Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Was werden Sie aus dem Staatsballett Berlin machen, Nacho Duato?

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Der Spanier Nacho Duato wird ab 2014/15 das Staatsballett Berlin leiten. Nach seinen Plänen hat "Aufforderung zum Tanz" in München gefragt, wo er mit seinem Mikhailowsky-Ballett gastiert

ND: In St. Petersburg ist noch Winter, also nicht russischer Winter, aber verglichen hier mit München Winter, es liegt Schnee, man findet noch keine Blattknospen an den Bäumen

AzT: Wann fängt der Frühling dort an?

ND: Ende Mai, und dann bringen die Leute Blumen nach draußen auf ihre Balkone, und die Stadt läßt die Parks mit blühenden Blumen bepflanzen. Aber bis dahin gibt es eigentlich nur zwei Farben draußen, nicht mehr

AzT: Sie kommen aus Spanien, wie müssen Sie Grün vermissen

ND: Ach, dort war mein Balkon das ganze Jahr über grün – die Calle Major von Madrid ist immer mit Blumen bepflanzt – Winterblumen, Sommerblumen….

AzT: Welche Erfahrungen haben Sie als Ballettdirektor in St. Petersburg gemacht und wie werden Sie den Wechsel nach Berlin gestalten?

ND: Ich werde nach Berlin umziehen, aber ich werde „Resident Choreographer“ in St. Petersburg bleiben. Das Mikhailowsky-Theater wird meine Stücke weiter spielen und wir werden in engem Kontakt bleiben. Ich werde regelmäßig meine Assistenten dorthin entsenden, um mit den Tänzern zu arbeiten und einmal im Jahr werde ich ihnen ein weiteres Stück geben. Wenn ich im August gehe, werden sie bereits zehn Choreographien von mir im Repertoire haben. Und die behalten sie natürlich auch. Darüber gibt es gar keinen Vertrag, aber die gehören ihnen erst einmal einfach – fast wie ein Geschenk: Vier abendfüllende Werke und sechs dreiteilige Abende.

AzT: Wann werden Sie nach Berlin umziehen?

ND: Im August 2014 beginnt mein Vertrag, aber ich werde bereits im Dezember 2013 nach Berlin umziehen. Ich brauche sechs Monate mindestens in der Stadt zur Vorbereitung. Nun, ich bereite mich natürlich längst vor und zwei oder drei Premieren stehen auch schon so gut wie fest.

AzT: Wirklich?

ND: Ja, aber ich kann noch nicht darüber sprechen. In diesen sechs Monaten werde ich mir auch etwas Zeit nehmen, noch einmal nach Spanien zurückzukehren, und mich etwas ausruhen. Im Mai habe ich auch ein Projekt in Spanien. Also fahre ich ein bißchen hin und her und führe natürlich alle notwendigen Gespräche.

AzT: Man hört, Ihre Verhältnisse am Mikhailowsky-Theater seien sehr gut.

ND: Ja, das stimmt, ich bin sehr zufrieden dort.

AzT: Was hat Sie dann bewogen, trotzdem Berlins Angebot anzunehmen?

ND: Sehen Sie, Berlin fragt mich jetzt zum dritten Mal: 1992, 2000 und 2012. Und jedes Mal mußte ich bisher nein sagen, ich war schließlich zwanzig Jahre lang in Madrid der Chef der Compania Nacional de Danza. Einmal stand ich schon am Flughafen, um zu Gesprächen nach Berlin zu fliegen, als mich der spanische Kulturminister anrief. So sagte ich Berlin beim ersten Mal ab: Ich erklärte Götz Friedrich, mit dem ich monatelang geredet hatte über die Deutsche Oper, es zöge mich stärker nach Hause, denn schließlich hatte ich sechzehn Jahre außerhalb Spaniens verbracht. Und 2000 riefen sie dann wieder an, noch bevor sie Vladimir Malakhov fragten. Damals sagte ich ab, weil die Company in Madrid ein phantastisches Niveau erreicht hatte und ich fühlte, dass wir noch weiter gehen könnten auf diesem Weg.

AzT: Oh, das wußte ich nicht.

ND: Ja, natürlich, niemand wußte das. Deshalb fragen jetzt alle, woher kommt plötzlich der Name Duato? Aber der kommt gar nicht so plötzlich.

AzT: Das war aber ein gutgehütetes Geheimnis.

ND: So, wie es sein soll. So wie ich zum jetzigen Zeitpunkt noch alle meine geplanten Programme für das Staatsballett Berlin geheimhalten. Darum sind die Kritiker wütend. Aber ich denke nicht, dass es professionell wäre, jetzt schon etwas auszuplaudern als Direktor, wo ich noch nicht einmal ein Büro bezogen habe. Wie kann ich Ihnen da meine Ideen darlegen, Ihnen sagen, welche Choreographen kommen werden? Jedenfalls habe ich nun beim dritten Mal zugesagt, denn in Spanien gibt es ein Sprichwort, das heißt übersetzt so ungefähr: „Beim dritten Mal gewinnst du“. Ehrlich gesagt, bin ich trotz der Klarheit meiner Entscheidung etwas hin- und hergerissen. Denn mein Herz ist bei meinen Tänzern in St. Petersburg. Es ist ein so besonderer Ort. Die Tänzer lieben mich und es ist mir wirklich ein ganz schönes Stück Veränderung gelungen. In der Ballettwelt dort hat sich einiges verändert. Und doch – ich glaube, der Augenblick nach Berlin zu gehen ist gekommen. Manchmal tut man Dinge rein aus der Intuition heraus. Ich bin sowieso kein analytischer Kopf. Ich fühle, ich sollte nach Berlin gehen.

