Washington Watch

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Der Amtsantritt des 44. amerikanischen Präsidenten ist mehr als ein Regierungswechsel. Der Einzug des Schwarzen Barack Obama und seiner Familie ins

Michelles Brandbrief und das Ticket zur Geschichte

Bis zu 45 Millionen Dollar will Barack Obama an Spenden sammeln, um die Inaugurationsfeierlichkeiten am 20. Januar zu finanzieren. Michelle Obama bittet nun in einer Mail um "fünf Dollar oder mehr" - und nebenbei kann man in einem Wettbewerb ein "Ticket zur Geschichte" gewinnen.

Post von Michelle Obama. Es ist dringend, denn am 8. Januar ist Einsendeschluss für die Antwort. Noch könne auch ich zu den Glücklichen gehören und mein „Ticket zur Geschichte“ gewinnen, schreibt mir Michelle. „Ticket to History“ heißt im Obama-Jargon die Möglichkeit zur Teilnahme an der Amtseinführung des 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Bild zu: Michelles Brandbrief und das Ticket zur Geschichte

Bei Cynthia Russell aus Newberry in Florida hat das schon geklappt. Sie ist eine von zehn „Graswurzel-Unterstützern“ Obamas, die gratis für einige Tage nach Washington kommen dürfen, um die Inauguration von Barack Obama am 20. Januar zu erleben. Die Kosten für den Flug aus Florida und die Unterbringung in einem Washingtoner Hotel übernimmt das Team Obama.

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Cynthia ist Bauunternehmerin und hat jetzt, wie Michelle mich weiter wissen lässt, „die Folgen der Wirtschaftskrise zu spüren bekommen“. Cynthia hat Folgendes geschrieben, wahrscheinlich persönlich an Michelle, denn Michelle reicht es nun persönlich an mich weiter: „Ich bin eine alleinstehende Frau und baue seit 18 Jahren Häuser. Davon habe ich meinen eigenen Lebensunterhalt bestritten und von Zeit zu Zeit auch meine Mutter unterstützt. Nun frage ich mich, wie lange ich noch durchhalten, meine Rechnungen bezahlen und mein Geschäft betreiben kann. Barack gibt mir Hoffnung – Hoffnung, dass das Jahr 2009 wirklich einen Wandel bringt für alle Amerikaner, die sich wie ich in diesem Schlamassel befinden.“

Cynthia wird, so Michelle weiter, gemeinsam mit einer Begleitperson „an Baracks Vereidigung, an der Parade zur Amtseinführung und am Nachbarschaftsball teilnehmen“. Denn sie wurde ausgewählt – nach welchen Kriterien, erfahre ich leider nicht – als erste unter zehn Glücklichen. Weitere neun Glückliche werden noch gesucht, und ich habe die Chance, einer der neun zu sein. Michelle, so lässt sie mich wissen, „würde es lieben, wenn Sie einer von ihnen wären“, denn „nichts könnte besser sein, als Sie bei diesem historischen Ereignis dabei zu haben“.
Dies alles steht in einer an mich – „Matthias –“ adressierten Mail von Michelle Obama. Natürlich weiß ich, dass dies eine Massenmail ist, verschickt von der überaus professionell gemachten Website barackobama.com, auf der ich seit langem registriert bin. Verbunden mit den guten Wünschen Michelles, dass gerade ich ein „Ticket zur Geschichte“ gewinnen möge, ist die Bitte, „fünf Dollar oder mehr bis Mitternacht am Donnerstag, dem 8. Januar“ zu spenden.
Denn das Team Obama braucht auch nach dem Ende des Wahlkampfes Geld, viel Geld: für die Finanzierung des Übergangsteams und vor allem für die Feierlichkeiten zur Amtseinfühung. Das ist natürlich der wahre Grund für Michelles Mail, die auch Hunderttausende andere erhalten haben, die auf Obamas Website registriert sind. Man möge also Geld geben. Man kann Michelle aber auch antworten und sich um ein „Ticket zur Geschichte“ bemühen, ohne zu spenden. Ich selbst dürfte Barack Obama gar nichts spenden, weil ich Ausländer bin. Um an dem Wettbewerb um die neun verbliebenen kostenlosen Logenplätze für dieses „einmalige Ereignis“ teilzunehmen, habe ich wahrheitsgemäß Folgendes an Michelle (also an Obamas Website) im vorgesehenen Antwortkasten der Website geschrieben, um die Bedeutung der Amtseinführung Baracks für mich ganz persönlich zu verdeutlichen:  

