ÜberKreuz

Prophet des Friedens

Die französische Diplomatin Francoise Rivière in der Mitte, zu ihrer Rechten Andrea Riccardi, der Gründer der Gemeinschaft Sant‘ Egidio, an seiner Seite als Gastgeber des vorjährigen Friedenstreffens der bullige Kardinal von Neapel, Crescencio Sepe, dann Shear-Yashuf Cohen, der hochbetagte Oberrabbiner von Haifa, der im vergangenen Monat als erster jüdischer Gelehrter vor der Weltbischofssynode in Rom gesprochen hat – schon diese Konstellation lässt eine bewegende Eröffnungsfeier des Friedenstreffens in der zyprischen Hauptstadt Nikosia erwarten. Doch die linke Seite erst: im schwarzen Bischofsornat mit großem Brustkreuz Erzbischof Chrysostomos II., das Oberhaupt der zyprisch-orthodoxen Kirche und Gastgeber des diesjährigen Friedenstreffens, an seiner Linken eine indonesische Rechtsanwältin, Siti Musdah Mulia, ganz außen Muhammed Fathi Osman, ein muslimischer Gelehrter, der in den Vereinigten Staaten über den zeitgenössischen Islam forscht und lehrt, dazwischen Stanislaw Dziwisz, Kardinal von Krakau und als Sekretär von Papst Johannes Paul II. das alter ego jenes Mannes, von dem in den drei folgenden Stunden immer wieder die Rede sein wird.

 

Denn nicht nur der „Geist von Assisi“, jenes ersten Friedensgebetes der Weltreligionen, wird wieder und wieder beschworen – kein Redner vergisst zu erwähnen, dass es der Papst selbst war, der mitten im Kalten Krieg die Hoffnung auf Frieden und Versöhnung unter den Völkern nicht aufgegeben hatte und im Oktober 1986 gegen manche Widerstände in den eigenen Reihen Repräsentanten der großen Weltreligionen nach Assisi eingeladen hatte. Andrea Riccardi ist mit seiner Gemeinschaft, die er von genau 40 Jahren im Schatten der im römischen Stadtviertel Trastevere gelegenen Kirche Sant‘ Egidio gegründet hatte, gewissermaßen Teil des Vermächtnisses von Papst Johannes Paul II. Mehr als 60 000 Mitglieder und Freunde von Sant‘ Egidio, davon etwa 6000 in Deutschland, setzen sich heute weltweit für Frieden zwischen den Völkern ein – und das immer „an der Seite der Armen“, wie es heißt, ob in Italien oder Deutschland, in Japan oder Kongo, in Mittelamerika oder Mozambique, wo Sant‘ Egidio zu Beginn der neunziger Jahre maßgeblich dazu beigetragen hat, dass der Bürgerkrieg ein Ende hatte.

 

Dass die Welt in den vergangenen Jahren dennoch nicht friedlicher geworden ist, dass neue Konflikte an die Stelle des Kalten Krieges getreten sind und der Mensch dem Menschen wohl immer ein Wolf sein wird, das wissen alle, die sich an diesem Sonntag Abend auf Einladung der Gemeinschaft in der Sporthalle von Nikosia versammelt haben: Der Hindu beklagt den militanten Extremismus, der in den „friedlichen Religionen“ Hinduismus und Buddhismus um sich greife, Kardinal Sepe schildert in bewegenden Worten die Not der Kirche, der Gewalt in Neapel Einhalt zu gebieten, Rabbi Cohen hat die Hoffnung auf Frieden für das Heilige Land „noch zu meinen Lebzeiten“ nicht aufgegeben.

 

Doch nicht nur persönliche Zeugnisse wie diese geben dieser Veranstaltung ein Gepräge, das mit der Formalität internationaler Friedenskonferenzen nichts gemein hat. Auch die bunte Schar der Gäste von Sant‘ Egidio spricht an diesem Abend wie in den Diskussionsrunden am nächsten Vormittag eine andere Sprache als die der internationalen Friedenskonferenzen: nachdenklich, selbstkritisch, aber immer von der Hoffnung beseelt, dass Hass zwischen Religionen und Gewalt zwischen Völkern nicht das letzte Wort haben werde. Die vornehm gekleideten japanischen Shinto-Priester, der in ein wallendes Gewand gehüllte Philosoph aus Rabat, Mönche aus Tibet und Burma, der orthodoxe Metropolit, eine Menschenrechtsaktivististen aus Usbekisten, afrikanische Würdenträger, die kolumbianische Politikern Ingrid Betancourt, die jahrelang in der Gewalt der Farc-Terroristen war, Staatspräsidenten vom Balkan und Priester aus Lateinamerika – die einen stehen, wie Rabbi Cohen oder der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper, seit vielen Jahren in Verbindung mit der Gemeinschaft Sant‘ Egidio, andere sind erst einige Male oder gar zum ersten Mal Gast jener Gemeinschaft, die sich 1986 in Assisi ein Wort von Johannes Paul II., des Propheten des Friedens (Rabbi David Rosen), zu Herzen nahm: „Der Friede ist eine Baustelle, die für alle offen steht, und nicht nur für die Spezialisten, die Gelehrten und Strategen.“

Die mobile Version verlassen