Wostkinder

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Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Ost und West.

Die Aufsteiger: Über einen gesellschaftlichen Kostenfaktor

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Das westdeutsche Bürgertum kümmert sich vor allem um seinen Aufstieg, woran man auch im Osten Gefallen fand. Was kostet dieser Egoismus das wiedervereinigte Deutschland?

Auch 24 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung gibt es sie noch, die Aufstiegsgeschichten. Sie sind überall zu finden. Zum Beispiel in einem kleinen Oldenburger Büro-Wohnungs-Parkhaus, in dem vor drei Jahren die siebzigjährige Hausmeisterin rausgeworfen wurde. Zu alt. Außerdem konnte sie nichts reparieren, sondern musste immer gleich die Handwerker rufen. Dafür hat sie gut geputzt, die Kommunikation innerhalb des Hauses aufrechterhalten und wusste, mit welchen Tricks man die maroden Garagentore in Gang setzt.

Das reichte nicht. Die Dame, die sich nur aufgrund ihres Berufes die Wohnung im Haus leisten konnte, wurde durch eine Hilfskraft ersetzt, von der ein Jahr lang nichts zu merken war. Keine ausgetauschten Glühbirnen, kein geputzter Boden und vom Rest möchte man gar nicht reden. Nach vielen Beschwerden und einem Jahr kamen die Aufsteiger. Das sah man ihnen freilich nicht an der Nasenspitze an. Schmuddelig und mit einem Körperbau versehen, den manches Klischee der Unterschicht zuspricht, begannen sie zu putzen. Das Haus wurde sauberer. Die Aufsteiger überredeten den Verwalter Geld zu investieren um die Garagentore zu reparieren. Eines Tages zupften sie all das Gras von der Dachterrasse und wuschen deren Steine. Das Regenwasser konnte somit wieder ordentlich abfließen. Was für eine Arbeitsleistung! Das Sonderbare ist, dass die Aufsteiger nur einmal in der Woche an dem Objekt arbeiten. Nachmittags. Vormittags arbeiten sie täglich woanders. Er als Busfahrer. Nachmittags betreuen sie verschiedene Objekte und tun, was immer es braucht um diese in Schuss zu halten. Da es immer mehr zu tun gibt, wenn erstmal etwas getan wird, hilft mittlerweile auch ihre Tochter und steht für Noteinsätze bereit. Ein kleines Familienunternehmen mit mehreren Jobs, flexiblen Arbeitszeiten und einer Menge nicht-Kommunikation, denn das stört nur beim Arbeiten und wird auch nicht bezahlt.

Aber diese Arbeit, diese verschiedenen Häuser und Berufe, sie haben mit den Aufsteigern etwas gemacht. Die Frau trägt jetzt Lippenstift und färbt sich die Haare. Sie schminkt sich, ihre Haut wirkt glatter. Die Kleider kommen nicht mehr aus dem Kleidungsdiscounter. Der Mann trägt neuerdings Hemden und die Jeans sind nicht mehr verlodert. Die Haare meist gekämmt. Seine neue Brille: ein Hauch von Luxus. Man sieht ihnen den sozialen Aufstieg zumindest dann an, wenn man sie am Anfang ihrer Karriere gesehen hat.

© Katrin RönickeEs wächst zusammen, was zusammen gehört?

Es muss ja nicht immer der Tellerwäscher sein, der zum Millionär wird. Wirtschaftswunder geschehen viel öfter im Kleinen und machen Menschen glücklich. Auch ein Blick auf die blühenden Landschaften Ostdeutschlands zeigt viele solcher Geschichten. Die eine hat ein Autohaus, die andere verkauft Versicherungen oder arbeitet in den ruhigen Büroräumen der Stadtverwaltung. Es reicht dann gerne mal für ein Häuschen im Wald. Die wirklich Erfolgreichen (Imbissstubenbesitzer vor Kaufhäusern) kaufen sich Stadtvillen. Was bei Beobachtungen wie diesen gerne übersehen wird, sind all jene, die auf der anderen Seite stehen. Die sich nicht durchsetzen konnten oder die den Aufsteigern eine der miesen Versicherungen abkauften, die im Notfall nicht zahlte.