AzT: Lernen Sie schon Deutsch?

ND: Ach wissen Sie, ich war neun Jahre in den Niederlanden und spreche kein Niederländisch. Es wird sicher kommen. Und in Berlin spricht ja jeder Englisch. Im Staatsballett gibt es ohnehin sehr wenige deutsche Tänzer. Bei der Arbeit werde ich also so zurechtkommen. Naja, und danach gehe ich nach Hause. Ich suche in Berlin nicht wirklich nach einem neuen gesellschaftlichen Leben. Ich werde das langsam angehen mit dem Deutsch und mich nicht verrückt machen. Es sieht ja auch sehr cool aus, mit einem Dolmetscher herumzulaufen. In Russland ist das für mich Alltag. Ich mag es, übersetzen zu lassen, selbst wenn ich das Gesagte verstanden habe, denn es bringt so eine Distanz ins Gespräch.

AzT: Also haben Sie etwas Russisch gelernt?

ND: Sehr wenig, es ist sehr schwer. Die meisten Tänzer verstehen Englisch, ich habe den Dolmetscher und wir verstehen uns meistens ohne Worte. Ich bin ein Choreograph, der nicht viel spricht im Ballettsaal. Ich erkläre keine großen Sachen über meine Ballette, denn sie handeln von ganz einfachen Dingen.

AzT: Also sind Sie glücklich am Mikhailowsky-Theater?

ND: Ja sehr, die Tänzer sind so lieb. Sie sind sehr traurig, dass ich gehe.

AzT: Bringen Sie welche von ihnen mit nach Berlin?

ND: Nein, ich nehme nie jemanden mit. Allenfalls im zweiten Jahr. Im zweiten Jahr in St.Petersburg engagierte ich einige Tänzer vom Bolschoi-Ballett hinzu, aber im ersten Jahr möchte ich erst einmal in Ruhe schauen, wer da ist und wie es mit ihnen geht. Man kann das erst nach einem Jahr beurteilen, ob man mit der Person weiterarbeiten möchte oder nicht. Manche Tänzer blühen doch erst nach vier Monaten mit einem neuen Choreographen auf. Ich bringe auch nur einen Assistenten mit, eine Person brauche ich natürlich, die mein Vokabular, meine Bewegungen kennt.

AzT: Werden Sie mit Dr. Christiane Theobald arbeiten?

ND: Selbstverständlich. Ich arbeite ganz einfach mit allen Leuten, die da sind weiter. Und dann sieht man ja. Natürlich habe ich sechs Assistenten und zwanzig Tänzer, die gerne mitkämen. Aber wie sähe das denn aus? Polina Semionova kommt aber mit, als Gast.

AzT: Sie kommt für Sie zurück?

ND: Ja, sie wird alle Premieren tanzen. Ich liebe sie. Gerade tanzt sie ein Ballett von mir in London und im September wird sie fünf Vorstellungen geben als Julia . So eine wunderbare Tänzerin. Sie lebt in Berlin und tanzt bei mir. Die Neuerungen kommen dann später so ein bißchen durch die Hintertür.

AzT: Unter Malakhov waren Sie bereits als Gastchoreograph in Berlin

ND: Oh ja, ich kenne ihn gut. Ich weiß nicht, wie er sich fühlt im Augenblick, er wird traurig sein, ich bin ja auch traurig, das Mikhailowsky zu verlassen. Ich denke, er hat sehr gute Arbeit geleistet in Berlin und es wird nicht einfach sein, in seine Fußstapfen zu treten. Er ist ein großer Star und ein lieber Kerl, den die Leute mögen. Aber jetzt wollen sie in Berlin eben einen Wechsel. Vielleicht gibt es etwas Spannung da zwischen uns im Moment, aber das werden wir bereden. Und ich habe mich ja schließlich nicht beworben für den Job.

AzT: Nein?

ND: Aber für solche Posten bewirbt man sich doch nicht. Leute reden über Sie. Ein Jiri Kyliàn oder ich präsentieren doch nicht irgendwo irgendwelche Projekte. Es ist bekannt, wer ich bin, und wie meine Karriere bisher verlaufen ist. Die entscheidenden Gremien in Berlin waren zu hundert Prozent für mich.

AzT: Ich würde erwarten, dass eine Compagnie wie das Staatsballett Berlin eine wirklich beispielgebende Dramaturgie entwickelt, so dass Berlin wirklich so eine Art nationales Schaufenster des Tanzes wird.

