produkt nachkaufen will, muss gezwungenermaßen ein Schwung anderer Lebensmittel aus dem Sortiment mitgeordert werden, obwohl es davon vielleicht noch genug im Laden gibt.

Von der Tofurkey-Pizza aus den USA ist neulich wieder eine neue Palette angekommen, mit rund 1000 Pizzen, die direkt ins Tiefkühllager gewandert sind. Im Laden passen gerade mal zehn bis zwölf auf einmal in die Gefriertheke.

Das ist der große Nachteil von Bredacks Idee, anders zu sein als die Mitbewerber: Er hat haufenweise Lebensmittel auf der ganzen Welt eingekauft, die er gar nicht so schnell weiterverkaufen kann, wie er müsste.

„Diese Filiale allein kann niemals wirtschaftlich sein“, sagt der 39-Jährige. Und deshalb muss das Projekt jetzt noch größer werden, als es schon ist.

Voraussichtlich im April kommenden Jahres eröffnet in Leipzig eine zweite Veganz-Filiale, größer noch als die erste. Und im Berliner Stadtteil Friedrichshain kommt eine dritte hinzu, sobald die Verträge abgeschlossen und die Renovierungsarbeiten erledigt sind. Direkt neben einen Kaiser’s-Markt. Mit mehreren Läden kann Bredack schneller verkaufen und muss nicht die Lager randvoll laufen lassen. Wenn es nach dem Gründer geht, soll Veganz noch weiter wachsen: am besten mit Läden im ganzen Land, sofern ein Investor gefunden wird.

Bild zu: Herr der 1000 Tiefkühlpizzen (oder wie man einen veganen Supermarkt aufbaut)

Bredacks Projekt ambitioniert zu nennen, wäre untertrieben. Es ist eine Mischung aus Begeisterung, Risikofreude – und vielleicht auch Leichtsinn.

Konsequent zu Ende gedacht ist es trotzdem nicht. Auf der einen Seite legt Bredack Wert darauf, die Leute dazu zu bringen, über ihre Ernährung nachzudenken. Es gibt im Laden zum Beispiel keinen Alkohol zu kaufen, weil er überzeugt ist, dass der „in der Gesellschaft nichts zu suchen hat“. Auf der anderen Seite liegen haufenweise Fertiggerichte und absurde Fleischformimitate in der Kühltheke, und ob die nun aus Tier sind oder nicht: mit gesunder oder auch nur annähernd bewusster Ernährung haben die nichts zu tun.

„Aber das berauscht nicht gleich“, meint Bredack.

Und dann ist da die Sache mit der Regionalität:Es gibt Obst und Gemüse aus der Region, auch Säfte. Aber viele Produkte müssen, bevor sie im Laden landen, um den halben Globus reisen. Selbst wenn Bredack erklärt, dass sich das kaum auf die CO2-Bilanz auswirke, weil die meiste Ware im Container per Schiff komme: ideal ist das nicht. Er sagt: „Wenn wir das Angebot nur auf europäische Produkte beschränken würden, wäre der Laden nur halb so voll.“ Ja – und?

Und das widerspräche wiederum dem Konzept, sich durch Besonderheiten von anderen Läden abzuheben, sagt der Chef. „Wir wollen ja regional sein! Aber die europäische Industrie ist, was die Herstellung veganer Lebensmittel angeht, noch nicht wachgeküsst. Viele haben den Bedarf noch nicht entdeckt. Ich habe die Hoffnung, dass sich das ändert.“

Mit „Veganz“ kann Bredack es beweisen. Und wenn’s nicht klappt – macht er einfach einen Lieferservice für Tofutruthahn-Pizza auf. Der Wareneinkauf ist ja schon erledigt.

Fotos: Veganz/M. Gräser

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20 Lesermeinungen

  1. Uli sagt:

    Schön das sie die...
    Schön das sie die Regionalität ansprechen, ich hatte schon beim ersten Beitrag überlegt anzusprechen das z. B. Tofu wohl kaum regional angebaut wird, auch wenn es in Deutschland inzwischen ein paar Gebiete gibt.
    Da muss sich dann jeder selbst fragen ob er nun lieber ein Tier „ausbeutet“ indem er (Bio) Käse isst oder lieber Tofu aus Brasilien einfliegen lässt. Man kann eben nie alles „richtig“ machen, deswegen habe ich auch meine Zweifel ob Veganismus künftig wirklich für spürbaren Bedarf sorgen wird.

  2. CaoKy60 sagt:

    Traegt Herr Bredack...
    Traegt Herr Bredack Lederjacke, Lederschuhe, Lederhandschuhe? Hat er zu Hause eine Ledercouch? Wollsachen?? – Was daran verwerflich sein soll, wie von „Uli“ angesprochen, Kuh/Ziegen/Schafsmilch und ihre Produkte zu essen, zu deren Erzeugung kein Tier Schaden nehmen muss, oder unbefruchtete Huehnereier zu essen, entzieht sich gaenzlich meiner Kenntnis. – Duerfen veganische Sojabohnen eigentlich mit Tierdung geduengt werden? – Wie Sie durchklingen lassen, Herr Schader, hat das Ganze doch in letzter Konsequenz etwas Absurdes und Lebensfernes – ein Extremhobby eben!

  3. pschader sagt:

    @CaoKy60: Das soll keineswegs...
    @CaoKy60: Das soll keineswegs durchgeklungen sein. Meine Zweifel beziehen sich auf das Geschäftsmodell.

