Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Ist die Zukunft vorhersagbar?

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Wahrsager und Alchemisten versuchen seit jeher die Zukunft vorherzusagen. Man muss selbst in die Glaskugel geschaut haben, um zu prüfen, ob Ökonomen wirklich können was sie behaupten.

Es war ein angenehmer Samstag. Die Nachwehen von Xaver spielten, begleitet von schüchternem Sonnenschein, in den Berliner Straßen. Eine Durchflutung war weit und breit nicht zu erspähen und so konnte der hungrige Mensch sich gefahrlos auf die Jagd nach Proviant begeben. Von A nach LPG und schlussendlich C. Die Dreifaltigkeit ist ebenso allgegenwärtig wie Kinder. Alle paar Meter stolpert man über sie oder sie in einen rein. Meist rappeln sie sich dann lachend auf und torkeln weiter oder suchen verunsichert die Hand ihrer Eltern. Kaum haben sie diese geschnappt, ist auch schon wieder alles gut und die Welt kann weiter entdeckt werden. „Warum ist das Blatt Grün? Schau mal, was für einen toll verdreckten Flaschendeckel ich hier gefunden habe! Das glitzert! Ich muss unbedingt an dieser Autoscheibe lecken um zu erfahren, wie sie schmeckt.“

Während so ein kleines Kind ganz unbefangen und unbeholfen mit dieser Welt umgeht, sie entdeckt und eigene Erfahrungen durch Fragen ergänzt, steht der erwachsene Mensch nicht selten recht bedröppelt da. „Ja ähm hmmm also…“ ist ein gerne benutzter Einstieg in die Erklärung von Dingen, die eine alltägliche Rolle spielen und über die genau deswegen niemand nachdenkt. Das Wasser kommt ebenso aus dem Wasserhahn wie der Strom aus der Steckdose. Und spätestens an dieser haben die Kinder ja wohl eh nichts zu suchen. Bei jenen, die in diesem Moment nicht schimpfend „Weg da!“ rufen, erzeugt das Kind ein Nachdenken über die Welt. Einfach weil es da ist und weil es tut, was es unreflektiert eben tut. Spiegeln, erklärt haben wollen, Wissen erfahren.

Glauben Sie, man kann in die Zukunft sehen?[1]

Für mich unterliegt diese Frage einer gewissen Dringlichkeit. Seit Jahren fühle ich mich von Wahrsagern, Hellsehern und ähnlichen Herren umgeben. Ihr Unterhaltungsfaktor schwankt enorm. Lustig wird es eigentlich immer nur dann, wenn diese Gaukler mal richtig falsch liegen. Kleinere Fehler werden ihnen im Guten wie im Schlechten quartalsweise verziehen und einmal jährlich bekommen bis zu drei von ihnen gar einen Nobelpreis für das Erstellen komplizierter mathematischer Gleichungen, die auf eher simplen geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen. Wobei die Bezeichnung „Nobelpreis“ nicht ganz richtig ist, denn eigentlich bekommen diese Ökonomen einen Preis der schwedischen Reichsbank, der in Erinnerung an Alfred Nobel vergeben wird.

Emanuel Derman hat sich die Arbeiten der diesjährigen Gewinner, Eugene Fama, Robert Shiller und Lars Hansen, näher angeschaut und festgestellt, dass bei den Herren ein grundsätzliches Missverständnis vorliegt. Sie wähnen sich in dem Umfeld einer exakten Wissenschaft und glauben daher, sie könnten menschliches Handeln anhand eines Modells nachbilden. Es ist jedoch umgekehrt: Die Ökonomen reduzieren menschliches Verhalten auf ihre (im Vergleich zum Menschen) rudimentären Modelle. Solch eine Reduktion menschlichen Verhaltens unterliegt mindestens diverser Folgewirkungen. Zum einen der Reduktion selbst, die Eigenschaften, Absichten, Marktmacht, Handlungsfähigkeit oder Hemmschwellen (etc.) des oder der (einzelnen) Menschen nicht berücksichtigt. Und zum anderen besteht das Problem in den Annahmen derjenigen, die ein Modell erstellt. Ihre Weltsicht entscheidet, welche Gewichtung den verbleidenden Faktoren zugesprochen wird.

Mittlerweile bestimmen solche Modelle unser aller Leben und greifen selbst in modellfernen Disziplinen wie der politischen Theorie um sich. Dabei fällt auf, dass Modelle auch im Sozialismus eine wichtige Rolle spielten, der Ansatz jedoch ein anderer war. Die zwei grundverschiedenen Ansätze des Kapitalismus und Sozialismus führen am Ende der Betrachtung zu etwas Gleichem. Oben benannter Reduktion.

Model Shoot

Auch Models sind eine Reduktion der Realität. Sie versuchen die Frau auf ein Schönheitsbild- und Ideal zu reduzieren um Waren durch Normierung billiger in Masse zu produzieren und öfter zu verkaufen. Es ist wie bei einem ökonomischen Modell, das danach trachtet die Menschen zu vereinheitlichen.

Foto von Phil King; Lizenz: CC BY 2.0 via Flickr

In der Planwirtschaft wurde ein erheblicher Aufwand der statistischen Erfassung betrieben um auf Basis dieser Daten für die nächsten Jahre eine Planungssicherheit zu erzeugen. Die Reduktion erfolgte innerhalb des Wirtschaftsmodells dadurch, dass ein knappes Warenangebot zur Verfügung stand. Die Bürger konnten offiziell nur das kaufen, was der Staat zur Verfügung stellte. Was der Bürger über das Verfügbare hinaus begehrte, und somit ein Luxusgut darstellte, musste entweder selbst geschaffen oder von Außerhalb besorgt werden. Bei der Befähigung zum Import half der Bevölkerung das knappe inländische Warenangebot und die „Arbeit für alle“-Politik in der DDR, bei gleichzeitig niedrigen Lohnunterschieden. Denn dadurch war bei den interessierten Bürgern Geld verfügbar. Hierin findet sich auch ein Grund für das schlussendliche Streben nach Westen. Das eigene Modell wurde in die Verlockungen der Konkurrenzsystems hineingedacht.

Im Kapitalismus hingegen existiert ein Warenüberangebot. Knapp ist hier das Geld, also die Fähigkeit die angebotenen Waren zu erwerben. Das erzeugt eine höhere Komplexität an wirtschaftlich frei agierenden Unternehmen, die danach trachten sich selbst zu vergrößern, also ihre Marktmacht auszuweiten. Zumindest theoretisch werden sie zum unmittelbaren Konkurrenten des Staates, der danach strebt seine eigenen Machtbereiche zu erhalten. Praktisch erfolgt an genau dieser Stelle jedoch die Reduktion. Der Staat muss planen und stellt seine Planung auf die tönernen Füße der Modelle diverser Ökonomen. Da die Wirtschaft die Basis zur Reichtumserzeugung eines Landes darstellt, orientieren sich deren Kennziffern an ihr. In Deutschland hält der Staat sich hierzu beispielsweise die Wirtschaftsweisen. Die Folge ist, dass die gesamte Gesellschaft nur noch auf Basis von wirtschaftlichen Kennziffern verwaltet wird und sich damit dem Diktat der Wirtschaft, des Geldes, unterwirft. Unterwerfen muss, wenn ein Land innerhalb dieses Systems gegenüber anderen erfolgreich bestehen möchte. Aus diesem Grunde konnte die Systemkonkurrenz zur sozialistisch orientierten DDR auch ein Sozialwesen „produzieren“, welches nach dem Sieg gegen den Sozialismus sogleich eingedämmt wurde.

So verdächtig es auch klingen mag, in Deutschland existiert keine unheilige Allianz zwischen Politik und Wirtschaft, die zu Lasten der Bevölkerung geht. Das wäre zu hoch gegriffen. Die Problematik ist vielmehr systemimmanent. Wirtschaft, wie auch Politik, frönen lediglich dem gleichen Glauben. Eine Art Zahlenmystik, in der das Wachstum des BIP ebenso ein Fetisch ist wie die Exportstärke und ein starker Euro. Kennziffern, die sehr klar und in der Breite leicht verständlich scheinen. Sie helfen den Akteuren in der Vermittlung ihrer Anliegen und müssen daher auch zwingend als Rechengrundlage dienen. Der Fehler im System ist, dass die genutzten Kennziffern sich nur an den Bedürfnissen eines (der vielen) gesellschaftlichen Protagonisten orientieren: „Der Wirtschaft“.

Zu der ökonomischen Arbeit, sprich Analyse, existiert kein Korrektiv. Häufig veröffentlicht ein Ökonom eine Studie und verkündet seine daraus gewonnenen Erkenntnisse. Der Mensch, er ist dann so und verhält sich wie folgt. Die gewonnenen Erkenntnisse werden dann als absolute Wahrheiten verkauft. Sie passen sich meist wunderbar in die eleganten Modelle ein, nach denen wir alle leben sollen. Was dabei übersehen wird, ist, dass die Studien und Erkenntnisse der Ökonomen einen Menschen abbilden, der sich in dem bestehenden System bewegt. Einen Menschen im Kapitalismus, aber auch nur in diesem. Es wird verschwiegen, dass Menschen sich oftmals anders verhalten würden, wenn die Rahmenbedingungen andere wären. Die Konsequenz daraus ist, dass Forschung nicht mehr dem Menschen dient ein System zum Wohle aller zu gestalten. Vielmehr versucht die Ökonomie ein System so zu formen, dass es den Menschen bestmöglich als ökonomisch brauchbare Größe verwertet. Der Mensch wird versucht zu formen, damit das Scheitern der Modelle nicht sichtbar wird.

Anders gesagt: Die Reduktion der komplexen Realität sperrt das Individuum in Annahmen über sein Sein ein und macht die Zukunft dadurch kurzfristig vorhersagbar. Bis zu dem Moment, in dem das Individuum aus dem Bestehenden ausbricht oder die erforschte Realität durch die Bewegung einer Nichtbewegung so stark verändert hat, dass die Modelle scheitern müssen.

Aber Adam Smith, mag mancher nun denken, und die unsichtbare Hand des Marktes. Ist es nicht das, was hier beschrieben steht? Selbst die Ökonomen werden doch korrigiert.

Nein.

Sicher, wir sollten forschende Ökonomen als Marktteilnehmer betrachten, denn Milton Friedman haben wir es zu verdanken, dass Ökonomie mittlerweile weniger der Wahrheitsfindung dient als vielmehr ein Geschäftsmodell ist. Paul Krugman ist in diesem Sinne der eigentliche Witz in der Historie, dies aber nur am Rande. „Die unsichtbare Hand des Marktes“ hat ihre gedanklichen Ursprünge in der Bibel, wie Tomáš Sedláček in seinem Buch, die Ökonomie von Gut und Böse, darstellte. Smith selbst hatte den Gedanken, wendete ihn aber anders an. Heute ist es eine Floskel von Lobbyisten, die den Finanzmarkt liberalisieren wollen. Der gedankliche Ansatz einer unsichtbaren Hand ist an für sich nicht falsch. Man muss ihn jedoch mit dem Aspekt der Zeit denken, sonst ist er vollkommen sinnlos. Gerade bei Verlusten ist es entscheidend, über welchen Zeitraum sie erfolgen. Eine Billion Euro Verlust über 10 Jahre hinweg kann ein Finanzsystem viel länger verkraften als einmal zehn Billionen Euro Verlust an einem Tag. Werden Verluste über die Zeit gestreckt, befördern sie den vorhandenen Fehler (nicht nur beim Verursacher selbst) und die unsichtbare Hand kommt erst Jahre später dazu den Fehler zu korrigieren. Am Finanzmarkt ist es noch extremer, denn wenn nur ausreichend viele Menschen an einen Fehler glauben, muss dieser gemacht werden um Geld zu verdienen. Also alle anderen, die es besser wissen, müssen den Fehler begehen, wenn sie ihren Job nicht verlieren wollen. Das Spiel geht so lange, bis die Auswirkungen des Fehlers groß genug sind, damit die Masse sich der Realität stellen muss. Die Korrektur wird dann stärker sein, als zum Beginn des Fehlermachens. Wer möchte an dieser Stelle noch von einem funktionierenden Marktmechanismus und „Selbstbereinigung des Marktes“ sprechen?

