Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Helau. Ich habe mich bloß als Tanzkritikerin verkleidet

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Helau. Unterschiedliche Berufe erhalten unterschiedliche Resonanz beim außerberuflichen öffentlichen Erstkontakt. Etwa im Taxi, beim Warten in einer Schlange,...

Helau. Unterschiedliche Berufe erhalten unterschiedliche Resonanz beim außerberuflichen öffentlichen Erstkontakt. Etwa im Taxi, beim Warten in einer Schlange, im Theaterfoyer, auf einer Party, im Sportverein., wenn es heißt: „Ah, Sie sind…..?“ – dann müssen Sie reagieren. Aber wie? Juristen kommen dann mitunter in die Verlegenheit, Auskünfte geben zu sollen, und auch Ärzte müssen eine deutliche Grenze ziehen, bis zu der sie einfach so Ratschläge erteilen. Beide Professionen zögern nicht nur, weil sie ihr Recht auf Privatleben in Frage gestellt sehen und wissen, dass Bäcker auch nicht in der Gegend herumlaufen mit den Taschen voller Brötchen zum Verschenken. Beide möchten in der Regel gerne helfen, aber natürlich richtig. Da ist es sehr gefährlich, auf eine schnell geschilderten medizinischen Befund oder einen kurz umrissenen juristischen Sachverhalt hin Rat zu erteilen. Berufliche Sorgfaltspflichten und – wünsche stehen vor einer vermeintlich umstandslosen Hilfe.

Solche Sorgen haben Tanzkritiker nie. Werden sie nach ihrem Beruf gefragt und antworten ehrlich und nicht ausweichend – also nicht mit „Och, ich bin in der Unterhaltungsbranche“ – dann löst das selten ein „Was echt? Ist ja irre! Wie sehen Sie denn die Zweitbesetzung in Münchens „Dornröschen“? Im Rosen-Adagio doch sehr souverän, oder sehen Sie das anders? Haben Sie einen Tip für eine DVD oder ein neues Tanzbuch? Und wie alt muß meine Tochter sein, damit sie auf Spitze stehen darf?“ Nein, das kommt eigentlich nicht vor. Eher scheuen sich Tanzkritiker, sich als Tanzkritiker zu outen, weil sie ihre Mitmenschen so ungern in Verlegenheit bringen. „Ach, wie interessant….und was machen Sie da so?“ Dass man nicht gefragt wird, was man tagsüber macht, ist alles.

Manchmal allerdings entsteht aus der Verlegenheit, in die man seine Gesprächspartner bringt, auf deren Seite der Wunsch, schnell darüber hinwegzuspielen und eine Konversation, die wie entfernt immer mit dem Tanz zu tun hat, in Gang zu bringen.

Ein polnischer Taxifahrer, der seit dreißig Jahren in Köln lebt, erzählte aus diesem Grund eine schöne Geschichte. So gings los:

„Guten Tag, ich möchte zum Deutschlandfunk. Am Raderberggürtel, bitte. Sie wissen, wo?“„Ja, also, da fahre ich sehr selten hin. Aber wenn, dann sind es immer Prominente, die dort hin möchten.“ (Prüfender Blick des Taxifahrers in den Rückspiegel). „Nein“, sage ich, „da haben Sie mit mir Pech. Ich bin keine Prominente.“ (Prüfender zweiter Blick). „Was machen Sie dann da?“ „Ich bin Tanzkritikerin. Ich erzähle etwas über Tanz“. Jetzt kam das „Ah ja…..“ – siehe oben. Mir ist es unangenehm. Und dem Mann auch. Es fällt ihm etwas ein. „Wissen Sie, ich habe in meiner Kindheit auch getanzt!“ „Ja, wunderbar!“ sage ich. „Wie kam das denn?“ „Das war so. Unsere Nachbarin hatte zwei Töchter. Sehr hübsche Töchter. Und die eine ging in den Ballettunterricht. Wir wohnten in Waldenburg, an der tschechischen Grenze. Wissen Sie, wo das Riesengebirge liegt? Walbrzych liegt zwischen dem Riesengebirge und dem Eulengebirge. Naja, jedenfalls, meine Eltern arbeiteten beide und dachten, der Junge soll ruhig auch in die Ballettschule gehen, da ist er gut beschäftigt, wir sind ja nachmittags nicht zuhause. Ich ging also mit. Die Eingangshalle des Schulgebäudes, der Boden, die Wände, das Treppenhaus, das war alles aus Marmor. Mir und noch einem anderen Jungen gefiel der Ballettunterricht überhaupt nicht. Also gingen wir gar nicht erst rein. Wir nahmen uns alte Filzpuschen und sausten, solange die Stunde dauerte, quer durch das ganze Schulgebäude. Wie auf Schlittschuhen. Es war herrlich. Wie heute in den Schlössern. Aber nach einem halben Jahr kam es raus, dass wir uns im Unterricht nie hatten blicken lassen. Da wurde ich abgemeldet. Schade.“Ach, nächstes Mal sage ich ohne soviel Skrupel, was ich bin. Mal sehen, was dann kommt.


1 Lesermeinung

  1. Ich habe nicht gewusst, das...
    Ich habe nicht gewusst, das hier, bei FAZ so viele Lyrik im Prosa finden werde.
    Von Wiebke Hüster gibt ein „andere“n: „Klassiker der Balett-Literatur….“ noch..
    Ich habe sofort meine „Krieg und Frieden“ -sehr alte Ausgabe aufgeschlagen- und lese ich jetzt :“Eh, bien, mon price,…et Lucques ne sont plus que des apanages, als Erbgüter, de la famillie Bounaparte…“
    Ja, Balett, auf dem „Spitz“ zu stehen… Sie habe mit Ihren beiden Artikel für mich Freude bereitet. Danke. Im dem beide ist nur Schöheit und liebe zzu Kunst, sowohl zu Literatur und zu „Tanz“. LG. oglokea

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