Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Gauck: Der bessere Wessi

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Das Verhältnis zwischen Joachim Gauck und den Bürgern im Osten Deutschlands ist distanziert. Ihn kümmert das wenig, Europa dafür umso mehr.

Er ist eher still und es ist daher nicht jedem bewusst: Wir haben einen Bundespräsidenten. Der Mann heißt Joachim Gauck (73) und wurde am 24. Januar 1940 in Rostock in die Welt geworfen. Er ist der 11. Bundespräsident dieses Landes. Befördert von Philipp Röslers Gnaden, dem er aus diesem Grunde ein „Danke“ zugeraunt haben soll. Auf den ersten Blick passt das wunderbar zusammen. Eine liberale Partei setzt sich gegen die als konservativ geltende Union durch und beruft einen ehemaligen DDR-Bürgerrechtler, der sich dem Thema „Freiheit“ verschrieben hat, zum Bundespräsidenten.

Anlässlich Gaucks Wahl in dieses Amt bestellte ich mir seinerzeit zwei seiner Bücher. „Freiheit – Ein Plädoyer“ und „Winter im Sommer – Frühling im Herbst: Erinnerungen“. Ich bestellte diese Bücher um zu erfahren, wer dieser Bundespräsident ist. Für mich war Gauck ein Fremder. Sicher, ich hatte von dem Kerl gehört, aber warum er plötzlich als Heilsbringer galt, war mir nicht verständlich. Die Kapriolen um seine Amtsgewinnung taugten nicht, ihn zu beurteilen. Die Antworten wollte ich von ihm. Aus dem heraus was er aufschrieb.

Geliefert hat er nicht. Das Büchlein „Freiheit“ ist eine auf sechzig Seiten gestreckte Rede, die den Begriff Freiheit benutzt, aber nicht ausfüllt. Man weiß, worum es geht, erlangt jedoch keine brauchbaren Informationen. Und so beschränkt sich die Kernaussage dann auch darauf mitzuteilen, dass Freiheit immer auch Verantwortung bedeutet und man es sich mit der Freiheit nicht einfach machen dürfe.

Abgrenzung, die ich meine

Kürzlich hielt Gauck eine Rede zu Europa. Sie sollte sein großer Wurf werden und wurde entsprechend vorbereitet. An ihrem Ende standen die Zuhörer mit dem Vorschlag eines „europäischen Arte“, der europäischen Amtssprache Englisch und einem kurzen Abriss über die europäische Geschichte da. Das ist alles nicht neu und einen Ruck erzeugte die Rede auch nicht. Ein großer Wurf sieht anders aus. Dennoch sind nach einem Jahr Amtszeit nicht wenige mit diesem Bundespräsidenten zufrieden. Nach Horst Köhler (Krieg zur Sicherstellung der Handelsrouten) und Christian Wulff (Philosophie über die Angemessenheit freundschaftlicher Zuwendungen) überwiegt bei den Kommentatoren das Bedürfnis nach Ruhe im Amt.

In diesem Punkt unterscheiden sich die Medien sehr stark von dem, was sich über Alltags-Gespräche und gezieltes Nachfragen herleiten lässt. Gauck ist gerade im Osten der Republik keiner, der beliebt ist. Das Verhältnis zu diesem Bundespräsidenten ist bestenfalls distanziert. Franziska Augstein, die diese Beobachtung ebenfalls machte und thematisierte, fand damit kein weiteres Gehör. Dabei ist augenfällig, dass auch die aus dem Osten stammende Kanzlerin diesem, damals noch Bundespräsidentschaftskandidaten, sehr skeptisch gegenüberstand. Sie begründete ihre Haltung galant ausweichend mit Realpolitik.

Es muss nicht Angela Merkel sein. Fällt der Name Gauck, vernimmt man oftmals einen Seufzer oder ein Aufstöhnen. Das Gesprächsklima wird umgehend kühler, schroffer oder abweisender. Der Gegenüber winkt ab. Nach dem Grunde befragt, wird das Pastorale an ihm angeführt. Es gibt dabei einen Unterschied zwischen Ost und West. Im Osten ist die Ablehnung vehementer und direkter. In der Begründung etwas diffus. Während im Westen die Fürsprache wesentlich größer ist. Mehr, aber bei weitem nicht ganz, dem medialen Engagement im Vorfeld seiner Wahl entspricht. Woher kommt im Osten die Skepsis gegenüber Joachim Gauck?

