Zweiter Klasse

Zweiter Klasse

„Wenn du zur Arbeit gehst am frühen Morgen, wenn du am Bahnhof stehst mit deinen Sorgen, da zeigt die Stadt dir asphaltglatt im Menschentrichter

"Wenn du meinst"

| 15 Lesermeinungen

Als ich mein Pendlerdasein plante und meinen Mitmenschen davon erzählte, künftig täglich insgesamt 400 Kilometer überwinden zu wollen, erntete ich ständig diesen mitleidig-überrascht-ungläubigen Blick. Nur gut, dass es anderen auch so ergeht.

Offenbar können sich die allermeisten Menschen gar nicht vorstellen, dass man auf Dauer jeden Tag insgesamt 400 Kilometer Wegstrecke überwinden kann und will. Als ich mein Pendlerdasein plante, erntete ich jedenfalls gefühlte hundert Mal diesen ganz klassischen Blick – eine Mischung aus Überraschung, Ungläubigkeit, Mitleid und dem Versuch sich sämtliche dieser Gefühlsregungen nicht anmerken zu lassen.

Da war zum Beispiel mein Vermieter: „Frankfurt – Köln, jeden Tag?“, fragte er, als ich ihm von meinem Vorhaben erzählte. „Wie lange dauert das denn?“ – „So etwa eine Stunde“, sagte ich. „Ach naja, das geht ja noch“, sagte er und lächelte gequält. So wie der Zahnarzt lächelt, wenn er sagt, dass das Bohren bestimmt nicht ganz so doll wehtun wird.

Eine gute Freundin wurde da schon deutlicher. „Ich bin zwei Jahre lang jeden Tag 45 Minuten zur Arbeit gefahren und war schon total genervt“, sagte sie. „Warte erstmal ab, das wird eine ganz harte Zeit.“ Ich versuchte es mit guten Argumenten. „Das ist ja kein Regionalzug. Die Atmosphäre im ICE ist total produktiv. Da kann man die Zeit nutzen: lesen, am Laptop arbeiten, zur Not auch mal das eine oder andere Telefonat führen.“ – „Naja gut“, sagte sie in einem Tonfall als sei sie drauf und dran zu ergänzen: „Aber demnächst gehst du mal zum Psychologen.“ Doch sie schwieg.

Beruhigend ist bloß, dass es anderen Menschen auch so ergeht. Neulich beim Aussteigen aus dem ICE zum Beispiel hörte ich, wie sich zwei Mitreisende unterhielten. „Mensch, dass ich dich mal wieder treffe“, sagte der eine. „Ja Mann, wie geht’s dir?“, fragte der andere. „Gut, danke, ich hab gerade mein Lebensmodell ein bisschen verändert. Hatte keinen Bock mehr auf die Bude in Frankfurt. Das ging mir so auf die Nerven, da jeden Abend allein rumzusitzen. Jetzt hab ich einfach die Wohnung gekündigt und reise jeden Tag aus Köln an.“ Verstohlen sah ich mich um. Und tatsächlich: Da gingen zwei mittelalte Herren in grauen Anzügen und mit Aktentasche nebeneinander her. Der eine schaute vergnügt. Der andere trug ein aufgesetztes Lächeln und stammelte gerade: „Wenn du meinst…“


15 Lesermeinungen

  1. Spinnie, da kann der ICE noch...
    Spinnie, da kann der ICE noch so schnell sein – es sind und bleiben bestimmt 3 Stunden täglich für die Strecke, die eben nicht für den Garten, Freunden, etc. zur Verfügung stehen. Natürlich, wenn man der Meinung ist, die Umgebung Köln rechtfertigt das, ist das eine persönliche Präferenz. Allerdings: wenn man das Büro um 17.30 Uhr verläßt, dann ist man auch allerfrühestens gegen 19.00 Uhr zu Hause. Eher 19.30 Uhr oder 20.00 Uhr. Und müßte dann eigentlich erst duschen, etwas essen, etc. Was hat man dann von Köln? Man kann die Zeit im Zug natürlich mit Lesen überbrücken oder man arbeitet dann am Laptop weiter – der Arbeitgeber freut sich natürlich über so „hochmotivierte“ Mitarbeiter. Mir persönlich würde das nicht schmecken, ich bin lieber früher bei Frau und Kindern zu Hause und sitze mit Ihnen gemeinsam am Abendtisch. Aber da hat jeder seine eigene Meinung.
    BlackJack66, aus London ist das bekannt, noch schlimmer ist es in Tokyo. Teilweise sind die Anfahrtswege noch länger und da die Menschen dort auch noch abends lange im Büro sitzen und es sich teilweise nicht mehr lohnt nach Hause zu fahren. Die legen sich dann auch mal auf den Büroboden zum Schlafen oder mieten sich in Kapselhotels ein: https://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,423079,00.html
    Erfreulich ist das alles nicht und als wirklichen Vorteil der heutigen Arbeitswelt kann ich das auch nicht auffassen.

  2. Die Entfernung ist relativ,...
    Die Entfernung ist relativ, die Dauer der Fahrt entscheidend.
    Ende der 90iger bin ich jeden Tag 75 Minuten eine Richtung gefahren (wenn alles klappte) und das war innerhalb von Berlin, für eine Strecke ca. 20km (zweimal Umsteigen – TRAM, U-Bahn, Bus), da ist doch so eine Stunde ICE Luxus.

  3. comicfreak sagt:

    ..mit dem Auto bin ich im...
    ..mit dem Auto bin ich im ländlichen Bereich 30 Minuten unterwegs; zum nächsten Bahnhof bräuchte ich 40..

  4. colorcraze sagt:

    Von Tür zu Tür wirklich nur...
    Von Tür zu Tür wirklich nur eine Stunde? Das wäre ja eine klasse Bahnverbindung. Wie sich bei Braudel nachlesen läßt, ist der tägliche Arbeitsweg von einer Stunde hin, einer Stunde zurück über die Jahrhunderte gleich geblieben. Man kommt halt je nach Verkehrsmittel in einer Stunde unterschiedlich weit.

  5. Harzer sagt:

    Ich bin drei Jahre täglich...
    Ich bin drei Jahre täglich hundert Kilometer (einfache Strecke) mit dem Auto zur Arbeit gependelt, dank guter Autobahnanbindung normal auch nur ne Stunde Fahrzeit. Gleiche Strecke mit Bus+Bahn um die 3h, also indiskutabel. Ich fand es es eigentlich immer entspannend und allein die Kurven die letzten 20km bis zur Haustür, ein Traum. 😉
    Seit nem knappen Jahr hab ich nen neuen Job und wohn nur noch 3km von der Arbeit weg. Seit dem erwisch ich mich regelmäßig dabei, dass ich zu Hause stehe und denke: Was nun? Mir fehlt die Zeit der Fahrerei zum runter kommen und den Tag zu verarbeiten. Pendeln hat also auch positive Seiten. 😉

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