Wostkinder

Wostkinder

Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Das Wanken von Gut und Böse

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Die Zerrissenheit zwischen westlichen Normen und sowjetischen Idealen ist präsenter denn je. Im Jahr 25 nach dem Mauerfall bleibt sie ein gesamteuropäisches Thema. Das zeigt eine Konferenz in Breslau.

Die Reise nach Breslau war eine sehr spontane Angelegenheit: Eigentlich ist da einfach diese große Neugierde auf alles um und über die Entwicklungen über und um Osteuropa in mir. Nach einem Jahr Wostkinder das Gefühl, dass die innerdeutsche Ambivalenz in einer viel größeren Ambivalenz zwischen Ost und West eingebettet zu sein scheint. Das Bedürfnis, weiter nach Osten zu schauen, weiter in Richtung Postkommunismus mit all seinen Sorgen und Nöten zu blicken. Im Netz stieß ich auf eine Ankündigung der Konferenz „Politics & Society in Central and Eastern Europe” – wie und warum ich dort landete könnte ich im Nachhinein nicht einmal rekonstruieren. Aber ich wusste sofort: Ja – das interessiert mich. Ich möchte wissen, was junge Studenten aus ganz Europa umtreibt, was sie gerade erforschen und lernen, was sie für einen Blick auf die Dinge haben – auf die Politik in den verschiedenen Ländern und auf die Gesellschaften nach der Sowjetunion. Mehr erwartete ich eigentlich nicht.

© Katrin RönickeInstytut Politologii Uniwersytet Wrocławski – das Institut der Politologie an der Universität Breslau

Die Teilnehmer waren fast ausnahmslos männlich. Junge Männer aus Estland, Georgien und mehrheitlich Polen – darunter auch Erasmus-Studenten – stellten in 15-minütigen Vorträgen einen Einblick in ihre aktuelle Arbeit vor. Diese Konferenz hat ein klein bisschen schon Tradition. Sie wird veranstaltet von New Eastern Europe und Zusammenarbeit mit der Universität Wroclaw, also Breslau, und findet im Januar und noch einmal im Mai statt. Ziel der Veranstaltung, die nur einen Tag lang geht, ist es, möglichst viele Facetten kurz anzureißen und die Teilnehmer miteinander ins Gespräch zu bringen. Für die Studenten ist es außerdem eine sehr gute Gelegenheit, ihre Vortrags-Kompetenz zu stärken – dass hier keine Profis am Werk sind, merke ich schnell. Manche studieren noch im Bachelor, andere sind PhD-Studenten, also Doktoranden.

© Katrin RönickeHenrik Nürnberger ist als Erasmus-Student in Breslau und erklärt hier gerade, was Entkommodifizierung ist.

Weil ich nicht vorhatte selbst etwas vorzutragen, weil ich nur zuhören wollte, versuchen zu lernen, setzte ich mich ganz hinten in den kleinen Raum, der einer überschaubaren Anzahl von Menschen Platz bot – etwa die Größe eines mittelgroßen Proseminars an meiner eigenen Universität. Den Anfang machte ein Vortrag über die Rolle und Lage der russischen Minderheit in Lettland und Estland. Schon hier fielen mir einige Dinge auf: Erstens hätte ich niemals sagen können, wie die derzeitigen Staatsoberhäupter in diesen beiden Ländern heißen. Zweitens hätte ich die beiden Ländern nicht voneinander auf der Karte unterscheiden können. Und drittens hatte ich keine Ahnung, dass es dort russische Minderheiten gab. Diese Gefühle würden sich über die erste Vortragsreihe nur noch immer weiter verstärken. Am Ende wusste ich – ich weiß nichts.

