Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Datenmarkt: Der Kunde lebt unter der Armutsgrenze

| 15 Lesermeinungen

Die Vertreter „des Datenzeitalters“ versprechen Wachstum und Arbeitsplätze. Mit Geld wollen sie jedoch in keinem Fall bezahlen und führen ihre Kunden daher in prekäre Verhältnisse über.

Die meisten Leserbriefschreiber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sind so schlau, keinen Account bei Twitter zu haben. Für jene, die diese Zeitung erstellen und für solche, die in aller Freiheit gelegentlich daran mitwirken, gilt das immer seltener. Man ist da. Man verbreitet sich und manches Mal wird öffentlich diskutiert.

So geschehen nach einem Artikel von Patrick Bernau, in dem er fordert: „Sammelt mehr Daten!“. Seine Grundannahme ist, dass man mit Daten viele schöne Dinge anstellen kann. Die Deutschen wüssten dies und zögen daher eine rationale und selbstbestimmte Entscheidung, wenn sie trotz aller Datensammelei, von beispielsweise Facebook, weiterhin diese Plattform nutzten. Es ginge den Nutzern demnach nicht nur um den eigenen Vorteil. Vielmehr würden sie auch die sich aus ihrer Datenspende heraus ergebenden Vorteile in Erwägung ziehen. So herrsche der informierte Kunde über die Unternehmen.

Dem entgegen steht bereits Bernaus eigene Überlegung, dass der Schaden aus dieser Datensammelei bisher noch abstrakt sei. Da der Schaden noch nicht sichtbar geworden ist, kann er nicht bedacht werden oder die Nutzerin will diesen potenziellen Schaden in Ihrer wohlüberlegten und rationalen Entscheidung nicht sonderlich hoch gewichten. [1] Ohnehin seien all jene Unternehmen pleite, die sich dem Datenschutz verschrieben hätten. Niemand und keiner könne daher erwarten, dass Unternehmen irgendeine Form von Rücksicht auf die Befindlichkeiten ihrer Kunden nehmen.

In der darauffolgenden Diskussion auf Twitter widersprach ich diesem Text. Unternehmen, die für ihre Kunden unausweichlich geworden sind, befinden sich nicht in einem funktionierenden Markt. Die generelle Unausweichlichkeit der Technik hatte uns ein paar Tage vor diesem Disput Hans Magnus Enzensberger vor Augen geführt, als er in aller Schlichtheit forderte, das Mobiltelefon doch einfach wegzuwerfen und auch sonst auf all das zu verzichten, was das digitale Zeitalter mit sich bringt. Ein Ding der Unmöglichkeit. Jedem Leser war das klar und viele meinten, sich über die Naivität von Enzensberger erheben zu müssen. Dabei war seine Aussage: Es gibt kein Zurück. Und wenn es kein Zurück gibt, dann muss das, was da passiert, geregelt werden. Alle Marktteilnehmer müssen die Möglichkeit bekommen auf Augenhöhe zu agieren.[2]

Adolph Menzel - Eisenwalzwerk - Google Art Project

Arbeitsplatz der ersten industriellen Revolution (von Adolph Menzel [Public domain], via Wikimedia Commons)

Patrick Bernau antwortete auf meinen Widerspruch ausführlicher im FAZit Blog und hält seine These des informierten Kunden aufrecht. Als Zeugen führt er George Akerlofs „Market for Lemons“ an, den er wie folgt wie darstellt:

1. Die Käufer wissen nicht, wie gut der Gebrauchtwagen ist, den sie kaufen wollen.

2. Die Verkäufer haben einen Anreiz, auch schlechte Gebrauchtwagen als gute zu verkaufen.

3. Die Käufer bemerken, dass sie zu wenig über die Qualität ihres künftigen Gebrauchtwagens wissen. Sie werden misstrauisch.

4. Die Käufer ziehen sich zurück, und der Markt bricht zusammen.

In der Aufzählung von Patrick Bernau fehlt nach 2. der sehr wichtige Aspekt, dass die Verkäufer schlechter Gebrauchtwagen dadurch die Verkäufer guter Gebrauchtwagen aus dem Markt drängen. Aber auch unabhängig davon, ist das Beispiel ein Dankbares. Es ignoriert, dass es durchaus einen Markt für schlechte Gebrauchtwagen gibt. Nämlich bei Menschen die über wenig Geld verfügen. Diesen werden „sehr schlechte Gebrauchtwagen“ als „schlechte Gebrauchtwagen“ verkauft. Die Gewinnspannen (Margen) in diesem Segment sind besonders hoch und die Kundschaft hat ob ihrer fehlenden finanziellen Mittel keine Alternative zu diesen Angeboten. Arme Menschen müssen demnach in Relation höhere Preise bezahlen. Das Phänomen zieht sich durch. Ein Blick auf die Qualität der Waren von Discountern ist hierbei zielführend. So halten Kleidungsstücke aus diesem Bereich nicht mehrere Jahre, sondern höchstens eine Saison und müssen dann neu erworben werden.