Man darf nicht davon ausgehen, dass die Akteure in der Ökonomie und am Finanzmarkt dumm sind. Im Gegenteil, ihnen ist die die Absicht des Alltags zu unterstellen. Sie orientieren sich an ihren eigenen Vorteilen, die diese Form der Umverteilung[2] mit sich bringt und ignorieren die Nachteile für die Gesamtgesellschaft. Was momentan als ökonomische Forschung bezeichnet wird, ist etwas, gegen dass die Zivilgesellschaft sich beginnen muss zu wehren. Nicht durch Protest, der ist in Deutschland so sinnvoll wie Petitionen an den Bundestag einzureichen. Vielmehr geht es um das Stellen simpler Fragen im Stile eines Kindes: „Papa, wie willst du leben? Mutti, kann der laute Mann da die Zukunft vorhersagen?“

Denn eines ist gewiss: So falsch Modelle auch sein mögen, so intensiv werden sie politisch genutzt, wenn ihre Ideologie systemkonform genug ist.

—————————-
[1] „Was das mit Verstand begabte Individuum vor allem will, ist nicht die Befriedigung der Bedürfnisse, die es hatte, sondern mehr und bessere Bedürfnisse.“ In diesem Gedanken von George Stigler findet sich das unersättliche Wesen des Menschen ebenso wieder, wie das ewige Streben nach einer gefühlten Perfektion, die oftmals nur eine Rationalisierung ist.

 

[2] Darauf läuft es am Ende hinaus. Wer am Finanzmarkt agiert, nimmt die Fehler und ihre Folgekosten in Kauf. Auch hier wird nur das System versucht zu verstehen und auszunutzen. Deutet sich eine negative Phase an, wird ein Teil des Geldes in Sicherheit gebracht (Sachanlagen) und mit dem Rest wird versucht auch noch am Verfall zu verdienen. Das heißt es entwickeln sich regelrechte Konjunkturriten.


44 Lesermeinungen

  1. Pingback: Wirtschaftsprognosen: Die Vermessung der Zukunft « LGT Finanzblog

  2. Shoshana Zuboff
    https://www.geistundgegenwart.de/2013/03/zuboffs-postmaterialismus.html?m=1

    „“…der Kommerzapparat ist ermattet, zieht sich von Güterproduktion und Handel zurück und benutzt das angehäufte Kapital als Basis, um mit finanziellen Instrumenten [d.h. nicht mehr mit Ware, GD] Profit zu erwirtschaften. Die Folge ist eine Kontraktion, in der Firmen finanziell gesund sind, dank Gewinnen durch finanzielle Transaktionen, aber der Wohlstand der Gesellschaft abnimmt. Soziales Chaos ist unvermeidbar.“*“

    so funktioniert „unser markt“, den mancher noch immer in real und finanzwirtschaft unterteilt.

    mfg
    mh

  3. FAZ-Artikel zum Thema
    Ich habe gerade (zufällig) einen Artikel der FAZ gefunden, der Ihre Position flankiert:

    https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/philip-mirowski-im-gespraech-die-linke-hat-auch-keine-antwort-12082030.html

    • Titel eingeben
      es existiert zum glück eine stärker werdende gegenbewegung. mirowski, sedlacek, david orell, derman aber auch, und das versteht meist niemand, hannah arendt oder wendy brown. im weitesten sinne auch leute wie morozov oder sandra mitchel, deren eckpfeiler die neuen und sich verändernden komplexitäten sind.

      wenn sie sich die widerworte zu gemüte führen, werden sie eine denkweise als grundlage finden, die dem kalten krieg entspringt, als man hinter jedem stein einen sozialisten vermutete. da war die regelung allein schon das böse. die kritiker der neuen bewegungen verschleiern das ganz gut, können aber an manchen punkten nicht an sich halten und packen die altbackene rhetorik nur zu gerne aus. sie gehört scheinbar zu ihrer denkerischen DNA.

      mfg
      mh

    • Ich glaube, gegen neue Modelle hat niemand etwas
      Ich glaube, gegen neue Modelle hat niemand (der hier schreibenden Kommentatoren) etwas, darüber kann man diskutieren. Aber pauschal zu sagen, die gegenwärtigen Modelle sind alle falsch (was sie sind und was kein Geheimnis ist) und man müsse das Ganze „komplexer denken“ ist herrlich unspezifisch und in der Unspezifiziertheit auch angreifbar.

      Das Schwierige beim Thema der Ökonomie ist meines Erachtens zusätzlich, dass die Begrifflichkeiten sehr starke Überschneidungen mit der Umgangssprache haben. Sie sagen „Markt“ und meinen vielleicht einen von Lobbisten verformten Ablauf und kritisieren eigentlich die Verformung, ein anderer sagt „Markt“ und meint das aber viel allgemeiner als ein Einzelkonstrukt. Kurz, Mißverständnissen ist Tür und Tor offen.

      Schöner wäre es, eine alternative Modellierung zu diskutieren und das Für und Wider im Vergleich zu den existierenden Modellen abzuwägen.

      Komplexität um der Komplexität Willen bringt nichts. Man muss die Komplexität trotzdem noch durchdringen können, sonst gibt es keinen Erkenntnisgewinn, sondern Glauben. Das muss nicht schlecht sein, ist aber wohl kaum in Ihrem Sinne.

    • Titel eingeben
      ist es nicht. es muss aber auch einen anfang geben, damit ein ende möglich wird.

      mfg
      mh

  4. hahaha
    Die Chronologie ist auf den Kopf gestellt. Man muss von unten nach oben lesen.

  5. Ich habe selten einen solchen deterministischen Quatsch gelesen
    Zunächst: Die Anmaßung eines einzelnen Autors, die gesamte ökonomische Forschung beurteilen zu können, ist erstaunlich. Ich habe offensichtlich weder ihr Selbstvertrauen noch ihre glänzende Übersicht über dieses Gebiet. Chapeau.
    Ebenso ist eine Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Protowissenschaft anhand der Genauigkeit der Modelle fragwürdig. Sie implizieren eine Schwelle, ab der ein Forschungsgebiet als Wissenschaft bezeichnet werden dürfte, also auch ein historisches Datum, ab dem die Menschheit überhaupt Wissenschaft betrieben hätte. Wissenschaft ist aber Methode, nicht Erfolg. Erkenntnis im Wechselspiel mit Kritik und Widerlegung. Erkenntnis in Mathematik und Philosophie durch logisch-deduktive Ableitung. Erkenntnis in allen anderen Bereichen durch Theorie und Empirie. Darin unterscheiden sich aber Physik, Chemie und Biologie nicht von Soziologie, Ökonomie und Psychologie. Sie alle unterliegen der Empirie und sind in diesem Sinne nicht exakt. Exakt ist lediglich die reine Logik, die reine Mathematik. Anhand der Größe des Fehlers in Wissenschaft und Nicht-Wissenschaft zu unterteilen, ist Willkür.
    Zweitens kann man anhand der reinen Logik nachweisen, dass (zum jetzigen Zeitpunkt) keine falsifizierbare, d.h. berechenbare Theorie möglich ist, die den Mensch beschreiben kann. Kurt Gödel hilft hier. Der Ökonomie also zur Last zu legen, sie wäre nicht in der Lage, den Menschen adäquat abzubilden, ist also, als würden wir dem Vieleck vorwerfen, es wäre nicht in der Lage, einen Kreis zu beschreiben. Selbst wenn die Ökonomie den Menschen exakt berechnen könnte, könnte sie es nicht beweisen (Zweiter Gödel’scher Unvollständigkeitssatz). Sie, Herr Herack, müssten ihr also GLAUBEN, den Menschen perfekt berechnet zu haben. Da es keinen Beweis dafür geben wird, könnten Sie jetzt schon anfangen.
    Drittens ist es kein Verbrechen, eine Studie zu veröffentlichen, die nach gewissen Gesichtspunkten falsch ist. (Ansonsten müssten wir als erstes die Grünen und ihre jährlichen, statistisch fehlerhaften Benzinpreisstudien verklagen.) Im Sinne der wissenschaftlichen Erkenntnis ist jede Veröffentlichung außerhalb der Mathematik „falsch“, da sie ein Verfallsdatum hat. Sie wird irgendwann widerlegt. Falsifizierbarkeit stellt Erkenntnis sicher. Was nicht falsifizierbar ist, wie Arbeiten in Gender Studies, ist wissenschaftlich unbedeutend und wird zu einer Glaubensfrage. Dass es im Wissenschaftsbetrieb mittlerweile darauf ankommt, seine eigenen Modelle eher zu bewerben als ihre Mängel aufzuzeigen, liegt nicht an der Ökonomie und ist nicht auf sie begrenzt. Man sollte dabei eher auf die (von der Politik erstellten) Richtlinien achten, nach denen Universitäten Forschungsgelder, Wissenschaftler Lehrstühle und Forschungsprojekte Gelder erhalten. Einer gesamten Wissenschaft aber vorzuwerfen, ihre Werbetätigkeit diene dazu, den Menschen umzubauen, um ihre Modelle zu retten, ist paranoid und weltfremd.
    Viertens ist ihre Sichtweise, dass Forschung dem Menschen dienen solle, ein System zum Wohle aller zu gestalten, ein erschreckender Angriff auf die Forschungsfreiheit. Wissenschaft dient der Erkenntnis. Wissenschaft ist selbst Zweck. Wissenschaft ist per Methode ihr eigenes Korrektiv. Erkenntnis kennt keine Richtung. Vielleicht hilft Ihnen die Erkenntnis, dass Systeme, die Forschung steuern wollten, bisher immer untergegangen sind. Ihre Aufrufe, das Denken in eine Ihnen unangenehme Richtung zu verbieten, „Korrektive“ für Forschung zu etablieren (womöglich politische, Gott bewahre), halte ich für totalitäre Anwandlungen. Und wiederum meine Frage: Wie haben Sie einen solchen Überblick über die ökonomische Forschung erlangen können, dass Sie die Existenz nur einer einzigen Forschungsrichtung behaupten können?
    Fünftens ignorieren Sie die Komplexität der Welt, von deren Reduktion sie zuvor noch eloquent schreiben, vollkommen. Zu Ihrer Anschuldigung, die Akteure in der Ökonomie und am Finanzmarkt ignorierten die Nachteile für die Gesamtgesellschaft, erwägen Sie einmal Michael Berrys Beispiel der Bewegungen von Billiardkugeln. Um das Ergebnis des 56. Stoßes exakt berechnen zu können, muss man exakte Annahmen über jedes einzelne Elementarteilchen im Universum anstellen. Scheitert man mit der Annahme über den Standort eines einzelnen Elektrons, kann das Ergebnis vollständig von der Berechnung verschieden sein. Wie sollte als ein Akteur am Finanzmarkt bei seiner Entscheidung, eine Aktie zu kaufen, erstens das Interesse der Gesamtgesellschaft (welches ist das im Übrigen genau? Seit wann hat „die Gesellschaft“ exakt ein Interesse?) und zweitens die Auswirkungen seiner Handlungen in Bezug auf dieses Interesse vorhersehen können. Menschen sind keine Billiardkugeln. Die Behandlung als solche haben Sie der Ökonomie zu Beginn des Artikels noch vergeworfen. Am Ende fordern Sie sie dann. Was nun?!
    Sechstens ist ihre Geldbetrachtung in Sachen DDR krude. Ein sozialistischer Staat „besitzt“ seine Menschen. Die Größe seiner Handlungsfähigkeit ergibt sich durch deren geschickt geplanten Einsatz. NUR wenn der Mensch vollkommen berechenbar wäre, könnte vollständig geplant werden, also auch der Preis eines jeden Gutes bestimmt werden. NUR DANN hätte Geld im Sozialismus irgendeine reale Bedeutung. Die sozialistische Währung heißt Arbeit. Der liberale Rechtsstaat ist dagegen in seiner Handlungsfähigkeit auf das Geld angewiesen, das der Bürger ihm zur Verfügung stellt. Geld hat für ihn Bedeutung. Das ist eine gute Nachricht, kein Fehler. Der Staat spielt nicht mehr mit Leben, nur noch mit Geld. Um langfristig handeln zu können, wird er wie jede andere Organisation auch planen und Prognosen heranziehen. Unternehmen und Staat haben darin das gleiche Interesse. Im Gegensatz zum Sozialismus gibt es im liberalen Rechtsstaat aber eine Gegenseite. Unternehmen, Konsument. Staat, Bürger. Volk und Staat sind keine Einheit. Von Wirtschaft und Staat verwendete Modelle bedrohen

