Aufforderung zum Tanz

Aufforderung zum Tanz

Was sie schon immer über Tanz hätten wissen wollen können und bisher nicht auf die Idee kamen zu fragen.

Ich geh‘ auf die Pina oder Letzten Samstag im Bausch-Labor

Ein Erinnerungslabor hat das Pina-Bausch-Archiv eingerichtet und alle eingeladen, ihre Zeitzeugenschaft dokumentieren zu lassen. Doch das digitale Gefäß für das Erbe der Choreographin kann noch mehr.

 

Zwei alte Damen schauen sich einen Abend von Pina Bausch an und etwas erregt wendet sich nach einer Weile die eine der beiden an ihre Nachbarin um ihre Eindrücke vom Tanztheater Wuppertal so zusammenzufassen: „Die haben ja überhaupt gar kein Schamgefühl“. Das wiederum findet ein kleiner Junge, der noch nicht so recht begreift, was damit gemeint sein und auf welches der von ihm mit gleicher Aufmerksamkeit betrachteten Bühnenereignisse sich das beziehen mochte, interessant. Er beschliesst, unbedingt wieder hinzugehen.

So reden Menschen andere Menschen in eine Zustimmung, in den Wunsch nach Wiederholung, nach mehr derselben Sache hinein, ohne es zu wissen, ohne es verhindern zu können. Das nennt man den Generationenabstand.

Der Junge ist über sehr viele Jahre ins Tanztheater gekommen. Am vergangenen Wochenende hat der erwachsene Julian Hanebeck seine Erinnerungen an die beiden alten Damen und ihren folgenreichen Satz von einer Videokamera aufzeichnen lassen. Und nun gehört diese Geschichte wie viele neu hinzugekommene zum digitalen Archiv der Pina-Bausch-Stiftung. Die Wuppertaler lieben ihr Tanztheater, wie die Welt es tut, fünf Jahre nach dem Tod seiner Begründerin unvermindert. Wuppertal teilt sein Ensemble darum nach wie vor mit der ganzen Welt, die Gastspielreisen nehmen gut das halbe Jahr ein, so gefragt sind die Vorstellungen. Im Ortsteil Vohwinkel wurde gerade eine Schule nach der Erfinderin des Tanztheaters benannt. Nun gehen manche Wuppertaler Kinder „auf die Else“ (die „Else-Lasker-Schüler-Schule“) und manche „auf die Pina“, die „Pina-Bausch-Gesamtschule“.

Samstag der 27. September wurde, aus dieser in der Bevölkerung tief verankerten Sympathie für die Choreographin heraus, zu einem geschäftigen Tag für die einladende Pina-Bausch-Stiftung. Eintausend Wuppertaler und einhundertfünfzig teils aus Japan und den Vereinigten Staaten angereiste Forscher und Archiv-Mitarbeiter waren gekommen, um das Symposium „Du und Pina“ zu besuchen. Viele von ihnen folgten sehr gerne der Aufforderung „Teile deine Erinnerung“. Diese Zeitzeugen-Protokolle – etwa von Taxifahrern, die sich erinnern, Pina Bausch gefahren zu haben, und was sie mit einander besprachen – wurden gleich live in die Datenbank eingespeist und ebenfalls live wurde die Verschlagwortung projiziert, so dass im Nu Verbindungen von Aussagen zu unterschiedlichen Stücken, Epochen, Themen und Personen erkennbar wurden.

Es sei ihre erste Veranstaltung dieser Art gewesen, so der Erbe und Vorstandsvorsitzende der Pina-Bausch-Stiftung, Salomon Bausch. Erstaunlich viele junge Leute säßen weltweit in den Vorstellungen der Stücke seiner Mutter, und das stimme ihn froh. Wie auch die kräftige Resonanz des Symposiums-Tages. Die geschlossene Sitzung der Fachbesucher am Vormittag beschäftigte sich mit dem internationalen Vergleich der Arbeitsweisen verschiedener Archive. Anwesend waren Mitarbeiter etwa der Stiftung der Brooklyn Academy of Music, wo das Tanztheater Wuppertal seit Jahrzehnten auftritt, oder der japanischen Kazuo-Ohno-Stiftung, die das Erbe des berühmten Butoh-Tänzers bewahrt. Interessanterweise steht das Pina-Bausch-Archiv technologisch an der Spitze. Es arbeitet, erklärt Salomon Bausch, mit einer erst seit fünf Jahren einsatzfähigen Technologie, als „Linked Data“ oder auch „Semantic Web“ bezeichnet. Es handele sich dabei um ein digitales Archivierungsverfahren, das wie das World Wide Web funktioniere, so Bausch. Mit dem Aufbau und der Digitalisierung des Archivs habe Wuppertal zum idealen Zeitpunkt begonnen, insofern als sie von Anfang an mit dieser Tchnologie der Vernetzung einzelner Details arbeiten konnten.

In zwar nicht ganz naher Zukunft werden dann interessierte Laien, Forscher und Zuschauer, digital mit dem Archiv kommunizieren können, Einblick bekommen in das umfangreiche, gut dokumentierte Lebenswerk von Pina Bausch. Zu ihren Lebzeiten wurde der Begriff „Archiv“ nicht verwendet, gleichwohl waren die Choreographin und ihre Mitarbeiter immer darauf bedacht, Stücke möglichst genau in Fotos, Videos, Aufzeichnungen festzuhalten, um Wiederaufnahmen nicht zu schwierigen Rekonstruktionen werden zu lassen.

Im kommenden Jahr, ist sich Salomon Bausch sicher, wird das noch im Aufbau befindliche Archiv die Türen für Wissenschaftler öffnen können. Wie und wo das alles in Zukunft gezeigt wird, steht noch nicht fest. Aber es wird diesen Ort geben. Es muß ihn geben.

https://www.pinabausch.org/de/du-und-pina/erinnerungslabor