ÜberKreuz

Eine gezielte Indiskretion

Der anonyme Absender verspricht uns  „eine interessante Lektüre“ – und hat uns nicht enttäuscht. Das Papier selbst trägt den Kopf des Kirchenamts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover und setzt ein mit Harmlosigkeiten: Es gebe in Deutschland eine „faktisch breite Grundübereinstimmung zwischen den beiden Kirchen“. Doch dann wird es zunehmend pikant: Seit zehn Jahren seien die „Signale der Verschiedenheit“ stärker geworden, immer häufiger werde seither von einer „ökumenischen Eiszeit“ gesprochen, schreibt der Verfasser des Papiers, ein EKD-Oberkirchenrat, der  im Kirchenamt für die Ökumene zuständig. Seitdem Joseph Kardinal Ratzinger im April 2005 das Papstamt angetreten habe, schreibt er, stehe die Grundfrage im Raum, ob die katholische Kirche mit diesem Papst ihr Verhältnis zum II. Vatikanischen Konzil neu justieren wolle. Anfängliche Begeisterung über den deutschen Papst sei rasch einem „irritierten Grundgefühl gewichen“.
„Diplomatische faux pas“ von Papst Benedikt werden aufgezählt: Die Regensburger Rede mit den Äußerungen über den Islam etwa, die Rehabilitierung der Tridentinischen Messe oder jüngst die Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der Pius-Bruderschaft. All das füge sich zu einem „bedrückenden Bild“. Zwei mögliche Deutungen bietet der EKD-Beamte: Entweder wolle der Vatikan das Zweite Vatikanische Konzil gezielt hintertreiben, oder es handele sich schlicht um „eine gewisse Inkompetenz der Vatikanführung“.

In dem Papier wird auch berichtet von Spannungen innerhalb der katholischen Kirche: Die Deutsche Bischofskonferenz habe sich im Frühjahr in der Frage der Pius-Brüder vom Vatikan „in einer selten zu lesenden Klarheit“ distanziert. Und auch innerhalb des deutschen Episkopats gebe es „ernste Differenzen“: Bei der Einführung von Reinhard Marx in das Amt des Erzbischofs von München und Freising seien erstmals nicht alle bayerischen Bischöfe zugegen gewesen. Seine Spitze erreicht das Dokument wohl mit der Einlassung, die Wahl des Freiburger Erzbischofs Zollitsch zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz sei ein „Überraschungsakt“ gewesen, der ihn als „umstrittenen und daher geschwächten Kandidaten“ gekennzeichnet habe. Eine „orientierende und prägende Kraft geht von ihm nicht aus“, meint der Verfasser und kommt zu dem Schluss, dass die öffentliche Diskussion zuletzt „deutlich von der evangelischen Kirche dominiert“ worden sei.

„Ziemlich überheblich….“ sei das von dem Oberkirchenrat, heißt es in dem anonymen Anschreiben. Doch wer könnte das interne Dokument an uns lanciert haben? Und warum?
Gelangte das Papier in die Hände von Gegnern einer Annäherung beider Kirchen? Die dürften sich nun, nach der Veröffentlichung, die Hände reiben. Mögliche undichte Stellen gibt es mehr als genug: Das Papier war eine Vorlage für die Kirchenkonferenz der EKD – also für dasjenige Gremium, in dem sich die Leitungen aller EKD-Gliedkirchen abstimmen. Es wurde deshalb im Sommer in alle Kirchenämter versendet und gelangte dort in zahlreiche Abteilungen. Nicht auszuschließen, dass das Papier womöglich über Ökumene-Referenten auch in römisch-katholische Hände gelangte.

Es gibt aber noch einen zweiten Erklärungsansatz: Die Indiskretion könnte sich gezielt gegen den Verfasser des Papiers richten. Er gilt als Verfechter des EKD-Reformprozesses, der weder im Kirchenamt der EKD noch in allen Landeskirchen auf ungeteilte Begeisterung stößt. Ihm werden auch Ambitionen auf noch höhere Ämter nachgesagt. Will jemand seinen Aufstieg mit allen Mitteln verhindern? Dafür spricht, dass der anonyme Brief vom Briefpostzentrum 30 gestempelt wurde. Das liegt in Hannover.

Der anonyme Absender hätte dann allerdings einen ökumenischen Flurschaden in Kauf genommen, dessen Ausmaß zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen ist. Der Catholica-Beauftragte der deutschen Lutheraner, der Braunschweiger Bischof Weber, sagte uns, es werde „einige Mühe kosten, das wieder einzufangen“. Zwei süddeutsche Landesbischöfe, der Bayer Friedrich und der Badener Fischer, hatten schon in der Sitzung der Kirchenkonferenz im Juli gegen das EKD-Papier opponiert und sowohl Wortwahl als auch Inhalt angegriffen. Es wird berichtet, in der Sitzung habe niemand das Papier mit Nachdruck verteidigt. Die Kirchenkonferenz erteilte ihm keine Zustimmung. Aus dem Kirchenamt heißt es, schon der Versand des Papiers sei „ein Unglück“ gewesen – in dieser Form hätte es die Behörde nie verlassen dürfen.

Die katholischen Bischöfe spielten derweil den Vorgang herunter. Der Sprecher der Bischofskonferenz, Kopp, sprach gegenüber der FAZ von „harten Sätzen“ und äußerte die Erwartung, dass die evangelische Seite die Sache „klärt“ und mit den Bischöfen „das Gespräch sucht“. Der Text selbst war längst auch Mitarbeitern der Bischofskonferenz anonym zugespielt worden. Der Verfasser versuchte am Don nerstag, den Schaden zu begrenzen: Er sagte dieser Zeitung, der Text sei gedacht gewesen als „Anstoß einer freimütigen internen Aussprache über den Stand der Ökumene“. Das erkläre den „stellenweise undiplomatischen Ton“. Er bedaure es sehr, wenn dadurch die ökumenischen Beziehungen belastet würden.

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