Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Fünf-Prozent-Hürde des Tanzes, und was Nacho Duato am Staatsballett Berlin wirklich macht, updated

Youtube vergißt nichts, auch nicht die größten ästhetischen Blamagen. Kann man sie ja auch gleich wieder auf die Bühne zurückbringen! Und wohin William Forsythe geht. Weit weg nämlich

Bevor man sich noch ganz von der Überraschung erholt hat, die einem die unwahrscheinlich gute Olesya Novikova bereitet, indem sie eine sehr merkwürdige „Aurora-Variation“ präsentiert (siehe youtube) ist auch schon das passende Interview dazu entdeckt, am selben Ort. „Denken Sie nicht an Petipa, wenn Sie meine Choreographie sehen, denn sie hat nichts mit ihm zu tun“, sagt Nacho Duato da im russischen Fernsehen anläßlich seiner „Dornröschen“-Premiere im Mikhailovsky-Theater. Das Problem ist bekannt. Nichts, das man je gesagt hat, gerät in Vergessenheit, es kommt immer irgendsoein Depp und findet es im Internet.

Im Falle Nacho Duatos, der sich 2011 dergestalt von Marius Petipa und dessen „Dornröschen“ abgrenzte, ist die Sache noch schlimmer. Er selber wird womöglich diese Phrase wiederholen, wenn sein, Duatos, „Dornröschen“ im Februar 2015 Premiere beim Staatsballett Berlin hat, dessen Direktor der Spanier von der kommenden Saison an sein wird. Juan Ignacio Duato Barcia, wie der 1957 geborene frühere Leiter der Compania Nacional de Danza in Madrid mit vollem Namen heißt, hat hier und da getanzt und schließlich seine tänzerische Heimat im Nederlands Dans Theater entdeckt. Aus dieser Arbeitsperiode stammt seine ästhetische Verbundenheit mit Jiri Kyliàn, dem ehemaligen Chef des Nederlands Dans Theater. Außer einem Ballettabend mit Choreographien von Duato und Kylian kommt letzterer mit einem eigenen Ensemble zum Gastspiel. Die „Kylworks“ hat der 1947 geborene Tscheche eben taufrisch gegründet. www.jirikylian.com

Jedenfalls auf Herrn Duato zurückzukommen, er erklärt in dieser absolut augenöffnenden Befragung, Musik von Tschaikowsky habe er vor dem „Dornröschen“ nie angefasst, Wagner schon, aber Tschaikowsky nicht und sein Respekt vor Petipa sei so groß, er würde seine dirty hands nicht auf dessen wunderschöne Arbeit legen. Darum eben würde er etwas ganz Neues machen in „Dornröschen“. Das Pech ist nur, Nacho Ignacio, dass Ihre Tänzer auf Spitze stehen und Krönchen und Tutus tragen und das furchtbare Umhergestakse rückwärts und die plötzlichen Ausbrüche in – Arabeske! Und Arabeske! Und Arabeske! – nur zu schrecklich daran erinnern, was diesem Desaster historisch zugrundeliegt. Um den Modernen zu geben, der alles anders macht, muß man ein neues Inszenierungskonzept haben, so wie Mats Ek, der das Dornröschen in die Drogenszene abgleiten läßt (Verwöhntes, einsames Kind reicher Eltern, Spindel, das kriegt man irgendwie zusammen). Eks Version hat Witz und Tempo und eine eigene zeitgenössische Tanzsprache und detailliert und individuell herausgearbeitete Charaktere.

Warum das Staatsballett Berlin Nacho Duato in die Hände gelegt wurde, kann nur Klaus Wowereit erklären oder André Schmitz oder vielleicht haben die es auch schon vergessen falls sie es je wußten.

Bald wird es in Deutschland außer in München, in Karlsruhe oder Stuttgart keine ernstzunehmenden Klassikerversionen mehr geben, in Berlin offensichtlich nicht.

Gegen den künstlerischen Bedeutungsverlust an und ganz auf Seiten der dessen ungeachtet wachsenden Publikumsliebe zum Tanz argumentiert der Dachverband Tanz und setzt auf politische Inschutznahme und stärkere Förderung der schwächsten Sparte an Dreispartenhäusern. In Berlin hat man getagt, Anlaß die Tatsache, dass die Förderung des Tanzes in der Koalitionsvereinbarung von CDU/CSU und SPD festgehalten ist. Bisher, so die Presseerklärung der Veranstalter, mache die Förderung des Tanzes wenig mehr als fünf Prozent aller Mittel aus, die den Darstellenden Künsten insgesamt überlassen sind. www.dachverband-tanz.de

Fünf Prozent. Tänzer, da ist noch was zu holen. Ballettdirektoren, geht nochmal zurück in eure Häuser und redet mit euren Intendanten. Ich frage ab morgen auch mal wieder herum in den Theatern. Wieviel Prozent gibt man denn bei Ihnen dem Tanz? Und darf der Tanz sein Budget selbst verteilen und weiß der Tanz verläßlich, wieviel es gibt und wieviel Prozent das sind?

Fünf Prozent. Logisch. Es heißt ja Fünfprozenthürde. Fünf Prozent ist noch unter lächerlich wenig.

Wer demnächst all diesen Tanzförderfragen und Company-Unterhaltslasten den Rücken zukehrt ist der vierundsechzigjährige William Forsythe. Noch muss sein Wunsch, The Forsythe Company künftig von Ex-Forsythe-Tänzer Jacopo Godani leiten zu lassen, im Magistrat der Stadt Frankfurt genügend Unterstützung finden, aber fest steht schon, dass der weltberühmte Choreograph in Los Angeles lehren wird, und zwar an der University of Southern California Glorya Kaufman School of Dance. Der neue Professor wird dort auch interdisziplinär arbeiten und forschen können. Wie heißt es so trefflich im Märchen? Etwas besseres als fünf Prozent findest du allemal.