Der Anteil der russischen Bevölkerung in Estland – CC-By-SA via Wikimedia Commons

Aber zurück zu den Russen in Estland und Lettland: Wie man im Netz nachlesen kann, weist Amnesty International seit 2010 darauf hin, dass in Estland der Umgang mit Minderheiten sehr problematisch sei – betroffen seien vor allem sprachliche Minderheiten. Der erste Vortrag von Rain Soosaal von der Universität in Tartu (Estland) befasst sich mit genau diesem Problem und erklärt die Geschichte, die dahinter steht. Plötzlich wird es sehr viel schwerer, mit dem westlich-moralischen Zeigefinger auf Estland zu zeigen, denn in Zeiten der Sowjetunion war auch Estland (wie Lettland) einfach von dieser annektiert worden. Der Beginn der Abneigung gegen diese heutigen Minderheiten liegt also im Jahr 1940. Schon danach schlossen sich manche Esten lieber den Deutschen Truppen im zweiten Weltkrieg an – als den Sowjets, die man als feindliche Eroberer wahrnahm. In der Wikipedia lese ich heute – ergänzend zu dem Gelernten in Breslau: „In der Zeit von 1945 bis 1990 wurde durch gezielte Ansiedlung nichtestnischer Einwohner, insbesondere von Russen, die Zusammensetzung der Bevölkerung nach Nationalitäten wesentlich zu Ungunsten der einheimischen estnischen Bevölkerung verändert.“ Mit der Unabhängigkeit 1991 waren somit sowohl in Estland wie auch in Lettland plötzlich Russische „Minderheiten“ von 29 (Estland) bis 37 (Lettland) Prozent vorhanden. War zuvor noch qua Anordnung aus Moskau Russisch eine anerkannte Landessprache gewesen – sie hatte sogar eine privilegierte Position gegenüber den anderen – schaffte man diesen Zustand schnell ab und die Russen waren nun Fremdsprachler.

Auch aus der Geschichte heraus, aus der Erfahrung der Okkupierung und Ohnmacht gegenüber der Sowjetmacht, entstand ein starkes Bestreben in beiden Ländern, die eigene Kultur und die eigene Sprache zu schützen und wieder zu stärken. Immer noch herrschte große Unsicherheit – die Russen wurden als Gefahr für die eigene Unabhängigkeit empfunden und deswegen sehr strenge Staatsbürgerschaftsregeln eingeführt, die man an sehr strenge Sprachgesetze knüpfte: Die Landessprachen wurden als einzige Sprachen beibehalten. Russisch wurde in allen Bereichen verdrängt. Die zu Sowjetzeiten immigrierten Russen hatten diese Landessprachen aber nie lernen müssen und verstanden nun gar nichts mehr – in einem Land, in dem sie seit vielen Jahren lebten, in ihrem Zuhause. Man verweigerte ihnen nun in ihrem Zuhause die Staatsbürgerschaft, weil sie die Sprache nicht sprachen. Sie durften nicht wählen und wurden stark auf einem sehr subtilen Level diskriminiert – nicht mit weiteren Gesetzen, denn Estland und Lettland mussten als EU-Anwärterländer natürlich diskriminierungsfreie Gesetze vorweisen – aber auf der indirekten Ebene: Russen sind nicht in der Politik, nicht in der Verwaltung, nicht in den gut bezahlten Jobs oder allgemein in der Wirtschaft vertreten. All das ging weitestgehend glimpflich aus – anderswo hatte man ähnliche Probleme und sehr starke ethnische Konflikte, etwa in Moldau. In Estland gab es nur einmal Krawalle, nämlich als man 2007 in Tallinn ein Sowjetdenkmal demontieren wollte (und die darunter liegenden Kriegsgefallenen Exhumieren).

© Katrin RönickeDer Juliusza Slowachiego-Park im winterlichen Breslau

Was also tun? Als Außenseiterin fühle ich mich schlicht unfähig zu entscheiden, wer hier wem Unrecht tut und erst sehe ich mich überhaupt nicht in der Lage, sinnvolle Ideen zu entwickeln, was man tun kann. Das ist übrigens auch der Hauptgrund, warum ich hier so lange davon berichte. Die Situation in Estland tritt zumindest in meiner Lese- und Hörrealität eigentlich nie zum Vorschein. Man muss sich schon sehr speziell einlesen und informieren, um damit konfrontiert zu werden. Entweder wissenschaftlich motiviert – oder aus einem ganz persönlichen Interesse. Als normalsterbliche West-Eu-Bürgerin jedenfalls gehören solche Geschichten nicht zu meinem täglichen Medienkonsum. Dabei kann man an ihnen so viel zeigen und sehr viel lernen. Zum Beispiel, dass Nationalismus eine sehr vielschichtige Angelegenheit sein kann. Eine, die man nicht immer so leicht als „böse“ abtun kann, wie wir das sonst gewohnt sind.

