Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Haben wir nicht alle Körper? Oder habe ich ein Meeting verpasst?

Wir alle haben Körper, nur machen wir nicht alle etwas daraus. Das ist voreingenommen und der Kreativität nicht förderlich, so Sir Ken Robinson. Warum auch der Geist des Körpers Tanzuntericht braucht.

Eine meiner liebsten Rubriken in Zeitschriften lautet „Ist es okay wenn…?“. Als Kritikerin leuchten einem Ratgeber- oder Erörterungsseiten naturgemäß ein. Ist es zum Beispiel okay, sich an fremde Autos anzulehnen? Kevin, der dreiundzwanzigjährige Freund unseres Babysitters, findet nein. Er würde jedem, der sich an sein – Kevins – Auto lehnt, sofort empfehlen, sich zu entfernen, oder derjenige bekäme das Angebot, mit demselben Auto gerammt zu werden. „Überfahren“, sagte er, um genau zu sein, grinsend. Hm. Das ist unmißverständlich, aber ist es auch praktikabel?

Als ich jetzt am Flughafen zu meinem Auto ins Parkhaus zurückkam, lehnte da ein Typ am Heck und trank Bier. In der Parklücke daneben standen in der offenen Kofferraumklappe seine Freunde. „Von all den Besitzern der tausend Autos, die hier stehen, kommen ausgerechnet Sie in diesem Moment zurück“, seufzte einer aus der Clique entschuldigend und erklärte, sie seien eine Junggesellenabschiedsparty und ich sollte doch dableiben: „Ne Brezel? Ein Bier?“ Das spricht dafür, dass ihr Schuldbewußtsein sehr groß war, dass sie vermutlich im umgekehrten Fall auch Kevin-Impulse gehabt hätten. Äh, oder sie wollten mein Auto und mich kennenlernen.

In der Serie „Das starke Geschlecht zeigt sich von unerwarteter Seite“ gab auch der Sankt Nikolaus zu denken, der im Supermarkt Cellophanbeutelchen mit Nüssen und Mandarinen gegen Gedichte oder Lieder und auch ohne sie ausgab. Seine Zusatzqualifikation zur Nikolaus-Darstellung (Anlehnen, Bier trinken und Brezel essen kann er wahrscheinlich auch) bestand in Close-up Zauberei mit Münzen und Tüchern und dem Hantieren mit Ketchupflaschen, aus denen rote Wollwürste wie Ketchupspritzer herausschossen. Hat das mit dem postkapitalistischen Erwartungsdruck zu tun? Also, Weihnachtsmann sein reicht nicht mehr, man muß auch noch….? Und weibliche Autobesitzer zu Junggesellenparties in Parkhäusern einzuladen, hat das mit dem Werteverlust und der postkapitalistischen sozialen Orientierungslosigkeit der Bevölkerung zu tun? Habe ich eine Feuilletonkonferenz verpaßt?

Ich dachte immer, eine der besten Freizeitbeschäftigungen, also, wenn man nicht mit Fremden Bier trinkt oder dem Nikolaus beim Zaubern zuschaut, wäre es, in die Diskothek zu gehen und da mit Tänzern zu tanzen oder, wenn man sich nicht traut, ihnen wenigstens zuzuschauen. Aber die Leute, die man da nicht treffen wird, werden immer mehr, Hofesh Shechter zum Beispiel. Ein anderer ist Rainald Goetz, der mir sagte, Tanzen sei nur ganz oder gar nicht zu machen, und wenn man jetzt ein Leben und Arbeit zu erledigen hätte und Bücher geschrieben werden müßten, dann wäre es unmöglich, noch tanzen zu gehen. Tanzen als abgelegte Existenzform. Am Wochenende oder ab und zu geht gar nicht. Über tanzende Geistesmenschen, genauer Akademiker, macht sich der britische Bildungsforscher und Weltberater Sir Ken Robinson lustig. Er sagt, Akademiker seien Menschen, deren Körper zum Transport ihrer Köpfe vom Hörsaal in die Bibliothek und von dort zum nächsten Meeting dienten. Zur Überprüfung dieser These müsse man nur zu den Instituts-Parties gehen, die zum Ende internationaler Konferenzen gerne auch Tanzflächen einrichteten. Sein Punkt ist aber ein anderer. Robinson, dessen Reden bis zu 18 Millionen Klicks erzielen und deren eine die beliebteste TED-Lecture aller Zeiten ist, wundert sich, warum die Bildungssysteme nahezu aller Länder weltweit die gleiche Hierarchie des Fächerkanons einhielten: Oben stünden Mathematik und Sprachen, darunter Humanities, Geisteswissenschaften, und ganz unten die Künste, unterhalb von Musik und Bildender Kunst kämen, im Bildungskeller sozusagen, Theater und Tanz. Das sei merkwürdig, denn: „We all have bodies, don’t we? Did I miss a meeting?“ Nein, das Gehirn im Glas ist immer noch Science Fiction, Sir Ken, und es sind nach wie vor Körper, die Bier trinken oder Münzen in Ärmeln verschwinden lassen. Robinson erzählt die Geschichte einer Choreographin namens Gillian Lynne, die, wäre ADHS, also das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom damals in den fünfziger Jahren schon erfunden gewesen, sicherlich als Inhaberin davon diagnostiziert und medikamentiert worden wäre. So aber konnte der kluge Arzt, bei dem ihre Mutter sie wegen schulischer Unkonzentriertheit und Klassenkasperei vorstellte, feststellen, dass die Kleine sich zu Musik ausgezeichnet bewegte. „Lassen Sie sie tanzen lernen“, riet der Mediziner, et voilà, als Klein-Gillian ihre erste Ballettstunde erhielt, wußte sie, sie war unter ihresgleichen angekommen. Später choreographierte sie „Cats“ und „Phantom of the Opera“ und wurde eine glückliche Millionärin. Happy Dance End, yes, indeed. Aber Mathematik war bestimmt für die Überprüfung der Verträge mit Agenten und Theatern nicht ganz unwichtig für Mrs. Lynne, Sir Ken.