Das letzte Wort

Altersschwach ins Cockpit

Alter spielt keine Rolle. Diese gesellschaftspolitisch wünschenswerte Parole würde wahrscheinlich jeder sofort unterschreiben, so lange nicht das eigene Leben daran hängt. Aber Chirugen, die nur noch mit zittriger Hand das Skalpell halten, oder Busfahrer mit altersbedingter Sehschwäche sollten sich lieber eine andere Beschäftigung suchen. Berufsspezifische Altersgrenzen sind deshalb aus Sicherheitsgründen manchmal schlicht notwendig.

Über Jahrzehnte galt das auch für die Piloten der Deutschen Lufthansa. Mit 60 Jahren war Schluss mit dem Aufstieg in luftige Höhen – bis der Europäische Gerichtshof (EuGH) Wind davon bekam. Am Dienstag räumte er mit dieser „Altersdiskriminierung” auf und gab drei Piloten Recht, denen die deutsche Fluglinie nach ihrem 60. Geburtstag den Zutritt zu der Flugzeugkanzel verweigert hatte. Piloten dürfen künftig also noch fünf Jahre länger an den Steuerknüppel, denn die Passagiere hätte von möglichen altersbedingten Einschränkungen nichts zu befürchten, fanden die Luxemburger Richter.

Dabei muss einem als Lufthansa-Kunde nicht zwangsläufig bei jedem Flug mulmig werden. Jede Altersgrenze ist willkürlich und losgelöst vom Einzelfall gesetzt, es gibt schließlich auch noch sehr flotte Mitt-Sechziger. Doch aus arbeitsrechtlicher Sicht ist dieses Urteil höchst bedenklich, stellt es doch – wieder einmal – eine „Altersdiskriminierung” in einem Bereich fest, der weder als Benachteiligung gemeint ist noch als eine solche verstanden werden darf.

In diesem Fall haben sich Gewerkschaft und Arbeitgeber gemeinsam in einem Tarifvertrag auf diese Altersgrenze verständigt und hatten auch gute Gründe dafür: Piloten sind großen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt, die sich im Alter naturgemäß schlechter verkraften lassen. Das hat auch das Bundesarbeitsgericht immer wieder so gesehen – bis der Wahn über Europa herein brach, jede unterschiedliche Behandlung wegen des Alters endgültig auszumerzen. Seitdem kippen die Luxemburger Richter mit größter Inbrunst eine Regelung nach der anderen. Nicht um alle ist es schade, aber viele haben sich schon über Jahre bewährt.

Bisher geschah dies meist auf Initiative unterinstanzlicher Gerichte, doch inzwischen mischt das Bundesarbeitsgericht fleißig mit. Jahrelang hielten die Erfurter Bundesrichter standhaft an der Altersgrenze fest, doch seitdem sich in Luxemburg ein deutscher Ersatzgeber für arbeitsrechtliche Belange etabliert hat, geraten auch sie ins Wanken. Plötzlich sind sie sich ihrer Sache in der Frage der Altersgrenzen nicht mehr sicher – und fragen lieber selbst ihre europäischen Kollegen, bevor es ein sendungsbewusster Arbeitsrichter aus der deutschen Provinz tut. Das Ergebnis dieses vorauseilenden Gehorsams bleibt jedoch das Gleiche: Sobald der EuGH die Gelegenheit zur Grundsatzentscheidung gibt, nimmt er sie sich auch. Dabei geht es meist nur ums Prinzip, selten um die beste Lösung.

 

Die mobile Version verlassen