Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Mitten im Anfang

| 12 Lesermeinungen

Berlin Friedrichshain ist wohl der Ort, den ich noch am ehesten als Heimat bezeichnen würde. Hier wurde ich 1980 geboren, hier überquerte ich erstmals die...

Berlin Friedrichshain ist wohl der Ort, den ich noch am ehesten als Heimat bezeichnen würde. Hier wurde ich 1980 geboren, hier überquerte ich erstmals die Grenze, hier fand ich meinen Lieblingsmensch und hierhin komme ich immer wieder zurück. Für mich klingt das alles nach sehr vielen Dingen, weil sie für mein Leben bedeutend sind. Entscheidend. Doch würde man die Zeit kumulieren, die ich in Friedrichshain verbracht habe, wäre es erstaunlich wenig.

Auch über die Idee „Wostkinder“ sprachen wir erstmals in Friedrichshain. Nach einem Wochenend-Ausflug, der uns zum Schwielowsee und nach Potsdam führte. Eigentlich hatte der Ausflug einen latent geschäftlichen Charakter, doch der Veranstalter hat sich ein paar Events überlegt und als engagierte DenkerInnen widmeten wir uns den Aspekten des Wellness. Für mich war es das erste Mal. Zwei Pools, jeweils in warm und kalt, Sauna, Yoga und ein Massagebereich. Ich hatte ja gar keine Ahnung, was man seinem Körper alles antun kann, während die Stunden in wohliger Untätigkeit dahin fliegen.

 

Raum im Resort Schwielowsee

 

Hätte ich damals geahnt, dass ich mich mit diesem Tag näher beschäftigen werde, hätte ich ein paar Fotos mehr gemacht. So sind es derer jedoch nur zwei und ohne den Ort bewerben zu wollen, empfehle ich den bildlichen Eindruck auf der Internetseite dieses Erholungsanwesens. Es ist vielleicht nicht ganz unwichtig, diesen Eindruck zu gewinnen. Mitten in der schönsten Erholung, nach einer Gesichtsmassage, erfuhr ich von der früheren Nutzung des Anwesens. Der Gebäude- und Landschaftskomplex diente schon zu DDR-Zeiten der Erholung. Damals den Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS). Hier erholte sich die Stasi.

Undramatisch mulmig

Eigentlich fühlte ich mich trotz der Fremde des Ortes recht wohl. Das ist selten. Ich mag keine fremden Orte. Und auch die Information änderte daran nichts. Es war kein Knall. Nicht dramatisch. Es sickerte langsam in mich hinein. Ich genoss den Nachmittag und dachte mir lediglich ein „Aha“. Gleichwohl begann ich mich intensiver umzuschauen und mehr von der Umgebung wahrzunehmen, in der ich mich befand. „Schön hatten sie es“ und irgendwie war es auch konsequent, dass der Komplex zum gehobenen Erholungsort ausgebaut wurde. Umgeben von Ferienhäusern in weiß, direkt am Schwielowsee gelegen. Für meinen Geschmack etwas zu normiert, aber das übersieht man als Gast vermutlich, wenn der Page einen mit dem elektrischen Nachbarschaftsfahrzeug zur gemieteten Wohnanlage fährt.

Auch Erholung geht zu Ende. Auf dem Heimweg überkam uns Hunger. Kurzentschlossen setzten wir unsere Rucksäcke ab und entschieden uns, das neue asiatische Restaurant um die Ecke zu testen. Da wiederum war es furchtbar. Eine überschminkte Gästebetreuerin erzählte einem vermutlichen Verehrer welche Unsummen sie für Tattoos ausgab. Der Tisch wackelte, ohne dass es am Kopfsteinpflaster lag. Das Essen war übersäuert und der Tee schmeckte gut. Wir saßen da, aßen und sprachen. Es war wohl diese Mischung aus vorheriger Dekadenz, gefühltem Mangel durch das übersäuerte Essen und der Konfrontation mit einer teilweise unbekannten Vergangenheit, die uns an diesem Nachmittag über unser Ost-Sein sprechen ließ. 

Ich hatte das Thema für mich immer verdrängt. Es als erledigt betrachtet und abgehakt. Nach der Wende arbeitete mein Vater recht schnell im Westen Deutschlands. Er pendelte eine Weile zwischen Berlin und Ladenburg, ehe er uns 1991 nach holte. Wir landeten in Weinheim an der Bergstraße und immer wenn ich gefragt wurde ob ich aus dem Osten komme, antwortete ich zunächst mit „Berlin“. Ich hatte selten nachsichtige Gesprächspartner.