An dieser Stelle ist das reine Rechnen mit Geld nicht hilfreich. Ich habe leider keine Möglickeit gefunden nachstehende Formulierung zu vereinfachen ohne meinen Punkt deutlich zu halten.

Wer bei geringem Einkommen und nominal niedrigeren Preisen höhere Gewinnspannen bezahlt, hat von seinem Einkommen relativ weniger als ein Mensch der über ein hohes Einkommen verfügt und höher gepreiste Waren einkauft. Der Marktzugang ist also nicht proportional verteilt, sondern orientiert sich an der Fähigkeit des Individuums[3] zur Akkumulation von Geld.

Wer viel Geld hat, bezahlt demnach weniger als jemand der wenig Geld hat. Das heißt: Der Markt funktioniert nicht in der Form, wie es uns die reine Lehre vorgaukelt.

Bei dem Thema Daten erleben wir ein ähnliches Phänomen. Die Daten eines Individuums sind erst einmal nichts Wert. Ihr Wert ergibt sich momentan aus der Fähigkeit diese Daten zu sammeln und dann auszuwerten. Je mehr desto besser. Ein Individuum ist dazu nicht in der Lage, es taugt nur zum Datenlieferanten. Den Gegebenheiten entsprechend haben sich große Datensammelunternehmen wie Google und Facebook gebildet, die Produkte anbieten, über deren Gebrauch die Nutzer Datenspuren hinterlassen.

Damit dieser Markt als funktionierend gelten kann, müsste der Nutzer eine Wahl haben. Viele Jugendliche haben von ihrer Wahlmöglichkeit gebrauch gemacht. Statt über Facebook kommunizierten sie über den Messenger-Dienst Whatsapp. Mittlerweile wurde das Unternehmen von Facebook aufgekauft. Menschen die gerne Bilder teilten haben sich einst gegen Facebook entschieden und stattdessen Instagram genutzt. Das Unternehmen wurde mittlerweile von Facebook aufgekauft.

Im Silicon Valley ist tatsächlich ein funktionierender Sub-Markt entstanden. Die Start-Up-Branche hat sich dahingehend spezialisiert, dass Unternehmen zum Zwecke des Verkaufs gegründet werden. Start-Ups entwickeln neue Technologien, neue Geschäftsideen oder entdecken talentierte Entwickler. Da es zu kostenintensiv wäre, mit einem Start-Up einen milliardenschweren Markt zu erobern, ist das Ziel ein Verkauf der Gründung an die großen Internetunternehmen wie Yahoo, Microsoft, Amazon, Google, Dropbox, Apple und andere. Wer sich also heute für eine Alternative zu Google entscheidet, muss damit rechnen, sich am Ende doch wieder als Kunde von Google vorzufinden, da das Geschäftsmodell oftmals der Verkauf an Google ist.

In den beiden dargestellten Fällen ist die Nutzung der Angebote nach dem Kauf durch Facebook angestiegen, obwohl viele Menschen sich mit dem Kauf der Unternehmen unzufrieden zeigten. Dafür können zwei Mechanismen verantwortlich gemacht werden. Die Nutzer haben sich ursprünglich für das am besten funktionierende „Programm“ (App) entschieden. Der Rückschritt auf ein weniger komfortables System ist nur schwer zu gehen. Wichtiger ist jedoch der Netzwerkeffekt. Den Menschen ist es wichtig mit ihren Freunden zu kommunizieren. So befindet sich zwar mit Oggl ein höherwertiges und kostenpflichtiges Konkurrenzangebot zu Instagram am Markt, doch wird es nur von wenigen Nutzerinnen wahrgenommen. Das Teilen von Fotos macht vielen nur dann Spaß, wenn es die Freunde auch wahrnehmen. Der Sinn und Zweck vieler Internetangebote ergibt sich erst aus ihrer gemeinsamen Nutzung.