    • Sie formulieren eine wichtige Frage
      Sie formulieren eine wichtige Frage an Hrn. Herack, die mir beim Lesen des Beitrags auch kurz durch den Kopf flackerte (dann aber wieder verschüttet wurde):

      Zitat: „… Die Konsequenz daraus ist, dass Forschung nicht mehr dem Menschen dient ein System zum Wohle aller zu gestalten. …“

      @Marco Herack: Ist Wissenschaft für Sie wirklich noch mit einem anderen Zweck als der Erkenntnisgewinn verbunden? Eine Floskel, die sich in diesem Blog immer wieder findet ist „[es] wird politisch“. Ich verstehe nie genau, was das heißt, aber wahrscheinlich geht es darum, das Menschen interagieren um eine Regelung für irgendetwas auszuhandeln. Soll Wissenschaft in diesem Sinne politisch sein? Ist das nicht etwas, was abseits der Forschungslabore und -stuben stattfinden muss?

      @Sebastian Jülich: Eine schöne Gegenrede.

      @Sebastian Jülich und @Marco Herack: Danke, dass Sie Ihre Gedanken mit uns teilen. Bei Hrn. Jülich (vermutlich) sogar ohne Geschäftsmodell ;-)

    • Titel eingeben
      herrn jülich werde ich nachher noch ausführlich antworten.

      @herr werlau: ich halte wissenschaft bereits für hochpolitisch, denn die erkenntnisse werden umgehend verwertet und oftmals von der wirtschaft finanziert. wenn sie beispielsweise einen blick in den dankenden anhang von herfried münklers weltkriegsbuch werfen, werden sie dort einen dank an die VW und thyssenkrupp-stiftung finden. ohne die wäre das buch nicht möglich gewesen (versehen mit entsprechendem lamento) …was hier in einem recht unverfänglichen (zumindest aus ökonomischer sicht) forschungsfeld passiert, geschieht in anderen feldern unter direkter finanzierung durch wirtschaftliche akteure.

      nimmt man das alles ernst, dann existiert natürlich nicht nur ein markt für erkenntnisse und wissen, sondern auch ein markt für desinformationen. natürlich alles streng empirisch.. es existieren immer ausreichend rädchen um eine ideologie zu untermauern.
      https://blogs.faz.net/wost/2013/07/28/unser-kompass-im-sterbenden-kapitalismus-437/

      daran sehen sie auch, wie wenig exakt manche wissenschaft ist, die von sich behauptet exakt zu sein.

      …“Eine Floskel, die sich in diesem Blog immer wieder findet ist „[es] wird politisch“. Ich verstehe nie genau, was das heißt, aber wahrscheinlich geht es darum, das Menschen interagieren um eine Regelung für irgendetwas auszuhandeln.“…

      ich glaube ja es ist umgekehrt, wir bezeichnen hier sehr viel als „unpolitisch“, sprich kritisieren den nicht vorhandenen streit um die dinge und somit das fehlende verhandeln. aber ja, das ist ein wichtiger punkt für frau rönicke wie auch mich. wir sind ja, wenn man es auch im kontext des blogs sehen möchte, aus einer gesellschaft gekommen die politisch war dies aber nicht öffentlich zum ausdruck bringen konnte. und sehen nun, in einer angeblich freien gesellschaft, dass sie die tendenz dazu hat sich vollkommen unpolitisch zu verhalten. da werden meinungen abgeglichen, statt sich inhaltlich zu streiten. oder nehmen sie merkels verhalten in sachen nsa.. totschweigen ist da noch eine nette bezeichnung. in jedem fall wid die politische auseinandernetzung mit den gegnern ihres verhaltens gemieden.

      dabei ist dieser streit sehr wichtig. nicht nur zur persönlichen meinungsbildung, sondern auch zur möglichst umfassenden darstellung der verschiedenen seiten. streit bedeutet auch interesse und aufmerksamkeit und ich denke es ist nicht zu ambitioniert zu behaupten, dass erst der politische streit das tolerieren der demokratischen entscheidungen ermöglicht.. die selbst ja einen großteil der bevölkerung ausschliessen.

      das gegenkonzept hierzu ist das reine verwalten eines staates. so zu tun, als könne politik ohnehin nur noch reagieren.. und dann kommen wir wieder zu den unsere gesellschaft gestaltenden modellen.

      mfg
      mh

    • Wenn man anderen Quatsch vorwirft, sollte man selbst keinen schreiben:
      „Wissenschaft dient der Erkenntnis“ wäre dann (und nur dann richtig), wenn Wissenschaft betrieben werden könnte, ohne Geld zu kosten. Solange sie Geld kostet und von irgendwem finanziert wird, wird sie schon theoretisch niemals vollständig frei von anderen Interessen als dem der Erkenntnis sein.

      Darüber hinaus haben Menschen ein Eigeninteresse. Und die obere Mittelschicht an der Grenze zur Oberschicht, die durch unser heutiges Wirtschaftssystem ein gutes Einkommen erzielt, hat ein natürliches Eigeninteresse an dessen Aufrechterhaltung, weil es ihren Mitgliedern in jedem anderen Wirtschaftssystem wahrscheinlich schlechter gehen würde. Genau zu dieser Schicht zählen aber alle renommierten Ökonomen ebenso, wie alle renommierten Wirtschaftsjournalisten.

      In der real existierenden Welt und mit dem real existierenden Menschen ist „Wissenschaft dient der Erkenntnis“ ein ziemlich folgenloses Ideal. Und dabei habe ich überhaupt nur zwei der gegen dieses Ideal verstossenden Einflüsse aus der Praxis benannt, die Liste liesse sich noch lange fortsetzen.

      Solange Wissenschaft methodisch Wissenschaft bleibt und nicht in Ideologie umschlägt, habe ich überhaupt nichts dagegen, wenn sie einem bestimmten Interesse dient. Das macht Heracks Forderung nicht besser, der in schlechtester Rousseauscher Tradition ein objektiv erkennbares Volkswohl postuliert. Gäbe es das, könnten wir sämtliche politischen Diskussionen morgen einstellen, die Demokratie abschaffen, die freie Meinungsäusserung gleich mit und die Regierung einem programmierten Automaten übelassen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Titel eingeben
      ach herr haupts, da sind wir ja einer meinung. und genau weil das alles interessengeleitet ist, habe ich mich dazu entschlossen ein interesse zu vertreten, das nicht rein monetär ambitioniert ist. da geht es weniger um das volkswohl und mehr um die interessen der mehrheitsgesellschaft.

      sie bringen mich ja nun in die angenehme lage, ihnen unrecht im recht geben zu müssen.

    • Herr Haupts, ich gebe Ihnen recht
      ein gewisser Teil des Wissenschaftsbetriebs versteht sich eher als Werbefachleute, ich habe diesen Teil angesprochen. Ihr Umkehrschluss ist aber ungültig. Solange es (und wenn auch nur einen) Wissenschaftler gibt, die kritisieren, dient Wissenschaft der Erkenntnis. Aber natürlich: Je weniger Kritiker, desto schlechter ihr Zustand. Sie überschätzen außerdem den Einfluss der renommierten Wissenschaftler innerhalb ihres Fachgebiets. Der Großteil der Forschung stammt aus anderen Federn, die zum größeren Teil schlecht verdienen. Auch hier gibt es Eigeninteresse, richtig. Hier gibt es aber auch viele Kritiker.

    • -
      Welchen Vorteil bietet der „Natur“ eine Komplexität. Warum stellt sich ein Es in Relation?

