Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Die fröhlichen Seiten der Digitalisierung

New York ist verdammt weit weg. Jetzt aber können wir diesseits des Atlantiks Tanzfilme anschauen, die da drüben im Regal stehen. Wow! Wie Youtube, aber besser, mit Katalog.

 

Tanz ist eine Metropolenkunst, und wenn man die amerikanischen Tanzkritiker liest, könnte man glauben, alle außerhalb New Yorks lebten in der Diaspora. Aber vielleicht wird man auch nur neidisch, wenn man darüber nachdenkt, dass sich die New Yorker Tanzzuschauer nie wirklich viel bewegen müssen. Sie benutzen gar nichts anderes als U-Bahnen, Busse, Taxis oder Fahrräder um alles zu sehen, was von irgendeiner Bedeutung ist. Sehen sie guten Tanz, können sie danach ausgehen und feiern, sehen sie schlechten, können sie sich eine halbe Stunde später zuhause in die Badewanne legen oder eine Folge „Luther“ schauen.

Da ist es nur fair, wenn eine legendäre Institution derselben tanzbegünstigten Region sich anschickt, jene Nachteile, die es mit sich bringt, im Rest der Welt zu leben, etwas aufzuwiegen. Die „New York Public Library“ hat sich darangemacht, ihre mehr als 23 000 Tanzvideos, die in der „Jerome Robbins Dance Division“ der „Library for the Performing Arts“aufbewahrt werden, zu digitalisieren. Schon wird ein Teil der Bestände online zugänglich, andere hingegen erfordern die körperliche Anwesenheit des Forschenden – in-library use only, wenn es sich um jene Dokumente handelt, die nur vor Ort einzusehen sind.

https://www.nypl.org/locations/tid/55/lpa-collections

Das wild und unsystematisch wachsende Youtube-Archiv an Tänzen ist an sich schon beeindruckend. Immer wieder kann man da über den schönsten Videos vergessen, dass der Tag nur vierundzwanzig Stunden hat und selbst Leute, die ihr Geld mit Tanz verdienen, es gleichwohl verdienen müssen. Gerade bin ich hängengeblieben bei einem siebzigminütigen Interview mit Mikhail Baryshnikov, das Ian Brown vom kanadischen Banff Centre mit ihm im vergangenen November führte. Brown fängt schon so witzig an und sagt, viele solcher öffentliche Befragungen von Prominenten begännen mit dem Satz „Ladies and Gentleman, meinen heutigen Gast muß ich nicht vorstellen!“ – und genau träfe natürlich auch auf Mikhail Baryshnikov zu, er aber, Brown, hätte für seinen, Baryshnikov, doch gerne eine solche Vorstellung vorbereitet und würde diese auch präsentieren. Also: In Riga geborener Sohn russischer Eltern, meldet sich selbst im Alter von neun Jahren zum Ballettunterricht an, besteht die Aufnahmeprüfung, etc. wird ein berühmter Tänzer, bleibt 1974 im Westen, wird dort noch berühmter, leitet das American Ballet Theatre, gründet das White Oak Dance Project, dreht öfter Filme, ja, gründet in New York das „Baryshnikov Arts Centre“ und spielt Carrie Bradshaws Liebhaber in „Sex and the City“. Da ist er der „older russian guy, der das girl am Ende nicht bekommt“, so Brown, das Banff Centre lacht sich tot, und Brown setzt fort: „Das dürfte der einzige Fall in Ihrer Karriere sein, in dem die Sache so ausging.“ Natürlich reden die beiden eine Menge ernsthafter Sachen, zum Beispiel wie ganz und gar uncholerisch Baryshnikovs wundervoller Lehrer Alexander Pushkin war. Wie sanft er sprach und was für ein feinsinniger Mann er war. Er verstand es, seine Schüler dahin zu bringen, dass sie taten, was er lehrte, ohne je zu brüllen.

Und es stimmt, thanks you tube, dass er le grand grand solo in „Le Corsaire“ besser tanzte als Rudolf Nurejew.

Und so schlecht sind Tanzkritiker übrigens nicht: Daran, dass Baryshnikov vor fast genau vierzig Jahren, am 29.Juni 1974 in Toronto das Theater verließ, in dem er mit dem Bolschoi aufgetreten war, um politisches Asyl zu bekommen, lag an einem Anruf von Trish Barnes, der Ehefrau des Kritikers Clive Barnes, bei John Fraser, dem kanadischen Kritiker. Sie gab ihm Namen und Telefonnummern von drei emigrierten russischen Freunden Baryshnikovs. Beim Empfang überreichte Fraser diesen Zettel vorsichtig dem Tänzer, und half, seine Flucht ein paar Tage später zu organisieren. Alles ohne Handys, phantastisch, dass Fraser an seinem Schreibtisch saß, als Mrs. Barnes anrief, in einem nicht verwanzten Büro, super.

Ein Film, der noch vor seiner Digitalisierung steht, aber auf Materialien aus privaten und öffentlichen Archiven zurückgegriffen hat, ist „Afternoon of a Faun – Tanaquil Le Clercq“. Nancy Buirskis Porträt der wunderschönen tänzerischen Ausnahmebegabung Le Clercq, ausgebildet, angebetet von und dann verheiratet mit George Balanchine. Im Alter von 27 Jahren, als sie ihn schon zu zahlreichen Balletten angeregt hatte, in denen sie phantastische Partien gestaltete, erkrankte Le Clercq an spinaler Kinderlähmung. Nicht nur Balanchine, der für sie sorgte, sich aber irgendwann von ihr trennte, liebte sie, ein Leben lang verehrte und umhegte Jerome Robbins sie mit seiner zärtlichen, zugewandten Liebe und Freundschaft. Der Film wurde auf der letzten Berlinale gezeigt und läuft seit Jahresbeginn in amerikanischen Kinos. Hallo, deutsche Verleihe, wer von Ihnen möchte das übernehmen!? Tanzfilme laufen doch super, siehe die ständigen weltweiten Live-Übertragungen großer Ballettcompagnien in Kinos.

https://www.afternoonofafaun.com