Каменный век (1)

Arbeitsteilung in der Steinzeit. (von Viktor M. Vasnetsov [Public domain], via Wikimedia Commons)

Die Grundlage all dieser Geschäftsmodelle ist die „gesellschaftliche Teilhabe“ ihrer Nutzer. Für den einzelnen Kunden stellt sich damit nicht primär die Frage, welches Angebot er nutzt. Es stellt sich die generelle Frage, ob er Angebote nutzt deren Geschäftsmodell auf Daten beruht, oder ob er diese Angebote nicht nutzt und sich damit einer Form der gesellschaftlichen Teilhabe entbehrt. Der Mensch als gesellschaftliches Wesen entscheidet sich im Regelfall für das, was er ist. Er nimmt teil. Dass die meisten dieser Angebote kostenlos daher traben, erleichtert die Entscheidung gerade jenen, die es sich nicht oder nur schwerlich leisten können für Dienstleistungen zu zahlen, bei denen ihre Daten nicht verwertet werden.

Nun könnte man einwenden, dass dann doch auch ein Markt für Angebote entstehen müsste, bei denen die Menschen dafür Geld bezahlen, dass ihre Daten explizit nicht verwendet werden. Bei diesem Gedanken gilt zu berücksichtigen, dass die direkten Freunde nur der wichtigste Aspekt sind. Ein ebenfalls gewichtiger Punkt ist die generelle Sichtbarkeit des eigenen Ichs. „Im Internet“ bildet sich zunehmend eine Narzissmus aus, demnach möglichst viele Menschen am Individuum teilhaben sollen. Wer also auch über den eigenen Freundeskreis hinaus möglichst sichtbar sein will, muss sich beim Platzhirsch darstellen.

Wie stark die Faktoren des sozialen Zwangs und der generellen Sichtbarkeit wirken, lässt sich an den Payback-Karten herleiten, die nicht diesen Faktoren unterliegen. Die Karten werden den Kunden regelrecht aufgedrängt. Selbst in Bio-Supermärkten wird an der Kasse nach ihnen gefragt. Das Produkt ist zwar nicht allgegenwärtig, unterliegt aber einer großen Sichtbarkeit. Dennoch verweigern sich viele Menschen diesem Produkt aus Datenschutzgründen. Dabei herrscht ein klares Geschäftsmodell. Der Nutzer der Karten wird für seine Konsumaktivität bezahlt. Die Verweigerung der Nutzung hat keine direkte Konsequenz für das Leben eines Menschen, die man gesellschaftliche Ausgrenzung nennen würde.

Ein Markt funktioniert erst dann, wenn der Kunde nein sagen kann. Da es sich im Fall der Internetunternehmen um das „nein“ zur Kommunikation mit dem Freundes- und Bekanntenkreis handeln würde, lässt sich ein grundsätzlicher Zwang zum „ja“ herleiten. Man sieht diesen Effekt immer dann, wenn Facebook seine Nutzungsbedingungen ändert. Die Nutzer hassen es, sie gehen auf die Barrikaden. Aber sie können und wollen auch nicht auf die Kommunikationsmöglichkeiten verzichten. Sie knicken immer ein.

Man kann sagen, dass die Nutzer der sozialen Netzwerke in einer ähnlich schwachen Verhandlungsposition sind wie die Einkommensschwachen im Markt für Gebrauchtwagen oder Billigkleidung. Als Datenlieferanten sind sie die Grundlage der Geschäftsmodelle und erhalten dafür das Produkt als „Lohn“. Sie haben keinerlei Mitspracherecht über die Verwendung ihrer Daten und es ist für die Nutzer sehr schwierig sich zu organisieren und dadurch konzertierte Aktionen gegen die Unternehmen einzuleiten. Und selbst dann, wenn die Kunden es schafften sich bei Produkten von den großen Anbietern zu lösen, wurden sie am Ende wieder eingekauft.

Es ist angesichts dessen nicht sichtbar, wie Patrick Bernau von einem funktionierenden Markt sprechen kann. Hier wird, im Gegenteil, das Prinzip der Einkommensschwachen auf die Datenlieferanten umgelegt. Dadurch bildet sich eine Art virtuelles „Datenprekariat“ aus, dessen Basis sich in der Realität durch alle Schichten hinweg zieht.

 

—————————————-

[1] Die Deutsche ist bereits vorsichtiger als der Rest der Welt. Eine nach dieser Diskussion erschienene Big Data-Studie hat aufgezeigt, dass „der deutsche Datenberg“ langsamer wächst als die Datenberge im Rest der Welt.

[2] Vorausgesetzt wir entscheiden uns als Gesellschaft dafür, diese Themen über den Markt zu regeln.

[3] Es ist einsichtig, dass durch diese Verzerrung des Marktzugangs zugleich auch die „Aufstiegschance für das Individuum“, eine bürgerliche Tugend, unterminiert wird. Genaugenommen ist dadurch auch die „Abstiegswahrscheinlichkeit aus dem Bürgertum“ tief verankert. Nebengedanke: Die Erosion des Bürgertums ist eine Zwangsläufigkeit des Systems, dass sich in seiner momentanen Ausprägung auf den Aspekt der Akkumulation konzentriert.

 

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15 Lesermeinungen

  1. wo verläuft die Grenze, an der die Menschen vor sich selbst geschützt werden müssen?
    Wer gibt einem (erwachsenen) Menschen das Recht, einen anderen „vor sich selbst zu schützen“? Aus welchem anerkannten Grundsatz oder Axiom lässt sich diese Schutzverpflichtung ableiten, wer ist so wenig gefährdet, dass er über andere den Aufpasser spielen darf?

    Ich frage nicht nach der Praxis – da tun wir es und mit den machtmitteln des Staates lässt sich dies „Schutzverpflichtung“ bzw. wenigstens deren Anschein leicht nachweisen. Ich frage auch nicht nach dem Recht und der Pflicht, Menschen gegen Schadenszufügung durch andere zu schützen, das Recht lässt sich leicht aus anerkannten Grundsätzen herleiten.

    Ich kann nur für mich selber sprechen. Am wütendsten und am energischsten habe ich immer auf jene vordergründig „mitleidenden“ Existenzen reagiert, die mich vor mir selbst schützen wollten. Diese Anmassung ist nach meiner Auffassung die grösste Beleidigung, die man einem erwachsenen Menschen zufügen kann.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

    • Ja und Nein
      Grundsätzlich gehöre ich auch eher zu den Leuten, die ihren Mitmenschen Eigenverantwortung zutrauen und zumuten würden. (Und mich verwundert immer wieder das Muster in linker Politik, den freien Menschen dadurch zu erschaffen, dass erstmal Erziehungsmassnahmen gestartet und Vorschriften erlassen werden – war schon in der DDR sehr bizzar, wenn auch dialektisch sauber begründet)

      Es lassen sich aber gewisse psychologische Fallen im menschlichen Verhalten nicht abstreiten und diese Fallen werden gezielt ausgenutzt. (Dan Ariely hat da zu ein paar lesenswerte populärwissenschaftliche Bücher geschrieben.) Und in dem Fall, in dem eine ausgeklügelte Maschinerie systematisch die Erwartungswerte des menschlichen Handelns zu Ungunsten des Konsumenten verschiebt, bin ich dann doch für die Wiederherstellung der Waffengleichheit. Allerdings nicht dadurch, dass etwas verboten wird, sondern dadurch, dass die angewandten Verschleierungstaktiken durch Transparenzvorschriften ausgehebelt werden. Die Entscheidung hat dann immer noch jeder selbst.

  2. Monopolisierung und Kostenloskultur
    Auch wenn Hrn. Heracks Begründungen der Gefahren von Monopolisierung und „Kostenlos“-Kultur angreifbar sind, die grundsätzlichen Gefahren von Monopolisierung lassen sich wohl nicht bestreiten. Gerade wegen dieser Gefahren in der Realwirtschaft gibt es regulierende Stellen, die Monopolbildungen entgegen wirken. Eine ähnliche Regulierung wäre für die Datenhändler-Branche ebenfalls wünschenswert.

    Welche Auswüchse „Kostenlos“-Dienstleistungen haben, lässt sich ebenfalls in der Realwirtschaft schön beobachten: Beratung für Versicherungen und Kapitalanlageprodukte wurde und wird in der Regel „kostenlos“ angeboten. Die entsprechenden Verwerfungen waren so stark, dass sich der Gesetzgeber gezwungen sah, Transparenzregeln gesetzlich vorzuschreiben (der Ausweis der Effektivzinsen -erinnert sich noch jemand? -, dann die Beratungsprotokollierung (ein zugegeben hilfloser Versuch) und die Vorschrift zur Offenlegung der Abschlusskosten. Die existierenden Alternativen zur „kostenlosen“ Beratung existieren (Honorarberatung). Sie können sich aber am Markt nicht durchsetzen, weil den allermeisten die transparenten Kosten viel zu hoch erscheinen – auch wenn sie im Vergleich zu den versteckten Kosten einer „kostenlosen“ Beratung nur einen Bruchteil ausmachen. Eine ähnliche Entwicklung haben wir bei den „Kostenlos“-Dienstleistungen der Datenhändler.

    Die Menschen haben eine Eigenverantwortung. Die in meinen Augen zu diskutierende Frage ist, wo verläuft die Grenze, an der die Menschen vor sich selbst geschützt werden müssen? Die ist sicher schwer bestimmbar. Es geht auch nicht um Verbote, sondern um das Herstellen von Transparenz, die eine rationale Entscheidung auch dort wieder möglich macht, wo die bisherige Entscheidung durch das Ausnutzen von (intransparenten) psychologischen Effekten vom Individuum regelmäßig zum eigenen Nachteil getroffen wurde.

    • angreifbarkeit
      der angreifbarkeit bin ich mir bewusst. momentan herrscht ja mehr ein definitionskampf, aus dem heraus sich dann maßnahmen ableiten lassen werden.

      mfg
      mh

  3. Kommunikation durch die Privatwirtschaft
    Kommunikation durch Nutzung privatwirtschaftlich, also gewinnorientierter Unternehmen ist ein Unding. Kommunikation ist Sache der Kommunizierenden, also der Gesellschaft. Das lässt sich nicht gewinnorientiert gestalten.

    Die Privatwirtschaft ist nur dem eigenen Nutzen verpflichtet, also ihrem Gewinn. Das ist auch gut so. Kommunikation ist nur den Kommunizierenden verpflichtet, also dem menschlichen Gegenüber.

  4. Benannter Herr Bernau trat hier aber als Demagoge auf (1)- im Gewand scheinrationaler Argumentation
    jetzt gaben „wir“ eine Antwort, die ihn und uns und den Gegenstand dankenswerter Weise ernst nahm.

    Fehlt aber noch eine vermutlich ebenso polemische Antwort. Oder wie sagte unsere Emanzipation Alice Schwarzer schon vor 25 oder 30 Jahren? „Mit bestimmten Arten von Männern habe ich aufgehört, zu versuchen, rational zu diskutieren – denn das bringt nichts. Das musste ich aber auch erst lernen. Stattdessen konzentriere ich mich heute auf die, die zu gewinnen sind, das bringt mehr. Und die anderen muss man eben aussterben lassen.“

    Eine wunderbare kluge Stellungnahme von ihm, und so nötig, danke!

    Und man erinnere der militärischen Strategien – die würden heute anscheinend überall auf der welt und in immer wachsendem Maße in den Gesellschaften gelebt, und wäre es unreflektiert (höchster Triumpf des Militärischen also?). Wie gewinnt man also?

    vier komma fünf zutaten: aufbau, verteidigung, angriff und vorbeugende zerstörung/zersetzung. könnte man in jedem shooter sehen:

    wer nur aufbaute, verlöre. wer nur aufbaute und verteidigte auch. wer aufbaute, verteidigte und angriffe wäre schon relativ gut.

    der zukünftige sieger aber verwendete immer – rational im sinne seiner strategie – auch die „vorbeugende zerstörung“ – also die u-boot-hallen-baupläne des erkennbaren gegners schon in den architekten-schubladen zu verbrennen, oder auf dem cad-system zu verwirren. und das ist heute große mode, „nsa-top-handeln global“, man weiß.

    und herr bernau hier nur ein kleiner ausfluss davon, also der allgm. lage. aber immerhin schwärmte er – geschickt und beauftragt von kenntnisreicheren oberhalb von ihm – vorbeugend aus, um anderen den argumentmarkt – den diese, und wäre es ihnen selbst noch unbewusst – sich bereits in der schublade vorbereiteten – oder auch nur vorbereiten könnten.

    nichts neues unter der sonne – and now counteraction.

    (was aber bliebe, wären nicht nur neues unter-armutsgrenzeschichten – sondern auch, dass alle dieses – und ohne es zu wissen? – oben genanntes „4,5-modell“ verinnerlicht hätten, nicht einmal zur kenntnis nähmen, von wo diese – für sie vermutlich neue art des sozialverhaltens – eigentlich zu ihnen gekommen wäre? von daher für uns auch die FAZ bis auf weiteres im großen eher unreflektiert – und weiterhin trend-opfer auch. bernaus aussagen helfen ihm (auf sicht) selbst ja auch nicht, also „gegen google“ z.b. nicht, grad so nicht wie print – und der faz als print.)

    die angelsächsische welt also aussterben lassen?
    .
    1 – tut er ja häufiger, ein braver mann, „having been well listening to his masters voice before“.