Gaucks Werk liefert auf diese Frage verschiedene Hinweise, die sich durchziehen. In seiner viel beachten Rede zu Europa gibt er beispielsweise einen geschichtlichen Abriss zur Entstehung Europas. Er hebt dabei die Rolle „Westdeutschlands“ hervor und betont die Rehabilitierung, die es durch das Mitwirken an der Entstehung der heutigen europäischen Union, innerhalb der internationalen Staatengemeinschaft, erreichen konnte. Zum Ende seiner Rede hebt er die Solidarität und Hilfe der westlichen Siegermächte hervor. Zwischendrin erscheint kurz der Osten Europas, der sich durch den Umbruch im Jahre 1989 mit einem „Ja zu dem freien, demokratischen, wohlhabenden Europa“ äußerte.

Bundesarchiv Bild 183-1990-0928-019, Berlin, 37. Volkskammertagung, Diestel, Gauck
Bundesarchiv, Bild 183-1990-0928-019 / Grimm, Peer / CC-BY-SA [CC-BY-SA-3.0-de], via Wikimedia Commons

 

Diese Äußerungen haben zwei Dimensionen. Zum einen wird klar zugewiesen wer Sieger und wer Verlierer ist. Der Westen hat gewonnen und der Osten hat verloren. Gauck übergeht damit, dass für die meisten Menschen der Kampf nicht gegen den Westen ging. Sie also keine Verlierer in diesem Sinne sein können. Der Kampf, besonders der Intellektuellen, ging auch nicht gegen die DDR als solche. Sie empörte das, was geschah und sie wehrten sich gegen die Institutionen. Ein „Nein!“ zum System hatte nicht automatisch ein „Ja!“ zum Westen bedeutet. Das wurmt Gauck scheinbar bis heute, denn er selbst hat zur Wendezeit seine Meinung radikal geändert und plötzlich für eine Wiedervereinigung plädiert. Er rief „Ja!“, während andere noch kurz innehalten und nachdenken wollten.

Die andere Ebene ist dieses unterschwellige: „Der Verlierer darf nun mit den Siegern spielen und hat gefälligst glücklich zu sein“. Ohnehin haben die Menschen es ja auch so gewollt. Nehmt es (kritiklos) hin. Was auch heute noch viele Ostdeutsche als gebrochenes Wiedervereinigungsversprechen ansehen, die blühenden Landschaften, sieht Gauck als erfüllt an. Für ihn blühen diese Landschaften. Dabei sollte man die Floskel nicht darüber definieren, ob die Menschen Geld haben oder nicht. Vielfach geht es mehr darum, dass Menschen zu Untätigen wurden und damit keinen Wert für die Gesellschaft besitzen. Sie werden verwaltet und sehen sich dadurch nicht mehr in der Lage in sich selbst einen Wert zu finden. Hierzu gibt es eine alte Floskel aus der DDR, die das grundsätzliche Denken und die Wichtigkeit des Arbeitslebens in halb ironischerweise herausstreicht: „Mein Arbeitsplatz, Mein Kampfplatz für den Frieden.“ Darauf bezogen ist „Hauptsache Arbeit“ nicht nur ein wundervolles Theaterstück von Sibylle Berg (in Weimar geboren), sondern auch die Darstellung, wie weit Menschen gehen, um einfach nur Arbeiten zu dürfen. Wie sie ohne Arbeit im Osten zerbrachen, zeigte zuletzt auch Sabine Rennefanz in ihrem Buch „Eisenkinder“, am Beispiel ihres Vaters, auf.

In nur meinem Sinne

„Freiheit, die ich meine“ heißt die viel zitierte Kapitelüberschrift der Biografie Gaucks, die er selbst lieber als Erinnerung wahrnimmt. Das Kapitel beginnt mit einem Bild, das vermessener kaum sein könnte. Er, Gauck, bringt den freiheitsgewöhnten Westlern den freiheitlichen Glanz in die Augen zurück. Sie brauchten den Osten zur Selbstversicherung und Gauck um es ihnen zu erklären. Da bricht der Prediger im studierten Theologen so richtig durch und es folgt die endgültige Abgrenzung gegenüber den „Kleinmütigen und Zweiflern“. Diese stehen entgegen jenen, die Verantwortung übernehmen und das Leben in Freiheit als „ständige Wandlung“ begreifen. Es ist eine Schuldzuweisung an alle, die es nicht geschafft haben. Und in aller Klarheit steht da: Der Fehler liegt bei euch. Ihr seid falsch.

