Tierleben

Antibiotika im Stall: Vom Kriminalfall zur gesellschaftlichen Debatte

Diesmal hat es keine Autobahntierärzte, keine Festnahmen, kein Gerichtsverfahren, kurz: keinen Kriminalfall gebraucht, um den Skandal auszulösen. Einzig die Statistiken mussten sprechen, um das Thema “Antibiotika in der Tierhaltung” wieder in den Schlagzeilen landen zu lassen: Vor drei Tagen gab Nordrhein-Westfalens Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) bekannt, dass mehr als 96 Prozent der Masthähnchen in seinem Bundesland mit Antibiotika behandelt worden sind. Das entdeckten Gutachter bei einer Untersuchung fast aller Hähnchenmastbestände in Nordrhein-Westfalen. Remmels Angaben zufolge ist das Gutachten, das er selbst in Auftrag gegeben hat, das erste in Deutschland, das den Einsatz von Antibiotika in der Hähnchenmast systematisch untersucht hat. „Das Ergebnis verursacht bei mir eine dauerhafte Übelkeit”, sagte Remmel.  

Einzelne Informationen aus dem Gutachten waren schon Ende Oktober über eine Sendung von “NDR Info” durchgesickert. Jetzt ist es amtlich: Fast jedes Masthähnchen bekommt Antibiotika, in größeren Beständen werden sie mehr eingesetzt als in kleineren, bei Tieren, die länger gemästet werden, benötigt man weniger antimikrobielle Medikamente als in den sogenannten Kurzmastverfahren. Zitat aus der Presseerklärung des Ministeriums:

“Bei den untersuchten Zuchtdurchgängen kamen über die Lebensdauer der Tiere (30 bis 35 Tage) eine Vielzahl von Wirkstoffen zum Einsatz, teilweise bis zu 8 verschiedene Antibiotika. Im Durchschnitt wurden 3 verschiedene Wirkstoffe pro Durchgang verabreicht. Die Dosierung mit Antibiotika betrug bei 53 Prozent der Behandlungen nur 1 bis 2 Tage und lag damit außerhalb der Zulassungsbedingungen für bestimmte Antibiotika. In Einzelfällen musste eine Behandlungsdauer von 26 Tagen festgestellt werden. Im Durchschnitt wurden den Tieren 7,3 Tage lang Antibiotika verabreicht.”

Jetzt beschäftigen sich Zeitungen und Fernsehformate mit dem Thema, vor allem in den viehreichen Gegenden im Nordwesten. Agrarausschüsse setzen auch in anderen Bundesländern Sondersitzungen an, etwa in Mecklenburg-Vorpommern. Dort hat Fritz Tack, Abgeordneter der Linksfraktion eine Kleine Anfrage an Agrarminister Till Backhaus (SPD) eingereicht, in der er Aufklärung zur Situation in Mecklenburg-Vorpommern fordert. Seit 2006 ist es verboten, Antibiotika als Wachstumsbeschleuniger in der Tiermast einzusetzen. „Wir wollen wissen, welche Kontrollen und Sanktionen erfolgen”, sagt Tack.

Hähnchenmast – fast immer mit Antibiotika (Foto dpa)

Die Diskussion schwelt seit langem, schließlich dringen über ministerielle Studien immer wieder Informationen nach außen, die ein dramatisch schlechtes Licht insbesondere auf die Geflügelmast in Deutschland werfen, zuletzt etwa im Herbst 2010 im Zuge einer Enthüllungsreportage, die ebenfalls NDR Info gesendet hatte.

Anders als beim großen “Schweinemastskandal” 2001 sind die beteiligten Gruppen allerdings diesmal gerüstet. So haben die deutschen Tierärzte – sie sind immerhin diejenigen, die landwirtschaftliche Betriebe mit Antibiotika und anderen Arzneimitteln versorgen – schon kurz vor dem Medienhype, der jetzt beginnt, in Berlin ein Konzept zur Erfassung, Auswertung und Regulierung des Arzneimittelverbrauchs vorgestellt. Es wurde am 5. November im Rahmen der Delegiertenversammlung der Bundestierärztekammer verabschiedet – einstimmig.

