Zweiter Klasse

Zweiter Klasse

„Wenn du zur Arbeit gehst am frühen Morgen, wenn du am Bahnhof stehst mit deinen Sorgen, da zeigt die Stadt dir asphaltglatt im Menschentrichter

Alter vor Ehrlichkeit

| 15 Lesermeinungen

Neulich fuhr ich mit dem ICE durch das Schwabenländle, als eine ältere Dame mit Pelzkappe den Zug bestieg. Sie war um die Siebzig und auffällig opulent gekleidet. In sofern war es kaum verwunderlich, dass der Schaffner die Dame recht zuvorkommend behandelte.

Neulich fuhr ich mit dem ICE durch das Schwabenländle. Am Fenster rauschten alle möglichen und unmöglichen Ortsschilder mit „ingen“-Endungen vorbei. Ich war ganz in Gedanken an schwäbische Tugenden und die schwäbsche Eisenbahn versunken, als eine ältere Dame mit Pelzkappe den Zug bestieg.

Es war in Augsburg – technisch gesehen also noch in Bayern – und die Frau fiel mir sofort auf. Sie war um die Siebzig und auffällig opulent gekleidet. Neben dem Fellhut war sie auch ansonsten ganz und gar in Pelz gehüllt – und offensichtlich stolz darauf. Denn trotz der sehr warmen Heizungsluft im Waggon legte sie weder Kappe noch Mantel ab, als sie sich auf einem der Sitzplätze niederließ.

Als später der Fahrkartenkontrolleur den Waggon betrat, sagte die Pelzdame, sie habe noch keine Fahrkarte. Der Schaffner lächelte freundlich und erkundigte sich, wohin die Reise denn gehen solle. „Nach Frankfurt“, sagte die Pelzdame. „Bahncard?“, fragte der Kontrolleur. „Nein“, sagte die Pelzdame und der Schaffner begann Zahlen in sein mobiles Fahrkartenausdruckgerät zu tippen. „Macht dann 81,40 Euro.“

„Ich hab gar koi Geld doboi“, sagte die Dame schwäbelnd und seelenruhig. „Wir nehmen auch Kreditkarte“, antwortete der Schaffner ebenso seelenruhig, wenn auch eher mit sächsischer Intonation. „Hab ich auch koine“, sagte die Dame. „Ja, so geht es aber nicht“, sagte der Schaffner. „Kann ich denn bitte mal Ihren Ausweis sehen?“ – „Noi“, sagte die Pelzkappendame. „Den hab ich auch net doboi.“

Der Schaffner lief im Gesicht leicht rosé an, doch die erwartete heftige Reaktion blieb aus. „Sie wissen aber schon, dass Bahn fahren Geld kostet“, sagte er. „Hab ich koins doboi“, beharrte die Pelzdame. „Dann ist der nächste Halt Ihrer“, sagte der Schaffner. „Hää?“, sagte die Dame. „Aussteigen sollen Sie“, sagte der Schaffner. „Beim nächsten Halt.“ – „Ich muss aber doch nach Frankfurt“, erwiderte die Pelzdame. – „Sie sind ja ganz schön gelassen dafür, dass Sie hier ohne Ticket im ICE sitzen“, sagte der Kontrolleur. Ich erwartete, dass er spätestens jetzt die Polizei anrufen würde.

Statt dessen geschah – gar nichts. Der Schaffner kontrollierte weiter Fahrkarten, die Pelzdame behielt ihren Pelz auf dem Kopf und der Zug fuhr an weiteren Orten mit „ingen“-Endungen vorbei bis nach Ulm. Dort angekommen spähte der Schaffner noch einmal kurz in unseren Waggon, um sicherzugehen, dass die Frau auch wirklich ausstieg.

Ich jedenfalls bin nun um eine Einsicht reicher: Wenn ich lediglich am nächsten Halt aussteigen muss, falls ich schwarz beim ICE-Fahren erwischt werde, kann ich mir die 3800 Euro für meine Bahncard 100 demnächst sparen. Ich werde mir einen Pelzmantel und eine Pelzkappe kaufen, mir ein paar Altersfältchen ins Gesicht schminken und meinen Personalausweis geflissentlich zu Hause lassen. Falls ein Kontrolleur kommt, steige ich eben einfach in Frankfurt-Flughafen aus, statt in Frankfurt Hauptbahnhof. Dann nehme ich mir für den Rest der Strecke eine S-Bahn. Für 3,80 Euro.


15 Lesermeinungen

  1. boes sagt:

    <p>@1887</p>
    <p>Ausgestiegen...

    @1887
    Ausgestiegen ist sie. Ging auch ganz schnell. Den Mantel hatte sie ja schließlich schon an.

  2. Paul Rasper sagt:

    Vielleicht hatte die Dame ja...
    Vielleicht hatte die Dame ja auch eine BC100 dabei – danach hat der Schaffner sie ja nicht gefragt 😉
    Aber Spaß beiseite. Wer sagt denn, das sie weder Geld noch Ausweis dabei hatte? Wahrscheinlich ist sie in Ulm einfach in den nächsten Zug nach Frankfurt gestiegen und hat wieder nicht bezahlt. Die Polizei zu rufen wäre die meiner Meinung nach die einzig richtige Alternative gewesen. Entweder hätten die Beamten Ausweis und Geld in der Manteltasche gefunden, dann hätte sie auch bezahlen können – oder die alte Dame hat wirklich nichts dabei gehabt – dann ist es verantwortungslos, sie ohne Geld in Ulm einfach der Kälte auszusetzen. Auch hier hätte sich die Polizei um sie gekümmert (und sie im Zweifelsfall in den nächsten Zug nach Frankfurt gesetzt).

  3. colorcraze sagt:

    <p>Hm, Schwarzfahrer ohne...
    Hm, Schwarzfahrer ohne Ausweis. Könnte man da nicht versuchen, eine telefonische Identitätsklärung durchzuführen („Wie heißen Sie? Wen kann ich anrufen, der bestätigt, daß Sie es sind?“), einen Fackel unterschreiben lassen, der Inkasso vorsieht, und eine saftige Rechnung schicken?

  4. kusrzstrecke sagt:

    Die Frau wollte nach Ulm....
    Die Frau wollte nach Ulm. Deshalb hat sie auch ihren Mantel gar nicht erst ausgezogen.

  5. hgebhardt sagt:

    Ich habe bei einer...
    Ich habe bei einer nichtdeitschen Bahn eine Netzkarte, mit welcher ich zu Schwachlastzeiten eine Begleitperson mitnehmen darf. Neulich sass mir eine
    Dame ohne Fahrkarte gegenüber.
    Zuerst wurde meine Netzkartevom Schaffner kontrolliert, dann kam die Frau dran. Auf die Eröffnung „kein Fahrschein“ sagt der Schaffner : Ihr Gegenüber nimmt sie mit!

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