  5. Umgang mit Risiken
    Die Idee, dass sich auf Märkten rationale Erwägungen gegeneinander austarieren, hält sich ja nur noch bei alt-dogmatischen Ökonomen, die nichts anderes haben als Modelle, also abstrakte Marktvorstellungen. In der Praxis zeigt sich immer ein Gemisch von Rationalität, überlisteter Rationalität und psychischen Motiven.
    Zu der einfachsten Methode, das rationale Bemühen der Käufer auszutrickesen, gehören Preisstrategien, vor allem aus dem Grund, weil die Logik von Zahlen nur einen einstufigen Gedankenweg braucht: Kostenlos ist besser als jeder Preis, ein billiger Preis ist besser als ein teurer, ein Rabatt ist besser als der volle Preis („2 ist besser als 1“, so brachte es Warhol mal auf den Punkt).
    Für den Kunden bleibt dann nur noch die Risikobetrachtung und der Umgang mit wahrgenommenen Risiken. Dafür enwickeln Menschen unterschiedliche Strategien, je nach dem wie sie das Risiko beurteilen (Wahrscheinlichkeit und Gefährlichkeit) und welche Strategien möglich sind (Risikoeinschätzungen sind der irrationalste Teil des Kaufakts, weil echte Wahrscheinlichkeitsbetrachtungen zu kompliziert sind).
    Bei Facebook findet man die ganze Pallette der Risikostrategien: Komplettes Fernbleben, Facebook nicht auf dem Smartphone installieren und wenig nutzen, Tarnnamen (sehr häufig bei Jugendlichen als Versteck vor Autoritäten), abtauchen in die private KOmmunikation via Facebook und ansonsten nichts posten, bestimmte Funktionen „ausgliedern“, und dann gibt es sicherlich noch einen Bodensatz von 5 bis 10%, die völlig sorglos sind und z.B. bedenkenlos ihre Adresse, für alle einsehbar, auf Facebook veröffentlichen.
    Der „breite Markt“ verhält sich bei Facebook jedoch längst defensiv (jedenfalls in D), wobei der Gegener teilweise in Facebook gesehen wird (Datenproblem), teils aber auch in der Öffentlichkeit (Privacy-Problem). Für Facebook liegt da eine Schwierigkeit, weil sie immer mehr Daten-Querverbindungen benötigt, um die einzenen Nutzer quasi per Hochrechnung segmentieren zu können. Ich wäre da gar nicht so optimistisch wie die Dystopiker, dass dabei überhaupt hervorragende Ergebnisse herauskommen.
    Für Werbezwecke ausgespäht zu werden, sieht (bislang) kaum jemand als Risiko, weil er schon gewohnheitsmäßig „nein“ sagt. Wir sind ja längst alle darauf eintrainiert, Werbung auszublenden oder seufzend hinzunehmen – die Überfülle bedroht sowieso die Effizienz. Facebook versucht dieses Problem für die werbetreibende Indistrie zu lösen, schafft das aber auch nicht recht. Nach meiner Beobachtung ist die Relevanz von Facebook-Werbung immer noch ziemlich gering und liegt eher noch unter der klassischen Steuerung über affine Umfelder, das wäre ein Beweis dafür, dass Facebook nicht nur auf einem Berg von Daten sondern auch auf einem Müllberg von Daten sitzt und die Algorithmiker Mühe haben, den einen Berg vom anderen zu unterscheiden. Im Moment profitiert Facebook davon, der beste Kanal für Werbung auf dem Smartphone zu sein. Das muss nicht so bleiben …
    Ob die Wahrnehmung der Risiken so relativ entspannt bleibt? Ich würde nicht darauf schwören. Wenn Facebook mit der automatischen Gesichtserkennung weitermacht, könnte ein Nutzungskollaps kommen. Die Marke Facebook ist sowieso bereits innerlich hohl – es gibt keine andere weltweit führende Marke, die mit so viel Antipathien belastet ist. Das könnte noch mehr Bedeutung bekommen, zumal weil einmal verloren gegangene Naivität nie wieder zurückkehrt, d.h. die innere Ablehnung kumuliert sich, auch während die Nutzung insgesamt noch wächst. Von daher steht zu vermuten, dass das Facebook-System in 5 bis 10 Jahren anders genutzt wird als heute – deutlich defensiver und im Ganzen weniger. (Der echte, unverzichtbare Nutzen ist ja gering und kann jederzeit auf andere Plattformen weiterwandern bzw. sich weiter aufteilen …)

    • auswertbarkeitkeit
      über die fähigkeit dieser unternehmen, ihre daten überhaupt sinnvoll auszuwerten, kann man sich ja trefflich streiten. ich sehe das auch eher nicht in der jetzigen konstellation.

      was man jedoch beobachten kann ist, dass die erkenntnisse aus der datenauswertung dafür verwendet werden um die plattformen entsprechend anzupassen. das heißt die in „das internet“ hineingebauten bewegungsräume werden erst monopolisiert und dann die handlungsoptionen der nutzer so gesetzt, dass sie in einer gewissen zwangsläufigkeit daten wie auch geld verlieren.

      ein überzogenes beispiel für diesen werdegang ist „farmville“ von zynga. oder diverse erfolgreiche abwandlungen davon. allen liegt das kozept zugrunde, den spieler an handlungen zu gewöhnen und in diese gewöhnung hinein das ausgeben von geld zu implementieren. ein wichtiger faktor dabei ist zeit, aber eben auch der soziale zwang. und die spieler sind zugleich die versuchskaninchen, an denen für weitere und andere plattformen getestet wird.

      deswegen glaube ich auch, dass die big data-debatte in die falsche richtung läuft. nicht das vorhersagen der welt ist das drohende, sondern das schaffen einer welt, die durch ihre begrenzheit steuerbar wird und in der dadurch vorhersagen eintreffen.

      mfg
      mh

  6. Datenmarkt: Der Kunde lebt unter der Armutsgrenze
    Der Mensch lebt unter der Vernunftgrenze, das „alle Probleme“ beinhaltende Dilemma.

  7. "Wo ist ihre Schmerzgrenze", 98% bekamen die Antwort: Na bei Ihnen
    Die Kunden interessiert nur eins und das ist der Preis. Wurden sie über den Tisch gezogen fangen sie zu jammern an.

  8. Nur eine Stellungnahme zu einem einzigen Punkt:
    „In der Aufzählung von Patrick Bernau fehlt nach 2. der sehr wichtige Aspekt, dass die Verkäufer schlechter Gebrauchtwagen dadurch die Verkäufer guter Gebrauchtwagen aus dem Markt drängen.“

    Eben dies geschieht ja nicht im Internet. Das Gegenteil ist der Fall. Dadurch, dass eine internationale Auswahl herrscht und eine recht hohe Transparenz, ist es einfacher als beim Gebrauchtwagenhändler.
    Recht schnell haben sich die vertrauenswürdigen Seiten unter den zur Auswahl stehenden herauskristallisiert und die schlechten „Gebrauchtwagenhändler“ gehen komplett ein, da eine Seite unbegrenzt neue Kunden bedienen kann im Gegensatz zu einem einzelnen Mensch, dem Gebrauchtwagenhändler.

    Und genau das ist auch passiert: Es gab mal einige Internet-Suchseiten. Doch als man google kennengelernt hatte, wollte man nicht mehr zurück zu den minderwertigen Seiten wie Yahoo.
    Die schlechte Seite wurde recht radikal aussortiert.
    Ähnlich erging es myspace und vielen anderen.

    Die Monopole im Internet sind einfach Folge der Tatsache, dass man außer dem Klassenbesten keinen anderen Dienst braucht.
    Sie brauchen nur eine searchengine – klar das man das die optisch angenehmste, mit der besten Suche und interessanten Zusatzfunktionen wie einer weltweiten Landkarte nimmt.
    Und bei Nachrichtenseiten ist es das gleiche: Sie brauchen nicht mehr viele Zeitungen – sie nehmen einfach die Beste – oder von mir aus noch eine 2te, deren Sportteil sie mehr überzeugt.

    Es ist also kein „Marktversagen“ sondern eben eine völlig andere Art „Markt“.

  9. Quark...
    „Ein Markt funktioniert erst dann, wenn der Kunde nein sagen kann.“
    Wie das vom Autor (Oder sollte man hier auch nach Lust & Laune mal ein „Autorin“ einstreuen?) erwähnte Beispiel Oggl zeigt, können die Kunden nein sagen, aber ganz offenbar will es die Mehrheit nicht.

