Tierleben

Uralte Katze, dementer Hund

Svenja Joswig war Anfang zwanzig und studierte in Hannover, als ihr zum ersten Mal auffiel, wie sehr ein Haustier, das in die Jahre kommt, das Leben seiner Halter verändern kann. Damals löste sich Joswigs Wohngemeinschaft nach drei Jahren auf, weil ihre Mitbewohnerin in eine ebenerdige Wohnung umziehen musste: Ihr alter Hund hatte so große Gelenksprobleme, dass tägliches Treppensteigen nicht mehr zumutbar erschien.

Wenige Jahre später erlebte Joswig selbst, wie schwierig das Leben werden kann, wenn man ein alterndes Haustier hat. Als Joswig zehn war, hatte sich die Familie den Labrador-Schäferhund-Mischling Momo zugelegt. Mit dem Älterwerden bekam die Hündin chronische gesundheitliche Probleme. „Man konnte unsere Hündin nach einiger Zeit nur noch an ebenerdige Orte mitnehmen und teilweise musste sie nachts rausgelassen werden, weil sie Harn und Kot nicht mehr lange halten konnte“, erinnert sich Joswig. Damals begannen nicht nur pflegeintensive Jahre für die Hundehalterin. Auch die Diskussionen mit Freunden und Verwandten waren konfliktreich. „Von außen hörte man oft: Der Hund ist alt, der kann doch nicht mehr!“, sagt Joswig. Die Tierärzte waren unterschiedlicher Meinung: Einer riet zur Einschläferung, eine andere reagierte kritisch, als Joswig sich schließlich für die Einschläferung entschied, als der Hund fünfzehn Jahre alt war und trotz Operationen immer wieder Tumoren und schwere Gelenksprobleme hatte. „Man ist teilweise allein mit der Entscheidung und muss sie immer verteidigen“, sagt Joswig.

© dpaWie sich das Tier im Alter verändert, wissen viele Halter nicht

Was bei anderen Hundehaltern nur Stoff für persönliche Erinnerungen und Erzählungen im Freundeskreis gewesen wäre, wurde für Svenja Joswig ein Thema, das sie bis heute, drei Jahre nach Momos Tod, begleitet. Das hat vor allem mit ihrem Beruf zu tun: Joswig ist Tierärztin. Vor zwei Jahren machte sie in Hannover Examen, Ende 2014 legte sie dann ihre Dissertation vor. Ihre Studie “Die Zukunft liegt im Alter” ist eine umfassende Forschungsarbeit über die tiermedizinische Geriatrie (Altersheilkunde) und ihre Chancen in einer Gesellschaft, in der die meisten Haustiere – von Hund und Katze bis zum Pferd – immer älter und die Beziehungen der Halter zu ihren Tieren gleichzeitig immer enger werden. Vor wenigen Tagen schließlich ging Joswigs Facebookseite “Tiermedizinische Geriatrie” online. Sofort meldete sich eine Unternehmensberatung bei der 28-Jährigen. Bisher hat zwar kaum jemand anderes neben Joswig in Deutschland die Entwicklung der Tier-Geriatrie so umfassend erforscht. Aber auch andere Branchenexperten haben offenbar ein Gespür dafür, dass die Altersmedizin für Tiere ein zukunftsträchtiges Feld sein könnte: lukrativ und irgendwann nicht mehr wegzudenken aus tiermedizinischen Praxen oder den Sortimenten der Futter- und Zubehörindustrie.

Kein Wunder: Seit den siebziger Jahren hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung von Katzen auf etwa fünfzehn Jahre verdreifacht, bei Hunden hat sie sich innerhalb weniger Jahre fast verdoppelt. In einer Studie von 1996 wurden Hunde bereits im Schnitt zehn Jahre alt. Das maximale Alter lag bei 21 Jahren, fast acht Prozent wurden 15 Jahre alt. Auch die Lebenserwartung von Pferden ist gestiegen.

