Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Rückkehr in die Kindheit

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Die eigenartigsten Momente im Leben sind jene, in denen wir auf unsere Vergangenheit treffen.

Wer weiß schon, wie er als Kind war? Ich. Ein wenig. Nicht viel. Ich bin jetzt 33 Jahre alt und denke ich an meine Kindheit zurück, so ist da wenig Sichtbares. Das macht mir dieses kleine Projekt unter dem Dach einer großen Zeitung etwas beschwerlich. Allem voran geht eine Form von Wissenserlangung, die sich aus Lesen, Diskussionen, Recherchen, Filmen, Podcasts oder Befragungen ergibt. Meist bleibt das behandelte Thema dabei abstrakt, selbst wenn Menschen davon berichten. Es gibt sehr selten eine Möglichkeit, Dinge aus dem eigenen Erleben heraus neu zu erfahren und zu behandeln. Erlebe ich dann jedoch einen dieser seltenen Momente, dann ist er umso befremdlicher. Klar wird dadurch vor allem, wie wichtig das Erinnern ist.

Damals

Im Jahre 1980 wurde ich im Berliner Stadtteil Friedrichshain in die Welt geworfen. Zu dieser Zeit war es bei Weitem nicht so „hip“ wie heute, dort zu wohnen. Die Häuser waren stark verfallen. Kohle diente als Heizmittel. Auf Sanierungen brauchte niemand hoffen. Von Dämmung und energieeffizienter Gestaltung ganz zu schweigen. So schön Friedrichshain heute auch ist, damals war es anders schön. In der DDR konnte man sich aber auch nicht alles aussuchen, schon gar nicht den Wohnraum. Wenn man dann doch mal die Wahl hatte, war die Alternative mitnichten eine Luxuswohnung.

Wir wohnten in einem Altbau, in der Scharnweberstraße. Von dort aus kam und kommt man schnell überall hin, es ist recht zentral gelegen. Die Gegend war schon damals sehr schön und für meine Eltern war ein Vorteil, dass gleich um die Ecke eine Krippe und eine Kita lagen. Zumindest war das theoretisch gut. In der Praxis sagte die Krippe, als meine Eltern mich dorthin geben wollten, dass sie nur noch Platz für Arbeiterkinder haben. Nicht direkt, eher indirekt. Jedenfalls hatte ich, als Akademikerkind, da schlechte Karten. Um mich dennoch in der Krippe unterzubringen, handelte meine Mutter aus, dass sie selbst zwei Jahre lang im Kindergarten nebenan als Kindergärtnerhelferin arbeitet und ich dafür einen Krippenplatz bekomme.[i]

Derweil überlegte sich mein Vater, wie wir eine neue Wohnung erlangen konnten, denn das Haus, in dem wir wohnten, sollte abgerissen werden. Auch wäre eine Drei-Zimmerwohnung schöner gewesen. Das war leichter gewünscht als umgesetzt, denn in DDR wurden verheiratete Paare mit zwei Kindern bei der Wohnungszuteilung bevorzugt behandelt. Ohnehin gab es wundersame Kräfte, die der Hälfte der Bevölkerung durch die Stadt eine Wohnung zuteilte. Der anderen Bevölkerungshälfte wurden alternative Wege der Wohnungsbeschaffung aufgebürdet. Der Weg meines Vaters war dann, sich über den Betrieb darum zu kümmern, in welche Arbeiterwohnungsbaugenossenschaft (AWG) er eintreten musste, was er dann auch tat. Dieser etwas unfreie Akt führte uns in eine AWG, die Wohnungen in Marzahn zu vergeben hatte. Das war seinerzeit nichts Schlechtes, denn es gab dort keine verfallenen Gebäude. Im Gegenteil, es gab eine Zentralheizung und hochmoderne, schicke Plattenbauten. Meine Eltern hatten also nichts gegen Berlin-Marzahn, den sozialistisch hippen Stadtteil mit ein paar Annehmlichkeiten.

Der Beitritt zur AWG kostete 2-4.000 Mark. Wesentlich frappierender war, dass nebst dieser finanziellen Leistung noch eine Arbeitsleistung benötigt wurde. So gab es ein auf Stunden basiertes Arbeitskontingent, das mein Vater abarbeiten musste. Sein Einsatzort war im Tiefbau. Er schaufelte nahezu jedes Wochenende, am Samstag, Kabeltunnel. Um schneller voranzukommen, nahm er sich einmal Urlaub und schaufelte diesen fleißig durch. Gedauert hat es dennoch. Dieser vorbildhaften Arbeiterleistung hatte meine Familie es zu verdanken, dass wir 1984 von Friedrichshain nach Marzahn ziehen durften. Danke Papa.