„Dieses Wahljahr 2008 war die erfüllendste und anstrengendste Erfahrung meines Lebens seit ich die Politik in den Vereinigten Staaten verfolge. Von der Eiseskälte in Iowa und New Hampshire während jener Tage und Nächte im Januar über die schwüle Hitze Floridas im Juni und den Wüstenwind Nevadas im Juli bis zum windig-lauen Abend in Denvers Mile-High-Stadion in den Rocky Mountains von Colorado, als Barack Ende August seine historische Rede zum Parteitag hielt, und schließlich bis zum Türenklopfen im Spätherbst in Alexandria im Norden Virginias am Wochenende vor den historischen Wahlen vom 4. November habe ich meinen Enthusiasmus mit Hunderten von Baracks energischsten und treuesten Unterstützern geteilt. Nun sind der Wandel und die Hoffnung nach Amerika gekommen, inmitten einer Wirtschaftskrise und zudem zu einer Zeit, da sich die Amerikaner fragen, was sich die Welt erhofft und was sie erwartet von den Vereinigten Staaten als erneuertem Vorbild auf der internationalen Bühne. Meine Hoffnung ist, dass ich Teil jenes historischen Augenblicks sein kann, wenn Barack am 20. Januar seinen Amtseid ablegt (und ich würde nicht einmal Transport nach Washington und ein Hotel brauchen, denn ich wohne in der Nähe der Hauptstadt, nur eben mein Ticket zur Geschichte für die Amtseinführung). God bless, Matthias.“ 

Zugegeben, der Stil ist ein bisschen schwülstig, und ich würde den 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten auch nie einfach nur „Barack“ nennen. Aber so oder so ähnlich klingen alle Mitteilungen der Obama-Website, und überhaupt nennt fast alle Welt Obama vertraulich „Barack“. Ob mir das Bewerbungsschreiben Glück und mein ersehntes „Ticket to History“ gebracht hat, werden die Leser von „Washington Watch“ selbstverständlich beizeiten erfahren. Insgesamt wurden 240000 kostenlose Tickets für die Teilnahme an den Feiern zur Amtseinführung gedruckt, die meisten wurden von Kongressmitgliedern vergeben.

Übrigens hat Obama schon fast 25 Millionen Dollar an Spenden gesammelt, um die Kosten für die umfangreichen Inaugurationsfeierlichkeiten zu decken. Zwischen 40 und 45 Millionen Dollar sind dafür veranschlagt, vom Aufbau der Zuschauertribünen über die zahlreichen Bälle bis hin zu den Aufräumarbeiten. Vor dem Weißen Haus und entlang der National Mall wird schon seit Wochen fleißig gezimmert.

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George W. Bushs zweite Amtseinführung im Januar 2005 hat bisher mit 42,3 Millionen Dollar das meiste Geld aller Inaugurationsfeierlichkeiten verschlungen. Obamas Team hat zwar Zuwendungen von Unternehmen, Gewerkschaften und Lobbyisten ausgeschlossen und die Höhe der Spenden von Privatpersonen auf 50000 Dollar und von Ehepaaren auf 100000 Dollar begrenzt. Sogenannte „bundler“ können aber Spenden von Privatpersonen bündeln, bis zu einer Gesamthöhe von 300000 Dollar. Zu den Spendern für die Amtseinführung gehören namhafte Unterstützer von Obamas Wahlkampf im vergangenen Jahr, der Regisseur Steven Spielberg und die Schauspielerin Halle Berry etwa, auch der milliardenschwere Finanzier und Philanthrop George Soros. Die Organisation „Public Citizen“ hat herausgefunden, dass allein 189 „bundler“ für Obamas Amtseinführung 21,6 Millionen von den bisher eingangenen 24,8 Millionen Spenden herbeigeschafft haben. Aus dem Team Obamas wird aber versichert, diese Großspender würden sich damit keinen Einfluss „kaufen“, denn der künftige Präsident werde bekanntlich alles unternehmen, um den Einfluss von Lobbyisten, Gewerkschaften und Großunternehmen zu beschränken. Das Internet als bevorzugte Geldsammelmaschine Obamas hat an Spenden für die Amtseinführung im Vergleich zu den wohlhabenden Gönnern noch nicht viel eingebracht, gerade einmal gut drei Millionen Dollar. Vielleicht wird das nach Michelles Brandbrief anders.

(Fotohinweis: Abbildung und Porträtfoto barackobama.com; Reuters/Jason Reed)