Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Viele nackte Tatsachen

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In der DDR war Nacktheit alltäglich und völlig unaufregend. Und bei aller Kritk an Femen: Sich die Definitionsmacht über den eigenen Kröper wieder zurückzuholen ist prinzipiell eine sinnvolle Idee.

FKK-Strand an der Buxine zwischen Golzow und Joachimsthal – Juli 1983. Bild via Wikimedia Commons unter GNU-Lizenz.

In meiner DDR-Kindheit war das Nacktsein eine sehr unspektakuläre, alltägliche Sache. Wenn im Garten ein Bassin stand („Baseng“ sagten wir), dann brauchten wir keine Badehosen, um darin unbeschwert Spaß zu haben. Im Kindergarten gab es keine „Scham“-Wände zwischen den Toiletten. Dass Jungen zwischen den Beinen etwas anderes haben als Mädchen, war völlig klar. Da gab es auch kein Kichern oder Lachen, wenn man das mal sah. Und im Sommer ging es, zumindest in meiner Familie ein paar Mal, an die Strände der Ostsee. Zum FKK. Menschen aller Alter saßen, lagen, liefen, sprangen, badeten und spielten dort völlig unbeschwert nackt am Strand. Kleine Körper, junge Körper, dünne Körper, dicke Körper, faltige Körper, vernarbte Haut, Schamhaare und Brüste in allen Größen – es wurde kein Aufhebens darum gemacht. Und irgendwie dachte ich in meiner Naivität, das sei überall so.

Im Sommer 1989 kam ich nach Baden-Württemberg in eine kleine katholische Gemeinde im lieblichen Taubertal. Pünktlich zur Einschulung. Doch die dortigen Kinder fanden sehr viele für mich bis dahin unaufregende Dinge total „peinlich“ und aufregend. Ich erinnere mich zum Beispiel an ein sehr lautes und irritierendes „Iiiiiiiiihhhh! – Dein Unterhemd!!!“ – als selbiges einmal unter meinem T-Shirt herausguckte. Unterwäsche war hier also „Iiiiih!“. Na gut.

In der Schule gab es dann unter Erst- und Zweitklässlern so ein „Spiel“: Die Jungen versuchten in der Pause bei den kreischenden und quiekenden Mädchen unter den Rock zu schauen (so sie einen anhatten). Es gab Gegröhle und Geschrei, wenn es ihnen gelang. Bald kamen wir alle nur noch in Hosen.

Verbotsschild in Warnemünde. Bundesarchiv, Bild 183-20742-0007 / CC-BY-SA

So war sie also, meine neue Heimat: Voller Tabus, Scham und Peinlichkeiten. Gequieke überall. Betroffen waren vor allem wir Mädchen (die Jungen zeigten schon mal, was sie in der Hose hatten). Seltsam – denn weder hatten wir Brüste, noch andere weibliche Merkmale, wir waren flache und sexuell unentwickelte kleine Kinder. Ich weiß nicht, ob sich in der DDR die Sache in der Schule auch verkrampft hätte. Aber ein Unterhemd wäre mit Sicherheit kein Kreischgrund gewesen.

Ernst Horst arbeitet in seinem Buch „Die Nackten und die Tobenden“ eine Geschichte heraus, die genau aus diesen beiden Polen besteht. Die einen finden nichts dabei, nackt zu sein, die anderen toben über solche „Unzucht“. Zumindest war das im Westen so. FKK-Blättchen durften nicht an Kiosken verkauft werden, da sie angeblich zu jugendgefährdend waren. Religiöse und sonstwie prüde Eiferer bekämpften die Freunde der Freikörperkultur und sorgten für deren Rückzug in abgegrenzte, für die Bevölkerung nicht sichtbare Räume. Es gründeten sich Vereine, die diese Räume schufen. FFK-Strände waren abseits der anderen Strände – damit man dieser nackten Meute auch ja nicht zufällig in die Arme lief – man stelle sich vor! Also nein!