Man kann daran auch sehen, wie bis heute viele Konflikte davon geprägt sind, dass die Post-Sowjet-Ära in den Neunzigern irgendwie einerseits sehr plötzlich kam, und andererseits sehr chaotisch ablief. Was bis heute in vielen postsowjetischen Ländern anzutreffen ist, kann am besten mit der sogenannten „Cleavage-Theorie“ beschrieben werden (wobei, was man dazu in der Wikipedia findet jetzt ein bisschen nicht ganz so treffend ist, für mehr Informationen siehe Lesehinweise am Ende des Textes). Diese stellte Pawel Kaminski von der Jagiellonian University vor: Es geht um eine spezielle Art der politischen Spaltung innerhalb einer größeren politischen Einheit – und hier nehmen wir die Staaten, die wir betrachten – und müssen drei Elemente darin vorfinden: Ein sozio-strukturelles Element, wie zum Beispiel Klasse, Religion, Bildung. Ein Element der kollektiven Identität innerhalb der Abspaltungen und drittens eine organisatorische Manifestation in einer Form von kollektiver Aktionen oder in über längere Zeit bestehenden Organisationen. Kaminski zeigte diesen Zustand am Beispiel von Polen: Die politische geografische Karte des Landes zeigt im Jahr 2011 eine tiefe Gespaltenheit. Mitten durch das Land scheint ein Riss zu gehen – jenseits dieses Risses wählen die Menschen unterschiedlich. Eine Situation, die Menschen stark beschäftigt und zu einigen Analysen in der Politikwissenschaft Polens führt – mir allerdings war das bislang nicht bekannt. Und was in Zusammenhang mit den derzeitigen Debatte um die hundert Jahre Erster Weltkrieg auch interessant ist: Dieser Riss läuft entlang der alten Grenze des Deutschen Imperiums vor dem Ersten Weltkrieg – man darf nun fragen, ob all das nur Zufall ist.

Hier die politische Karte Polens aus dem Jahr 2011 – darüber gelegt die Grenzen des Deutschen Reichs vor dem 2. Weltkrieg. Quelle: Wikimedia Commons, unter GNU Free Documentation Lizenz

Ich könnte nun von einem weiteren spannenden Vortrag aus dieser sehr kurzen, knackigen und gehaltvollen Konferenz berichten, in dem es um die Rolle des historischen Gedächtnisses in der Entwicklung der Cleavages  in Georgien geht, alles unter dem Gesichtspunkt einer postkolonialen Perspektive, die man bislang kaum oder gar nicht auf die post-sowjetischen Länder eingenommen hat. Denn Georgien, das neben Abchasien liegt und zwar im Nordkaukasus, hat auch ein großes Problem mit der inneren politischen Spaltung und in den 90ern, nach dem Kollaps der Sowjetunion ging der Nationalismus dort durch die Decke – aber ich möchte erst einmal schließen und wieder die Position derjenigen einnehmen, die ganz hinten sitzt, zuhört, alles auf sich wirken lässt und versucht zu verarbeiten und zu verstehen.

In Breslau kamen am Donnerstag junge Menschen zusammen, teilweise jünger als ich, die über ihre Forschung berichteten und über die Lage in einzelnen Staaten Osteuropas, sowie das überall auftretende Problem der politischen Spaltung, also Cleavages, des Nationalismus, der inneren Zerissenheit und – was keinesfalls fehlen darf – über die schwierigen Beziehungen zu Russland referierten. Schwierig, das sich zumindest in „ambivalent und vorsichtig“ ausdrückt und schlimmstenfalls in totaler Konfrontation. Ich lasse am besten auch die kurzen Betrachtungen zur Ukraine weg, die ein weiterer Vortragender auf das Tableau brachte und zeigte, wie auch über 20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion viele Länder im Osten bis heute straucheln und auf dem Weg zu autoritären Regimen sind. Ich möchte einfach nur festhalten: Da gibt es jenseits der Oder eine Menge junger Menschen, die sind gut gebildet und arbeiten eine ganze Menge zu Problemen, die wir aus der Ferne nicht nur nicht verstehen, sondern gar nicht wahrnehmen. Wir berichten tagtäglich über die Geschehnisse in der Ukraine – aber immer mehr Menschen merken, dass sie nicht fähig sind, zu entscheiden, wer in dem ganzen eigentlich „die Guten“ sind, und wer „die Bösen“ – denn in den Protest gegen die Regime mischen sich nicht selten antirussische Sentiments mit rein und ein großer Nationalismus. Und wir haben verinnerlicht, dass Nationalismus einfach schlecht, böse ist – und nennen diese Leute dann mit unserem deutschen Horizont auf twitter „Nazis“. Wir urteilen schneller, als wir mit irgend jemandem aus den Regionen geredet haben, die sich wirklich mit der Geschichte, mit der Politik, der regionalen sozilogischen Forschung befassen. Und das kann eigentlich nicht sein. Wenn wir über den NSA-Skandal reden, über die Entwicklungen des Netzes und seine Gefahren, dann karren wir schließlich auch einen US-amerikanischen Wissenschaftler nach dem anderen an und widmen ihnen Interviews ohne Ende.

