Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Smarte neue Welt

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In Evgeny Morozovs Gedankenwelt nimmt „das Internet“ nur einen Teil ein. Dennoch wurde er dadurch zum Opfer dessen, was er kritisiert: eine schleichende Komplexitätsreduktion des Alltags.

Danach befragt, ob es sein könne, dass nur ein Russe[1] eine solche Sicht auf die Welt, die Dinge, die Entwicklungen und „das Internet“ einnehmen könne, antwortete Evgeny Morozov bei der Vorstellung seines Buches „Smarte neue Welt: Digitale Technik und die Freiheit des Menschen“ in Berlin nicht wirklich. Was etwas verwundert, denn im Buch selbst befasst er sich mit diesem Gedanken im Nachwort von sich aus und vertritt dabei die Meinung, dass seine Herkunft eine Rolle spielt. Vor allem für sein erstes Buch. Dem kann nur zugestimmt werden, denn auch wenn ich bei dieser Frage instinktiv „ja“ rufen möchte, halte ich dieses „ja“ eher für gefährlich. Zu stark und umfassend entlastet es all jene, die keinen repressiven Erfahrungsschatz aufweisen können.

Bei seinem ersten Buch „The Net Delusion: The Dark Side of Internet Freedom“ spielte Morozovs Sozialisation recht offensichtlich eine starke Rolle. Am eigenen Leibe gespürt zu haben, wie repressive Regime und Diktaturen in die Gesellschaft hineinwirken und den Alltag bestimmen hilft dabei, diese Tendenzen auch in freieren Gesellschaften und „dem Internet“ zu erkennen. Doch beim Enttarnen einer reinen Ideologie, nicht mehr aber auch nicht weniger tut er in „Smarte neue Welt“, weist der Umkehrschluss den Weg. Es ist auch für in den USA und in West-Deutschland geborene Menschen möglich diese Tendenzen zu sehen. Sie wurden nur eine Welt geworfen, in der die Freiheit vom Zwang einer Weltsicht besteht, die es Technikenthusiasten[2] ermöglicht die Nachteile ihres Tuns nicht sehen zu müssen.

Maschinenlesbarkeit um der Lesbarkeit willen

Zum 1. Januar 2014 steht die neue Gesundheitskarte an. Genaugenommen ist es eine Krankenkassenkarte mit Bild. Auf diesem Bild reiten alle möglichen Initiativen, Lobbyisten und Datenschützer herum. Ein Bild auf einer Krankenkassenkarte scheint für sie die Ausgeburt der Hölle. Mich wundert der Aktionismus, da ich ebenfalls gegen dieses Bild bin. Doch aus ganz anderen (natürlich viel edleren) Gründen. Seit Monaten liegt die Aufforderung zum Einsenden des Bildes bei mir rum. Erst ein freundlicher Anruf der mich verwaltenden Techniker Krankenkasse bewog mich dazu, mir die Umstände der Verweigerung zu ersparen. Und so ging ich zum Einwohnermeldeamt und ließ mich in einem der dort stehenden Passbild-Automaten ablichten.

Wer sich in so einen Automaten reinsetzt, kommt so schnell nicht mehr raus. Eine gefühlt fünf Minuten lange Anweisung darüber, was man alles tun soll oder in gar keinem Fall tun darf, ist der erste Schritt. Dann gilt es sich ordentlich zu positionieren. Weil alle Menschen unterschiedlich groß sind, muss hierfür der Stuhl, auf dem man sich sitzend fotografieren lässt, zunächst in die richtige Höhe gedreht werden. Danach folgt der Kopf, der sich innerhalb eines angezeigten Bereiches befinden muss. Ganz wichtig ist: Lächeln verboten! Neutral soll man schauen.

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, zumindest für mich, gleichzeitig nicht zu Lächeln und nicht wie ein Verbrecher auszusehen. Meinen Personalausweis vorzuzeigen ist dementsprechend immer wieder ein Event. Sofern es nicht ein behördlicher Anlass ist. Der deutsche Beamte meidet die der Partylaune geschuldete Belustigung und schaut immer zweimal hin. Er beäugt mich, als ob ich gerade eine Bank ausgeraubt hätte.

