Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Die Schlafwandler: Deutsche Medien in der Krim-Krise

| 94 Lesermeinungen

Die Krim-Krise offenbart eine Kluft zwischen Journalisten und Lesern. Ein Gefühl der unterdrückten Meinungen und manipulierten Massen greift um sich. Doch wer manipuliert da wen?

Historische Vergleiche scheinen in den Tagen der gefühlten Krim-Annexion so etwas wie der Winterschlussverkauf zu sein. Alle Medienschaffenden wetzen zu ihren Geschichtsbüchern und tun es. Auch Sie, werte Leserin, erinnern sich bestimmt: Wir hatten das alles doch schon einmal. „Der Iwan“ stand vor den Toren Europas und wollte uns Brandschatzen. Meist stand er sogar an der innerdeutschen Grenze und lechzte danach einzumarschieren. Ständig kam er, „der Russe“. Mittlerweile dürfte die ganze Palette, die das 19. und 20. Jahrhundert an Vergleichsmöglichkeiten zu bieten hat, durchgekaut sein. Stilecht kam es am vorläufigen Ende so, wie es immer kommt. Einer sprang aus der Tonne und schrie: „Hitler!“ Natürlich meinte Wolfgang Schäuble das nicht so, er meinte es anders:

Das kennen wir alles aus der Geschichte. Mit solchen Methoden hat schon der Hitler das Sudetenland übernommen. Ich vergleiche das nicht. Ich bin doch nicht so blöd, dass ich Hitler mit irgendjemandem vergleiche. Das können andere machen, vielleicht, das wäre auch falsch, aber deutsche Politiker können das nicht machen.

So clever war Herta Däubler-Gmelin seinerzeit nicht. Nach einem Vergleich jener Art musste sie ihren Posten räumen. Sie verglich den damaligen Präsidenten des militärisch-wirtschaftlichen US-Komplexes, George W. Bush, mit Hitler. Nicht jedoch den Genossen Wladimir Wladimirowitsch Putin, weswegen Schäuble sein Amt wohl wird behalten können. Damit zeigt Schäuble ungewollt und überdeutlich auf, was die einzige Konstante in dem Konflikt um die Krim und die Ukraine ist: das westliche Feindbild „Putin“.

Es geht gar nicht gegen Russland als Solches. Das Land und die Bevölkerung ist im medialen Diskurs höchstens eine Randbemerkung wert, wenn „die Zustimmung für Putin“ steigt. Dieses Phänomen ist nicht erst seit dem Revolutionsversuch in der Ukraine zu beobachten. Seit Putin sich als amtierender Staatschef in der Silvesternacht 1999 nach Tschetschenien begeben hat um Jagdmesser an die russischen Soldaten zu verteilen, ist er hierzulande unten durch. Diese Abneigung gegen Putin geht so weit, dass die deutschen Medienvertreter in Jubelstürme ausbrachen, als Putin einen Verbrecher wie den ehemaligen Oligarchen Michail Chodorkowski aus dem Straflager entlassen hat.

Literarisches Leben 2009-09-07

By Olaf Simons (Own work) [CC-BY-3.0], via Wikimedia Commons

Es drängt sich der Eindruck auf, dass den deutschen Medien jeder Verbrecher recht und billig ist, wenn er nur gegen den bösen Putin agiert. Es ist auch nicht so, dass dem seitens der politischen Klasse widersprochen werden würde. Im Gegenteil, Kanzlerin Angela Merkel pflegt eine offene Abneigung gegen den Herrn aus Russland. Es ist schwierig sich vorzustellen, und das politische Handeln während der Krim-Krise bestätigt dies, dass ein rationales Handeln Deutschlands zu erwarten ist. Diese Irrationalität wird von unserem großen Bruder, dem militärisch-wirtschaftlichen US-Komplex, unterstützt. So goss John Kornblum in dieser Zeitung weiteres, vermutlich aus Fracking gewonnenes, Öl in das deutsche Meinungsfeuer:

Die Ukraine war in vielerlei Hinsicht der europäische 11. September, der Illusionen in Europa so fundamental zerstörte wie der Anschlag auf das World Trade Center in Amerika.

Man kann aus dieser Aussage herauslesen, dass Putin der neue Osama bin Laden ist. Der gefährlichste Terrorist der Welt, den es mit allen Mitteln zu töten gilt. Und Russland ist demgemäß Afghanistan. Ein Land, in dass der Westen, unter Führung der USA, einmarschierte um Terroristen zu bekämpfen. Es ist vollkommen egal, ob John Kornblum, der diese Deutung abstreiten würde, es wirklich so meinte oder nicht. Gleiches gilt für Schäubles nicht so gemeinten Hitler-Vergleich. Es geht vielmehr um die Bilder, die durch solche Aussagen transportiert werden. Diese Bilder werden, soweit muss man Diplomaten und Politikern misstrauen, nicht unabsichtlich erzeugt.

Dass Bilder wie diese in den Diskurs hineinwirken, wollte wohl Klaus Kleber im Interview mit dem Siemens-Vorstandsvorsitzenden Joe Kaeser beweisen. Doch nicht nur das. Kleber, seines Zeichens Angestellter des staatlichen TV-Senders ZDF, dem das Bundesverfassungsgericht eine zu große Nähe zur Politik bescheinigte, untermauert mit seinem Interviewstil die Bedenken gegenüber dem Sender. Ein Vorwurf, den sich in den letzten Wochen nicht nur die öffentlich-rechtlichen TV-Sender- und Radiostationen gefallen lassen mussten, sondern auch die privatwirtschaftlich betriebenen Zeitungen des Landes.

Land on the Moon 7 21 1969-repair

By Jack Weir (1928-2005) [Public domain], via Wikimedia Commons

Und fürwahr, es gab in den letzten Jahren wohl nur wenige Diskurse, in denen die Meinung zwischen den Gatekeepern und den Bürgern soweit auseinanderging wie in Bezug auf die Ukraine. Während die Artikel klar gen bösen Putin weisen, erschöpfen sich viele Leserkommentare in genau dem Gegenteil. Nicht Putin ist der Böse, man äußert ein gewisses Verständnis und zweifelt an dem Treiben der eigenen Regierung. Umfragen deuten darauf hin, dass es sich hierbei keineswegs um Russen handelt, die im Auftrag von Putin die Kommentarspalten bevölkern. Die öffentliche Meinung, die Bürger dieses Landes, sind schlichtweg anderer Meinung und äußern sie.

Die Reaktion auf diese andere Meinung der Bürger war im Politik-Bereich dieser Zeitung genau das, was man der Lesermeinung vorwarf. Verschwörungstheorie, geäußert von Julian Staib. Aber auch andere Zeitungen zogen nach, zum Beispiels Jens Bisky in der Süddeutschen. Das zeigt vor allem, dass man nicht bereit ist den Fehler bei sich selbst zu suchen. Und warum Worte wie „Systemmedien“ in Mode sind. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Bestsellerlisten Büchern führen, die davon handeln, dass Meinungen unterdrückt werden. Auch die rechtspopulistische Partei „Alternative für Deutschland“ schafft es, ihre Umfrageergebnisse allein dadurch zu steigern, dass sie behauptet alle anderen würden ihre Meinung unterdrücken.

Die Auswüchse dieser Entwicklung sind sicher nicht immer positiv, aber dass es nicht mehr so einfach ist, dieses Volk auf Konfrontation einzustimmen, muss zunächst positiv bemerkt werden. Es ist durchaus eine Ansage mit Gefühl für die Realität, wenn die Bevölkerung sich wünscht, die EU möge neutral agieren und Deutschland insbesondere eine Vermittlerrolle einnehmen.

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Caspar David Friedrich, Das Eismeer [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Konsequenzen dieser Forderungen sind weitreichend. So müsste die Europäische Union, wollte sie dem gerecht werden, ihre Expansion nicht nur beschränken, sondern einstellen. Sie müsste ihre von Ausdehnung geprägte Politik hin zu einer integrativen wandeln, oder anders formuliert, sich um ihr Inneres kümmern. Nicht in Form einer bürokratischen Selbstbeschäftigung, sondern im Behandeln der großen Themen wie der innereuropäischen Demokratie, der Ausgestaltung der wirtschaftlichen und politischen Union (oder auch nicht) oder der Schaffung eines europäischen Sozialsystems. Themen, die dank der steten Expansion der Grenzen Europas immer weiter in die Zukunft geschoben werden. Im Bewusstsein der Bürger sind sie jedoch vorhanden und schwelen daher unter Oberfläche, wo sie nur Skepsis zu potenzieren vermögen. Ein nicht expansives Europa, das die Schaffung eines Gesamtkonstruktes in den Vordergrund stellt, könnte den Schmerz des Zusammenwachsens nicht mehr verdrängen.

Dieses Anliegen der Bürger sollte nicht mit einer postheroischen Gesellschaft verwechselt werden. Der Kampf und seine Mittel haben sich in andere Sphären verschoben und damit auch die „Ultima Ratio des Krieges“ auf ein höheres Gewaltmaß gehoben. Umso wichtiger ist der Ruf nach Mitte und Maß, die von den politischen Akteuren eingefordert werden. Das bedeutet auch, ein maßvolleres Umgehen mit der potenziellen Gewalt. Vielleicht weiß John Kornblum darum, und nutzt deshalb die aufrührende Kriegsrhetorik vergangener Tage. Es ist jedenfalls nicht zu übersehen, dass die USA sehr viel dafür tun, damit die Stimmung in Europa konfrontativ gegenüber Russland bleibt. Es ist in ihrem Sinne, dass eine Emanzipation europäischer Politik nicht stattfindet.

Ganz falsch ist das Bild von Kornblum natürlich nicht. Die Anschläge vom 11. September haben in den USA auch dazu geführt, dass die alteingesessenen Medien komplett auf die Linie der Regierung eingeschwenkt sind und diese bis weit über den Irak-Krieg hinaus beibehielten. Eine kritische Berichterstattung fand über Jahre hinweg nicht mehr statt. Es war der Beginn des großen Zeitungssterbens.

 

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94 Lesermeinungen

  1. kinky_So sagt:

    Wer
    Wer will schon auf dem Hinterhof wohnen, das war in den 70er-Jahren chic und ist heute nicht mal mehr retro. Hi sein, frei sein, dabei sein. (joke)
    Aber ungeachtet dessen: Ja, es geht um Interessen, um was denn sonst. Schade nur, dass uns dieses als Soul Calibur dargebracht wird, bzw. eine Personfizierung stattfindet. Manchmal hat es den Anschein, Taki versus Nightmare stünden im Ring. Nun ja, eines machen “die Medien” damit nicht, sie tragen nicht zur Komplexität bei und die Kommentare aller Fraktionen zeigen das auch. Hier und anderswo. Selten war die Meinung der Kommentare so homogen.
    Das muss einem doch zu denken geben. Und Wostkinder spricht das an. Und das ist gut.

  2. ThorHa sagt:

    Widerlegen Sie ihn, wenn Sie können?
    Denn offen gestanden weiss ich nicht, worauf Sie hinauswollen? Ich kenne keine Grossmacht mit hauseigenem “Hinterhof” mehr, der Ostblock hatte zwischen 1945 und 1990 wegen russischer Panzer einfach keine Wahl, das ist alles.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • HansMeier555 sagt:

      Sie haben völlig recht, niemand kann das widerlegen.
      (Bitte nicht füttern)

    • ThorHa sagt:

      Aber, aber, mein lieber Meier,
      Der in Frage stehende Satz lautet “gibt es auch keine Einflussphären mehr, die man einer Grossmacht unhinterfragt “zubilligt”.”

      Und dessen Widerlegung ist nun wirklich denkbar einfach: Sie oder jemand sonst zeigt mir einen Fall, in dem die Weltöffentlichkeit oder die Weltdiplomatie den Anspruch einer Grossmacht “das Land x/y gehört in meine Einflussphäre und ich mache da, was ich will” weitgehend unwidersprochen als selbstverständlich akzeptiert hat sowie sich in der Folge jeder Einmischung enthalten hat, in den letzten 70 Jahren?

      Einfacher geht’s nicht. Ich höre? Ach richtig, Sie können ja nicht füttern.

      Gruss,
      Thorsten Haupts

  3. kinky_So sagt:

    Dass
    Wahnsysteme immer vehement verteidigt werden, gehört zur Symtomatik der Pathologie. Oder anders: Dort, wo der eine noch um Erkenntnis ringt, hat der andere schon sein Fazit.
    Und man sollte bei der Anamnese immer auf die Prognose achten.
    Dies zur Psychologie. Zur Philosophie lässt sich sagen, dass eine Argumentation entlang einer politischen oder religiösen Gesinnung selten ein brauchbares Ergebnis zutage fördert.

  4. HansMeier555 sagt:

    Verstehen und Verzeihen
    Verstehen und Verzeihen, das sind zwei Begriffe, die werden sich nie ganz entwirrenlassen.
    .
    Da gibt es einfach menschliche Grundbedürfnisse, da wirken Archetypen, die jede “Rationalität” sprengen müssen.
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    Passiert ein Verbrechen, dann verlangen die Opfer von der Gemeinschaft Unterstützung, Anteilnahme, Trost, und dazu gehört eben auch eine eindeutige Verurteilung des Täters, ohne jeden Vorbehalt.
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    Und das bedeutet eben auch die rituelle, demonstrative, laute Behauptung der Verständnis-losigkeit, des Nicht-Verstehens. Man kann den Täter nicht verstehen, darf ihn nicht verstehen können, weil man mit ihm nichts, nichts, absolut nichts gemeinsam hat. Könnte man ihn verstehen, könnte man seine Motive nachvollziehen, würde man ja zugeben, dass man in sich selbst eine Möglichkeit spuert, in einem bestimmten FAll ebenso zu handeln. Genau das aber muss gerade darum bestritten werden, weil es in der Regel ja durchaus zutrifft. Alle Menschen sind Sünder und potentielle Verbrecher, aber zugleich beruht die harmonische soziale Ordnung auf der Unterstellung, sie seien es nicht.
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    Es bereitet der Gemeinschaft enorme psychologische Erleichterung sich vorzustellen, der VErbrecher sei keiner von ihr, er gehöre einer anderen Spezies an oder sei von Dämonen besessen. Das Boese muss isoliert und daemonisiert werden, damit man mit sich selbst tagaus tagein klarkommen kann.
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    Eben darum kommen nach Brandanschlaegen auf Asylantenheime diese Beteurungen immer so verdächtig schnell: “Unverständlich, unbegreiflich, etc.”. Eben gerade weil der Normalbürger bestens versteht und begreift, aus welcher Stimmung so was kommt.
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    Die rationalen “Versteher” erwecken zuverlässig Ärgernis, weil sie die diesen dringend erwünschten Prozess immerzu aufhalten, bremsen und verhindern.
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    Wenn die Medien Putins Verhalten nicht sinnvoll analysieren, dann eben auch darum, weil sie sich das gar nicht leisten können. Natürlich wissen sie auch, dass der Westen das Völkerrecht x-mal gebrochen hat und sie wissen auch, dass sie selber das überwiegend unterstüzt und mitgetragen haben. Und sie wissen auch, dass der “Westen” im Moment sich in einem moralischen Vakuum befindet, und gar keine Möglichkeit mehr hat, sich glaubwürdig als Beschützer irgendwelcher demokratischen oder humanitären “Werte” auszugeben. Er hat auch sonst keine Strategie.
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    Kurz gesagt, das Projekt der “neuen Weltordnung” ist gescheitert. Mit dem Bauch hat der polit-mediale Komplex das schon begriffen, aber im Kopf herrscht noch Blutleere.
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    Die Zwischenzeit überbrückt man eben mit Putin-bashing, schon weil es so einfach und so naheliegend ist. In Putins Russland gibt es ganz viel, worüber man sich empören kann, und darum tut man das auch. Ansonsten gibt es ja noch andere wichtige EReignisstränge wie der Hoeness-Prozess oder das Ende von Wetten-dass.

  5. Wolfswort sagt:

    Atlantikbrücke
    Die Bürger haben ein wachsendes Gespür dafür entwickelt, wie Meinungsmacht funktioniert und sie nutzen die Foren, sich dagegen zur Wehr zu setzen.
    Der Gleichklang der Leitmedien mutet doch sehr seltsam an. Ein Beleg dafür war der peinliche Presseclub vom letzten Sonntag. 5 Stühle – eine Meinung: Der Westen ist redlich und Putin der Aggressor. Nicht die Nato habe sich nach Osten ausgedehnt, sondern ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten hätten die Aufnahme erfleht. Deren Selbstbestimmungrecht sei zu akzeptieren. Putins Reaktion sei irrational und politisch unvorhersehbar gewesen. Die Mehrheitsmeinung der “Putinversteher” unter den Bürgern sei naiv und sei im nicht mehr zeitgemäßen “Denken in Einflußsphären” verhaftet.