Die nackten waren überall

FKK-Vereine gab es in der DDR laut Horst keine, sie waren verboten. Doch die FKK war viel präsenter, denn die Nackten waren überall einfach dazwischen, nicht abgeschottet. Nackt baden oder nackt im Garten arbeiten – das war sehr verbreitet und keiner Rede wert. Horst witzelt, die Nackten und die Bekleideten hätten in der DDR eine „friedliche Koexistenz“ geführt. Überhaupt findet er die FKK in der DDR beinahe stinklangweilig: Keine Skandälchen, keine öffentlichen Aufreger, kein Eifer und keine witzigen Geschichten (außer einer, aber die sollten Sie dann in diesem empfehlenswerten Buch selbst nachlesen, sie ist zum Schießen!). In der DDR war die Nacktheit alltäglicher – das stimmt auch mit meiner Erinnerung überein. Als Gründe nennt Horst erstens, dass es in der DDR weniger Katholiken gegeben habe und diese auch sehr viel weniger Macht hatten. Zweitens habe es in und um Berlin historisch immer schon viele Nacktbader gegeben, ebenso wie an der Ostsee. Und drittens sei es in einer Diktatur ohnehin immer ein wenig zufällig, was erlaubt und was verpönt sei, da ja nur sehr wenige das Sagen hätten und  scheinbar habe einfach dem ZK niemals jemand angehört, der gegen FKK gewesen sei. Also ließ man die Nackten einfach machen.

FKK-Anhänger am Berliner Müggelsee im Juli 1989. Bundesarchiv, Bild 183-1989-0710-419 / Uhlemann, Thomas / CC-BY-SA

Bekannte meiner Eltern haben die FKK allerdings schon auch etwas politisch betrieben: Sie wollten sich damit wenigstens ein bisschen Freiheit nehmen.

Nackte Menschen sind… nackt

So fehlte in der DDR also vor allem eines: Eine Diskussion über Nacktheit, die ebendiese als etwas „unzüchtiges“, etwas für das man sich schämen muss, geißelt. So war ein nackter Mensch in der DDR vor allem eines: ein nackter Mensch. In der BRD war ein nackter Mensch jugendgefährdend, unzüchtig und er stand dafür, sexuelle Begierden zu wecken. Natürlich konnte so etwas auch in der DDR vorkommen – sexuelle Begierden sind nun auch nichts so sehr ungewöhnliches. Nur waren sie in der DDR nicht so an die Nacktheit gekoppelt. Das wäre auch sehr anstrengend gewesen hätte man automatisch alle nackten begehrt… Immer wieder betonen FKK-Vereine, seit es sie gibt, dass Nacktheit bei ihnen ja von Sexualisierung losgelöst sei. Man kann ja anzweifeln, ob das wirklich zu 100 Prozent so ist. Aber sicherlich in einem ungewöhnlich hohen Maße. Umgekehrt lässt sich darüber nachdenken, ob die voranschreitende Sexualisierung der Gesellschaft, in der Nacktheit ein Synonym für Sexiness geworden ist, und der Rückgang der FKK zusammenhängen. In Schweden gibt es zum Beispiel auch eine solche Entwicklung.

Kulturelle Bedeutung wird erzeugt

Die sexualisierte Gesellschaft ist mittlerweile leider allgegenwärtig. Jedes Stückchen Haut wird mit sexueller Bedeutung aufgeladen. Wir führen Debatten darüber, ob eine Frau, die zu kurze Sachen trägt nicht gar eine Mitschuld an sexuellen Übergriffen trage. Als führe Nacktheit und nackte Haut automatisch zu einem männlichen Kontrollverlust. Wenn man Ernst Horst liest, wird die Absurdität dieser Idee schnell klar. Die FKK schafft es in einem sehr hohen Maße, ohne solche Übergriffe zu existieren.

Doch jenseits der FKK wird es schwierig: Die Argumentation, jede Nacktheit sei unzüchtig und wecke Begierden ist zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung geworden: Heute ist Nacktheit nahezu nur noch damit besetzt. Das ist allerdings eine tief katholische Vorstellung. In der DDR war Nacktheit keine Entschuldigung für Respektlosigkeit und Übergriffigkeit – auch, weil sie viel alltäglicher war.

