What’s left

Wie schaffen es die Linken, immer auf der richtigen Seite zu stehen?

Der Soziologe Armin Nassehi hat dazu ein paar sehr originelle Ideen.

Der Soziologe Armin Nassehi© Hans-Günter KaufmannDer Soziologe Armin Nassehi

Rainer Hank erzählt eine Konversionsgeschichte – vom Milieulinken zum Liberalen. Er stilisiert diese Geschichte als die Geschichte einer Generationenlage, die fast automatisch „links“ war und sich davon im Laufe der Jahrzehnte entfernt hat. Er erzählt sie zugleich als eine tragische Geschichte, weil seine Konversion nicht einfach ein gutes durch ein besseres Argument ersetzt, sondern in ein Dilemma gerät: Er möchte nicht einfach der „Gerechtigkeit“ und dem „Sozialen“ abschwören – das wäre einfach. Er meint, dass man heute ein Liberaler sein müsse, um die vormals „linken“ Ziele erreichen zu können. In seinem neuen Buch, das mit viel Zustimmung ich zu lesen bereits die Gelegenheit hatte, erzählt Hank freilich nicht nur eine Konversionsgeschichte, sondern vertritt eine deutlich liberale Position, die man auf die Formel bringen kann, dass sich über Mechanismen des Wettbewerbs und der Preisbildung womöglich „sozialere“ und gerechtere Ergebnisse erzielen lassen als durch politische Regulierungen.

Vertrauen auf die Logik des Marktes

Hanks Erzählung ist nicht überraschend – sie setzt am guten alten Grundproblem des Verhältnisses von ökonomischen und politischen Handlungslogiken an. Letztlich lassen sich die klassischen Politikmodelle an diesem Verhältnis scharfstellen: Liberale vertrauen auf die Logik des Marktes und des Wettbewerbs, Konservative vertrauen auf eingespielte Traditionen der Gesellschaft, und Linke plädieren für eine strikte Kontrolle des Marktes durch politische Regulierungen. Das ist bekannt und wenig überraschend – und reale Politikmodelle kommen stets als kompromissförmige Mischformen daher, mit oder ohne Groko.

“What’s left”: Rainer Hank erklärt unser neues Blog

Aber man kann damit noch nicht erklären, warum das Linke stets diesen Diskursvorteil hat, auf der richtigen Seite zu stehen. Dass es so ist, beschreibt Hank ebenso treffend wie an manchen Stellen fast amüsant. Unbeobachtet bleibt dabei freilich ein entscheidender Mechanismus. Der Diskursvorteil des Linken ist nicht nur ein normativer Zufall, sondern er liegt daran, dass linke Argumente stets universalistisch argumentieren. Linke Politikmodelle gehen stets von einer Gesellschaftstheorie aus, von der her sich alle Grundwidersprüche der Gesellschaft erklären lassen – was dann so etwas wie eine Zugriffsmöglichkeit auf die Gesellschaft suggeriert. Das muss man (und kann man bei Trost) heute nicht mehr im klassischen marxistischen Sinne machen, aber diskursiv imaginiert das linke Denken stets so etwas wie die Möglichkeit einer Umbauperspektive auf die Gesellschaft. Es ist die Idee, dass sich Gesellschaft wie ein Gegenstand verändern ließe – doch solche Perspektiven rechnen nicht damit, dass die Gesellschaft ihrerseits auf solche Zugriffe reagiert, was dann bisweilen eher in Rigorismen mündet, die immer dann besonders stark werden, wenn sie sich von einem unbestrittenen Wertehimmel geschützt sehen.

Liberale Ästhetik

Hier schlägt die Stunde des Liberalen. Schon die Ästhetik des liberalen Arguments macht die Eigendynamik der Gesellschaft stark, macht darauf aufmerksam, wie vielfältig und schnell, wie unplanbar und individualisiert Reaktionen auf Veränderungen ausfallen. Ich kann die Lektüre von Hanks Buch schon deswegen empfehlen, weil es wirklich ästhetisch darauf aufmerksam macht, wie gegenwartsorientiert und selbstregulierend eine moderne Gesellschaft funktioniert – und wie paradox deshalb gerade die Wirkungen gut gemeinter Regulierungen oft sind.

Kritisch freilich möchte ich anmerken, dass Hank der linken Umbauperspektive womöglich allzu einseitig die Idee der Eigendynamik und des Eigenregulatorischen entgegenstellt. Es ist eine Binsenweisheit, dass Märkte kreative Problemlöser sind – ebenso ist es eine Binsenweisheit, dass Märkte ohne rechtliche und politische Regulierungen unerwünschte Anpassungsprobleme produzieren. Genau das ist die neue Herausforderung einer intelligenten Form der Übersetzung ökonomischer und politischer Perspektiven in Problemlösungen.

Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind

Ich habe selbst in meinem in der letzten Woche erschienenen neuen Buch „Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss“ (Hamburg: Murmann Publishers) auf zweierlei hingewiesen: Linke Beschreibungen der Gesellschaft gefallen sich im Gestus, fürs Ganze zu reden und universalistisch zu sein und imaginieren so etwas wie eine geradezu technologische Umbauperspektive auf die Gesellschaft. Das ist eine starke Gesellschaftstheorie – aber eine falsche!

Dem Liberalismus dagegen werfe ich vor, zwar sehr zutreffend auf die Eigendynamik einer modernen Gesellschaft hinzuweisen, aber letztlich keine Gesellschaftstheorie zu haben – es sei denn noch die Stilisierung der alten Abwehrrechte des individuellen Spielers gegen den Staat, wie wir es seit John Locke aus dem 17. Jahrhundert kennen. Vielleicht ist es das, was den Liberalismus so herzlos erscheinen lässt, wie Hank nicht ohne Schmerz immer wieder betont.

It’s the Society, stupid!

Worauf ich aber hinweisen möchte, ist, dass nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die anderen Instanzen der Gesellschaft – Politik und Wissenschaft, Massenmedien, Recht und Bildung, sogar Kunst und Kultur – ähnlich dynamisch und dezentral geworden sind. Die Rede von der Ökonomisierung und die neue Kapitalismuskritik sind vielleicht nur Metaphern für diese universale gesellschaftliche Erfahrung. Ich bringe das auf die Formel It’s the society, stupid! – anders als die Formel aus dem Clinton-Wahlkampf von 1992, es sei allein die Ökonomie.

It’s the society heißt mitzubedenken, dass die Gesellschaft selbst ein dezentriertes System ist, dessen Komplexität man radikal unterschreitet, wenn man immer noch an das Märchen glaubt, mit den starken Sätzen der Kapitalismuskritik die Eigendynamik der Gesellschaft auch nur annäherungsweise zu erreichen. Eine Theorie des Liberalen müsste wohl in die Richtung gehen, die verteilte Intelligenz der Gesellschaft und die Dezentralität ihrer Struktur anzuerkennen. Es geht ja nicht nur um ein „freies Spiel der Kräfte“ ökonomischer Spieler – es geht heute um die Dynamik zwischen politischen, ökonomischen, massenmedialen, wissenschaftlichen, rechtlichen und kulturellen Eigendynamiken, die ebenso wenig durch Umbauphantasien miteinander koordiniert werden können wie das, was ökonomische Spieler innerhalb von Marktprozessen tun. Man muss das Liberale in dieser Weise von seiner ökonomischen Fixierung lösen – nicht um wieder mit politischen Regulierungsfantasien aufzuwarten, sondern um die eigendynamische Struktur der gesamten Gesellschaft sehen zu können.

Das wäre nach meinem Dafürhalten ein Angebot an eine liberale Perspektive, die vielleicht auch den Kontakt zu politischen Gestaltungsmöglichkeiten wieder finden könnte, der als Gegenbewegung gegen den linken Staatszentrismus womöglich verloren gegangen ist. Der Konversionserzählung von Rainer Hank würde ich also eine starke Theorieerzählung anfügen, die hier nur angedeutet werden kann – und ich bin überzeugt davon, dass das der richtige Weg ist, um sich ein realistischeres Bild der Gesellschaft zu machen. Das übrigens wäre dann eine positive Beschreibung des Liberalen, denn selbst bei Hank dominiert am Ende doch noch der Gestus der Abwehrrechte. Dass die verteilte Intelligenz der Gesellschaft nicht nur ein Problem ist, sondern auch eine Lösung – das müsste der positive Ausgangspunkt einer liberalen Gesellschaftstheorie werden können. Und das schließt dann übrigens auch intelligente politische Lösungen ein, die mehr sind als nur das Nein zu zentraler Regulierung.

Nur was Anna dazu sagen wird, das weiß ich nicht!

Armin Nassehi ist Professor für Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Bei Murmann Publishers ist gerade sein Buch „Die letzte Stunde der Wahrheit. Warum rechts und links keine Alternativen mehr sind und Gesellschaft ganz anders beschrieben werden muss.“erschienen

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