Während er so schaufelte, wurde derweil in Marzahn das Gebäude hochgezogen. Nach der Fertigstellung trafen sich alle künftigen Mieter bei der Genossenschaft. Auf dem Tisch stand ein großer Topf mit Losen. Über diese wurde ausgelost, wer welche Wohnung bekam. Wir hatten Glück und bekamen eine der wenigen Wohnungen, die über eine Küche mit Fenstern verfügte. Auch über die Lage im zweiten Stock konnten wir nicht klagen.

Allem Glück zum Trotze, lange [ii] blieben wir nicht. Schon 1991, Wende sei Dank, verließen wir diesen Ort gen Westen. Seitdem bin ich nicht mehr in Marzahn gewesen. 22 Jahre ist das her.

Heute

Es wurde also höchste Zeit, und dieses Blog ist auch Anlass genug, zusammen mit Katrin Rönicke eine S-Bahn zu nehmen und die 13 Minuten von Friedrichshain nach Marzahn zu fahren. Um genau zu sein, handelte es sich um Marzahn 1. Es existieren insgesamt drei davon, in denen per Stand 1987 rund 170.000 Menschen wohnten.

Katrin Rönicke

Bild 1 von 32

Willkommen in Marzahn!

Es war ein fünfstündiger Spaziergang durch Marzahn, der mich sehr bewegt hat. Ich erinnerte mich nicht mehr daran, wie bedrückend diese Gegend ist. Die hohen, eng gebauten Gebäude, die einem die Luft zum Atmen nehmen und zugleich das eigene Ich ins ganz Kleine rücken, erzeugten sofort Abstoßung in mir. Besonders auffällig war, dass obwohl es der erste richtige Sonnentag in diesem Jahr war, die Straßen vor allem durch die Abwesenheit von Menschen glänzten. Natürlich liefen in Marzahn Menschen rum, aber bei Weitem nicht so viele, wie es in Relation zur Einwohnerzahl sein müssten. Wir entdeckten auch nur ein Café, was aus Friedrichshain kommend der größte Kulturschock war. Aber woher sollen die Cafés auch kommen, wenn keine Menschen die Straßen zu einem öffentlichen Raum machen?

Meine Mutter erzählte mir später, dass sie in Marzahn seinerzeit fast verrückt geworden ist. Aus genau diesen Gründen. Und auch zu DDR-Zeiten seien kaum Menschen auf der Straße gewesen sind. Meine Eltern haben sich daher kurz vor der Wende ein Grundstück am Müggelsee gekauft. Sie wollten einen Fleck Erde haben, der nicht Marzahn ist, der sie von Marzahn befreit. Die Wendewirren verhinderten das in Perfektion. Nachdem über ein Familienmitglied ein Bagger besorgt worden war, der die Baugrube aushob, traten irgendwelche Menschen mit irgendwelchen Altansprüchen auf den Plan und holten sich das Grundstück „zurück“. Lassen wir das Wegnehmen des Grundstückes in einem Sinne von Wertediebstahl außen vor, so wurde meinen Eltern damals vor allem eine Fluchtmöglichkeit vor Marzahn genommen. Bei der Flucht vor der Enge handelt(e) es sich um ein allgemeines Phänomen. Die Menschen wollten und wollen nicht in dieser Enge sein.

Ob dieser bedrückenden Atmosphäre in Marzahn waren wir beide sehr überrascht, plötzlich eine Mühle auf der anderen Straßenseite zu entdecken. Von der Neugier gepackt überquerten wir diese recht breite Straße und fanden uns plötzlich im Dorf Marzahn wieder.[iii] Die Atmosphäre veränderte sich mit dem Betreten des Dorfes Marzahn schlagartig. Die kleinen, historisch anmutenden Häuser schufen Ruhe und Frieden, ein Gefühl von Geborgenheit. Und während um uns herum die Plattenbauten emporragten, konnte der Geist sich vollständig von ihrer Wirkung abkapseln. Dieser Dreierkontrast „Friedrichshain – Marzahn – Alt-Marzahn“ führte sehr stark vor Augen, was Architektur und Wohnumgebung mit Menschen machen kann. An den Bildern ist sichtbar, dass man sich bemühte den Gebäuden die schlimmste Wirkung zu nehmen. An ihrer grundsätzlichen Bauweise ändert dies jedoch nichts. Damit stellt sich ganz intensiv die Frage, wie nach dem Niedergang der DDR mit ihrem architektonischen Vermächtnis umgegangen wird vor allem aber, wie damit richtigerweise umgegangen werden müsste.



