Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Tanzen die Hummer wirklich, David Graeber?

Spielen und tanzen die Ameisen, die Fische, die Hummer? Nur so zum Vergnügen? Ist ja empörend, dieser Verdacht. Könnte aber wahr sein, dem Anthropologen Graeber zufolge

Die Neigung mancher Geisteswissenschaftler zum Tanz trägt nicht immer dazu bei, den Gegenstand scharf umrissener und genauer definiert hervortreten zu lassen. Texte über Tanz fangen gerne ganz von vorne an: „Tanz ist Kunst und Leben, ist kreative Praxis und kulturelles Produkt zugleich. Tanz verbindet und trennt, bewegt und unterhält, er inspiriert und provoziert, kommentiert und kritisiert.“ Ja, und am Wochenende, wenn der Tanz frei hat, dann kocht er sich Vanillepudding mit Schokoladensoße.

Anders als die anderen Künste würde Tanz rezipiert, meint der Philosoph Jean-Luc Nancy. Botschaften und Sinneseindrücke übertrügen sich überall, nur im Tanz sei es damit schwierig: „Der Tanz jedoch scheint zu beginnen, bevor er überhaupt sinnlich wahrnehmbar ist, oder vielmehr, bevor wir mit sensiblen Organen ausgestattet sind. Er scheint vor der Sinneswahrnehmung zu beginnen, vor jedem Sinn überhaupt, in welchem Sinn des Wortes Sinn auch immer.“ Wer gedacht hatte, Philosophen seien diese Leute, die das logische Denken ins Spiel bringen, weil es mit den Sinneswahrnehmungen eben so eine Sache ist, so eine unzuverlässige, der sieht sich durch Nancy eines Besseren belehrt. Ja, solche unsensiblen Klötze werden auch nicht begreifen, was der „Tanzsinn“ist: „ein Sinn vor der Öffnung der Sinne: ein Sinn, der sich schon vor sie geschoben hat und in ihre Entfaltung selbst, oder vielmehr als diese Entfaltung. Ein gewendeter Sinn, ge- und entfaltet auf die Öffnungen der Sinne hin. Ein Sinn, der die Sinne entfaltet, der den Sinn entfaltet oder entbindet“……Es gibt Texte, die können einen in die Ohnmacht hineinreden.

Da hilft der amerikanische Anthropologe David Graeber wieder heraus. Der Titel seines in der Zeitschrift „The Baffler“ erschienenen Aufsatzes lautet „What’s the point if we can’t have fun?“. Oder wenn wir jedenfalls unter Spaß etwas vollkommen anderes verstehen als Monsieur Nancy?

Die Leute, die Graeber zufolge keinen Spaß verstehen sind Tierverhaltensforscher, deren Annahmen über animalisches Benehmen auf Analogien zu ökonomischen Transaktionen beruhen. Das heißt, jeder Energieaufwand eines Tieres dient einem Zweck, sei es der Nahrungssuche, der Verteidigung des Territorums, der Dominanz in der Hierarchie, oder der Fortpflanzung. Und wer etwas anderes behauptet, so die Wissenschaftler, der möge den Beweis antreten.

Als milde Form von Exzentrik wird Interesse an Forschung über spielerisches, zweckfreies Verhalten von Tieren belächelt. Gleichwohl, meint Graeber, sei ohne Zweifel Spiel, Tanz und Hallodria in der Tierwelt an der Tagesordnung, und zwar nicht nur bei den Delphinen oder den bekanntermaßen frivolen Affen. Ameisen unterhielten sich mit der Inszenierung von Ameisenkriegsschlachten, „just for the fun of it“.

Warum nun spielen Tiere, so Graebers Rhetorik, die sich selbst entgegnet, na, warum sollen sie denn nicht spielen. Die richtige Frage laute ganz anders. Die laute, was sind wir Menschen bloß für Geschöpfe, dass wir die Annahme, Tiere würden spielen, für so merkwürdig halten? Das interessiert den Anthropologen. Er schickt die Bemerkung voraus, bereits zu Darwins Zeiten seien auf die biologische Welt ökonomische Begriffe angewendet worden.

1902 aber stellt der unvoreingenommene russische Forscher Peter Kropotkin fest, Tiere liebten Spiele, sie rängen miteinander und jagten und neckten sich. Und während in einigen dieser Spielen Übungen und Training für das Überleben zu sehen seien – Spiele üben Kraft, Geschicklichkeit und Ausdauer – so seien andere Spiele, wie auch das Tanzen und Singen, ein Ventil überschüssiger Kräfte und Ausdruck der puren Freude am Leben. Tiere empfänden Kommunikation als Bedürfnis, sei es innerhalb ihrer eigenen Spezies oder mit fremden.

Die eigenen Kapazitäten voll auszuschöpfen hieße, Vergnügen aus der eigenen Existenz zu ziehen, so Graeber. Teilt man dieses Vergnügen mit anderen, vermehrt es sich.

Wie im Tanz.

Doch wenn selbst die Hummer tanzen, kriegen Verhaltensforscher, die Schalentiere für völlige Roboter halten, ein Problem. Niemand hört gerne, dass diese zappelnden Dinger, die er in kochendes Wasser geworfen hat, um sie zu essen, vielleicht doch empfinden.

Drehen wir das Ganze um, meint Graeber, das Spiel ist nicht das Ungewöhnliche, sondern das zugrundeliegende Prinzip, Physiker, Chemiker und Biologen nennen es „Selbst-organisierende Systeme“.

Der freie Wille, der Geist….wie paßt dieses Konzept in das andere?

Elektronen – sozusagen am anderen Ende physikalischer Realität – tanzen, sie sind frei, ihren unvorhersagbaren Bewegungen können keine wie immer gearteten Expansions-, Vererbungs-, Machtetablierungs- Absichten unterstellt werden. Man könnte also, so Graeber, die rudimentärste Form des Spiels bei den Elektronen feststellen und von da aus annehmen, dass auf allen Stufen der Natur das Prinzip des Spiels anzutreffen ist. Wenn das Prinzip der Natur ist, dass jedes Lebewesen seine Möglichkeiten vollständig ausschöpft und darin Vergnügen findet….

Danke, Professor Graeber, das erklärt, warum Tanz mir noch nie als etwas Ungewöhnliches erschienen ist, und warum Tanz, der seine Möglichkeiten voll auskostet, choreographisch, tänzerisch, dramaturgisch, musikalisch sehr hohe Schwierigkeitsgrade meistert, interessanter ist als weniger komplexere Formen.

Der Essay „What’s the point if we can’t have fun?“ ist hier https://thebaffler.com/past/whats_the_point_if_we_cant_have_fun erschienen: