Tierleben

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Christina Hucklenbroich bloggt über unser Zusammenleben mit Tieren: über Alltägliches und neu Erforschtes und lange Verborgenes

Das Huhn ganz privat: Wiesenhof, der Skandal und ein geplatzter Imagewechsel

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Erschütternde Bilder liefen am Mittwoch in der ARD: Verstümmelte, schwer verletzte Hühner. Arbeiter, die Puten trieben, traten, quälten. Und das alles auf...

Erschütternde Bilder liefen am Mittwoch in der ARD: Verstümmelte, schwer verletzte Hühner. Arbeiter, die Puten trieben, traten, quälten. Und das alles auf Betrieben von „Wiesenhof“. Die Reportage von Monika Anthes und Edgar Verheyen hatte Folgen: Die Debatte über Massentierhaltung und die Kritik an dem großen Geflügel-Konzern ist wieder aufgelebt.

Der Film „Das System Wiesenhof“ kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt für „Wiesenhof“. Gerade hat die Firma eine aufwändige Imagekampagne gestartet, Journalisten eingeladen, Experten-Interviews veröffentlicht, sich eine neue Produktlinie zugelegt: Hähnchenfleisch aus tiergerechter Haltung soll schon bald ins Programm aufgenommen werden. Jetzt wird die positive Nachricht von der schockierenden verdrängt, nein, eigentlich macht man negative Schlagzeilen, noch bevor die Imagekampagne überhaupt medial aufgegriffen werden konnte. Als der Enthüllungsbericht im Ersten gesendet wurde, war nicht einmal eine Woche vergangen, seitdem der Geflügel-Konzern eine Pressemeldung mit acht Anhängen in Megabyte-Größe verschickt hatte: Ab Oktober würde es ein tierfreundlich gehaltenes Wiesenhof-Huhn im Handel geben, langsam gewachsen, in einem großen Wintergarten aufgezogen, ohne Platznot und mit Strohballen, Picksteinen und Sitzstangen.

„Privathof“ sollte die neue Vorzeigelinie des Wiesenhof-Sortiments werden 

„Privathof“ soll die neue Marke heißen, ein echtes Vorzeigemodell im Wiesenhof-Sortiment, ein Imageprojekt, auf das man große Hoffnungen setzt. Die Forschungsabteilung von „Wiesenhof“ habe die „besonders tiergerechte“ Haltungsform der Privathof-Hühner gemeinsam mit Wissenschaftlern der Ludwig-Maximilians-Universität München und Experten vom Deutschen Tierschutzbund entwickelt, heißt es in der Meldung. Im Anhang der E-Mail finden sich Fotos von fluffigen Küken und ein Interview mit dem Veterinärmediziner Michael Erhard, der den Lehrstuhl für Tierschutz an der LMU München leitet. Er kommentiert das Privathof-Stallkonzept: „Insgesamt sind das viele Verbesserungen, die zu einem Plus beim Tierwohl führen.“

Bild zu: Das Huhn ganz privat: Wiesenhof, der Skandal und ein geplatzter Imagewechsel

„Privathof“-Haltung der Firma „Wiesenhof“ (Foto Wiesenhof)

Ein wenig irritiert der Name: „Privathof“ – steht das für Exklusivität, haben die Hühner hier mehr Privatsphäre durch ein größeres Platzangebot oder spricht das Konzept den Verbraucher „ganz privat“ an – nicht als Kantinengänger ohne Wahl und Durchblick, sondern als Tierliebhaber, der sich um das Wohl der Tiere sorgt, die er im Privaten verzehrt? In jedem Fall ist es paradox, dass nun gerade die Hühner, deren Haltung sich einem „Wiesenhof“ etwas mehr annähert, die zumindest in einem Wintergarten scharren und mit Strohballen spielen dürfen, diesen Namen nicht mehr tragen sollen. Kritisiert wurde der Markenname „Wiesenhof“ ja oft genug. Er gilt unter Kritikern konventioneller Tierhaltung schon als Paradebeispiel für eine Irreführung des Konsumenten, der damit Hühner in der Freiheit der Natur verbindet – und steht damit ähnlich unter Beschuss wie „Bauernglück“ oder Milchtüten, auf denen weidende Kühe abgebildet sind, und Wurstpackungen, auf denen Schweine aus strohgefüllten Fachwerkställen lugen.