Hier geht es also um eine kulturelle Erzeugung von Bedeutung.

Femen bei ihrem 2-Jährigen Bestehen. 11 April 2010. CC-BY-SA 2.0 via Wikipedia.

Feministischer Nacktprotest

Wenn jetzt die Femen argumentieren, dass sie sich ihren eigenen Körper wieder zurückerobern und aus der sexualisierten Logik ausbrechen wollen, dann ist mir das äußerst sympathisch. Klar – man kann sicherlich einzelne Aktionen kritisieren. Man kann sich auch fragen, wie differenziert eigentlich das Weltbild ist, das sie uns vermitteln. Aber dank Femen sehen wir derzeit beinahe wöchentlich Brüste, die eine politische und keine sexuelle Botschaft überbringen. Das ist in der Tat neu – und so neu dann auch wieder nicht, denn Oben-Ohne-Protest hatte auch in der zweiten Welle der Frauenbewegung einige Anhängerinnen. Sich die Definitionsmacht über den eigenen nackten Körper zurückzuholen verdient meiner Meinung nach unseren Respekt. Stattdessen hagelt es Kritik von allen Seiten:

„Femen sind nicht einfach so nackt, sondern objektivieren ihren Körper aktiv. Femen haben verstanden was Frauenkörper im Kapitalismus sind: Objekte, die „im besten Fall“ Inhalte und Botschaften transportieren. Die „Inhalte“ von Femen gibt es mit ihren Brüsten zusammen, so ihr Anspruch, der sich ganz bewusst den perfiden Marktstrategien des Kapitalismus bedient, da sie erkannt haben, „weil wir nackt sind, hört man uns zu“.“ So steht es im eigens eingerichteten Watchblog.

Das ist wirklich sehr schade. Generell würde ich mir sehr viel mehr nackte Körper wünschen, die nicht sexualisiert sind. Mehr Entkrampfung in den Debatten, einen entspannteren Umgang mit unseren Körpern. Dass dieser entspanntere Umgang möglich ist, das sagen mir meine blassen Kindheitserinnerungen und das erzählen die liebevollen Betrachtungen von Ernst Horst.

Literatur:

Ernst Horst: Die nackten und die Tobenden. FKK – wie der freie Körper zum deutschen Kult wurde. Blessing 2013.


17 Lesermeinungen

  1. Katholizismus und verhüllte Körper
    Die Grundaussage Ihres Artikels, die Übersexualisierung der Gegenwart endlich wieder auf ein gesünderes Maß zurückzuführen und wieder ein natürlicheres Verhältnis zum menschlichen Körper zu entwickeln, empfinde ich als wohltuende Utopie.

    Der von Ihnen vermuteten Ursache für die Unterschiede der Betrachtung von Nacktheit in Ost und West – Katholiken tabuisieren einfach alles Sexuelle und werden dadurch prüde und tiebhaft – möchte ich ein paar andere Erklärungsversuche zur Seite stellen:

    Ich stamme aus einem kleinen katholischen Ort, der allerdings im Ostteil der Republik lag. Bei uns wurde allerdings nicht gequiekt, wenn sich in der Schule ein Unterhemd zeigte. Das irgendwelche Knallköpfe in der Schule den Mädchen die Röcke anhoben oder sie an den Zöpfen zogen, kam vor – das über mein religöses Umfeld zu erklären, ist mir bisher aber nie in den Sinn gekommen, ich dachte immer, dass eine bestimmte Sorte Jungen das eben macht. Ich habe kein Problem damit, unter Anwesenheit meiner Kinder oder Frau zu duschen und empfinde Nacktheit – insbesondere von Kindern – auch nicht als anstößig oder aufreizend. Eine Einstellung die mir in westlichen Schwimmbädern oder an westlichen Stränden immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht treibt, wenn ich sehe, mit wieviel Aufwand Licht von gewissen Körperteilen der Erwachsenen aber auch der (Klein)Kinder fern zu halten versucht wird. Kurz, ich halte mich nicht für verklemmt und auch nicht für prüde.