  4. ShPod sagt:

    @CaoKy60: Alleine für die...
    @CaoKy60: Alleine für die Erzeugung von Hühnereiern (egal ob Käfig- oder Freilandhaltung) werden alle männlichen Küken sofort nach dem Schlüpfen getötet, weil sie für die weitere Produktion schlicht nicht gebraucht werden. 50% aller Küken (das sind alleine in Deutschland ca. 40Mio im Jahr) landen also als ungewolltes Abfallprodukt im Müll. Die Behauptung, kein Tier würde für die Erzeugung von unbefruchteten Eiern Schaden nehmen, zeugt von erstaunlicher Ignoranz bzw. Naivität.

  5. CaoKy60 sagt:

    @ShPod: Aber der von Ihnen...
    @ShPod: Aber der von Ihnen geschilderte Fall muss nicht sein!! Ein „veganischer Bauernhof“ koennte Hennen von einem Biobauer beziehen, der seine maennlichen Kueken nicht toetet, und dann unbefruchtete Eier problemlos in Freilandhaltung herstellen kann, ohne dass den Hennen ein Leid geschieht. – Lehnen Veganer auch das Reiten und Halten von Haustieren ab? Wahrscheinlich schon … und wie sieht es mit dem Schafswollpullover aus??

  6. Norinora sagt:

    Ich als Veganerin kann sehr...
    Ich als Veganerin kann sehr gut mit dem Geschäftsmodell des Veganz leben. Es geht für mich in Ordnung, wenn besondere Produkte einen weiteren Weg zurücklegen. Denn ich bin mir sicher, dass ich durch meine vegane Lebensweise trotz allem einen geringeren ökologischen Fußabdruck habe als Omnivoren. Veganer wollen ja nicht darben oder ein weniger buntes Leben leben als „alle anderen“. Wir sagen nur Nein zur Tierausbeutung und Quälerei. Und das versucht jeder, so weit er es kann, für sich umzusetzen. Dass das Veganz mir eine so bunte Produktauswahl bietet, macht mir meine Entscheidung um vieles leichter. Ich kaufe selten so weit gereiste Produkte, aber die Auswahl zu haben, ist einfach fantastisch.
    Ein Leben komplett vegan ist vielleicht nicht möglich, aber zu versuchen, den Quälereien und Umweltverschmutzungen durch Tierhaltung aus dem Wege zu gehen und sie so womöglich auch zu verringern, halte ich für die Pflicht eines jeden Menschen.

  7. Mausflaus sagt:

    @Uli
    und wie regional sind...

    @Uli
    und wie regional sind Fleisch, Milch und Käse, wenn die Rinder mit Soja aus den USA oder Brasilien gefüttert werden?

  8. thomson sagt:

    und ich kann mich als "sich...
    und ich kann mich als „sich vegan ernährender Mensch“ auch gut mit Geschäftsmodellen wie die des Veganz leben. Viele sagen sich rein vegan zu ernähren wäre sehr zeitintensiv, weil man alles selbst kochen und backen müsste. Endlich gibt es auch dazu eine Alternative und schon wirds von den Nichtveganern wieder schlecht geredet. Schlechte Ökobilanz von Pizzen aus Amerika — pah … das sagen Fleischesser!

  9. marcs sagt:

    @caoky die kuhmilchsproduktion...
    @caoky die kuhmilchsproduktion ist gleichzeitig der motor für das totgestreichelte kalbsfleisch auf ihren teller. Die Kühe werden zwangsbefruchtet, ihnen wird das kalb nach der geburt weggenommen und nach ca. 22 wochen liebevoller mast geschlachtet. Die naive auffassung eier würden kein leid verursachen haben sie ja schon dementiert bekommen.
    Meinetwegen reden sie sich ein das es ja in wirklichkeit nicht so schlimm ist und eher die ausnahme darstellt, jedoch sieht die realität nunmal so aus.
    Um eines deutlich zu machen.. bei Bio-Produzenten handelt es sich nicht um eine kleine bunte farm voller niedlicher und sprechender Tiere, sondern wie bei allem anderen, um die massenhafte profitorientierte haltung und schlachtung von tieren. 98 % (plus minus 1%) des in deutschland „produzierten“ fleisches kommt aus der massentierhaltung. Die paar breitgrinsenden provinzkühe am wegesrand sind meinetwegen ein teil der restlichen „2%“. Es gibt durchaus viele Veganer, welche auch Tiere halten, und sie zudem auch unbedenklich vegan ernähren.. (Hunde, Katzen). Auch schafswolle wird nicht getragen – wenn gemeint wird das auf jegliches tierisches produkt verzichtet wird, dann ist das auch so gemeint. Aber ich weiß.. aus der werbung oder gar dem „normalen alltag“ ist man eindeutige aussagen nicht wirklich gewöhnt.

  10. Mathias sagt:

    @Uli (erster Kommentar)

    In...
    @Uli (erster Kommentar)
    In Deutschland wird kein Tofu angebaut, da haben Sie Recht…aber Soja, woraus Tofu hergestellt wird 😉 Übrigens auch in Österreich und Osteuropa. Da es sich oft um Produkte mit dem Bio-Siegel handelt, stärken Käufe von Tofu (u.a. im „Veganz“) also eine nachhaltige Landwurtschaft und damit den Erhalt und die Verbesserung von Boden, Luft und Grundwasser. Zudem entstehen neue Arbeitsplätze. Das aus Brasilien hergeschiffte Tierfutter ist auch oftmals Soja, sogar oft genmanipuliertes.
    10 Kalorien Soja steht übrigens nur eine Kalorie Fleisch gegenüber. Sie erkennen den wahren Verschwender von Getreide jetzt hoffentlich – Veganer sind es nicht, sondern die Fleischindustrie und alle Fleischesser, die ihr den Auftrag zum Ausnutzen, Quälen und Schlachten von Mitlebewesen geben.

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