An dieser Stelle kommt Evgeny Morozov ins Spiel (nicht vorher), und akzeptiert den Schutz der Daten ebenso wenig als alleiniges Argument wie die vermeintlich höhere Sicherheit, die dadurch entstehen soll, dass ein Bild jemanden eindeutiger identifiziere. Er fordert an diesem Punkt auf, die ideologischen Grabenkämpfe aufzugeben und die Angelegenheiten komplexer zu betrachten. Vor allem zu Fragen, ob es nicht auch Vorteile haben könnte, kein Bild auf die Krankenkassenkarte zu pressen. Die Unbequemlichkeit des zusätzlichen Vorzeigens eines Personalausweises könnte ja auch Vorteile mit sich bringen. So könnten die Arzthelferinnen durch das Bild beispielsweise zu der Annahme gelangen, auf andere Dinge nicht mehr achten zu müssen. Wenn das Bild halbwegs zum Kopf passt, wird es dann schon alles seine Richtigkeit haben. Wie auch die Risiken des Aktienhandels durch Modelle auf ein paar wenige Zahlen reduziert wird, könnte das Bild eines vermeintlichen Verbrechers zu weniger komplexem Handeln aller Beteiligten führen und damit zu weniger Sicherheit.[3]

An dieser Stelle treffen wir auf Morozovs Hauptthese, den „Solutionismus“. Das, salopp formuliert, zwanghafte Lösen von Problemen durch Technik. Oftmals Problemen, die nicht existieren aber vermutet werden. Oder auch komplexen Problemen, die erst auf eine seichte Ebene reduziert und dort bearbeitet werden. Dadurch entstehen Lösungen, die weitreichende gesellschaftliche Auswirkungen haben, weil sie die Realität durch technische Reduktion verzerren.

Ein weiterer Ansatz in der Analyse der Breitenwirkung der „neutralen“ Bilder auf Ausweisformen ist, dass Menschen andere Menschen nur allzu gerne nach ihrem Aussehen beurteilen. Hat jemand eine dunklere Hautfarbe, gilt er deutschen Behörden bereits als verdächtig. Auch bei der Arbeitsplatzsuche haben es Menschen schwerer, die nicht der gängigen Norm entsprechen. Daher werde mittlerweile anonyme Bewerbungen diskutiert. Ich selbst musste mal den Arzt wechseln, weil der keine „Börsenmakler“ leiden konnte. Dass ich kein Börsenmakler war (oder bin), interessierte ihn nicht. Da ich irgendwas mit Börse mache, werde ich schon so sein, wie ich bin. Was hätte dieser Arzt wohl mit mir gemacht, wenn er zugleich, vor meinem Eintreten ins Behandlungszimmer, noch mein Verbrecherfoto auf der Krankenkassenkarte gesehen hätte? Also dieses biometrisch brauchbare Passbild aus dem Automaten, bei dem ich vieles nicht darf. Vor allem aber nicht lächeln.

„Das Internet“. Unendliche Weiten… (Gang im „Stasi-Gefängnis“ Hohenschönhausen)

Foto von michael.berlin Lizenz CC BY-SA 2.0

Um den Menschen für die Maschine brauchbar (lesbar) zu machen, wird das Menschliche aus den Gesichtern entnommen. Für Behörden, die selbst als eine Art Maschine fungieren und in ihren dunkleren Ecken Verwaltungstäter produzieren, eine sklavisch logische Konsequenz. Von der Gesellschaft, in der wir leben, erzeugen diese Technokraten im schlimmsten Fall ein Abbild, das die Verbrechen, die sie nie begehen wird, nicht vorwegnimmt, sondern erzeugt. Hier mischen sich diffuse Gefühle, Angst, das Streben nach Kontrolle und wirtschaftliche Interessen. Letztere in der Sicherheitsbranche, den Alchemisten unserer Zeit.[4]

Natürlich muss das nicht so kommen, aber die Dinge müssen in ihrer gesamtgesellschaftlichen Wirkung betrachtet werden. Schlagworte helfen nicht weiter, sie schaffen lediglich Gräben.