© Katrin RönickeDie aktuelle Ausgabe des New Eastern Europe Journals neben dem Wostkinder-Notizbuch der Autorin

Im Sommer veranstalten New Eastern Europe und die Universität Wroclaw / Breslau eine zweitägige Konferenz mit Wissenschaftlern aus ganz Osteuropa und aus Russland – der Termin ist voraussichtlich 12.-14. Juni. Eine Gelegenheit, den eigenen Horizont zu erweitern. Das ist wichtig, denn die Zerrissenheit, die wir hier in den Wostkindern schon häufiger thematisiert haben – zwischen westlichen Normen und sowjetischen Idealen – die ist kein marginales Problem. Sie betrifft im Jahr 25 nach dem Mauerfall ganz Osteuropa – und damit ist sie ein gesamteuropäisches Problem.

In zwei Wochen berichte ich vom zweiten Teil der Konferenz, der in erster Linie eine Vorstellung von Ergebnissen der Studie „Journalism in Change – Russion, Poland and Sweden“ war.

Literatur:

 

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35 Lesermeinungen

  1. ThorHa sagt:

    @Michael Posthoff: Ich finde die langen historischen Linien auch mehr als nur Interessant.
    Allerdings haben Sie in der deutschen Öffentlichkeit, auch in der, die sich für gebildet hält, dafür keinen Resonanzboden. Überspitzt formuliert beschränken sich historische Wirkungen in der öffentlichen Debatte auf maximal ein paar Jahrzehnte, Sie fänden beispielsweise für eine Diskussion der Katalysatorwirkung des dreissigjährigen Krieges für den verspäteten deutschen Nationalstaat keinen Diskussionspartner (mehr).

    Gruss,
    Thorsten Haupts

  2. HansMeier555 sagt:

    Den Esten kann man es vielleicht verzeihen
    Dass sie durch solche sowjetische und stalinistische Denkweisen geprägt sind, unter denen sie selbst zu leiden hatten.
    Aber westdeutschen Demokraten? Die ihren Wohlstand doch nicht zuletzt dem durchaus unverdienten Vorschussvertrauen verdanken, das ihnen von den Siegervölkern großzügigerweise eingeräumt wurde? Müssen ausgerechnet die jetzt erklären, dass diese russischen Estländer, die dort am RAnd der STadt in großen Wohnsilos hausen, selbstverständlich unser Mißtrauen verdienen? Nachdem die deutsche Besatzung im zweiten Weltkrieg versucht hat, ganz gezielt “die Russen” zu dezimieren?

  3. ThorHa sagt:

    Sorry, ab hier wird die Diskussion absurd.
    Jetzt sind wir schon bei der Andeutung, die Vertreibung der Deutschen nach 1945 wäre in irgendeiner Weise vergleichbar mit den milden Anpassungsschwierigkeiten, die Russen in den baltischen Republiken durch den Zwang hatten, die nationalen Sprachen lernen zu müssen?