[i] Katrin Rönicke hat das Thema Kinderbetreuung in der DDR bereits angeschnitten. Bei meiner Mutter war es so, dass sie explizit als Helferin angestellt wurde. Zudem gab es eine hauptamtliche Betreuerin für die Kinder. Zu zweit kümmerten sie sich dann um ca. 15 Kinder. Dies jedoch nur ein paar Wochen, da die Haupterzieherin krank wurde und sich meine Mutter dann die vollen zwei Jahre allein um die ganze Gruppe kümmern musste. Der Betreuungsschlüssel dürfte aus heutiger Sicht als katastrophal gelten.

[ii] „Lange“ ist diesbezüglich ein sehr relativer Begriff. Auf mein Kindesalter bezogen war der Aufenthalt in Marzahn durchaus sehr lange. In der Retrospektive betrachtet, ist die Verweildauer eher als kurz anzusehen.

[iii] Die Besichtigung der Mühle bescherte uns einen kleinen geschichtlichen Exkurs durch den Vater des Müllers und die Erkenntnis, dass die erste stromerzeugende Windkraftanlage Europas in Marzahn erbaut wurde. Zugegebenermaßen hat der betreffende Landwirt sich das Konzept in den USA abgeschaut.


9 Lesermeinungen

  1. Kindheitserlebnisse 2
    Als Kind fühlte ich die 11-Geschosser gar nicht erdrückend. Als ich 5 war, wohnten wir in einem solchen, aber nur kurz. Aufregend war es, mit dem Fahrstuhl bis in den zehnten (!) Stock zu fahren. Auch waren die Plattenbauten praktisch. Mein Kindergarten war im gleichen Block, im Erdgeschoss (1.WG) aber ein Eingang weiter. Um dahinzugelangen, lief man vom 10. in den 9. Stock, dort war ein Durchgang zum nächsten Treppenhaus, dann fuhr man einfach vom 9. in den 1. mit dem Fahrstuhl und schwupp, war ich da und mußte nicht mal das Haus verlassen! :-)

    • Als Kind hat mich auch das Draußen nicht gestört. Ich habe aber auch darüber nachgedacht. Interessanterweise betont meine Mutter noch heute, wie gut die Wohnung war. Innendrin war es schon gut. Es gibt in Marzahn auch eine Museumswohnung.

  2. Kindheitserlebnisse
    Hallo Marco, waren sie denn auch bei dem Block, wo sie einmal gewohnt haben? Gab es keine Rückblende-Erlebnisse aus der Kindheit? Das hat mir etwas gefehlt.

    • Das werden wir auch noch machen. Marzahn ist so weitläufig und vielschichtig, als Thema wird es immer wieder mal auftauchen. :)

      mfg
      mh

  3. Hier wird sehr schon vorgeführt
    wie sich Minderwertigkeitsgefühl und Minderwertigkeit passgenau ineinanderfügen lassen. Ich mag dieses Blog, nicht so wie dieser abgehobene Don Alphonso. Auch schon, diese fein ziselierte Sprache: „traten irgendwelche Menschen mit irgendwelchen Altansprüchen auf den Plan und holten sich das Grundstück „zurück““.
    Ich bin immer wieder erstaunt, dass es dieses Blog noch gibt.

  4. Weg damit!
    Abreißen ist der einzige Weg. Ich habe eine ähnliche Vergangenheit, statt Marzahn ist es Dresden-Prohlis. Nach mehr als zehn Jahren arbeitsbedingter Abwesenheit nahm ich die Straßenbahn, fuhr durch das Ghetto und fröstelte. Steingewordene Häßlichkeit, Verachtung des Menschen, Arbeiterschließfach eben. Als Kind war das egal, wir spielten im Baudreck der halbfertigen Stadt. Aber wer danach einmal eine in Jahrhunderten gewachsene Stadt gesehen hat, wird nur noch erschaudern vor diesen Schluchten des Nichts.

  5. huch?!
    keine Trigger_innenwarnung vor dem letzten Bild?

    • pickelhaube
      ich weiß, das wird nun mancher auch wieder sehr witzig finden, aber das dach ist optisch an die pickelhaube angelehnt. das macht in berlin, ob der preussischen herkunft der pickelhaube, alles sehr viel sinn. und ja, es ist ein wasserturm und nein, er spritzt nicht.

      mfg
      mh

    • Na ja,
      das ist zwar eine nette Idee, aber wohl auch kaum mehr als das, soweit ich informiert bin, zumindest.

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