ND: Das sehe ich genauso.

AzT: Oh gut! Weil Herr Malakhov das nicht getan hat. Also werden Sie die Spielzeit nicht jeweils mit einer Gala eröffnen.

ND: Ich mag keine Galas. Sie zählen zum Langweiligsten auf der Welt. Bei manchen Gelegenheiten sind sie dennoch unvermeidbar. Die Russen lieben Galas. Ich habe auch eine gemacht.

AzT: Ich finde Galas wichtig, aber doch nicht,um eine Saison zu eröffnen.

ND: Hören Sie zu. Ich finde nicht, dass der Ballettdirektor eine Person sein sollte, die dauernd sagt, dies machen wir so und jenes so. Er ist nicht derjenige, der schon weit in die Zukunft blicken kann und vorhersagt, was Jahre später getanzt werden soll. Nein. Man kommt an einen neuen Ort und muß zuhören, den Körpern und Seelen der Tänzer lauschen. Dem Publikum muß man auch zuhören. Man muß ein Gespür für die Stadt entwickeln, lesen, was ihre Kritiker schreiben, erfahren, was der Musikalische Direktor Ihnen rät.

AzT: Das sehe ich ganz anders.

ND: Es muß sich langsam entwickeln. Natürlich bin ich der Direktor, aber man muß zuhören. Nicht, dass man eine Art Laden wäre, in dem die Leute kaufen können, was sie sich wünschen. Aber es muß eine Konversation entstehen. Und das fehlt im Augenblick.

AzT: Aha.

ND: Sie geben ja schließlich öffentliche Gelder aus, da müssen Sie doch vorsichtig sein. Und darum werde ich das klassische Repertoire tanzen lassen, das neoklassische, und natürlich meine Werke. Ein großes Ballett von mir gibt es jedes Jahr und dann lade ich die Großen ein, so wie Jiri Kyliàn, Ohad Naharin oder Mats Ek. Man muß natürlich auch die jungen Choreographen fördern. Ich hätte auch sehr gerne eine Junior Company, aber das ist ein Projekt nicht gleich fürs erste Jahr. Ich finde diese Junior Companies so wichtig. Hier gebe ich jetzt den Münchnern wieder ein Stück von mir für die Jungen, sie haben schon drei. Ich liebe es, mit den Tänzern der Zukunft zu arbeiten.

AzT: Eine größere stilistische Sicherheit und Vielfalt und originellere Auswahl wäre wünschenswert.

ND: Die Pariser Oper versucht das, aber ich glaube, Tänzer können nicht heute Bournonville und dann wieder einen Béjart aus den siebziger Jahren tanzen, das ist zu verschieden. Und darum denke ich, klassisches Repertoire, etwas Neoklassik und dann zeitgenössische Werke, die für die Tänzer geschaffen werden, das ist das Richtige.

AzT: Für Sie als Choreograph sind welche Komponisten wichtig? Was möchten Sie die nächsten Jahre machen?

ND: So gehe ich da nicht heran. Ich verkaufe doch kein Essen. Mit meinem Vertrag unterzeichne ich, dass ich meine Kreativität dieser Compagnie widme, aber ein Jahr mache ich vielleicht ein Ballett, ein anderes Jahr ist mir nach zweien, und wenn ich gar nichts machen möchte, ist es besser, jemand anderen für ein neues Stück einzuladen. Sonst wird man eine Fabrik die Ballette produziert.

 


3 Lesermeinungen

  1. Die ist auf meinem Band, aber ich habe keine Zeile ausgelassen, kein Wort, um genau zu sein, und sehr wortwörtlich übersetzt. Ich habe mich entschieden, es auf Deutsch zu bloggen, aber ich verstehe, für viele Tänzer ist das nicht so praktisch…

  2. Yes, we can!
    Ja, sehr viel besser so. Ist die englische Fassung „available“?

  3. Vielen Dank
    Da sieh mal einer an: kaum spricht mal einer (hier: eine) mit Herrn Duato wie ein zivilisierter Mensch, dann gibt es eine Fülle interessanter Informationen und Ausblicke. Auch Differenzen werden ausgesprochen, wie das mündige Leute im Gespräch tun.

    Man vergleiche damit mal das Duato-Bashing, das derzeit gerade eine Herde ganz, ganz wichtiger Hauptstadt-Journalisten betreibt. Vorläufiger Höhepunkt die ebenso gehässige wie manipulativ-unaufrichtige Dornröschen-Kritik (Version Duato, gerade in München gezeigt) eines Manuel Brug, in der selbstredend wieder die verleumderische Mär aufgewärmt wird, die Berliner Entscheidung sei nach dem Angucken eines Videos durch einen Ignoranten erfolgt.

    Liebe Frau Hüster, manchmal haben Sie ja ein spitzes Mundwerk, und darüber regt sich dann der eine oder andere auf. Aber an diesem sehr guten Stück Ballett-Journalismus sieht man doch, was man an Ihnen hat! Danke sehr!

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