    • Titel eingeben
      lieber herr jülich,

      ich beanspruche keine wahrheiten für mich, aber durchaus eine sichtweise auf die welt und die steht zur diskussion. versehen mit ein paar standpunkten. das sollte vor allem auch die erste fußnote verdeutlichen.

      der unterschied zwischen physik und ökonomie ist ein simpler: man kann unter berücksichtigung der parameter berechnen, wo ein apfel landet, wenn er vom baum fällt. das ist exakt. die ökonomie kann aber nicht vorhersagen wann die menschenmassen ihre aktien panikartig abverkaufen und wie tief die kurse dann fallen. es existiert nichts exaktes. deswegen habe ich den unterschied auch genau hier gezogen. exakte wissenschaft, nicht exakte wissenschaft. wissenschaft ist beides, mit jeweils anderen mitteln und möglichkeiten.

      zu zweitens: ich würde ihnen ja zustimmen, wenn sie nicht meinen hinweis übersehen hätten, dass ich der meinung bin, dass „die ökonomen“ dieses versprechen abgeben und es dem zu widersprechen gilt. was ich hiermit getan habe. das ist eine der grundaussagen dieses textes und sollte zur kenntnis genommen und gekommen sein.

      zu drittens: sie verwechseln hier eine unterstellte absicht (paranoid) mit meiner beschriebenen folge. aktion – reaktion… was ggf. strittig sein könnte, ist meine indirekte unterstellung, dernach die ökonomie der ursprung dieser entwicklung ist. aber den punkt haben sie ja nicht angebracht.

      zu viertens: nichts liegt mir ferner als forschung zu steuern. ich habe diese aussage jedoch ganz bewusst so gesetzt, weil sie zum einen daran anschliesst, dass die wirtschaft dem menschen zu dienen habe und damit auch dir forschung aus dem wirtschaftlichen sumpf befreit. denn realität ist, dass die wissenschaft mittlerweile ein nicht zu verachtendes machtinstrument geworden, mit dem sich interessen verklausulieren und durchsetzen lassen. dass dadurch lediglich der zustand als schlecht gelten kann, ist kein argument sondern schönrederei… es gibt an diesem punkt keine neutralität mit der zu rechnen ist. die hätten wir höchstens gerne.

      zu fünftens: die merheitsgesellschaft hat ein recht klar artikuliertes interesse. essen, trinken, lebensstandard. das ist das schöne am nicht exakten menschen, er hat grundbedürfnisse. wenn ich als bank derivate auf subprime-hypotheken auflege, weiß ich genau, dass die irgendwann explodieren und die gesellschaft das bezahlt. das ist das schöne an den geisteswissenschaften… sie müssen nicht alles rechnen können, was sie wissen.

      zu sechstens: sie haben das bsp. schön missverstanden. die bedingungen des sozialismus ermöglichten es dem individuum geld zu besitzen, dass es gegen waren von außen eintauschen konnte.
      „Unternehmen, Konsument. Staat, Bürger. Volk und Staat sind keine Einheit“ ist genau meine rede… man darf in einem komplexen system nicht nur zum wohle einer einheit handeln.

      mfg
      mh

    • Sehr geehrter Herr Herack
      Der unterschied zwischen physik und ökonomie ist kein simpler, ihr Vergleich schlecht gewählt: Um den Apfel mit dem Finanzmarkt vergleichen zu können, müssten Sie ihn in einen Sturm stecken und die Frage stellen, wann der Apfel fallen wird und wo exakt er landen wird. Und ich versichere Ihnen: Darauf hat die Physik keine exakte Antwort. Geht es nur um den Fall des Apfels, bietet sich ein anderer Vergleich aus der Ökonomie an: Ein Konsument hat die Wahl zwischen Äpfeln und Birnen. Kennt der Ökonom den Konsumenten (und das ist vergleichbar mit dem Aufenthaltsort (Erde, Mars, …), der Größe und dem Gewicht des Apfels), kann er ebenfalls sehr präzise Aussagen über die Wahl machen. Im Modell ist er exakt (der Fall des Apfels ist auch nur im Vakuum exakt berechenbar, also im Modell). In der Realität wird es einen Fehler geben, richtig. Aber streuen Sie sich keinen Sand in die Augen über die Physik: Der Fall des Apfels ist in der Realität voller Fehler. Fangen Sie beim Messgerät an.
      Nun gut, Sie sind der Meinung, dass „die Ökonomen“ versprechen, den Menschen vollständig berechnen zu können. Dann sollten Sie dies aber auch ausreichend belegen. Mit dem Einzelfall Krugman alle anderen über einen Kamm zu scheren, ist so einfach wie falsch. Was sind Ihre Anhaltspunkte für diese Aussage? Ich persönlich kenne keinen Ökonomen, der glaubt, den Menschen vorhersagen zu können. Ich kenne aber viele Journalisten, die glauben, dass die Ökonomen das glauben. Ich befürchte, dass dort Ignoranz, Unwissen und Überheblichkeit zusammenspielen, die, mit der Neigung zum Abschreiben bei anderen Journalisten gepaart, zur Verfestigung dieses Vorurteils beitragen. Vorurteil bleibt aber Vorurteil. Und auf der Basis von Vorurteilen das Aufbegehren von Seiten der „Zivilgesellschaft“ zu fordern, ist irrwitzig.
      Sie behaupten, der Ökonom würde vergessen, dass sein „Mensch“ rudimentär beschrieben ist und in einer Marktwirtschaft unterwegs ist. Das ist vollkommen falsch. Die Ökonomie stellt die Frage, wie sich der Mensch in einem gegebenen Mechanismus verhalten soll, um sein Ziel zu erreichen. Der Mechanismus ist essentiell. Im Markt hat er sich anders zu verhalten als in der Gruppe. Über die unterstellten Ziele macht sie keinerlei Aussagen. Das macht die Psychologie. Gibt es ein solches Ziel, baut der Ökonom ein Modell für den Mechanismus, in dem der Agent das Ziel erreichen möchte und zeigt, was er machen sollte, um es zu erreichen. Über den Wert des Ziels und ob es für den Agenten gut ist oder ihn glücklich macht, etc…, macht er überhaupt keine Aussage. Sie unterstellen „den Ökonomen“ sehr, sehr viel, ohne eine Grundlage anzugeben.
      Ich unterstelle mit „paranoid“ keine Absicht hinter der Folge Aktion-Reaktion. Ich unterstelle, dass die Folge nur sehen kann, wer paranoid ist. Muster in zufälligen Folgen erkennen zu glauben, ist ein Erkennungszeichen von Menschen, die unter dem Gefühl leiden, die Kontrolle über ihr Leben in der Welt verloren zu haben und Verschwörungen gegen sie selbst wittern. Es geht bei der Bewerbung der Modelle nicht darum, den Menschen zu formen (das Schreiben Sie und darauf bezieht sich mein „paranoid“), sondern Zitierung zu erhalten, um Forschungsgelder zu gewinnen.

      zu „zu fünftens“: sie sagen hiermit lediglich, dass einzelnes fahrlässiges Verhalten schlecht ist. Kein Widerspruch. In normalen Märkten zahlt der Fahrlässige selbst für sein Verhalten. Dass „die Gesellschaft“ einen Fehler bezahlt, hat mit dem Verhalten nichts zu tun. Auch ohne fahrlässiges Verhalten können Blasen entstehen. Der Schlüssel sind die politisch vorgegebenen viel zu tiefen Eigenkapitalanforderungen (ich fordere min. 25%), die Insolvenzen von Großbanken verhindern, weil sie den „Markt“ zusammenbrechen lassen. Märkte brechen aber nicht durch Insolvenzen einzelner zusammen. Schleckers Ausscheiden hat den Drogeriemarkt kaum berührt, obwohl eine Blase von zu vielen Drogiemärkten geplatzt ist. Gäbe es kein „too big to fail“, würde „die Gesellschaft“ nichts zahlen. Wenn Sie in die entsprechenden Gesetzgebungen hineinsehen (Clinton zuvorderst und als eines der letzten Beispiel sei Steinbrücks 2007er Erlass für Risikoaufschläge), werden Sie ein immenses politisches Interesse an „too big to fail“-Banken und deren Vernetzung untereinander erkennen. Der Vorwurf an „den Banker“ ist wiederum viel zu einfach.

      zu „zu sechstens“: Der Sozialismus ermöglicht es dem Individuum gerade nicht, Geld zu besitzen, dass es gegen Waren von außen eintauschen kann. Sozialismus „funktioniert“ (ist stabil) nur, wenn es keine Tauschmöglichkeit nach außen gibt oder Rohstoffe veräußert werden können (letzteres senkt aber das langfristige Wohlstandniveau noch weiter). Das Ende der DDR wurde eingeläutet, als dies versucht wurde. Der Staat hat seinen Untertanen eine bestimmte Menge Importe zur Verfügung gestellt, auf Pump finanziert, weil es keine entsprechende Gegenleistung gab und auch niemals geben könnte. Ein Produkt im Sozialismus kostet immer mehr als das gleichwertige in der Marktwirtschaft.

    • Geben Sie doch einmal Butter bei die Fische:
      Wie genau sähe denn eine ökonomische Wissenschaft aus, die dem „Wohl der Mehrheitsgesellschaft“ diente? Mit welchen Themen sollte sie sich befassen, welche Modelle anwenden, welche Prozessannahmen zugrundelegen, von welchem Menschenbild ausgehen, welche emirischen Daten verwenden?

      Schaffen Sie das – wenigstens einmal konkret zu werden?

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Titel eingeben
      na sie sind ja witzig. jetzt ist es also die adaptierende masse, die den armen ökonomen gar nicht glauben will, dass sie nichts vorhersagen können.

      das problem an ihren ausführungen ist, dass sie zu viel interpretieren. krugman ist ein schönes beispiel. von dem habe ich gar nicht behauptet, dass er behaupten würde, die zukunft vorherzusagen. sie behaupten allerdings, dass ich das behauptet habe. mein seitenhieb war ein anderer… zugegeben, um diesen zu verstehen muss man sich recht tief in der materie auskennen.

      gehen sie doch mal in so eine bank und lassen sich von den dort arbeitenden ökonomen und physikern erklären, wie fehlerbehaftet deren modelle sind. das wird ihnen so keiner sagen wollen. dennoch werden weltumspannende finanzkonstrukte auf ihnen erbaut. und wenn sie hier schon beweise fordern, dann sollten sie selbst doch auch über den status der reinen behauptung hinauskommen. aber so ist das in unserer konsumgesellschaft.. der mensch, er kennt nur noch die forderung.

      den apfel habe ich ja nicht ohne grund gewählt. man achte auch auf die formulierung. das vorhandensein der parameter war meinerseits vorausgesetzt. sie können es genau dann nicht berechnen, wenn etwas unerwartetes passiert. mir ist aber natürlich auch klar, dass der ökonom vorhersagen kann, welchen apfel der konsument nimmt, wenn der konsument die wahl zwischen einem apfel und einer birne hat.

      „Die Ökonomie stellt die Frage, wie sich der Mensch in einem gegebenen Mechanismus verhalten soll, um sein Ziel zu erreichen. Der Mechanismus ist essentiell.“
      … genau das habe ich kritisiert. sie setzen mit ihrer vermutung dessen, was ich kritisiere, viel zu früh an, denn die kritik war, dass der mechanismus nicht mehr hinterfragt wird. adam smith hat sich mit dem mechanismus befasst und sich der frage gestellt, ob er sinnvoll ist. daher auch mein hinweis auf seine (und die der ökonomie) herkunft als moralphilosoph. es ist eben nicht relevant, wie ich innerhalb eines bestehenden systems am besten agiere und mich am geilsten verkaufe… die viel wichtigere frage ist, ob die mechanismen funktionieren und für wen sie funktionieren. in den letzten jahren haben sie beispielsweise wunderbar für vorstände von aktiengesellschaften funktioniert.

      in die gleiche falle tappen sie auch bei 5. .. sie sehen ja und wissen es. too big to fail ist eine realität. und es ist ein problem. statt sich aber mit dem fehler im system zu befassen, schwadronieren sie von „normalen märkten“, in denen so etwas ja kein problem ist. mal abgesehen davon, dass dieses spielchen mit den finanzblasen schon seit jahrhunderten so läuft, wie es auch heute läuft… ist die definition des „normalen marktes“ auch kein sonderlich neuer vorgang in der ökonomischen forschung um eigene fehlannahmen zu vertuschen oder die schuld an ihnen auf externe ereignisse zu verlagern. es existieren keine normalen märkte. es existiert, was da ist. was sie da betreiben ist realitätsverweigerung.

      klar formuliert: märkte brechen durch die insolvenz einzelner zusammen. seit jahrhunderten. leverage sei dank.. die finanzkrise ab 2007 wurde übrigens nicht durch zu große banken ausgelöst. schuld sind natürlich der fallende preis für immobilien in den usa, mit dem niemand „gerechnet“ hatte. so kann man das natürlich auch vernebeln. wir hatten auch schon finanzkrisen, weil ein streichholzfabrikant pleite gemacht hat. es ist vollkommen willkürlich.