    Auf dem Niveau möchte ich nicht diskutieren, weshalb Sie für die Ehrenrettung von sojetrussischer Besatzung und Stalinismus einen Gesprächsgegner weniger haben.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • HansMeier555 sagt:

      Über die Politik der estnischen Regierungen seit 1990
      Über die Politik der estnischen Regierungen gegenüber der Russen habe ich mich gar nicht geäußert.
      Was ich sage, bezieht sich auf die Argumente und Ideologien, mit denen man solche Nationalitätenpolitik begründet. Also hier in der Diskussion, wohlgemerkt. Und die sind mit Stalins persönlichen Auffassungen nicht nur vergleichbar, sondern identisch.
      .
      Dieses Bedürfnis immer, Völker kollektiv als Geisel zu nehmen, diese Bereitschaft, restriktive Präventivmaßnahmen für zulässig zu erklären.

    • HansMeier555 sagt:

      Darum der Hinweis auf Tibet vorhin
      Weil man die Diskussion dort auf höherem Niveau führen kann. Tallinn liegt grade mal 50 Meter über dem Meer.

    • HansMeier555 sagt:

      "Ehrenrettung des Stalinismus"?
      Ja, ich habe aufgezeigt, dass diese im Westen beliebte Vorstellung — von der “gezielten Ansiedlung der Russen” als “Instrument, kleine Völker zu unterdrücken”, eben nicht zutrifft.
      Dass man daraufhin dann als “Ehrenretter des Stalinismus” bezeichnet wird, muss man wohl sportlich nehmen.

  4. HansMeier555 sagt:

    Völker als Geisel?
    Soweit ich mich erinnere, haben alle offiziellen bundesdeutschen Stellen immer die Position vertreten, dass die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten etc. ein Unrecht gewesen. Aber wenn man das Prinzip akzeptiert, dass Deutsche in Schlesien oder Slawonien oder an der Wolga für die Politik von Hitler mitverantwortlich gemacht werden können, sähe alles natürlich ganz anders aus.
    .
    Wobei das im besprochenen Fall (Russen in Estland) noch unsinniger ware, weil die Sowjetunion ja ganz bewußt nicht als “Russland”, sondern als Vielvölkerstaat bezeichnet hat. Inwiefern ethnische Russen für Stalins Verbrechen bzw. die sowjetische Okkupation in höherem Masse verantwortlich gemacht werden könnten als irgendwelche anderen Sowjetnationen (Ukrainer, Georiger, Juden, Zigeuner, Letten) waere gar nicht zu begründen. Marx, Trotzki und Dserschinski waren bekanntlich keine Russen, und Stalin ebenfalls nicht.

  5. ThorHa sagt:

    Tut mir echt leid, lieber HansMeier555, Ihren unermüdlichen Feldzug zur Ehrenrettung der
    sowjetrusssischen Besatzung des Baltikums gestört zu haben.

    Ich bin zwar schon der Auffassung, dass man auch aus 70 Jahre zurückliegenden Ereignissen Schlüsse ziehen kann, ohne damit vom Nationalisten zum Nationalsozialisten zu mutieren, musste aber vorher schmerzlich zur Kenntnis nehmen, dass Ihnen da Zahlen ein wenig verrutscht sind – die gewalttätige Besatzung des Baltikums wurde erst vor etwas über 20 Jahren beendet.

    Und da ist ein gewisses Misstrauen gegenüber einer ggf. als fünfte Kolonne tätigen Minderheit, deren grosser Bruder nur eine mehrstündige Reise entfernt erhebliche Streitkräfte unterhält UND der in der Vergangenheit nicht durch zivilisiertes Benehmen hervorstach, zumindest verständlich.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • HansMeier555 sagt:

      So so, ein gewisses Mißtrauen ist schon verständlich...
      Diese Denkweise ist durch und durch stalinistisch. Nach genau dieser Logik hat Stalin nationale Minderheiten deportiert. Der pflegte halt um 1940 auch so ein “gewisses Mißtrauen ggf. als fünfter Kolonne tätigen MInderheiten”, deren große Brüder (Polen, Deutschland, etc.) nur mehrstündige Reisen entfernt erhebliche Streitkräfte unterhielten und in Vergangenheit und Gegenwart nicht nur durch zivilisiertes Benehmen hervorstachen”. Aber finden wir das verständlich?
      .
      Trotzdem finde ich es sehr gut, dass hier solche Meinungen vertreten werden. Dann begreift man auch den Stalinismus einfach besser.