Zentrismen

Spiegel Online behauptet, dass der Diskurs, den Morozov führt, aus Deutschland heraus betrachtet etwas befremdlich erscheint. Hierzulande würden nicht die Technikenthusiasten die öffentliche Meinung prägen. Diese Aussage ist sehr schräg, denn was hilft es den Diskurs zu bestimmen, wenn das politische und wirtschaftliche Handeln in eine entgegengesetzte Richtung geht?[5] Die Aussage ist aber auch dann nicht richtig, wenn allein der Diskurs betrachtet wird.

Felix von Leitner, ein dem CCC nahestehender Blogger und IT-Sicherheitsberater, veröffentlichte am 25. November 2013 in dieser Zeitung einen Artikel, in dem er einen sicheren Bauplan für das Internet vorschlug. In seinem privaten Blog garnierte er den Artikel mit ein paar zusätzlichen Ausführungen. Er schlägt vor, eine europäische Kommunikations und Open-Source-Infrastruktur aufzubauen. Geschaffen werden soll sie nicht durch große IT-Unternehmen, sondern durch viele kleine IT-Unternehmen. Warum das so funktionieren soll, begründet er folgendermaßen:

Dass eine solche Vorgehensweise funktioniert, wissen wir, weil durch sie das Internet entstanden ist.

In dem Text lassen sich viele Stellen finden, die für jemanden wie Felix von Leitner, einen bekennenden Verschwörungstheoretiker, reichlich naiv klingen. Solche Argumente können dann ignoriert werden, weil es um die Sache an sich gehen soll und sie dieser Sache eventuell geschuldet sind. Doch spätestens dieser Satz zeigt, dass selbst in den Kreisen, die in Deutschland kritisch gegenüber der aktuellen Entwicklung eingestellt sind, oftmals „das Internet“ selbst zum Grund für die Dinge und als Argument für ein potenzielles Handeln gilt.

Morozov nennt solcherlei „Internetzentrismus“ und unterstellt dem Ganzen, eine Art Religionsersatz zu sein. Es ist der Glaube an etwas, nachdem die Menschen aufgehört haben an Gott zu glauben. Eine Ersatzhandlung, die sich Unternehmen wie Apple zunutze machen, in dem die Produkte, die den Zugang zu dieser Welt ermöglichen, wie Gotteswerkzeuge in einer Messe feilgeboten werden.

In den USA mag das schlimmer sein als in Deutschland. Doch auch in Deutschland pilgern die Massen zum mitternächtlichen Geräteverkauf. Und auch in Deutschland gilt „das Internet“ oder „die Netzgemeinde“ oftmals als Argument. Ebenso wie „die Sicherheit“ oder „der Datenschutz“ als Argumente für eine jeweilige Gruppierung selbst sprechen sollen.

Widerspruch und Widersprüche

Morozov zeichnet mit dem „Internetzentrismus“ und dem „Solutionismus“ zwei Linien. Sehr viele Kommentatoren haben sich an diesen zwei Linie entlanggehangelt und sie entweder begrüßt oder verdammt. Übersehen wurde dabei, dass diese Linien sich treffen, gelegentlich vermischen und auf etwas ganz anderes hinweisen. Der Mensch nutzt „das Internet“ und seine Möglichkeiten vor allem dazu, um Komplexität zu reduzieren. Algorithmen spucken am Ende eine Zahl, ein Produkt oder eine direkte Empfehlung raus. Der Mensch soll danach handeln und tut es oftmals ungeniert, sprich hinterfragt sein Handeln nicht mehr.