      zu 6.: ihre ansichten zum sozialismus sind rührend. fakt ist, in der DDR haben die menschen für ihre arbeit geld bekommen. von diesem geld haben sie ihre miete gezahlt, essen und trinken, das ein oder andere fest gegeben und nach 16 jahren haben sie einen trabi gekauft. und sie konnten sparen. mit diesem ersparten haben sie legal und illegal waren aus dem westen erworben. und das war mein punkt. alles weitere, also alles darüber hinaus, haben sie hineininterpretiert. ich habe keine aussage zur ökonomischen nachwirkung dieses handelns getroffen, denn mir ging es um das handeln der bürger. was das schlussendlich für ökonomische folgen für die ddr selbt hatte, da könnten wir uns ja fast noch einigen. siehe auch:

      „Hierin findet sich auch ein Grund für das schlussendliche Streben nach Westen. Das eigene Modell wurde in die Verlockungen der Konkurrenzsystems hineingedacht.“

    • Titel eingeben
      herr haupts, haben sie auch etwas konstruktives beizutragen oder wollen sie einfach nur alles a) mit platten argumenten verwerfen was ich schreibe und b) forderungen stellen, die eine arbeit für jahre wenn nicht gar jahrzehnte erfordern?

      wir sind hier nicht im sozialismus. wenn sie so etwas fordern, sollten sie auch die entsprechenden mittel zur verfügung stellen. dann denke ich drüber nach, ob das interessant für mich ist. können sie das leisten?

      wenn nicht, müssen sie sich damit abfinden was ihnen hier geboten wird.

      mfg
      mh

    • Und Sie sich damit, dass es dann dem Gebotenen entsprechend kommentiert wird?
      Das geht schon in Ordnung.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • Aber da haben wir es doch
      „die kritik war, dass der mechanismus nicht mehr hinterfragt wird“ und „die viel wichtigere frage ist, ob die mechanismen funktionieren und für wen sie funktionieren. in den letzten jahren haben sie beispielsweise wunderbar für vorstände von aktiengesellschaften funktioniert.“
      Zunächst hat sich an den Organisationsmöglichkeiten seit der Finanzkrise nichts geändert. Man unterscheidet die Anzahl und Art der Verbindungen zwischen Agenten. Dann geht es von vielen und festen (z.B. Hierarchie (also Sozialismus)) bis zu fast keinen und losen (Spot-Markt). Dazwischen existiert ein Kontinuum unendlich vieler Variationen. Die Forschung in diesem Bereich läuft seit Ewigkeiten (schauen Sie nur in Jean Tirole’s „Industrieökonomik“: Da stehen vielerlei Ausprägungen der Mechanismen zur Debatte und deren Auswirkungen. Alles unter bestimmten Annahmen). Die Erkenntnisse werden auch nicht falsch durch irgendeine Krise. Es steigt lediglich die Anzahl und Lautstärke derjenigen, die glauben, dass alles vorherige plötzlich nicht mehr gelte, „neu gedacht“ werden müsse, „Systeme“ hinterfragt werden müssten usw., immer mit der verschwommenen Idee, „es müsse doch anders gehen“. Sie befinden sich in guter Gesellschaft, sehen Sie einfach 100 Jahre in die Vergangenheit, z.B. nach England. Ihr Artikel könnte auch damals geschrieben worden sein.

      Es ist aber offensichtlich, dass Ihnen das Verständnis von „Funktionsfähigkeit“ fehlt. Ein Markt funktioniert, wenn ein Preis zustande kommt. Punkt. Wie hoch der Preis ist, wer davon profitiert usw. hat mit der Funktionsfähigkeit überhaupt nichts zu tun. Ein Markt funktioniert nicht „für“ jemanden. Er hat kein Ziel und kein gesteuertes Verhalten. Es ist emergentes Verhalten, es taucht auf, ohne dass irgendjemand ein Interesse dafür haben müsste. Der Markt ist mehr als die Summe seiner Teile, sein „Verhalten“ nicht gesteuert. Das ist sein großer Vorteil und Ihr Denkfehler. Ebenso beim Wissenschafts“markt“. Hinter dem Ergebnis versteckt sich kein Ziel. „Schwarmintelligenz“, Shit-Storm, Bundestagswahl, etc. Das ist alles der gleiche Mechanismus. Kein einzelner „will“ das konkrete Ergebnis. Alle wollen irgendein Ergebnis. Aber kein einzelner Teilnehmer steuert, was tatsächlich herauskommt. Und das habe ich an Ihrem Denken kritisiert und sie haben es mir mit den angegebenen Zitaten bestätigt. Sie sehen überall Steuerungen, sehen Ergebnisse deterministisch aus Anfangsparametern bestimmt, wie sie sich nur in festen Strukturen ergeben. Märkte, Schwärme, Wahlen sind aber stochastisch oder zumindest deterministisch-chaotisch. Letzteres unterscheidet sich in der Praxis nicht, weil wir die Eingabeparameter nicht zu 100% beobachten können.

      Gleiches zeigt sich bei meiner angeblichen Realitätsverweigerung. Ich habe Ihnen den Fehler im Finanzmarkt, der ihn von einem „richtigen“ Markt unterscheidet, ganz klar benannt: Mangelnde Robustheit gegenüber Pleiten einzelner. Mein Lösungsvorschlag: Höhere Eigenkapitalquoten (mindestens 25%) und keine festgelegten Risikoaufschläge für Banken im Euroraum oder EU-Staaten, wie sie von Herrn Steinbrück eingeführt wurden. Ich habe Ihnen auch ein Beispiel für einen „richtigen“ Markt genannt. Drogerieprodukte. Der Apfelmarkt gehört auch dazu, der Birnenmarkt ebenfalls, der Schuhmarkt, der Automarkt, … Es gibt im Moment einen einzigen „Markt“, der in dieser Hinsicht nicht funktioniert und das ist der Finanzmarkt. Dass sich durch meine Vorschläge Blasen nicht verhindern lassen, liegt in der Natur des Mechanismus. Preislevel haben keine Bedeutung, erst in der Vergangenheit. Preisrelationen sind bedeutend. Schwärme bewegen sich in eine Richtung, wenn eine relative Mindestanzahl eine Tendenz dorthin hat. Das Problem ist nicht die Blase. Das Problem ist die Trägerschaft des Risikos. Dementsprechend sind die Hypothekenpreise in den USA, später dann in Spanien und Irland, nicht die Schuldigen, sondern die Auslöser zu einer Preisanpassung. Das ist keine Vernebelung, das ist nur keine Überhöhung. Preisanpassungen gibt es jede Millisekunde. Ist eine Anpassung größer, werden die Verluste größer. Die Frage ist einfach, wie robust der Markt gegen Kettenreaktionen ist. Der Finanzmarkt war überhaupt nicht robust. Daher: Mindestens 25% EK-Quote.

      Mein Punkt zu Geld im Sozialismus und Geld im Kapitalismus war die mangelnde Vergleichbarkeit, die sie in ihrem Artikel aber beschwören. Geld ist im Sozialismus ein Gut, genau wie Brot und Wurst. Es wird in einer bestimmten Menge vom Staat zur Verfügung gestellt, hat aber keine Kommunikationsfunktion, weil hinter den Preisen kein Wert steckt, keine Aussage, ob das Gut knapp ist oder in Zukunft knapp sein wird, wie hoch seine Produktionskosten sind, etc. Im Sozialismus ist es knapp, im Kapitalismus spielt die Knappheit keine Rolle.
      Im Kapitalismus ergibt sich der Preis über die Aggregation verschiedener Erwartungen über die Knappheiten des Angebots. Die Geldmenge bestimmt die absolute Höhe des Preises, was aber egal ist, weil nur die relative Höhe zu anderen Preisen entscheidet, da Geld kein Gut ist. Deshalb ist Ihre Aussage, dass im Kapitalismus das Geld knapp wäre und nicht die Waren, falsch. Geld ist kein Gut. Es ist auch nicht knapp im Sinne eines Gutes. Die Höhe des Preises kommuniziert lediglich den Wert des knappen Gutes in Relation zu anderen Gütern, aber nicht den Wert des Geldes an sich.

      Sie fordern fehlerfrei Konstrukte im Finanzmarkt, damit sie überhaupt Anwendung finden dürfen. Nach dieser Maßgabe dürften wir niemals etwas tun, denn ich halte dagegen: Es gibt sie nicht. Weder in Physik noch Chemie noch Ökonomie. Die ganze Welt besteht aus Fehlern. Und etwas Unerwartetes kann in keiner Wissenschaft berechnet werden, da Zufall nicht berechenbar ist. In diesem Sinne müssen wir auf den Mechanismus oder das System vertrauen, das Fehler am schnellsten aufdeckt. Lesen Sie dazu Hayeks Dankesrede bei der Preisverleihung der schwedischen Akademie.

    • Titel eingeben
      „Ein Markt funktioniert, wenn ein Preis zustande kommt. Punkt.“

      ein preis allein sagt nur, dass ein gegenpart vorhanden war. die fähigkeit zum interessenausgleich, das ist die preisfindung, definiert die sinnhaftigkeit des marktes und erzeugt liquidität im markt. wenn in einer gesellschaft immer mehr menschen nicht oder nur wenig am gesellschaftlichen leben teilhaben können, dann funktioniert dieser markt nicht. durch ungleichverteilung kann man aber dennoch seine liquidität sichern. die volte werden sie nicht mitgehen können, ich weiß.

      im kapitalismus, in dem wir uns befinden, werden immer mehr aspekte des menschlichen tuns auf einem marktplatz verhandeln. es gibt immer weniger freiheiten vom markt. daher muss dieser markt anders gedacht werden, als ein markt der lediglich dazu dient die güter des notwendigen bedarfs zu verhandeln. es existiert nunmal ein unterschied zwischen dem gut „tontopf“ und dem gut „leben“.

      dafür müssen sie nicht lesen und belehren, dafür müssen sie anfangen zu denken. ihren kopf einschalten und sich von den modellen lösen. oder, um ihre forderung aufzugreifen, beginnen fehler zu machen und die welt zu verändern. ihren zeilen ist ja nur zu deutlich zu entnehmen, dass sie ernsthaft glauben modelle, die das verhalten im markt optimieren sollen, würden auch dazu beitragen den markt selbst zu korrigieren.

      es geht mir nicht um fehlerfreiheit und es ist unsinn realwirtschaft und finanzwirtschaft getrennt betrachten zu wollen, wenn das eine in das andere greift. was sie betreiben ist reduktion im besten sinne.

      „Im Kapitalismus ergibt sich der Preis über die Aggregation verschiedener Erwartungen über die Knappheiten des Angebots“

      um das zu widerlegen braucht man sich nur die gewinnmargen diverser unternehmen betrachten. knappheit ist bei der preisfindung ein aspekt unter vielen.