    “ Da es sich im Fall der Internetunternehmen um das „nein“ zur Kommunikation mit dem Freundes- und Bekanntenkreis handeln würde, lässt sich ein grundsätzlicher Zwang zum „ja“ herleiten.“
    Der Kommunikationsweg zum Bekanntenkreis ist eine Entscheidung des Kunden. Wenn diesem andere Wege als Facebook et al. zu mühselig oder zu teuer sind, ist das noch lange kein Zwang.
    Mal abgesehen davon, daß das wohl kaum echte Freunde sein können, wenn der einzige akzeptable Kommunikationsweg so ein Schrott wie Facebook ist.

  10. Wie diskutiert man eine These, die aus einem (starken) Anreiz einen "Zwang" macht?
    Und damit die Wahlmöglichkeit negiert, obwohl eine Wahl immer und ausnahmslos einen Verlust bereits impliziert?

    Grob vereinfacht sagt Herack, dass es überall dort keinen Markt gibt, wo die Menschen einen starken Anreiz haben, bestimmte Waren oder Dienstleistungen zu kaufen. Wenn es keinen Markt gibt, können Unternehmen nicht vom Markt verschwinden, pleite gehen oder durch Alternativangebote ersetzt werden.

    Das widerspricht jeglicher historischer wie Lebenserfahrung. Was ist im Netz nicht schon alles blitzschnell grossgeworden und wieder verschwunden? Nehmen wir zum Beispiel AOL – in den Neunzigern DAS Netzzugangsportal für jedermann. Nach Herack hätte AOL unmöglich in der Bedeutungslosigkeit verschwinden können, da Millionen von Menschen (nur) über AOL ins Netz gingen und (nur) über AOL im Internet kommunizierten. AOL IST aber in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, also,gab es einen Markt, der funktionierte, er schaffte bessere (schnellere, günstigere, bequemere etc.) Alternativangebote und die Leute nahmen sie an.

    Und natürlich ist der starke Anreiz „Hey, alle meine Bekannten sind schon bei facebook“ noch immer kein Zwang, auch kein faktischer. Dafür fehlt das Kriterium „Überlebenswichtigkeit“, d.h., ohne Wahrnehmung des Angebotes wäre ich in meiner Existenz gefährdet. Also hat Bernau Recht – die Menschen gewichten Datenschutz de facto niedrig, bisher darin unterstützt durch das Fehlen existenzbedrohender Datenskandale mit Massenpotential (Einzelfälle reichen nicht).

    Wie man mit dem starken Anreiz umgeht, demonstrieren eine Reihe jüngerer Kollegen: Sie alle haben einen facebook account. Aber einen mit minimalst möglicher Füllung, ausschliesslich benutzt, um mit denen in Kontakt zu bleiben, die nur auf facebook unterwegs sind.

    Und ich warte einfach auf den grossen Datenskandal und/oder auf das bessere Angebot im Netz, dessen Initiatoren nicht an google oder facebook verkaufen (wollen). Dann wird man feststellen, dass der Markt selbstverständlich funktioniert. Benutzte man ernsthaft Heracks Kriterium (starker Anreiz = Zwang), hätte es im Zeitverlauf der letzten Jahrhunderte überhaupt niemals zu Angebotsveränderungen, Unternehmensuntergängen und -aufstiegen, kurz, zu Marktbewegungen kommen können. Denn zu jedem definierten Zeitpunkt gab es immer Angebote, die nach Herack einem Zwang gleichzusetzen waren und für die es niemals Alternativen hätte geben dürfen.

    Am schönsten war „… es ist für die Nutzer sehr schwierig, sich zu organisieren …“ Zu einem Zeitpunkt, wo weltweit nichts einfacher geworden ist, als Kommunikation? Wie haben es unsere Vorfahren zu Zeiten von Postkutsche und Telegramm eigentlich jemals geschafft, so etwas wie Gewerkschaften zu bilden? Parteiorganisationen? Einkaufsgenossenschaften? Konsumentenvereine?

    Es war ihnen wichtig, weil es für ihr Leben eine Bedeutung hatte. Und wer alle seine Daten zu facebook oder google schaufelt, für den haben seine Daten eben keine wirkliche Bedeutung. Das als Marktversagen zu konstruieren, dazu muss man schon mit so seltsamen Konstrukten wie „starker Anreiz=Zwang“, „Nutzerorganisation=sehr schwierig“ und „Nichtfacebooknutzer=gesellschaftlich Ausgegrenzte“ arbeiten. Mit der Art von Definitionen funktioniert allerdings jede noch so abstruse Idee, notfalls definiert man eben, dass 2×2 fünf ergibt.

    Weiterführende Gedanken ermöglicht das nur im extremen Ausnahmefall.

    Gruss,
    Thorsten Haupts

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