    Aber wie naiv ist es denn, die Eu/Nato-Ausdehnung in ein Land hinein zu betreiben, an dessen südlichen Ende die russische Schwarzmeerflotte stationiert ist? Jeder mittelgebildete Bürger hat kommen sehen, dass wir die Ukraine damit spalten. Warum kommen denn Kenner wie Hubert Seipel kaum zu Wort, der über Putin eine Dokumentarsendung verfaßt und ihn dazu ein Jahr lang begleitet hat? Der wundert sich nur über die erstaunten Reaktionen seiner “Kollegen” zu Putins Griff auf die Krim. Warum wird er nicht in den Presseclub geladen, so wenig wie Jens Berger?
    Als Leser fällt mir seit längere Zeit auf, dass sie die Medien kaum noch Mühe geben, ihre einseitige Propaganda gegen Russland noch zu verbrämen.Die Berichterstattung über Sotchi war ein Beispiel und verstummte erst, als die Sportler sich euphorisch über die vorgefundenen Bedingungen dort äußerten. Und seriöse Medien wie Die ZEIT und die SZ scheuten sich nicht, eine Bilddokumentation so zu verkürzen, dass der Eindruck entstand, homophile Demonstranten würden wegen ihres Regenbogenbanners in die Zange genommen. Im anderen Blogs war anhand der vollständigen Doku aber zu erkennen, dass diese Demonstranten schlicht eine Absprerrung durchbrochen hatten, um diesen Zusammenstoß mit Ordnungkräften fotowirksam zu provozieren. Wo bleibt der Qualitätsjournalismus füherer Tage?

    Wieso zögern wir mit der Aufnahme der Türkei in die EU – wenn die Türken “das wollen”? Wie verhalten wir uns gegenüber Taiwan, wenn das Denken in Einflußsphären überholt ist? Und bekennen wir uns zum Selbstbestimmungsrecht der Tibeter und Südtiroler?

    Gibt es nicht auch so etwas wie ein “Realpolitik”? Ausgerechnet die konservativen Medien, die das Primat der Realpolitik stets mit Blick auf Grüne und Linke hochhielten, propagieren nun gegenüber Russland eine Politik der Visionen: Frei, gleich, brüderlich, westlich. Wie naiv ist DAS denn?? Putin hat das Land weitgehend hinter sich. Auch das ist Realität.

    Ergebnis WESTLICHER Außenpolitik war die Spaltung der Krim und die neue Ost-West-Konfrontation. Dass dieses Ergebnis westlicher Politik in den Leitmedien völlig unkritisch zur Kenntnis genommen wird, ist unverständlich. Warum wird nicht der Rücktritt eines Herrn Steinmeier gefordert? Warum wird nicht die massive politische Einflussnahme auch der Konrad-Adenauer-Stiftung hinterfragt?
    Es ist naiv, anzunehmen, die westliche Politik sei selbstlos und nur dem Selbstbestimmungrecht und den Menschenrechten verpflichtet. Vielmehr geht es eben doch um Einflußsphären (siehe Freihandelsabkommen in Abgrenzung zum asiatischen Raum) und um Wirtschaftsmacht. Über all das wird nicht aufgeklärt. Schon mutmaßt Albrecht Müller, der ehemalige Kanzlerberater von Willy Brandt in seinen Nachdenkseiten, ob die Gleichschaltung der Medien nicht längst bewusst betrieben wird.
    Ein Kommentator im Gästebuch des Presseclubs beschrieb es zusammenfassend: “Diese Sendung wurde Ihnen präsentiert vom Atlantikpakt”.

  6. ThorHa sagt:

    Es gab 1938 schon mal jemanden, der mit exakt der gleichen Logik versuchte, zu "verstehen".
    Um nach dem Verständnis “darauf basierend rationale entscheidungen (zu) fällen”. Der Mann hiess Chamberlain und der Versuch ging nach dem Münchner Abkommen, das auf die Zweckrationalität eines deutschen Interessenvertreters nach britischem Verständnis baute, gründlich schief.

    Geschichte wiederholt sich nie exakt und es muss nicht schiefgehen, bzw. nicht “so” schiefgehen. Aber die Frage nach der Grundlage von “Verständnis” sollte man sich schon stellen, die offiziellen russischen Verlautbarungen sind kaum geeignet, Handlungsmotivation wie Handlungsgrenzen von Russlands derzeitigem Regime zu begreifen.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • DER_ZORN sagt:

      Begriffsstutzig?
      Was Russland sagt, ist ganz einfach zu begreifen: “Bis hierher und nicht weiter.” Punktum.

    • ThorHa sagt:

      Dann hat Russland einfach Pech gehabt, solange es Nachbarstaaten hat,
      die es deutlich mehr fürchten, als die bösen Neoliberalen von EU und IWF. Mit dem Zusammenbruch der Weltordnung von 1914 gibt es auch keine Einflussphären mehr, die man einer Grossmacht unhinterfragt “zubilligt”.