Eine Studie zeigt: Selbst wenn alles nach den gesetzlichen Regeln läuft, sind die Hühner schwerkrank

Das Material, auf dem die ARD-Dokumentation beruht, hatte die Tierrechtsorganisation PETA den Journalisten zugespielt. Wiesenhof hatte im Vorfeld vergeblich versucht, die Ausstrahlung zu verhindern. Jetzt bezieht die Firma Stellung: Solche Bedingungen seien nicht tolerierbar. Mit den Verantwortlichen will man nicht mehr zusammenarbeiten. Wohl die einzige mögliche Reaktion, sofern die Vorwürfe haltbar sind. Doch selbst wenn man Nutzvögel nicht tritt und quält, wenn alle gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden, bedeutet die konventionelle Mast Qual für die Tiere – völlig egal, ob „Wiesenhof“ hinter dem Betrieb steht oder ein x-beliebiger anderer Geflügelproduzent. Diesen Beweis erbrachte eine Untersuchung der Tierärztlichen Hochschule Hannover, die Ende 2010 erschien und seitdem als richtungsweisend gilt, um Tierleid in großen Herden einzuschätzen. Die Wissenschaftler stellten mit Versuchshühnern typische Mastbedingungen nach. Unabhängig von der Besatzdichte – mehrere Stufen sind dabei erlaubt – litten nahezu alle Tiere unter schweren Ballenentzündungen. Bis zu neunzig Prozent der Tiere hatten zum Schlachtzeitpunkt Kratzer und Hämatome am Rücken. In den Versuchsgruppen mit der höchsten zulässigen Besatzdichte von 42 Kilogramm Lebendgewicht pro Quadratmeter starben sogar fünf Prozent aller Hühner während ihrer Mast.

Es war nicht das erste Mal in der jüngsten Vergangenheit, dass die Geflügelmastindustrie schockierende und nicht widerlegbare Fakten lieferte. Erst im Herbst 2010 hatte das NDR-Fernsehen enthüllt, dass Mastgeflügel in Niedersachsen heute deutlich häufiger mit Antibiotika behandelt wird als noch vor zehn Jahren; ohne Medikation überstehen die Tiere ihre nur fünf Wochen dauernde Mast offenbar nicht. Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium sah sich danach gezwungen, öffentlich einzuräumen, dass es schwere Tierschutzmängel in der Geflügelhaltung gebe. Inzwischen ist es außerdem schwierig, zwischen der Haltungs-„Industrie“ und anderen Formen zu unterscheiden: Allein im Durchschnitt verfügt ein deutscher Hühnermastbetrieb heute schon über fast 7000 Tiere. Die kleinen Haltungen, oft als Vorbild beschworen, sind also rar gesät. Wenn aber nicht nur ein einzelner Konzern Tiere ausbeutet, sondern gesetzlich erlaubte Haltungsstrukturen regelmäßig zu qualvollen Lebensbedingungen führen, dann ist die Politik gefragt. Und zwar nicht nur mit einem „Tierwohl“-Siegel, wie es jetzt kommen soll, mit dem sich einzelne Produkte dann werden schmücken können, sofern sie die Bedingungen erfüllen (mit „Privathof“ wollte „Wiesenhof“ wohl ein privates Äquivalent schaffen). Sondern auf ganzer Linie – und ohne den Ball zurückzuspielen an den Verbraucher und seine Kaufentscheidung, der einfach selbst mit sich ausmachen soll, ob er Wert auf glückliche Hühner legt oder eben nicht.

Wenn ein Enthüllungsbericht wie der über das „System Wiesenhof“ eine solche Debatte auslösen kann, dann ist es an der Zeit für die Überlegung, ob wir als Gesellschaft uns in Qual ausartende Haltungsbedingungen unserer Nutztiere überhaupt leisten können. Und ob wir uns erlauben wollen, immer neue Nachhaltigkeits-Siegel, Tierschutz-Linien, Privat-Programme aufzulegen, während das, was wir als unzumutbar ansehen, eine Haltung, in der alle Tiere zum Schlachtzeitpunkt schwer verletzt sind, daneben trotzdem immer weiterläuft.


11 Lesermeinungen

  1. Darauf kann es nur eine...
    Darauf kann es nur eine Antwort geben: Verzicht.

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