ÜberKreuz

Advent, Advent oder Alles zu seiner Zeit

Drucksachen zählten schon vor der Ära der elektronischen Post zu den Sendungen, die es am Morgen nicht unbedingt als erste zu öffnen galt – und das erst recht nicht, wenn sie nicht an einen persönlich adressiert waren, sondern auf unerfindlichen Wegen ihren Weg von einem unbekannten Absender in den eigenen Poststapel gefunden hatten.

Doch war es mit den Poststapeln schon immer so wie heute mit dem Internet: Man findet – wenn überhaupt – nur das, wonach man sucht. Dass man selbst außer von Müll im positiven Sinn heimgesucht wird, kommt nicht allzu häufig vor.

So war auch die Erwartung nicht allzu hoch, als vor kurzem ein nichtssagender, kartonbrauner Umschlag einen nach innen gefalteten Papierbogen, eine Postkarte und ebenso politisch korrektes wie kryptisches Anschreiben „An die Leiterinnen und Leiter der Kath. Tageseinrichtungen für Kinder im KiTa Zweckverband“ von sich gab. Ein nachgerade klassischer Fall für die tiefe Ablage … ehe der Blick auf die in weihnachtlichem Rot gehaltene Postkarte fiel und mich einige Jahre zurück in jene längst vergangene Zeit katapultierte, als unsere Kinder noch den Kindergarten unserer katholischen Pfarrgemeinde mitten in der Bischofsstadt Limburg besuchten. Nachdem sie dort eines dunklen Adventsmorgens mit dem strahlenden Licht eines Weihnachtsbaumes beglückt werden sollten, dauerte es nicht mehr lange, und die Kinder besuchten den Kindergarten der katholischen Pfarrgemeinde in der Nachbarstadt Diez, in der man sich noch Mühe gegeben hatte, mittels eines Adventskranzes den Kindern die Adventszeit als Zeit der Vorbereitung und nicht der Vorwegnahme von Weihnachten nahezubringen … 

Die Bilder jener Tage tauchten jedenfalls wie ein Déjà vu auf, als ich die Betreffzeile des Anschreibens las: „Wir feiern alles zu seiner Zeit“. Und siehe da: Auf dem Plakat links im Bild der Adventskranz mit seinen vier Kerzen, rechts ein Weihnachtsbaum, in Folie verpackt und mit der Anweisung versehen: „Nicht vor dem 24. 12. öffnen“, das ganze garniert mit freundlichen Zeilen zweier Damen aus dem „Referat Religionspädagogik“ des Zweckverbands, die den Mitarbeitern der Kindertageseinrichtungen den Sinn der Adventszeit nahezubringen suchen.

„Limburg ist überall“, durchfuhr es mich, als ich Sätze las wie den: „Es gilt einen reichen Schatz lebendig zu halten oder auch wieder neu zu beleben – einen Schatz an Bräuchen, die sowohl helfen, als auch sichtbar machen können, dass wir alles zu seiner Zeit feiern – erst Advent, dann Weihnachten.“

Doch das ist nicht nur Limburger und anscheinend auch Essener Kindergärten leichter gesagt als getan. Es ist noch nicht lange her, da führten die Limburger Domsingknaben allen Ernstes Teile aus Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium mitten im Advent mitten in der Limburger Domkirche St. Georg auf – ganz so, als sei es völlig gleichgültig, ob man das „Jauchzet, frohlocket“ schon am zweiten Adventssonntag und „Macht hoch, die Tür“ noch immer in der Christmette singen sollte. Als ob es in Gestalt der Bachschen Kantaten „Nun komm der Heiden Heiland“ oder „Schmücke dich, o liebe Seele“ nicht ebenso ergreifende Kompositionen für den Advent gäbe wie für den Weihnachtsfestkreis …

Sei’s drum. Mittlerweile steht haben sich in Limburg die Gemüter beruhigt: Im Kindergarten steht ein Adventskranz, und die Domsingknaben kommen anscheinend auch ohne Weihnachtsoratorium im Advent auf ihre Kosten. So ist auch nicht nur auf die Kindertagesstätten im Bistum Essen die Aufforderung gerichtet, „Aufmerksamkeit für Werte, Sinn Inhalt und Tiefe der Festzeiten zu wecken“ und damit als „Farbe zu bekennen, unser Profil deutlich sichtbar zu machen“.

Doch was heißt hier „unser Profil“? „Es muss feste Bräuche geben“, sagte der Fuchs. „Was heißt ,fester Brauch‘?“, sagte der Kleine Prinz. „Auch etwas in Vergessenheit Geratenes“, sagte der Fuchs. „Es ist das, was einen Tag vom anderen unterscheidet, eine Stunde von den anderen Stunden.“

 

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