In den Vereinigten Staaten, auch das zeigt Joswig in ihrer Arbeit auf, entwickelte sich schon in den achtziger Jahren eine Tier-Hospizbewegung, in der man versucht, das Konzept des “End of life care” für alte, chronisch kranke Haustiere auf eine wissenschaftlich basierte Grundlage zu stellen. Das erste “Tier-Hospiz-Symposium” fand im Jahr 2008 statt, ein Jahr später gründete sich die “International Association for Animal Hospice and Palliative Care”. Die Protagonisten der amerikanischen Tier-Hospizbewegung sind vielfach Tierärzte, sie propagieren unterschiedliche Modelle – von palliativer Betreuung, die der Halter unter tierärztlicher Supervision bei sich zu Hause durchführen kann, bis zu einer Rundumbetreeung nach stationärer Aufnahme, die große tiermedizinische Zentren anbieten. Derartige “Hospice Care” ist in der Tiermedizin nicht nur für die unmittelbar letzten Tage und Wochen vor dem Tod vorgesehen. Es geht eher darum, es dem Besitzer zu ermöglichen, ein chronisch krankes Tier auch während längerer Zeiträume zu betreuen und ihm dabei physischen Schmerz und Unwohlsein möglichst zu ersparen. Er muss also lernen, wie er Juckreiz, Übelkeit oder Verstopfung bei seinem Tier “managen” kann; es geht in den Fällen sterbenskranker Tiere nicht um die Heilung an sich. Bis zur Entwicklung der Hospiz-Angebote habe es nur die aggressive “Behandlung-um-jeden-Preis” für schwer kranke Tiere gegeben – oder die direkte Einschläferung, “mit praktisch nichts dazwischen”, schrieb Kathryn Marocchino von der California Maritime Academy im kalifornischen Vallejo in einem Aufsatz über die Geschichte der Tier-Hospizbewegung.

© dpaDie Katze: bei den einen Gast im Garten, bei den anderen Familienmitglied

Diese beiden Pole reichen nicht mehr, seitdem die Beziehung zwischen Tier und Halter so eng und vielschichtig geworden ist. Die amerikanischen Hospizexperten empfehlen deshalb auch, ein dichtes Netz aus Helfern und Experten um den Halter und sein palliativ versorgtes Tier zu weben: Für den Notfall sollen Adressen von Psychotherapeuten oder Geistlichen vorrätig gehalten werden; ist der Besitzer berufstätig, sollen qualifizierte Tier-Sitter in der Region rekrutiert werden, die sich auf die besonderen Bedürfnissen alter und kranker Tiere einstellen können. Vor allem muss der Besitzer selbst geschult werden, etwa darin, Medikamente zu verabreichen oder die gelähmte Harnblase des Tieres auszudrücken. Er soll außerdem Hilfsmittel an die Hand bekommen, zum Beispiel Unterstützungsgeschirre für das Treppensteigen.

“Dass es solche Hilfsmittel wie diese Geschirre gibt, müssen Tierhalter überhaupt erst einmal wissen”, sagt Joswig. Sie glaubt, dass vor allem Tierärzten in Zukunft eine wichtige Beratungsfunktion zukommt, wenn immer mehr Menschen von den Herausforderungen eines Lebens mit uraltem Tier überrascht werden und dann versuchen, den Alltag neu zu organisieren. “Es schränkt einen schon ein, wenn der Hund keine Treppe mehr steigen kann”, sagt Joswig. “Ich persönlich habe, als der Hund jung war, auch mit vielem gar nicht gerechnet, was auf einen dann später zukommt.”

Zu dem, was auf Halter zukommt, gehören auch kognitive Defizite: Der kanadische Veterinärmediziner Gary Landsberg hat sich auf dieses Feld spezialisiert und stellte in mehreren Studien fest, dass alte Hunde oft in der Nacht aufwachen, exzessiv bellen, oder unsauber werden. Alte Katzen schreien viel oder werden ruhelos. Manche Verhaltensänderungen können allerdings auch ganz andere Ursachen haben – und würden vielleicht sogar eher auf Behandlung ansprechen, als es bei Senilität der Fall ist. “Kognitiven Abbau muss man klar abgrenzen von schmerzbedingten Veränderungen”, sagt Joswig. “Wenn ein Tier etwa wegen Arthritis chronische Schmerzen hat und deshalb aggressiv wirkt, wird das oft verwechselt mit einer  altersbedingten Eigensinnigkeit. Ich glaube, dass gerade chronische Schmerzen oft nicht erkannt werden. Tierbesitzer sind in dieser Hinsicht auch oft überfordert.”

© dpaGroße Hunde gelten früher als “geriatrisch” als kleine

Noch lassen sich offenbar nur wenige gezielt helfen. Joswig schreibt, dass Halter mit alternden Tieren sogar seltener zum Tierarzt gehen als mit jungen. Und noch seien die Zeiten auch im Umbruch, in der Sprechstunde habe man es mit zum Teil völlig konträren Einstellungen zu tun, sagt Joswig, die in einer Tierarztpraxis im Raum Osnabrück arbeitet. “Bei einem Halter lebt die Katze ausschließlich draußen und ist ihr Leben lang größtenteils auf sich allein gestellt, bei dem anderen ist sie ein Familienmitglied, wird optimal gefüttert und regelmäßig zum Tierarzt gebracht.”

Doch da die Beziehung insgesamt enger werde, könne man davon ausgehen, dass die Tier-Geriatrie in Deutschland in den kommenden Jahren massiv Einzug halten werde. “Irgendwann wird es geriatrische Schwerpunktpraxen für Haustiere geben”, ist sich Svenja Joswig sicher. ” Und ich glaube, dass in Deutschland auch eine Hospizdebatte entstehen wird.”

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