Das ist Grund genug zu schauen, wie Gauck es geschafft hat erfolgreich zu sein und in Freiheit zu leben. Nebst einigem Lesematerial liefert die Zusammenfassung seiner politischen Positionen auf Wikipedia interessante Anhaltspunkte. Man kann durchaus den Eindruck gewinnen, dass unser jetziger Bundespräsident nahe am Puls der Zeit ist. Voraus ist er ihr nicht. In der DDR hatte er noch gute Worte für den Sozialismus übrig. Als sich die Wende anbot, war es dann die „Soziale Marktwirtschaft“. Mit Gerhard Schröder war er plötzlich vom Neoliberalismus überzeugt. In Zeiten der Krise darf es nun wieder mehr Sozialstaat sein. Da treibt der Zeitgeist [1] die Meinung und dieses Zeitgeistige lässt sich auch in der Forderung nach einer europäischen Öffentlichkeit finden. Dieser Diskurs besteht erheblich länger als Gauck im Amt verweilt.

Dass Gauck dem Zeitgeist das Wort redet, machte ihn im Westen erfolgreich. Dabei diente ihm seine Herkunft zur Markenbildung. Er hat sein altes Leben komplett auf das neue System umgestellt. Und zwar in jeder nur erdenklichen Lage. Ein Assimilierter, der das Versagen der anderen thematisiert und damit zur gelebten Siegerpose und einem Maskottchen des Umbruchs wurde.

Das zweite Gesicht

Man muss das nicht so sehen. Joachim Gauck ist vielleicht auch nur überbemüht. Auch er weiß es eben nicht besser und versucht nur mitzuhalten. Sich zu integrieren, ganz so wie es gewünscht wird. Seine Methode erzeugt nur mehr gesellschaftlichen Erfolg als die der Zweifler, die sich fragen was richtig und was falsch ist. Die sich darüber Gedanken machen, ob sie so leben wollen, wie sie leben. Darin kann ein Zwiespalt der Wiedervereinigung entdeckt werden, den die Angepassten wie auch die nicht Angepassten leben. Würde Gauck diesen auch ihm innewohnenden Zwiespalt erkennen und beginnen aufzulösen, könnte er als Bundespräsident einen sehr wichtigen Beitrag zur Einheit Deutschlands leisten. Stattdessen wendete er sich erneut dem Zeitgeist zu und beackert das Thema Europa in einer eher uninspirierten Art und Weise. Mit altbekannten Phrasen früherer Zeiten.

Dabei können wir für den deutschen Werdegang innerhalb Europas sehr viel aus der Einheit lernen. Es vereinten sich zwei Länder, bei denen das eine wirtschaftlich stark und das andere wirtschaftlich schwach war. Menschen wanderten zwischen den Grenzen, meist von Ost nach West. Die Themen Integration, Migration und Inklusion drängen sich förmlich auf, wenn man das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschland betrachtet. Es gab nach der Wende den Anspruch des Westens nach Assimilation des Ostens. Es brauchte rund 20 Jahre, ehe im Osten eine spürbare Bewegung entstand, die „Stopp!“ sagte. Die nun versucht herauszufinden, was an eigener Kultur es Wert ist, über den grünen Pfeil hinaus, zu bewahren. Die Konsequenz daraus ist ein Prozess der Verhandlung zwischen den Kulturen. Ihr Zusammenwachsen und ihre Ausdifferenzierung.

Europa besteht das noch bevor. Der Prozess hat jedoch nicht begonnen, denn momentan werden zunächst die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen neuverhandelt. Erst danach beginnt das Zusammenwachsen. In vielleicht 20 Jahren.

 

[1] In meiner Gedankenwelt ist der Zeitgeist das Diktum der Gegenwart. Aus ihm entsteigt die Tyrannei der Mehrheit und lässt gegensätzliche Stimmen verstummen, in der Masse untergehen oder unterdrückt sie direkt. Diese Bewegung der Massen ist ein undemokratischer Moment, in dem der Glaube (an etwas) regiert und einen zweifelnden Diskurs nicht wirken lässt. Das heißt: Es existiert im Zeitgeist keine Pluralität. Dabei ermöglicht erst die Pluralität das Politische zwischen den in die Welt geworfenen Menschen.


17 Lesermeinungen

  1. […] ich für das Wostkinder-Blog den Artikel über Gauck geschrieben habe, fiel mir auf, dass mich die Nutzung des Begriffes der Agorá und der Polis etwas […]

  2. marco-herack sagt:

    die richtigkeit der gesetze...
    … wurde vom bundesverfassungsgericht geprüft. es ist gaucks aufgabe, diese verfassungskonformität zu prüfen. anschliessend gibt es keinen spielraum für ihn. da hat er richtig gehandelt.

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