Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Klassiker der Ballett-Literatur Teil 3: Noch einmal Krieg und Frieden. Tolstoi, ist Ballett konservativ?

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Auf den Landgütern des russischen Adels verrichteten ganze Armeen von Leibeigenen alle Arbeiten. Um 1780, so Jennifer Homans in ihrem phantastischen Buch...

Auf den Landgütern des russischen Adels verrichteten ganze Armeen von Leibeigenen alle Arbeiten. Um 1780, so Jennifer Homans in ihrem phantastischen Buch „Apollo’s Angels. A History of Ballet“ (Random House, New York, 2010) hielt etwa Graf Nikolai P. Sheremetev, auf seinen Ländereien und Besitztümern eine Million Leibeigene unter seiner Herrschaft. Etwa zwanzigtausend zumeist in Französisch abgefaßte Bände habe seine schönste Bibliothek enthalten. Diese wie alle anderen Kulturgüter, Kunstgegenstände, Möbel, Kleider und selbst Lebensmittel, wurden aus dem Westen Europas unter unvorstellbaren Kosten und Mühen herbeigeschafft. Da diese Imperien den Zarenhof in klein nachbilden sollten, mußten auch Theater gegründet werden, und so holte der Adel die besten Lehrer und ließ Leibeigene heranerziehen zu geeigneten Darstellern und Tänzern. Nicht wenige wurden später an den Staat verkauft.

Erst 1861 wurde die Leibeigenschaft von Zar Alexander II abgeschafft. Das von dem französisch trainierten Charles Didelot professionalisierte russische Ballett hatte nach den Napoleonischen Kriegen versucht, seine franzöische Herkunft zu vertuschen so gut das ging, und sich einen nationaleren Anstrich zu geben versucht – mit Kostümen, Musik, und Libretti – etwa einer frühen Version des „Feuervogels“ nach einem alten russischen Märchen. Dann schlug das Pendel wieder zurück in die andere Richtung.

Denn das Projekt der Verwestlichung, mit dem aus Russen Europäer gemacht werden sollten, unterlag starken Erfolgschwankungen, wie es scheint und hing von den politischen Ereignissen ab. Manieren, Anmut und Eleganz der französischen Aristokratie zu übernehmen, war zudem von Anfang an ein für den russischen Adel anstrengender und mitunter angstbesetzter Prozess.

Legendär sind auch die Zweifel und spöttische Skepsis der anderen, der nachgeahmten Seite. Als der französische Ballettautor und Kritiker Théophile Gautier einen Ball im Winterpalast besuchte – das neunzehnte Jahrhundert war noch nicht sehr weit fortgeschritten – sah er eine Dame des konservativen St. Petersburg die ursprünglich aus Polen, aber via Paris in Russland eingeführte Polonaise tanzen mit einem mohammedanischen Prinzen Und Gautiers denkwürdiger Kommentar lautete: „Unter dem weißen Handschuh der Zivilisation ist eine kleine asiatische Hand verborgen“.

Tolstoi aber, so fährt Homans fort, die diese herrliche französische Vorlage so im Raum stehen läßt, habe das geteilte Leben der russischen Aristokratie am besten beschrieben. Er schildert in einer für Homans als Schlüsselszene anzusehenden Geschichte einen ungewöhnlich verlaufenden aber sehr vergnüglichen Ball. Von Natascha, der Tochter der Rostows, fällt plötzlich alles französische Gehabe ab wie ein Cape, das zu Boden gleitet und sie bricht in einen urtümlichen russischen Volkstanz aus, den sie nie gelernt hat, von dem sie aber instinktiv weiß, welche „unnachahmlichen, unlehrbaren russischen Gesten“ dabei auszuführen wären und dass sie die russische Seele offenbaren.

Da fängt er an, der Kampf zwischen elaborierten Codes und freiem, unmittelbarem, instinktivem Gefühlsausdruck. Und er hört nicht auf zu toben, bis heute. Bereits 1863 habe, wie Homans konstatiert, der Autor M.E. Saltykov-Shchedrin Grund genug gesehen für eine zornerfüllte Kritik des Balletts angesichts der „ochsenhaften Gleichgültigkeit“ der russischen Elite: „Ich liebe das Ballett für seine Konstanz“, spottete er. „Neue Regierungen tauchen auf, neue Leute erscheinen auf der Szene, neue Fakten kommen auf, ganze Lebensweisen verändern sich, Wissenschaft und Kunst folgen diesen Erscheinungen ängstlich, ihren eigenen Kompositionen etwas hinzufügend oder sie manchmal verändernd – nur das Ballett weiß und hört nichts….. Ballett ist fundamental konservativ, konservativ bis zur Selbstaufgabe“.

Der Name Petipa wird hier übersprungen, für einmal. Aber erinnern wir uns, dass bereits 1909 etwas so Revolutionäres aus der Welt des Balletts die anderen Künste, die Literaten und Wissenschaftler, die Ökonomen und Politiker begeistert, dass selbst Saltykov-Shchedrin vom Glauben abgefallen wäre: Die Ballets Russes, die das Ballett als Projekt der Moderne ins Herz Frankreichs zurückbrachten, später, letzter Tribut und Dank.

 

 


2 Lesermeinungen

  1. Liebe Red.! Habe meine...
    Liebe Red.! Habe meine „Hausaufgabe“ gemacht: der Btreffende Artikel ist:
    „Klatschzwag“. LG, und vielen Dank.(o)

  2. Liebe Red.! (Deutsch ist nicht...
    Liebe Red.! (Deutsch ist nicht meine Muttersprache, darumm bitte ich für ein wenig
    Geduld.)Der zweite Proleme ist: ich „laufe nach“,- nach solche Artikel hier im FAZ, was für mich gefählt, aber leider der „Kommentar“ Fenster ist zu. Jetzt können Sie etschiden: „lesen lassen oder nicht“ meine folgende Kommentar zu : „Murmelmurmel“, oder „unbotmäßige Nähe“ oder „..ich schwöre ich huste nie…“ ..ich schon, wann ich die betreffende Artikel der Teil gelesen habe über den „Kurdistan…Vorstellung“.und Tür, und „Hütchen..und habe ich laut gelacht beim „…denn er beugte sich weit über den Raum, der ihm durch Kartenkauf zur rechtmäßigen Nutzung zu Stand hunaus über die geteilte Lehne..“ ich hoffe: er hat die Zähne vorher geputzt. Lg,.oglokea.(Leider muss ich die Red. bitten. der genau Artikeltitel zur Ergenzung dazuschreiben, aber auch von Weibke Hüster stammt das .)

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