Der Berufsstand ist ein gebranntes Kind: Als Anfang 2001 der sogenannte “Schweinemastskandal” die deutschen Tierärzte in Verruf brachte, forderte die damalige Verbraucherschutzministerin Renate Künast einige Monate später eine Einschränkung des tierärztlichen Dispensierrechts. Das Dispensierrecht beinhaltet, dass Tierärzte, die in eigener Praxis tätig sind, Medikamente für ihre tierärztliche Hausapotheke beim Hersteller ordern können und sie, mit einem Aufpreis, an Tierhalter weiterverkaufen. Seit den sechziger Jahren gibt es diese Regelung. Vor zehn Jahren dann der große Knall, der alles in Frage stellte: Bayerische Tierärzte fielen Anfang 2001 den Behörden auf, weil sie in großem Stil Antibiotika an landwirtschaftliche Betriebe in Bayern und Österreich verkauft hatten, wo die Arzneimittel nach Gutdünken ohne tierärztliche Aufsicht eingesetzt wurden. Zum Beispiel beim Einstallen neuer Tiergruppen: Wenn ein Mäster Ferkel von unterschiedlichen Aufzüchtern kauft und gemeinsam in einen Stall stellt, muss er damit rechnen, dass die gestressten und von fremden Keimen überfluteten Tiere krank werden – wie wenn im Kindergarten Scharlach umgeht. Vorsorglich erhält die gesamte Herde in solchen Fällen ein Antibiotikum.

Aber auch als Masthilfsmittel sind Antibiotika beliebt. Warum die Stoffe dafür sorgen, dass Tiere schneller zunehmen, ist nicht restlos geklärt. Man nimmt an, dass Darmbakterien, die Toxine bilden, vermehrt absterben und andere Keimpopulationen, die zum Beispiel Vitamine aufbauen, begünstigt werden: Das Tier braucht weniger Futter und zeigt trotzdem mehr Massezuwachs. Nicht zuletzt können die Folgen tierschutzwidriger Haltungsbedingungen durch Antibiotikaeinsatz gemildert werden: Etwa zu kleine, dunkle Ställe oder schlechte Belüftungen, die zu Lungenerkrankungen führen.

“In Zukunft sollten die deutschen Veterinäre nicht gleichzeitig Medikamente verschreiben und selbst verkaufen dürfen”, hieß es nach dem Skandal 2001 in einer dpa-Meldung mit Berufung auf Renate Künast, auf die Günter Pschorn, zu der Zeit Präsident der Bundestierärztekammer, in einem auch im Tierärzteblatt veröffentlichten Brief antwortete: “Sie werden verstehen, dass uns diese Ankündigung außerordentlich beunruhigt.”

Tatsächlich war damals die gesamte Branche beunruhigt: In Deutschland beziehen Tierärzte schätzungsweise ein Viertel ihres Einkommens über den Verkauf von Arzneimitteln. In den anderen europäischen Ländern sind es, wenn überhaupt, nur drei bis fünf Prozent.

Auch die Vertriebswege sind in vielen Ländern anders organisiert. In Schweden beispielsweise ist ein großer Teil des praktisch-klinischen Veterinärwesens staatlich: Der Tierarzt bezieht ein festes Gehalt und bekommt die gesamte Ausstattung gestellt – von den Praxisräumen bis hin zum Dienstwagen, mit dem er als Distriktveterinär über Land fährt. Er hat dabei nur eine Notration Arzneimittel im Kofferraum. Braucht die kranke Kuh etwas Bestimmtes, schreibt er ein Rezept, mit dem die Landwirte in eine der staatlichen Apotheken gehen.

Nach dem “Schweinemastskandal” gab es Stimmen, die dieses Modell sinnvoller fanden – zumindest den Teil mit dem Rezept und den Apotheken. Über eine staatliche Anstellung von Tierärzten wurde damals nicht diskutiert.