    Für mich liegen die Wurzeln der deutlich verschiedenen „Zeigefreudigkeit“ in Ost und West auch woanders.

    Ich denke, der Körper an sich hat im Arbeiter- und Bauernstaat eine andere Bedeutung gehabt als im Westteil, der nach den Nazis seine Bürgergesellschaft restaurierte.

    Die Realität von Fabrikarbeitern war eine sehr physische. Gemeinsames Duschen in großen Räumen war zumindest für die Normalität, die in Wohnheimen untergebracht oder sehr dreckige Arbeiten verrichten mussten. Und das Führungspersonal der ersten Stunde stammte aus eben diesem Umfeld. Gleichzeitig gab es in der DDR keine öffentliche Lustbetonung oder Lusteinschränkung – Lust war überhaupt kein öffentliches Thema. Ich denke, eine solche Denkweise wäre als „bourgeois“ gegeißelt worden. Wenn es Lust als Thema gab, dann am Rand oder im Off. Dadurch war die Sicht auf nackte fremden Menschen nie pauschal sexuell aufgeladen.

    Im Westen ist das Meinungsbild eher bürgerlich geprägt. Diese Schicht musste sich nie in Gemeinschaftsduschen säubern und wenn man in Wohnheimen wohnte, doch vermutlich in Einzelzimmern. Gleichzeitig gab es die Lustbetonung durch den Konsum und die Anregung zum Konsum (Werbung). Als Gegenreaktion sicher auch die Lustverneinung, meinentwegen auch religiös motiviert. Zusätzlich dazu kommt noch ein gänzlich antireligiöser Aspekt: Die sexuelle Revolution. Die Befreiung des Triebes von (fast) allen Schranken verbunden mit der enorm ansteigenden Sexualisierung des gesamten Spektrums unserer wunderbaren Warenwelt (inkl. Dienstleistungssektor) führte meiner Meinung nach erst dazu, dass wir uns heute fragen, ob wir unsere Kleinkinder im öffentlichen Raum nackt umherlaufen lassen können oder ob das Triebe in Wallung bringt, von denen unsere Kinder erst deutlich später und dann freiwillig erfahren sollen. Mich erregt der Anblick eines Kleinkindes sexuell nicht und ich bin der festen Überzeugung, dass dies natürlich ist. Meine Angst um meine nackten Kinder ist also entweder völlig unbegründet oder wir können heute als Gesellschaft nicht mehr davon ausgehen, dass in den allermeisten Erwachsenen eine Sperre existiert, die sie daran hindert, ihre sexuelle Phantasien auf Kinder zu projizieren.

    Nebenbei: Die FKK-Strände, die ich kenne, waren im übrigen auch nicht durchmischt von Angezogenen, sondern waren separat ausgewiesen oder per Gewohnheitsrecht für FKK reserviert. So selbstverständlich war die Nacktheit dann auch wieder nicht. Was es im Osten häufiger auch an Textilstränden gab, waren Frauen oben ohne.

    • Nachtrag
      Ich wollte mit meinen Ausführungen nicht in Abrede stellen, dass die Sexualmoral im Europa des 20 Jahrhundert entscheidend von den christlichen Kirchen und insbesondere der katholischen Kirche geprägt worden ist, ich hallte diesen Fakt nur nicht für das entscheidende Element der unterschiedlichen historischen Position zu Nacktheit in Ost und West.

      Wenn dem so wäre, würde die fortgeschrittene Entchristianisierung Deutschlands eine klare Umorientierung in der Betrachtung von nackten Menschenkörpern zur Folge haben. Es ist aber das genaue Gegenteil der Fall.

      Viel mehr stellt sich dieser Sachverhalt für mich als kultureller Unterschied zwischen Schichten dar. Ein Thema, dass Fr. Rönicke schon des öfteren beleuchtet hat.

    • entschuldigung
      … dass es etwas gedauert hat, den Kommentar zu moderieren. Das Leben kam dazwischen. es war keine böse Absicht dahinter.
      und danke für Ihre sehr ausführlichen Gedanken!

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