Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Waldfee sucht Bauer

Jetzt auf DVD: 1836 zieht die Sylphide von Paris nach Kopenhagen um. Dem Choreographen, in dessen Auftrag sie über die Bühne der Königlichen Oper schwebt, ist der erfolgreiche Waldgeist unheimlich

Für ihn, Auguste Bournonville, habe die Sylphide in einigen Hinsichten eine ähnlich verhängnisvolle Rolle gespielt wie für James, den schottischen Bauern, sagt der französische Tänzer, der als Ballettmeister in Kopenhagen die Ballettgeschichte um einige ihrer schönsten Werke ergänzte und um einen vollkommen neuen Tanzstil. Auch für ihn, sagt der 1805 geborene Choreograph in seinen Memoiren, sei die Sylphide ein böser Engel gewesen, der seinen giftigen Atem auf jede Pflanze, die an seinem Weg wuchs, hauchte, und deren Tritt auf die Blätter, die sie zerdrückte und ruinierte, nicht leichtfüßig gewesen sei.

Das klingt nach dunkler Romantik. Dabei war Bournonvilles Romantik recht eigentlich nicht schwarz, sondern auf helle Weise anmutig, dem Leben zugewandt.

Ärger gab es, weil es Bournonville in Paris Filippo Taglionis Version von „La Sylphide“ angetan hatte, mit dessen Tochter Marie Taglioni in der Rolle der geflügelten Waldfee, und er das Ballett gerne für Kopenhagen kaufen wollte. Die Musik von Jean Schneitzhoeffer aber sollte zu viel kosten. Da resignierte Bournonville, beauftrage den dänischen Komponisten Herman Severin Loevenskjold mit einer neuen Musik und machte sich dann daran, zu ihr eine neue Choreographie zu erschaffen. Das geschah, weil ihm seine Schülerin Lucille Grahn derart talentiert und ähnlich begabt wie Taglioni erschien, dass diese Rolle ihm besonders geeignet erschien, um die Ballerina zu fördern. Taglioni, die in der Pariser Premiere 1832 gefeiert wurde, löste in Europa den Sylphiden-Wahn aus und tanzte das Stück in London, St. Petersburg und Mailand. Es verbreitete sich wie ein Fieber.

Bournonville“s „Sylfiden“ wurde von Paris trotz neuer Musik und eigener Choreographie als Plagiat verfolgt. Heute kennen wir nur noch seine 1836 uraufgeführte Version, obwohl Pierre Lacotte mit seiner Frau Ghislaine Thesmar als Sylphide 1972 eine Rekonstruktion Taglionis versucht hat, die sich bis heute im Repertoire der Pariser Oper befindet.

Das Label „ ica Classics“ hat jetzt unter dem Titel „Choreography by Bournonville“„La Sylphide“ in einer historischen Aufnahme auf DVD (ICAD 5099) herausgebracht. In der „Legacy“-Reihe des Labels erscheinen historische Live-Übertragungen und Studioproduktionen der BBC, die noch nie auf DVD veröffentlicht worden sind. In der Hauptsache sind dies Fernsehmitschnitte von Konzerten unterschiedlichster Orchester, Dirigenten und Komponisten, aber dazwischen glitzern ein paar Juwele der Ballettgeschichte – Frederick Ashtons „La Fille mal gardée“ etwa mit Nadia Nerina, David Blair, und Stanley Holden (ICAD 5088) oder John Cranko’s „The Lady and the Fool“ und „Pineapple Poll“ (ICAD 5040).

Die Besetzung dieser 1961 an zwei Wintertagen in den Londoner Studios der BBC gefilmten und im April des Jahres ausgestrahlten Produktion der Sylphide ist außergewöhnlich brillant. Der Däne Flemming Flindt, einer der berühmtesten Tänzer seines Landes damals, wurde später Direktor des Königlichen Dänischen Balletts. Er war es, der Rudolf Nurejew davon überzeugte, die klassischen Partien abzugeben und in modernen Stücken aufzutreten. 1991 schuf er das Ballett „Tod in Venedig“ nach Thomas Mann mit Nurejew als Gustav Aschenbach. 1936 geboren, ist er noch ein sehr junger James auf der DVD, doch seine Interpretation der Rolle des schottischen Bauern, dem eine Waldfee erscheint, worauf er seine Braut am Hochzeitstag stehen läßt ist sehr bewegend. Er stellt mit Entrechat Six‘ seine Sprungkraft und die Schnelligkeit und Exaktheit seiner Batterien unter Beweis, spielt aber auch mit einer anrührend scheuen Jugendlichkeit und Verletzlichkeit.

Flindt tanzt auf dem Bonus-Track den Pas de deux aus dem II. Akt mit der in Schweden geborenen Baronin Elsa-Marianne von Rosen, die als erste Ausländerin an der Ballettschule in Kopenhagen studieren durfte, mit dem „Ballet Russe de Monte-Carlo“ auftrat und in dem Strindberg-Ballett „Fräulein Julie“ von Birgit Cullberg die Hauptrolle kreierte.

Außerdem bekommt man noch den Pas de deux aus Bournonville’s „Blumenfest in Genzano“, getanzt von Merle Park und Rudolf Nurejew, 1974, als sein Können und seine Kraft noch keinen Anlaß boten ihm nahezulegen, es sanfter angehen zu lassen.