      „Die Geldmenge bestimmt die absolute Höhe des Preises, was aber egal ist, weil nur die relative Höhe zu anderen Preisen entscheidet, da Geld kein Gut ist. Deshalb ist Ihre Aussage, dass im Kapitalismus das Geld knapp wäre und nicht die Waren, falsch. Geld ist kein Gut. Es ist auch nicht knapp im Sinne eines Gutes. Die Höhe des Preises kommuniziert lediglich den Wert des knappen Gutes in Relation zu anderen Gütern, aber nicht den Wert des Geldes an sich.“

      ich werde langsam müde… sie scheinen nicht in der lage (oder willens) eine aussage, die ich auf das handelnde subjekt beziehe, von der dem übergeordneten „geldpolitik“ zu trennen, bei der es ganz anders gedacht werden muss. es sind verschiedene handlungsebenen, aber erst, wenn man die eine ebene mit der anderen verbindet und dabei eine erhöhte komplexität in der betrachtung erzeugt, kommt man den antworten näher.

      man kann solche themen nicht nur in einer ebene denken und dabei die anderen ebenen außer acht lassen. sie bewegen sich in selbstreferenziellen schleifen, bei der sich veränderungen aus sich selbst heraus ergeben und dadurch fortschritt simulieren. eine sich beständig verkleinernde spirale, die alle paar jubeljahre in die krise führt. darin erschöpft sich die gezeichnete festigung. das ist sehr schrecklich, sie sollten das nicht tun.

      mfg
      mh

    • Titel eingeben
      P.S. und hören Sie bitte auf die psychologie ständig ausklammern zu wollen. sie spielt bei der preisfindung eine erhebliche rolle und kann daher nicht abgetrennt werden. jedes wirtschaftliche handeln und verhandeln unterliegt ihrem einfluss. die fehlverhaltensökonomie hat das bereits begriffen.

      mfg
      mh

    • Ich klammere die Psychologie in keinster Weise aus
      „im kapitalismus, in dem wir uns befinden, werden immer mehr aspekte des menschlichen tuns auf einem marktplatz verhandeln. es gibt immer weniger freiheiten vom markt. daher muss dieser markt anders gedacht werden, als ein markt der lediglich dazu dient die güter des notwendigen bedarfs zu verhandeln. es existiert nunmal ein unterschied zwischen dem gut „tontopf“ und dem gut „leben“.“ und „wenn in einer gesellschaft immer mehr menschen nicht oder nur wenig am gesellschaftlichen leben teilhaben können, dann funktioniert dieser markt nicht.“
      Diese Aussagen sind doch die größte Reduktion überhaupt. Sie quetschen alle Aspekte der Gesellschaft in den Bereich Wirtschaft oder glauben, dass sie dorthin gequetscht würden, gequetscht werden müssten oder nur darunter zu sehen sind. Vollkommene Integration. Genau wie im Sozialismus alle Aspekte der Gesellschaft in den Bereich Politik integriert wurden. Wenn Sie den Menschen so eng sehen, gibt es in Ihrer Welt dann auch „menschenunwürdige“ Löhne. In meiner gibt es der Arbeitsleistung unwürdige Löhne. Die Würde des Menschen hängt für mich niemals am Lohn, das ist neo-sozialistisch. Darüber waren wir doch längst hinaus. Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Religion – alles ist verschränkt, gut. Aber alles ist auch begrenzt und kontrolliert den Menschen niemals total. Ihr Problem ergibt sich gerade dadurch, dass sie alles in eins denken wollen, was gar nicht in eins zu denken ist. Jeder Teilbereich des Lebens hat ihm eigene Eigenschaften, für die ein anderer gar keine Sprache hat. Kein Teilbereich hat Zugriff auf alle anderen Bereiche. Das Leben steht nicht zum Verkauf, hat keinen Preis, und kann deshalb gar nicht vollständig in den Bereich Wirtschaft fallen. Es ist kein Gut. Selbst wenn Versicherungen Preise festlegen, bepreisen sie nur den wirtschaftlich relevanten Anteil. Wenn Google Datenpakete von Ihnen verkauft, bepreist Google doch nicht Ihr Leben. Google bepreist für Google wichtige Teile davon. Aber das macht nicht den Menschen zum Produkt, sondern ein Abbild von ihm, das nur solange Wert hat, wie der Mensch sich dementsprechend verhält. Ihr Denkfehler ist, den Menschen durch die Versuche, Modelle seiner Entscheidungsweise zu finden, in Gefahr zu sehen. Das ist deterministisch, weil Sie implizieren, der Mensch hätte auf Basis eines bestimmten Datensatzes keine Chance, anders zu handeln und könnte berechnet werden. Bessere Modelle würden in dieser Sicht tatsächlich die „Freiheit“ des Menschen einschränken, weil bessere Modelle weniger Irrtümer liefern. Diese „Freiheit“ ist aber gar keine, weil sie den Menschen als durch die Umstände determiniert sieht. Ein solcher Mensch wäre aber berechenbar, Algorithmen sein Feind. In dieser Hinsicht sind sie „paranoid“. Sie reduzieren die Möglichkeiten des Menschen. Sie lassen ihn zum Spielball werden. Der Mensch ist aber nicht determiniert, er ist nicht berechenbar, braucht sich also vor keinem Algorithmus zu fürchten, da er jeden(!) ihn berechnenden Algorithmus schlagen kann (siehe dazu „Computability“ von Copeland, Shagrir und Posy). Er ist tatsächlich frei.

      Wenn sich Politik mittlerweile nur noch durch Umverteilung definiert, beschränkt sie ihr Handlungsgebiet auf einen Bereich, in dem sie hemmungslos unterlegen ist. Sie schafft aber auch immer mehr Einflussmöglichkeiten von der Wirtschaft auf die Politik, ohne in der Gegenrichtung viel zu erreichen. Da sie gegen die Informationsverarbeitung von Märkten keine Chance hat, kann sie immer nur reagieren. Damit reduziert sich die Politik selbst und stiehlt sich aus ihrem eigentlichen Handlungsgebiet heraus. Wir sollten es der Politik nicht so leicht machen, sich aus ihrer Verantwortung zu stehlen, indem wir ihre Reduktionsinteressen auch noch unterstützen und die Wirtschaft überhöhen oder „integriert“ denken. Wir müssen die Grenzen sauber denken, entflechten, Zuständigkeiten frei legen. Strukturelle Unabhängigkeit schafft Komplexität und Emergenz, nicht Integration in starre Systeme. Die Politik hat in erster Linie unsere Rechte zu gewährleisten und heutzutage eine Antwort auf die Frage zu finden, wie die Sicherstellung dieser Rechte in Zeiten des Internets von ihrer geographischen Bindung gelöst werden kann. Sie hat das Recht auf Leben zu gewährleisten, also auch ein Mindesteinkommen. Aber sie hat keine Rentenversicherung (, die gar keine Versicherung ist) oder Arbeitslosenversicherung zu bieten. Auf diesem Gebiet ist sie schlecht. Wir müssen die Politik endlich wieder aus den Bereichen rausschmeißen, in denen sie nichts zu sagen hat und schlecht ist, damit sie sich auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren kann: Sicherstellung unserer Bürgerrechte.

      Im Übrigen betrachte ich Real- und Finanzwirtschaft nicht getrennt. Wann hätte ich das denn getan?
      Außerdem verstehe ich nicht, wie Sie darauf kommen, dass ich glaube, die Anwendung von Modellen würde zu Korrekturen im Markt führen. „Schwärme bewegen sich in eine Richtung, wenn eine relative Mindestanzahl eine Tendenz dorthin hat.“ Wenn eine Branche überwiegend ein Modell verwendet, verzerren sich ihre Handlungen dorthin. Solange den Modellen vertraut wird, läuft die Sache. Wird die Verzerrung offenbar, beginnt die Gegenbewegung. Die Verzerrung bezieht sich auf das Level, was wiederum nichts an der Funktionsfähigkeit oder auch immer ändert. Und ob ein Modell oder ein psychischer Zustand verzerrt, ist prinzipiell egal, wenn nur ausreichend Teilnehmer betroffen sind. Die Verzerrung wird nur immer erst im Nachhinein offenbar und als Blase erkannt.

      „“Im Kapitalismus ergibt sich der Preis über die Aggregation verschiedener Erwartungen über die Knappheiten des Angebots“
      um das zu widerlegen braucht man sich nur die gewinnmargen diverser unternehmen betrachten. knappheit ist bei der preisfindung ein aspekt unter vielen.“
      Das ist schon wieder falsch. Wird ein Gut als knapp wahrgenommen, steigt die Gewinnspanne, da die hohe Nachfrage zu einem Preis f

  6. Die Aussage des Artikels bleibt auch für mich unklar
    Nach dem Lesen Ihres Betrags habe ich vier Grundaussagen behalten:

    * ökonomische Modelle sind Vereinfachungen der Realität und postulieren ein gewisses schematisches menschliches Verhalten
    * ökonomische Modelle werden zur Planung von Staaten und Unternehmen eingesetzt und wirken so zurück auf die Menschen und zwingen sie zu dem Verhalten, dass sie postulieren
    * der Markt reguliert nicht im Sinne einer Glättung
    * die Menschen werden von Verhaltensänderungen fern gehalten, weil sie sich keine andere Welt vorstellen können, als diejenige, die durch ökonomische Modelle „verzerrt“ wird

    Modellierung ist der Kern jeder empirischen Naturwissenschaft (Physik, Chemie, Biologie) und man kann auch die Gebilde, die in der Mathematik untersucht werden als Modelle begreifen. Wir wissen heute, dass die Modelle der der Mechanik die Wirklichkeit nur ungenau abbilden, trotzdem konnte man mit ihrer Hilfe z.B. Uhrwerke und Dampfmaschinen konstruieren. Teilweise ist es auch das Ziel der Modelle, die Wirklichkeit zu reduzieren, um die großen Linien freizulegen. Unter diesem Aspekt scheint mir das Modellieren in der Ökonomie wenig verwerflich.

    Der Staat plant wie jede Organisation, teilweise beruht die Planung auf ökonomischen Kennziffern und dadurch wirken die Modelle der Ökonomen zurück auf die Lebenswirklichkeit, allerdings kann ich mir keine (staatsgroße) Organisation vorstellen, die nicht plant und zur Planung gehört nach meinem Verständnis ein Modell untrennbar dazu. Sehen Sie das auch so? Dann werfen Sie den Planern also vor, die falschen (weil schematisches Verhalten postulierende) Modelle zu verwenden? Das Zwingen von Menschen in ein bestimmtes Verhalten sehe ich nicht oder nur sehr schwach – die vorherrschende Form des Zwangs in der heutigen Gesellschaft ist die Verführung, aber die beruht nicht auf ökonomischen Modellen, sondern auf psychologischen. Zu Hrn. Schiller möchte ich anmerken, dass er menschliche Unberechenbarkeiten durchaus in seine Überlegungen einbezieht („Animal spirits“).

    Der Markt reguliert nicht im Sinne einer Glättung, das sehe ich genauso.

    Was das Fernhalten der Menschen von Erkenntnis angeht, so ist mein Eindruck, die Menschen schaffen das heutzutage ganz gut ohne einen großen „Verhinderer“. Das liegt aber meiner Meinung nach nicht an dem (unfreiwilligen) Gefangensein in einem System, sondern im Scheuen des Aufwands, den Erkenntnisgewinn bedeutet. Die heutigen Möglichkeiten, die Ideale der Aufklärung tatsächlich zu verwirklichen, sind für jeden einzelnen größer als jemals zuvor, der Grad der Ausnutzung wird (gefühlt) immer kleiner. Die Ursachen dafür sind aber meiner Meinung nach nicht aufoktroyierte Modelle sondern die gleichen, die den Erfolg von Appleprodukten begründen: Bequemlichkeit und Eitelkeit.