Es existieren zwei parallele Entwicklungen, die sich am Ende vereinen. Immer komplexere Algorithmen und Modelle sollen das Handeln von die Komplexität reduzierenden Subjekten vorhersehen und vorgeben. Aber wollen wir, was uns vorgeschlagen wird, oder nehmen wir es nur bequem hin statt selbst zu erkunden was das unsere sein könnte?

Dieses fehlende Hinterfragen der Komplexitätsreduktion unseres Alltags ist, was es hinter den Themen zu entdecken gilt. Erst daraus ergibt sich die Forderung, die bestehenden Ideologien zu zerschlagen. Nicht durch Krieg, sondern durch Analyse und Fragen. Das heißt, es geht um den richtigen Einsatz der Technik. Analog zur Wirtschaft, soll die Technik wieder den Menschen dienen und nicht von Unternehmen gesteuerter Selbstzweck sein. Wie das erreicht werden kann, in einer Welt die nur konsumiert und nichts mehr selbst entdeckt, ist die große Frage. Die Fixierung auf den Konsum hat die Neugierde auf die Welt verdrängt. Vielleicht sollten wir alle mehr Kafka lesen, um durch seine Neugierde auf die Welt die unsere wiederzuentdecken.

Evgeny Morozovs „Smarte neue Welt“ erschien im Blessing Verlag. 656 Seiten. 24,99 Euro.

 

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[1] Vielleicht stört ihn bei der Fragestellung als Weißrusse aber auch nur, dass er als Russe bezeichnet wurde.

[2] Das Begriffsspektrum für diesen Bereich ist so dermaßen verwässert, dass die Wortwahl generell überdacht werden muss. Ich kann in vielen „Nerds“ respektive Menschen die „nerden“ nicht erkennen, was an ihnen und dem was sie tun, noch der Nerd im eigentlichen Sinne sein soll. Diese Trendbegriffe gilt es zu vermeiden, was den positiven Nebeneffekt hat, dass die bestehende Gruppenbildung in Frage gestellt wird und damit auch „die Netzgemeinde“.

[3] Dieses Ideologie der Reduktion haben wir nicht zuletzt Steve Jobs zu verdanken, weswegen ich dessen Schaffen wesentlich kritischer sehen würde, als es der momentane Zeitgeist nahe legt.

[4] Morozovs „Smarte neue Welt“ erinnert frappierend an Charles Mackays „Zeichen und Wunder. Aus den Annalen des Wahns“.

[5] Ein wichtiger Gedanke: Je mehr aus den Dokumenten von Snowden bekannt wird, desto stärker verfestigt sich bei mir der Eindruck, dass hier ein ernsthafter Krieg stattfindet. Nicht nur, dass jeder jeden ausspioniert, es existieren auch Spionagebündnisse. Die Zurückhaltung von Merkel könnte sich in diesem Sinne sehr leicht erklären, denn Deutschland befindet sich in diesem Krieg auf Seiten der USA. Die Snowden-Leaks sind dementsprechend eine Art Bündnisfall. Eine der brennenderen Fragen ist nun, ob diese Art von Krieg nicht auch vom Bundestag genehmigt werden müsste. Denn allein dadurch würde bereits eine parlamentarische Kontrolle hergestellt und im Zuge dessen eine Debatte in der Zivilgesellschaft, ob sie diesen Krieg überhaupt führen möchte.


2 Lesermeinungen

  1. Widerstand ist nicht so kompliziert
    Man kann der TK auch Katzenbilder schicken, im Experiment bewiesen. Duckmäusertum muss nicht sein.

    Das Thema Biometrie kills Schönheit ist allerdings tatsächlich ganz hübsch, hab mir darüber auch schon Gedanken gemacht.

  2. Die Liebe zum Gemeinen
    Der Solutionismus ist das Resultat einer vulgarisierten Technik, hinter welcher sich die schlimmste Form des Dumpfen geschickt verbergen kann: Was nicht passt, wird passend gemacht. Die Technik aber hat sich schon immer gern zum Erfüllungsgehilfen des Schreckens gemacht. Sie liebt das Gemeine.

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