Das Problem mit der Verdrängung ist, sie nagt. Tief im Inneren sucht sie sich ihren Weg in den Kopf und wenn nicht dorthin, dann in eine zur Persönlichkeit passende Kompensationshandlung. Zu jenem Zeitpunkt, als wir bei diesem unangenehmen Asiaten saßen, pendelte ich bereits ein Jahr zwischen Oldenburg und Berlin. Regelmäßig mit Berlin konfrontiert zu sein, brachte das Thema langsam in mir Hoch. Es gab ohnehin keinen Ausweg. Mir war sofort zugänglich, wovon Katrin sprach, als sie auf den Ost-West-Konflikt in unserem Leben zu sprechen kam und auch auf die Idee für dieses Blog.

Den eigenen Kontext greifen

Zumindest gefühlt. Wenn ich versuche es zu erklären, finde ich keine richtigen, also alles erklärenden Worte dafür. Es ist zu ambivalent. Nahezu jeder Gesprächspartner sieht in der Sache der Idee etwas anderes. Tatsächlich haben wir auch das Luxusproblem der vielen Ansatzpunkte, die es zu ordnen gilt. Das Ziel wird sich dadurch tatsächlich erst durch den Weg ergeben.

Ganz ungefestigt bin ich natürlich nicht. Wenn wir heute historische Texte lesen, versuchen wir die in ihnen enthaltenen Gedanken im Kontext der jeweiligen Zeit und auch im Sinne der persönlichen Disposition des Autos zu verstehen. Das Projekt „Wostkinder“ ist für mich der Versuch, diesen Kontext aus dem Zeitgeist heraus zu extrahieren und dadurch eine Deutung über diesen speziellen Lebensweg zu gewinnen. Denn dieser Lebensweg hat etwas mit uns gemacht und das, was er mit uns gemacht hat, prägt nicht nur unser Handeln sondern auch unser Denken.

Bild zu: Mitten im Anfang

Im Resort Schwielowsee steckt mehr als nur ein ehemaliges Erholungslager für Stasi-Mitarbeiter. Der Chef wurde kürzlich krankheitsbedingt aus dem Knast entlassen, war vor Ort zu erfahren. Der Chef? Es ist Axel Hilpert, ehemaliger Chefeinkäufer für Antiquitäten bei KoKo. Die Begrifflichkeit KoKo wird mittlerweile von der Piratenpartei als Kürzel für ihre Koordinatorenkonferenz verwendet und so einem größeren Publikum zugänglich gemacht. In der DDR war KoKo der Bereich “Kommerzielle Koordinierung” und beim Außenhandelsministerium angesiedelt. KoKo wurde von Alexander „Ich liebe euch doch alle“ Schalck-Golodkowski geführt. 2012 verurteilte man Hilpert wegen Untreue, schweren Betruges und Steuerhinterziehung. 

Der damals zweite geschäftsführende Gesellschafter war Hans-Hermann Tiedje. Der ehemalige Bild-Chefredakteur hat die Geschäftsführung zum 27.August 2012 aufgegeben. Er sitzt u.a. mit Ex-Arcandor Vorstand Thomas Middlehoff im Aufsichtsrat der Marseille Kliniken AG. Der umtriebige Ulrich Marseille, einst Spitzenkandidat der rechtspopulistischen Schill-Partei, hat sein Unternehmen mittlerweile ebenfalls verlassen.

Es gibt sie immer wieder. Orte, an denen Menschen und Widersprüche zusammenfinden. Die ein aufwühlendes Gefühl erzeugen ohne zu sprechen. An diesem Nachmittag, als wir erstmals über die Wostkinder sprachen, war es solch ein Gefühl.

 


12 Lesermeinungen

  1. marco-herack sagt:

    da die häuser außen rum im...
    da die häuser außen rum im key-west stil gehalten sind, dürften sie erst nach der wende gebaut worden sein. das haupthaus entspricht vermutlich dem original, ist aber stark renoviert und entsprechend verzerrt. was geblieben ist, ist die umgebung und man kann anhand dessen was man im haupthaus sieht, so ungefähr erahnen wie gut es für ddr-zeiten gewesen sein muss. so direkt sehen kann man es nicht mehr. also aus diesem grunde würde ich nicht hinfahren.
    .
    mfg
    mh

  2. Califax75 sagt:

    Also ich möchte zu dem Satz...
    Also ich möchte zu dem Satz “Ich liebe euch doch alle” noch etwas klugscheissen, ja dieser Satz ist inzwischen zum Mythos geworden. Aber er wird immer falsch zitiert, weil es so schön zu passen scheint. Mielke hat in Wirklichkeit gesagt (stotternd): “Ich liebe doch … liebe doch alle Menschen…ich setze mich doch dafür ein” während einer Volkskammersitzung. Der Satz kam deswegen zustande weil sich ein Mitglied der LDPD beschwerte, dass im Saal nicht nur “Genossen” sitzen, da Mielke immer diese Anrede benutzte. Man kann die TV-Aufzeichung ansehen.
    Das Erholungsheim des MfS ist sicher sehr interessant, würde ich mir auch mal ansehen. Allerdings ist die Frage, wie viel noch original ist.

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