      Und da Russland ausser Rohstoffen und Militär nichts anzubieten hat …

      Gruss,
      Thorsten Haupts

    • DER_ZORN sagt:

      Herr Haupts
      Bitte denken Sie noch einmal über folgenden Satz nach: “Mit dem Zusammenbruch der Weltordnung von 1914 gibt es auch keine Einflussphären mehr, die man einer Grossmacht unhinterfragt ‘zubilligt’.” Sie dürfen sich gern selbst korrigieren.

  7. GalileoGalilei sagt:

    Das bedeutet: Merkel muß weg!

  8. DER_ZORN sagt:

    Sehr geehrter Herr Herack,
    im Namen aller “Russen” in den Foren deutscher Qualitätsmedien verleihe ich Ihnen den “Putin-Versteher-Orden 1. Klasse”.

    Aber im Ernst: Sehr schön herausgearbeitet haben Sie den Kern dessen, was diejenigen vermissen, die der Berichterstattung zu den Vorgängen in und um die Ukraine kritisch gegenüber stehen. Die mittlerweile nicht mehr erschreckende, sondern nur noch empörende Einseitigkeit, die seitens großer Teile der journalistischen Klasse an den Tag gelegt wird und in der Denunzierung aller kritischen Geister als “Putin-Versteher” ihren Ausdruck findet, wäre allerdings eine weitere Analyse Wert.

  9. Illoinen sagt:

    Der Westen misst mit zweierlei Maß
    Wo sind die Schreie, der sog Demokraten in der sog. freien Welt des Westens? Als völkerrechtswidrig in den IRAK, Kosovo, Afghanistan und anderswo einmarschiert wurde?

    Wo sind die Schreie, über Guantánamo, über deren Völkerrechtswidrig Menschen festgehalten werden und gefoltert werden, von denen selbst die Verantwortlichen sagen, die Mehrheit derer die dort einsitzen, sind unschuldig? Wo sind die Schreie der sog Demokraten im Westen, über den Drohnenkrieg in Pakistan?

    Korruption gibt es nicht nur im Osten, wie man uns im Westen erklären will, sondern wohl noch viel mehr im Westen? Der Westen sollte lieber vor seiner eigenen Haustür kehren, denn er scheint blind vor der Realität zu sein, solange es sich um eigene Interessen dreht, ist dem Westen, und das hat doch die Vergangenheit bewiesen, das Völkerrecht egal.

  10. namedesnutzers sagt:

    Danke für den Artikel!
    Danke, Herr Herack, für diesen Artikel. Er spricht einige der Punkte an, die mir und vielen anderen Deutschen am Herzen liegen. Das was die Mainstreammedien in den letzten Wochen über uns ausschütteten, empfinde ich als eine Vergewaltigung des Verstands. Es war nicht nur die dominierende Einseitigkeit der Berichterstattung sonder (für mich) vor allem die Absurdität, mit der das Feindbild Russland untermauert werden sollte. Fotos des russischen Präsidenen oberkörperfrei beim fischen mit entsprechenden spöttischen Kommentaren, an den Haaren herbeigezogene Psychoanalysen und auch die immer wieder eingeworfenen Vergleiche… …all das hatte absolut keinen Informationsgehalt und diente m.E. der Diffarmierung.

    Hinzu kommt, dass sich bis heute niemand traut die Frage zu stellen, ob Russland realpolitisch betrachtet überhaupt einen andere Option hatte als die krimer Separatisten zu unterstützen, um seine sicherheitspolitischen Interessen sicherzustellen. Schließlich ist für mich, angesichts der Nato-Politik der letzten zehn Jahre, kein Grund erkennbar, mit dem ein russischer Militär im Kreml einen Vertrauensvorschuss gen Westen begründen sollte.

    Ebenso wenig wird auch die auch die Beteiligung Deutschlands und Europas am Putsch in Kiew hinterfragt. Ich stelle mir schon die Frage, warum wir Klitschkos UDAR auch dann noch unterstützten, als diese ein Bündniss mit Swoboda (ehem. Nazional-Soziale Partei der Ukraine) einging, obwohl es deutlich erkennbar war, dass letztere äußerst Russlandfeindlich ist. Ist das die Art und Weise, wie man mit seinem Nachbaren umgeht?

    Und auch die weitgehende Gleichschaltung deutscher Mainstreammedien wird wohl nicht näher untersucht werden. Somit bleibt es eine Frage der Zeit, bis wir uns erneut eine

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