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      ökonomie ist eines geistes-/sozialwissenschaft und keine naturwisschaft. damit fängt das problem ja an..

      ökonomen behaupten lediglich, sie könnten, exakt wie in der naturwissenschaft, agieren. das war einer der punkt. der führte dann zur reduktion, die ökonomische modelle erst gangbar macht..

      mein gedanke dahinter ist, dass wir uns nun in einer phase befinden, in der die realität immer weiter auf die modelle reduziert wird. man merkt das sehr stark in der arbeitswelt, in der ein regelrechter kampft zwischen menschlichkeit und dem funktionieren des arbeitnehmers als maschine herrscht. (von der er im zweifelsfall auch irgendwann ersetzt wird).. dieser kampf dauert bereits länger. aktueller ist der schub, der durch das internet ausgelöst wurde und selbst banale tätigkeiten wie die kommunikation einer strikten ökonomisierung aussetzt, die im endeffekt natürlich das ziel kapitalakkumulation hat. da ruft herr haupts, das sei halt nun mal marktwirtschaft.. und ich rufe, das sei nun mal mein privatleben, welches einer effizienz zu gunsten des marktes unterworfen werden soll..

      ..und spätestens an dieser stelle wird das ökonomische wirken sehr konkret dahingehend, dass es eine gesellschaft prägt. beispiele hierfür sind ökonomische modelle, denen nach die eigene spendentätigkeit im sinne eines identitätmanagements „geformt“ wird. oder auch internetseiten, die im sinne eines supermarktes so gestaltet sind, dass der kunde möglichst viel zeit auf ihnen verbringt und sich in nichtigkeiten verliert. etc.pp

      was ich im folgenden dann an der planung kritisiere ist nicht die planung selbst, weil diese einer gewissen unabdingbarkeit unterliegt.. mich treibt mehr der effekt um, den wir uns selbst antun. das verfestigen der strukturen auf nur einen teilnehmer dieser gesellschaft, der wirtschaft. alles orientiert sich an ihr und dabei wird eben die frage ignoriert, wozu wir den reichtum denn brauchen? was wollen wir in dieser welt und wie wollen wir diese welt noch gestalten? stattdessen wird geld um des reinen geldes willen angehäuft und auch unser wirtschaftliches tun verabschiedet sich im zuge dessen vom erschaffen hin zum.. ja zu was eigentlich? der trend zur darstellung von zombies ist nicht umsonst in der welt.

      da modelle vereinfachen.. was ist das denn anderes als bequemlichkeit und eitelkeit?

      mfg
      mh

      P.S. schiller und fama sind sich in vielem nicht einig. animal spirits sind bezeichnenderweise auf den letzten großen geisteswissenschaftler in der ökonomie zurückzuführen: keynes.

    • Modelle und die gesellschaftliche Entwicklung
      Ich möchte zunächst noch einmal eine Lanze für Modelle brechen: Man kann natürlich sagen, wir schaffen uns Modelle damit wir, bequem wie wir sind, die lästige Komplexität loswerden. Meiner Meinung ist Bequemlichkeit aber nicht der Kern der Modellierung. Es geht um Kompexitätsreduktion, um einen Erkenntnisgewinn erst einmal möglich zu machen und sich ausgehend von diesem Mehr an Erkenntnis weiter vorzutasten. Ohne die Reduktion der Welt in mechanischen Gesetzen wäre die Quantenmechanik niemals modelliert worden. Weil man vom Bronzeschwert nicht direkt zum Quantenmodell kommt, der Schritt ist einfach zu groß.

      Nun ist Ökonomie wenig trennscharf, da gebe ich Ihnen Recht. Die Modelle sind sicher manchmal wackelig und auf Annahmen gestützt, die es in der Realität gar nicht gibt. Und ja, dennoch gibt es wenig Bedenken genau diese Modelle in der Realität anzuwenden und anzunehmen, die Aussagen der Modelle würden weiterhin 1:1 gelten. Dennoch bietet die auch diese Modellierung eine effizente Möglichkeit zur Diskussion von Zusammenhängen und zu einem tieferen Verständnis der Wirkmechanismen.

      Ihre weiteren Ausführungen deute ich als ein allgemeines Unwohlsein angesichts der ungehemmten Ökonomisierung des Menschen. Allein, die Überbetonung der Wirtschaft bei gesellschaftlichen Ordnungsentscheidungen ist meiner Meinung nach nur ein Symptom dessen, nicht die Ursache. Aber welche Gesellschaft soll entstehen, wenn individuelle Bedürfnisbefriedigung der kleinste gemeinsame Nenner ist, auf den man sich einigen kann?

      Sie beklagen sich über Angebote (Webseiten, Identitätsmanagement), die man heute noch relativ einfach vermeiden kann. Meine Prognose ist: Die Welt wird sich weiter in diese Richtung verändern und es werden sich daraus Veränderungen ergeben, die den Verlust von Möglichkeiten bedingen, deren Wert man erst erkennen wird, wenn der Verlust eingetreten ist. (Griffiges Beispiel: Bäckereihandwerk fehlt erst dann, wenn man nur noch Fabrikfrass zu kaufen bekommt, aber dann ist die Expertise erst mal weg und nur noch ganz vereinzelt als Luxusprodukt zu nutzen – aber es stört nicht in der gesellschaftlichen Breite, weil es nur Randgruppen sind, die sich mit dem verfügbaren Fabrikfrass nicht anfreunden können, der Rest ändert einfach seine Vorstellung von Genuss und so wird der Verlust an Fähigkeiten (hier der Herstellung von Backwaren) in der Gesellschaft permanent.)

      Ein möglicher Katalysator dieser Entwicklung ist die Arbeitsteilung (auch wegen der Ökonomisierung), die unsere Welt so fragmentiert, dass wir heute nicht mehr ohne Mühe erkennen können, wie unsere Existenz von der anderer Menschen der Gesellschaft abhängt. Dadurch beschleicht jeden das Gefühl, er wäre unabhängig (von den anderen). Was dann wieder die Kohäsion zwischen den Individuen der Gesellschaft reduziert und damit die Fokussierung auf individuelle Bedürfnisse verstärkt.

      Wir werden weiter in dieser Rinne rutschen, bis – weil der Mensch eben ein soziales Wesen ist und doch menschliche Bestätigung braucht – vielleicht wieder ein anderer Wertekanon aufkommt. Das wird nicht ungefährlich, denn vermutlich wird er von einer Ideologie getragen werden. Und Ideologien sind bisher nie frei von unerwünschten Nebenwirkungen gewesen.

      Ökonomie und Wirtschaftsunternehmen sind aber nicht die lenkenden Elemente in diesem Spiel, sie sind nur die, durch das Auflösen von individuellen menschlichen Einflüssen in größeren Organisationseinheiten (Verantwortungsdiffusion), entstandenen Wirkungsobjekte, die die Implikationen unserer mehrheitlich getragenen gesellschaftlichen Wertevorstellungen in stahlkalter Konsequenz umsetzen.

  7. Titel eingeben
    Das erinnert mich an eine Fernnsehsendung, die es in den öfentlich-rechtlichen bis Mitte der 80er zum Jahresende gab. Darin wurden Ökonomen, Politikwissenschaftler und Zukunftsforscher um eine Prognose für das folgende Jahr gebeten. Am Besten war dann immer die Rückschau, wenn die Experten dann Ausreden erfinden mussten, warum ihre Voraussagen in schöner Regelmässigkeit nicht eingetroffen sind. Schade dass das eingestellt wurden, wahrscheinlich haben die Redakteure niemanden mehr gefunden, der sich vor laufender Kamera blamieren wollte.
    Es hat ja in der Geistesgeschichte die unterschiedlichsten Ansätze gegeben, die Weltgeschichte in einen gezielten Ablauf zu pressen und daraus künftige Entwicklungen vorherzusagen, geistreiche (von Marx z.B.) und saudumme (hier mag stellvertretend der Name Spengler stehen). Aber egal, ob der Schöpfer ein Genie oder ein Schwachkopf war, eines hatten sie alle gemeinsam: letztlich waren sie alle falsch. Weder politische noch ökonomische Entwicklungen gehorchen irgendeinem tieferen Gesetz, sondern unterliegen nur einer Summe von Zufälligkeiten. Darin mag ein Trost für die Utopisten liegen: die Entwicklung hört nicht auf und nimmt keinen festgelegten Verlauf. Insofern ist also auch eine Utopie möglich.

  8. An dem Rundumschlag gegen die Unfähigkeit von Ökonomen, mir ihren Modellen die Zukunft
    exakt vorherzusagen, hätte ich mich ja gerne beteiligt. Aber der um diese haltbare Position wabernde Nebel …

    Ich greife mal nur einige Dinge heraus:
    1) Jede, absolut jede Gsellschaft wird am Ende des Tages von wirtschaftlichen Rahmenbedigungen bestimmt, solange es Resourcenknappheit gibt. Nur als Anmerkung am Rande – in der DRR gab es Geld reichlich, weil es schlicht nichts wert war. Das reale Umtauschverhältnis Ostmark in D-Mark hätte 1991 bei 1:5 liegen müssen, die besseren realen Kurse waren ein Geschenk der Regierung Kohl.
    2) Ökonomische Kennziffern sind erst einmal wertneutral, was man aus ihnen macht, ist noch immer eine politische Entscheidung. Man kann sie vollständig ignorieren, Griechenland oder Italien haben das getan, Frankreich tut es noch immer. Möge jeder bei einem Blick auf diese Staaten selbst entscheiden, ob ihn das Ergebnis befriedigt …
    3) Das Bild „unsichtbare Hand des Marktes“ wird von Gegnern wie von Freunden der Marktwirtschaft gerne benutzt, um etwas sehr Simples mythisch zu überhöhen bzw. lächerlich zu machen. Im Kern geht es einfach darum, dass Misswirtschaft zu Firmenpleiten führt, der grösste Fehler der Finanzmarktliberalisierung war, die Bankenpleiten samt ihren Auswirkungen nicht antizipiert zu haben.
    4) „Papa, wie willst du leben?“ Das ist eine zulässige Frage dann und nur dann, wenn sie von einer zweiten flankiert wird: „Papa, wer bezahlt dieses Leben wovon?“ Wird die 2. Frage nicht gestellt, ist die Antwort auf die erste ein Weihnachtswunschzettel. Nein schlimmer, selbst Kinder haben meistens eine realistische Vorstellung davon, was sich ihre Eltern leisten wollen und können.

    „Was momentan als ökonomische Forschung bezeichnet wird, ist etwas, gegen dass die Zivilgesellschaft sich beginnen muss zu wehren.“
    Wenn diese Forderung ernst gemeint ist, wird sie gemeingefährlich. Sie ist dann vergleichbar mit der Forderung, beim Stolpern durch eine dunkle Nacht im gefährlichen Gelände die Fackeln auszumachen, weil grad keine Scheinwerfer verfügbar sind.

