Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Alles tanzt nach meiner Pfeife

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Klar, so ist es immer bei Louis de Funès, warum sollte er sich ausgerechnet als Choreograph anders benehmen. Bon anniversaire zum einhundertsten Geburtstag von einer Tanzkritikerin

Einige der phantastischsten Komiker sind großartige Tänzer, Charlie Chaplin und Buster Keaton etwa, um nur die berühmtesten zu nennen. Auch an Oliver Hardy und Stan Laurel erstaunen ihre Körperbeherrschung und ihr überragendes Talent zur rythmisch präzisen Bewegung. Komik ist Timing, Tanz auch – im Taktgefühl treffen sich das Tänzerische und das Komödiantische. So sicher es aber ist, dass die waghalsigen Anstrengungen im Tanz zu den virtuosesten Höhepunkten führen – Pirouetten, Fouettés, Grand Jetes – so verläßlich ist es wiederum, dass die riskanten Disbalancen der Komiker in maximal katastrophalen Ereignissen enden – Sturz, Tortentreffer, blaue Augen, tropfnass von Kopf bis Fuß. Beide, der Komiker wie der Tänzer, müssen das Gleichgewicht aufgeben, um ihre Arbeit auszuführen, aber die einen finden es nicht wieder!

Es ist natürlich klar, dass ein Komiker wie Louis de Funès, hartnäckig, autoritär, unkorrigierbar, tobsüchtig, wie er sich in seinen herrlichsten Rollen präsentierte, sich nicht damit bescheiden konnte, die Expertise eines Tänzers auszustellen. Bescheidenheit, wie sie nur das Tanzen lehrt, der Versuch, seinen Körper in die Luft zu zwingen und erst im entscheidenden musikalischen Moment wieder herunterkommen zu lassen, dieser Versuch, der beim Üben natürgemäß so oft scheitern muß, diese Art Bescheidenheit ist nicht die Sache von Louis de Funès. Luft holen muß auch bei ihm immer warten. Das vorausgesetzt, ist es so klar wie die Luft über dem Meer der Côte d’Azur, so strahlend selbstverständlich wie die Mittagssonne dort, dass Louis de Funés einen Choreographen spielen mußte. 1970 war es dann soweit. Auf Deutsch heißt der Film „Alles tanzt nach meiner Pfeife“, was mehr nach einem Trainer oder Sportlehrer klingt, denn Ballettmeister und Choreographen benutzen bekanntlich keine Trillerpfeifen, aber naja. In den siebziger Jahren waren biedere Titel Pflicht wie die Farben Orange und Braun. Waren das auch die ersten Erwachsenenfilme neben „Winnetou“, die wir sehen durften? Ist meine Liebe zu St.Tropez tatsächlich durch Louis de Funès und Brigitte Bardot geboren? Ja, bestimmt.

Alles tanzt nach meiner Pfeife“ enthält absolut entwaffnende Momente. Über allem bezaubernd ist das Zusammenspiel des tyrannischen Gebieters über eine Frauen-Revuetruppe nicht nur mit diesen fabelhaften Mädchen, sondern mit dem eigenen Sohn Olivier, der den Repetitor des Ensembles spielt. Er ist weich, hübsch, ein wenig willensschwach, romantisch, kurz: das genaue Gegenteil seines Filmvaters. Meine Lieblingsszene ist das gemeinsame Abendessen aller in dem Schlößchen, in dem idyllische Probentage vor dem Aufbruch zu einer neuen Tournee verbracht werden. In der Mitte eines kreisförmigen Bankett-Tisches steht der Vater der Compagnie mit einem riesigen Tablett voller Salate. Die Mädchen, gewogen vom Sohn, dürfen entweder in dieser Runde Platz nehmen oder, wenn die Waage zu schlimm ausgeschlagen hat, auf Trimmfahrrädern loslegen, natürlich mit Blick auf die Essenden. Balduin, der Choreograph und Chef-Ökotrophologe der Truppe zugleich, genehmigt manchen Reis mit Ingwergelee, anderen nur Grünzeug. Die süße Neue strahlt ihn an und dankt ihm noch einmal für die Fortschritte, die sie macht, seit sie bei ihm arbeitet. Tja, so kriegt man eben eine Reisportion ab und keine kleine. Philippe, der Sohn, bekommt Hühnchenkeulen, aber er opfert sie und schleudert sie in unbeobachteten Momenten in Richtung der Trimmfahrräder, wo sie so dankbar aufgefangen werden wie Heringe von Seerobben. Der Film läßt kein Klischee aus, nein, da sei de Funès vor. Die unleugbar vorhandenen unehelichen Babies werden, als sie plötzlich auftauchen, von ihm trotzdem vorbildlich versorgt. Nur die Jungfrauen-Tänzerinnen werden unterdrückt und schikaniert, die Babies bekommen die Flasche und zärtliche Zurede.

Der Film ist nur in einem rätselhaft. Wieso singen die Mädchen in einem der Hits ihrer Show unverständliche Silben, etwas wie „Bittibittiba!“? Oder bedeutet es „Petit Petipa!“ Klar, dessen „Schwanensee“ ist nichts gegen Balduins Nummern. Wahrscheinlich ist es nur ein bescheidener Gruß von einem französischen Tanzmeister zum anderen. Sähe ihm ähnlich, dem Genie Louis de Funès. Heute vor einhundert Jahren wurde er geboren. Bon anniversaire, Monsieur!


2 Lesermeinungen

  1. Sophia
    Sophia Loren….:)

  2. Francoise Perrin, der zerstreute Geiger - Schlapphut Toulouse - Stehkragen-Charly
    Mich erheitert immer die grosse Selbstironie aller Komiker, gerade der aus Frankreich und Italien, auch wenn der hier angesprochene Film fuer mich damals etwas langweilig daherkam.
    Schoen und aktuell waere eine Ergruendung des Schlapphut-Tangos des grossen Blonden mit seinem schwarzen Tanzschuh: „Ich liebe dich.“ Toulouse: „Dechiffrieren sie das, sofort!“

    Einen eminent wichtigen Beitrag zur Emanzipation lieferte Silvia Loren in „Die Puppe des Gangsters“, als sie ihrem voellig am Boden zerstoerten Zuhaelter Stehkragen-Charly (Marcello Mastroianni) im Knast knallhart ankuendigte, nun fuer die PSV zu arbeiten; dass hatte irgendetwas mit ohrfeigenfreier Selbstverwaltung zu tun.

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