  6. HansMeier555 sagt:

    Aber nehmen wir mal an, in Riga oder Tallinn wäre KEINE Industrie angesiedelt worden
    Nehmen wir mal umgekehrt an, die Moskauer Zentralzentrale hätte beschlossen, in Riga oder Tallinn KEINE Industriebetriebe hochzuziehen. Trotz der günstigen Verkehrslage, des hohen Bildungsstandes und der überdurchschnittlich guten Infrastruktur.
    .
    Dann hätten die westlichen Kritiker genau daraus einen Vorwurf gemacht: Schaut her, der Russe will die baltischen PRovinzen vom Fortschritt und der Industrialisierung ausschliessen! Er laesst sie bewusst unterentwickelt!
    .
    Industrialisierung wiederum war ohne Migration nicht zu haben. Das ist in D-land genauso gewesen, im 20. wie schon im 19. Jh. (“Ruhrpolacken”). Was natürlich auch bei uns damals viel Anlaß für Verschwörungstheorien und Fremdenfeindlichkeit gewesen ist. Insofern haben wir tatsächlich kein Recht, den Esten oder Letten moralische Vorwürfe zu machen. Stattdessen sollte man sie vielleicht subtil darauf hinweisen, dass der Eiserne Vorhang sie immerhin zuverlässig vor dem Zuzug von Arabern, Türken und Afrikanern beschützt hat. Vielleicht klänge das ja für die wie ein überzeugendes Argument?

    • Marco_Settembrini_di_Novetre sagt:

      Was genau
      wollen Sie eigentlich beweisen? Im Text ist “gezielter Ansiedlung” die Rede, aber nicht von weitergehenden moralischen Wertungen oder gar Verurteilungen. Die Annahme, dass diese Prozesse in einem planwirtschaftlichen System eher gesteuert verlaufen sein dürften als dem Spiel von Angebot und Nachfrage überlassen, finde ich nach wie vor plausibler als Ihre Lesart, der massive Zuzug von anderswoher habe sich halt so ergeben.

      Zu guter Letzt: Um die sogenannten “Gastarbeiter” wurde in der alten BRD ja auch massiv (um nicht zu sagen: gezielt) geworben, die haben sich doch auch nicht einfach so in den Zug gesetzt.

    • HansMeier555 sagt:

      Überschätzen Sie nicht die Planwirtschaft
      Der Witz ist ja der: Das Bild vom Zug, in den man sich einfach setzt und irgendwo aussteigt, ist ja, bezogen auf die Nachkriegszeit, gar nicht so falsch. Da mussten zigtausende vno Soldaten demobilisiert werden, und wo fuhren die hin? In ihr elendes Heimatdorf? Da stiegen die doch lieber in irgendeiner Großstadt aus, wo dringend Bauarbeiter gesucht wurden und lebten dort zu 50 Mann in einer Baracke. Das konnte Minsk sein oder Petersburg oder halt Riga. Das machte fuer die gar keinen so grossen Untrscheid. Irgendwann fanden sie dann was besseres, und um 1970 hatten sie eine Wohnung im Hochhaus und ihre Kinder waren FAcharbeiter in der Fabrik. Und hatten dabei nicht die Absicht oder das Gefühl, irgendeinem kleinen Volk die Identität wegzunehmen.

  7. HansMeier555 sagt:

    Dass totalitäre Systeme immer so unendlich reich sein müssen
    Und sich das leisten können: Für zigtausend Menschen Wohnungen zu bauen und INfrastruktur bereitzustellen zu dem einzigen Zweck, ethnische Proportionen böswillig zu verändern und indigenen Völkern ihre Kultur wegzunehmen. Während sich die Menschen in den reichsten und produktivsten Marktdemokratien kaum noch eine Stadtwohnung leisten können.

  8. HansMeier555 sagt:

    Und Vorsicht auch mit "jungen Leuten".
    Vorsicht mit jungen Leuten, die die Sowjetunion aus eigener Anschauung gar nicht mehr kennengelernt haben. Was können die denn schon über die Vergangenheit wissen? Was wußten wir mit 20 Jahren über die Vergangenheit des eigenen Landes? Das ist doch wohl eher ein Mix aus Schulbuch, Fernsehen und Elternhaus.

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