    Last but not least, zur Ehrenrettung einiger Grundlagenökonomen wie Smith:
    Geen Sie mir einige wenige Indikatoren, die die Freiheit einer Gesellschaft beim Geschäftemachen widerspiegeln. Und ich sage Ihnen mit einer Zuverlässigkeit >80% voraus, wie gut es in diesen Gesellschaften der Durchschnittsbevölkerung geht. Vorausgesetzt, die Indikatoren blieben über mindestens eine Generation halbwegs stabil.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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      wenn sie nur aus dem system heraus denken, und eben nicht wie es anders sein sollte, dann müssen sie ja genau so argumentieren. der kern meiner argumentation war aber, dass genau das niemanden weiter bringt sondern nur die bestehenden strukturen, die ja auch sie kritisieren, dadurch verfestigt werden. schlimmer noch, dieses denken verformt den in diesem system lebenden menschen.

      der rundumschlag gegen die ökonomen wäre mir auch wahrlich zu einfach gewesen. in diesen dingen sind leute wie derman mit ihren gegenmodellen elganter.

      btw.: adam smith war moralphilosoph und wenn man ihn in diesem sinne liest, dann war er einer der ganz großen. für die falsche adaption seiner gedanken kann er nun wirklich nichts. aber da sind wir uns wohl einig, wenn auch unter anderen vorzeichen.

      mfg
      mh

    • Welches Denken genau sollte meine Aussage Nummer 1 ungültig machen:
      1) Jede, absolut jede Gsellschaft wird am Ende des Tages von wirtschaftlichen Rahmenbedigungen bestimmt, solange es Resourcenknappheit gibt.

      ???

      Solange sie gültig bleibt, kann es nur ein sinnvolles Denken geben, dass diese Rahmenbedingung als lebens- und überlebenswichtig in Rechnung stellt. Jede Utopie, die sich um eine Aussage herummogelt, wie man diesem Fakt begegnen will, ist schlimmer als sinnlos – sie ist strunzdumm.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

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      so lange die menschen glauben alle zwei jahre ein neues smartphone zu brauchen oder krieg per drohnen führen zu müssen, riesige serverfarmen zur selbstüberwachung aufbauen etc.pp… ja also wenn ich das alles gut finde und es als unausweichlich ansehe, dann ist das sicher nicht änderbar.

      es macht mir nur keine sorgen, denn die dann irgendwann nicht mehr vorhandenen ressourcen werden manches problem von selbst erledigen. und dann ändert es sich ja eh. die frage ist doch vielmehr, ob sich fehlentwicklungen von vorneherein korrigieren lassen. das aber sicher nicht nur mit dem gleichen vom immer gleichen.

      mfg
      mh

    • Die ersten mir bekannten schriftlichen Warnungen vor dem Konsumwahn stehen in der Bibel.
      Auf gut deutsch, wenn es Ihnen „nur“ darum geht, den Menschen an und für sich zu ändern – schenken Sie sich das Denken, die Utopien. Und sprechen mit einem Gentechniker Ihres Vertrauens. Mit Denken, anders denken oder gegen das System ändern werden Sie die eine von deren Kritikern immer souverän ignorierte Menschheitskonstante funktionierender Marktwirtschaft niemals ändern – dass die Bedürfnisse des Menschen prinipiell unendlich sind.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

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      sind sie nicht. das ist eine ideologie der letzten (grob) 200 jahre.. davor kam die menschheit auch ganz gut ohne das ewige wirtschaftswachstum aus. darauf verzichten zu wollen oder wirtschaft generell anders zu denken ist keine utopie, sondern reiner realismus und pragmatismus.

      allein die historie, mit ihren ständigen systemwechsel beweist, dass es keinen urzustand und des menschen gibt, der sich in ein system pressen lässt. aus dem heute heraus können wir diesbezüglich nur feststellen, dass wir bisher noch nichts dauerhaft funktionierendes hatten. und auch das bestehende verändert sich rapide.. zum beispiel von der marktwirtschaft hin zum kapitalismus und nun verstärkt zum autoritär auftretendem staat.

      siehe fußnote 1.. ich verweigere bei weitem nicht die erkenntnis… “Was das mit Verstand begabte Individuum vor allem will, ist nicht die Befriedigung der Bedürfnisse, die es hatte, sondern mehr und bessere Bedürfnisse.” ..das heißt jedoch noch lange nicht, dass dadurch ein ewiges wachstum gerechtfertigt ist. ein blick auf unser geldsystem lässt diesbezüglich ohnehin nur schmunzeln. unsere wirtschaft wächst ja selbst dann noch, wenn sie schrumpft.

      herr haupts.. „niemals“ ist ein real nichtfunktionierendes wort. es kommt nicht von ungefähr, das sich die politische theorie gerne auch mit ideengeschichte befasst. sie macht veränderungen und ihre ursprünge sichtbar.. vor allem erlaubt sie das wissen darum, dass dinge sich grundlegend ändern können.

    • Mit der praktischen Entwicklung der letzten paar hundert Jahre haben Sie natürlich Recht.
      Davor war alles wohlgeordnet – es gab 0,1% Fürsten, 1,5% Beamte und Würdenträger und 5% Städter. Der Rest waren Bauern und Dorfhandwerker, die mit 45 den Löffel abgaben und bis dahin mit Überleben beschäftigt waren.

      Sie hätten selbstverständlich auch damals schon gerne anders, aber es war eben unvorstellbar. Da war die Kirche vor, das Schicksal und die Nichtsichtbarkeit eines anderen Lebens.

      Das würde ich ja nicht geistesgeschichtlich überhöhen. Marktwirtschaft, vulgo Kapitalismus, gab´s natürlich auch schon, aber der stritt sich noch mit der nackten Gewalt (Schwert) meiner Vorfahren um die Weltherrschaft.

      Die Historie beweist bisher nur zwei Dinge – alles ausser Marktwirtschaft ist bisher mit Vollgas vor die Wand gefahren und alles ausser Marktwirtschaft konnte bestenfalls das Elend verteilen. Die „ständigen Systemwechsel“ (einer – Marktwirtschaft zu Staatsozialismus) mussten mit nackter Gewalt nicht nur durchgesetzt, sondern mit ständiger nackter Gewalt mühselig aufrechterhalten werden.

      Die Ideengeschichte, ja … Die ist voll mit gescheiterten Utopien. Deren Gemeinsamkeit? Eine – die völlig weltfremde Sicht auf den real existierenden Menschen.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

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      es existiert ein unterschied zwischen marktwirtschaft und kapitalismus. damit fängt das dilemma ihrer sicht der dinge an. und wenn es schon kapitalismus sein soll, dann nicht ohne die feststellung, dass dieser alle paar jubeljahre finanzkrisen produziert, sprich gegen die wand fährt.

      nur weil ein system mal etwas länger existiert, bedeutet dies nicht, dass funktionabel ist. der kapitalismus ward ja z.B. funktionabel (als marktwirtschaft), siehe oben, weil er nicht ein reiner kapitalismus sein durfte um bestehen können. da werfen sie einiges sehr undifferenziert zusammen.

    • Unterschied zwischenKapitalismus und Marktwirtschaft - im Einzelfall ja, im Prinzip nein.
      Und zwischen dem „Vor die Wand fahren“ einer Finanzkrise und einer Planwirtschaft gibt´s einen feinen, aber lebenswichtigen Unterschied – im einen Fall ist die Infrastruktur nach ausgestandener Krise noch intakt und vielleicht moderner als vorher. Im anderen Falle hat die Wirtschaft begonnen, ihre eigene Substanz aufzuzehren. Und kannibalisiert sich selbst.

      Nur weil – nein, natürlich nicht. Schon Locke wies nach, dass man aus der Tatsache des täglichen Sonnenaufganges nicht schliessen darf, sie würde morgen erneut ausgehen. Ich bin da mehr Pragmatiker – alles Alternative ist historisch glorreich und ausnahmslos gescheitert, Raubkriege prä organisierte Schusswaffen-Volksheere ausgenommen.

      Heisst nicht, etwas Neues können oder würde nicht funktionieren. Wird nur sehe, sehr schwierig, die Leute davon zu überzeugen. So wie Sie und Ihre Kollegin Frau Rönnicke es angehen, geht es allerdings überhaupt nicht. Kritisieren und Unbehagen formulieren ist so ziemlich die leichteste menschliche Verstandesübung, praktikable Alternativen zu formulieren die eigentliche Kunst. Sie beschränken sich bisher ausnahmlos auf Ersteres.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

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      dass finanzkrisen sachwerte hinterlassen ist seit beginn des 20. jahrhunderts so. zuvor blieb in gänze nichts. großzügig ende des 19. jahrhunderts. sie erinnern sich, ihre vorfahren bauten damals kanalisationen und frönten dem rausch des geldes, ganz ohne schwert. allerdings ist das argument.. nunja. aktuell sehen wir ja u.a., dass der kapitalismus nur partiell diese infrastruktur schafft. derweil verrotten die strassen. vom schienen- und stromnetz ganz zu schweigen. ein blick in den angelsächsischen raum offenbart eine noch größere verrottung. und weil sich keiner mehr etwas leisten kann, wird das essen LPGlose gesellen immer ungenießbarer.

      ansonsten widersprechen sich nun auch noch selbst. wie kann ich denn utopien verbreiten und gleichzeitig dinge nur schlecht reden? gleichwohl muss in dieser gesellschaft nicht nur gegen ihre windmühlenflügel gefochten werden, ehe neue lösungsansätze überhaupt eine chance in der diskussion haben.

    • Na schön. Dann fechten Sie mal schön.
      Sollten „neue Lösungsansätze“ übrigens ein Euphemismus für „radikale Systemwechsel“ sein, dann werde ich sie nicht einmal prüfen. Sondern nach einem Blick in die Geschichte schlicht verwerfen.

      Ich mache das offen und begründet, bin aber hinlänglich sicher, dass ich in dieser Frage eine deutliche gesellschaftliche Mehrheit hinter mir habe. Die wisen nämlich auch, warum „Mögest Du in interessanten Zeien leben“ in China ein Schimpfwort ist.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  9. -
    Ich bin zu blöd für dieses Blog. Ich habe nichts, absolut rien de tous verstanden.
    Meine Tochter hat mich lange, wie alle Kinder das tun, ständig mit ihren Fragen gelöchert.
    Warum regnet es nicht unter Wasser? Warum lacht der Mann? Gibt es im Weltall auch Tiere? Lauter solche Sachen. Am Anfang habe ich ihr immer alles erklärt, obwohl ich es selbst nicht wusste.
    Das menschliche Psyche ist scheinbar so angelegt, dass sie ohne Erklärung nicht leben kann und sich bei Bedarf eine erfindet, abseits der wissenschaflichen.
    Ich finde es schön, die Realität nicht zu vergewaltigen. Vieles ist rätselhaft, unerklärlich, unendeckbar und das gibt allem eine Poesie, Erhabenheit und eine Würde.

    • PS
      „Die“ Psyche, Verzeihung. Oft bereiten mir die Artikel noch Probleme. FRA-D-Kind. Daher lese ich das Blog hier sehr häufig. Heimat, Ankommen, all diese Dinge.

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      mittlerweile versucht der mensch aber durchaus für alles eine wissenschaftliche erklärung zu finden. dadurch überhöht er die wissenschaft selbst… was auch nur zu märchen führt.

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