Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Nachts in einem Reisebus, jetzt

Nach Hause, nach einem Interview, auf verregneten Umwegen. Nur aus London...

Diese Worte sind über den Wolken geschrieben, 19 000 Fuß hoch in einer British Airways BA Cityflyer Embraer 170, die ich niemals die Absicht hatte zu besteigen. Sie fliegt im Augenblick, 21:18 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, über England in Richtung Düsseldorf. Nach Düsseldorf wollte ich nie fliegen. Heute vormittag bin ich von Frankfurt nach London City Airport geflogen, um den außergewöhnlichen Choreographen Michael Clark zu treffen und eine Probe seiner Produktion „Animal, Vegetable, Mineral“ anzuschauen. „Mineral Water“, wie Clark im sommerheißen London scherzt, bevor er umschwenkt auf „Salt, the Silent Killer“. Zum Tier und zum Gemüse des Titels sagt er nichts. Fleisch, Gemüse und Salz wären ein Mittagessen. Das fällt aber aus. Er geht irgendwann eine Zigarette rauchen und kommt mit Ingwerbier und Süßigkeiten zurück. Michael Clark teilt mit mir ein Curly Whurly, zum Zopf gedrehtes und mit Schokolade überzogenes bißfestes Karamell, eine Süßigkeit, die es auch in Deutschland gab, als ich ein Kind war. Er hatte den Konferenzraum der Toynbee Studios in kurzen Hosen und einem hellblauen kurzärmeligen T-Shirt und blauen Turnschuhen mit dicken Sohlen betreten. Als eine Art Sommermantel trug er einen blauen knielangen Arbeitskittel, wie ihn in alten Tatorten die Hausmeister anhaben und in Hüftlänge Bertolt Brecht trug. Sein kurzgeschorener Schädel mit der Sicherheitsnadel im rechten Ohr sah aus wie immer. Dreiundfünfzig Jahre alt, trägt er den Kopf mit der unleugbaren Anmut des klassischen Tänzers. Wir gehen ins Studio und die Tänzer zeigen mir eine Sequenz zu „New York“ von den Sex Pistols. „Das ist mein „Anti -New-York-Stück“ grinst Clark. 22:34 Uhr, wieder am Boden. Inzwischen sitzen die anderen Umgebuchten, die auch nie nach Düsseldorf wollten heute nacht, in einem Reisebus, ich auch, Thank God, sechzehn Personen und ein Fahrer in einem riesigen Reisebus, der zwei Stunden und vierzig Minuten brauchen wird bis zum Frankfurter Flughafen, wo wir um 1 Uhr morgens ankommen sollen. Die Fluglinie wollte nicht mehr losfliegen wegen Unwettern in Frankfurt. Die meisten Passagiere konnten nicht nach Düsseldorf umgebucht werden sondern sind mit Taxis in Londoner 5-Sterne-Hotels gefahren worden und fliegen morgen früh nach Frankfurt. Auf der Autobahn gießt es in Strömen. 23:09 Uhr Noch einhundertsiebzig Kilometer. Michael Clarks Stück „Animal, Vegetable, Mineral“ wird im August in Hamburg und Berlin gastieren und Kampnagel und den „Tanz im August“ mit seltener tänzerischer Energie in Erregung versetzen. Neben „New York“ von den „Sex Pistols“ befeuert Musik von Scritti Politti das Stück sowie ein Live-Auftritt der Band „Relaxed Muscle“. Filmbilder von Charles Atlas unterstützen die visuelle Sprache des Stücks, stellen die virtuosen und kompromißlosen Auftritte der Tänzer in einen eigenen Kunst-Kosmos, eine fremde, geheimnisvolle Welt, schillernd, oszillierend zwischen Abstraktion und einer humaneren, wilderen, gefährlicheren und schmutzigeren metaphorischen Umgebung für menschliche Bewegung. 23: 20 Uhr. Der Bus leuchtet von innen vom Licht der Smartphones. Fetzen von Orchestermusik schaffen es durch den trommelnden Regen hindurch, die Reisenden zu erreichen. Der Bus hat keine Steckdosen.