Jetzt wird wieder darüber debattiert, wie man den Missbrauch von Antibiotika eindämmen könnte – ausgerechnet in dem Jahr, in dem das Dispensierrecht seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert hat. Am 8. Februar 1961 war das Arzneimittelgesetz, das man heftig diskutiert hatte, endgültig vom Bundestag verabschiedet worden.  Das Dispensierrecht war damit gesetzlich verankert worden. Am 1. August 1961 trat das Gesetz in Kraft. In der Debatte vor der Verabschiedung hatte man unter anderem zu bedenken gegeben, dass eine Monopolstellung von Tierärzten zu befürchten sei – zum Beispiel durch Bildung von Genossenschaften. Schon 1962 wies der damalige Präsident der deutschen Tierärzteschaft, Schulz, angesichts einer ins Haus stehenden Novellierung des Gesetzes auf Probleme mit der Definition von und dem Umgang mit Masthilfsmitteln hin.

Aus Sicht von Insidern haben die Gerichtsverfahren aufgrund illegaler Arzneimittelabgaben an Landwirte seit dem Schweinemastskandal abgenommen. In jedem Fall ist das Medieninteresse nach dem Fall von 2001 zurückgegangen. Es kam danach nie wieder zu einer vergleichbaren gesellschaftlichen Debatte. Sie war 2001 wohl durch die BSE-Krise zusätzlich stimuliert worden. Auch danach wurden spektakuläre Fälle verhandelt, die man aber vor allem in der Lokal- und in der veterinärmedizinischen Fachpresse diskutierte.

Nur noch die Fachpresse berichtet: Tierärztezeitschrift Vetimpulse, 2010 (Foto huch)

Im Jahr 2007 etwa wurden bundesweit tausend Tierarztpraxen überprüft, nachdem man in NRW festgestellt hatte, dass dort 92 Veterinäre Kunden eines Pharmagroßhändlers waren, der in Deutschland nicht zugelassene Präparate illegal importiert hatte. In diesem Fall waren allerdings keine Nutztierpraxen betroffen, es handelte sich überwiegend um Präparate für Kleintiere wie Hund und Katze. Im Herbst 2010 fiel nach jahrelangen Ermittlungen ein Urteil in einem Prozess, in dem es wie 2001 um “Autobahntierärzte” ging. Drei Tierärzte, der Inhaber und zwei Angestellte einer Tierklinik in Hessen, hatten nicht zugelassene Medikamente zur Behandlung von Nutztieren an Landwirte abgegeben. Die Straftaten lagen bereits sieben bis zehn Jahre zurück. In der Verhandlung wurde deutlich, dass in der Klinik ein autoritäres Klima geherrscht hatte. Einer der Angestellten schilderte, dass ihm die Kündigung gedroht hätte, wenn er die Anweisungen seines Vorgesetzten nicht befolgt hätte, und dazu hätte eben auch die Abgabe nicht zugelassener Mittel gehört. Die Angeklagten erhielten Geldstrafen bis 45.000 Euro.

In der gegenwärtigen Diskussion haben sich allerdings die Vorzeichen verändert: Von Autobahntierärzten, wie noch zu Zeiten des “Schweinemastskandals”, spricht niemand mehr. Die massenhafte Anwendung von Antibiotika wird nicht mehr als Kriminalfall gesehen, in dem man einzelne Schuldige finden muss, die aus Profitgier Gesetze gebrochen haben, sondern im Kontext der gesellschaftlichen Debatte über Massentierhaltung. Als er das Gutachten vorstellte, das jetzt den Stein ins Rollen brachte, bilanzierte der nordrhein-westfälische Verbraucherschutzminister Johannes Remmel: „Entweder es handelt sich um Wachstumsdoping – was seit 2006 europaweit verboten ist. Oder aber das System der Tiermast ist derart anfällig für Krankheiten, dass es ohne Antibiotika nicht mehr auskommt. Das ist dann Gesundheitsdoping.” Wenn die Hähnchenmast nur noch mit Antibiotika funktioniere, sei für ihn klar, dass diese Art von Massentierhaltung keinen Bestand haben könne.

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