Ein Phänomen, das fast allen Aufsteigern gemein ist, ist der Glaube an die eigene Leistungskraft. Man hat das, was man erreicht hat, durch harte Arbeit erreicht. Es ist ein enormer Verdienst des Individuums. Die Außenwelt ist nur der Resonanzkörper für den Erfolg des eigenen Tuns. Übersehen wird dabei, dass nebst Schaffenskraft, auch viel Glück und Timing dazu gehört. Aber es geht ja auch nicht um die Wahrheit, es geht um die Abgrenzung gegenüber den nicht Erfolgreichen. All jenen, die offensichtlich nicht ausreichend gearbeitet haben. Die ihre Lebenszeit anders investieren möchten oder die schlichtweg niemals erfolgreich sein konnten. Die häufigste Form des Aufsteigers ist diejenige, die von der Unterschicht in das Bürgertum wandelt und dort einen aufnahmebereiten Acker für ihre Ansichten findet.

In der stark vom Bürgertum geprägten westdeutschen Gesellschaft hat sich um diese Wahrnehmung herum einen Mythos gesponnen, der auch seine Nachkommen in die Überlegung mit einbaut. Es ist die Chance auf die Schaffung einer Dynastie, für die gearbeitet und geschuftet wird, egal wie klein der Reichtum auch ist, der am Ende dabei rumkommt. Das Bürgertum will (und wollte schon immer) nach oben. Es möchte sich nicht zwangsweise vermehren und somit ein Machtfaktor sein, denn die Macht liegt nur während der Revolution im Bürgertum. Ihm strebt es nach dem, was es bewundert. Nach dem Status des Adels und seiner beständigen Machtausübung über Jahrhunderte hinweg. Dem Status eines Karl-Theodor zu Guttenberg, der selbst in seinem Betrug und Scheitern dem Bürgertum vor Augen führt, dass er nicht fallen kann.[1]

© Marco HerackMuss man sich erstmal leisten können.

Die Bürgerlichen haben sich nie mit ihrem Stand in der Mitte zufrieden gegeben. Dieser im Ursprung ihres Seins entspringender Drang hat sich mit der zunehmenden monetären Durchdringung des Lebens verstärkt. Es sind nicht mehr nur grob die gesellschaftlichen Stufen erkennbar, die auch heute noch Klassen sind und die seit Jahrhunderten ähnlichen Risiken unterliegen. Mittlerweile sind auch die Details eines jeden Daseins von außen zu besichtigen. Wohnlage, Kleidung, die Fähigkeit Auswärts zu Essen, der Kaffee zwischendurch und sogar die Marke der Limonade zur Leistungssteigerung. Alles ist zu einem Gradmesser geworden und wird folgerichtig auch als Datenmaterial von verschiedenen Unternehmen gesammelt.

Die damit zum ausführenden Arm des Bürgertums wurden, also eine banale Nachfrage bedienen, deren Ziel die Beobachtung ist: Wer droht abzurutschen? Wer ist vor dem Aufstieg? Wo sind die unsicheren Kandidaten und bei wem darf man sich nicht mehr blicken lassen, um den eigenen Status zu wahren? Mit Verlierern will keiner sein. Niemand will Verlierer sein. Der Beruf eines Menschen spricht Bände und die Kleidung schreit es in die Welt hinaus. Darum wird an diesen Punkten gefeilt und betrogen. Doch die Details des Habitus, lassen sich ebenso gut kategorisieren wie sie unvermeidlich sind.

In diesem Sinne hatte der Westen vor 24 Jahren eine einmalige Gelegenheit. Er konnte sich mit einem Ostdeutschland zusammentun, das all diese Zwänge nicht hatte. Es war frei von ihnen und hatte zugleich eine Gesellschaft, die zwar von einer Diktatur geprägt war, die aber auch ein soziales Gewissen in sich trug. Der Zusammenhalt, Solidarität, tatsächlich etwas bedeutete. Deren genetisches Ziel nicht das Aufsteigen war. Wobei das natürlich nicht stimmt. Eine Vielzahl jener Sachsen, die noch heute von ihrem Kampf gegen das Regime schwärmen, wollte einfach nur ein besseres Leben. Sie wollten konsumieren. Doch niemand fragte nach dem Preis, den das kostet wird. Denn während alle nur an sich dachten, vergaßen sie die anderen. Und so kann die SUPERIllu in einer Umfrage auch heute noch feststellen, dass für 74% aller Ostdeutschen der größte Verlust durch die Einheit „der Verlust des Zusammenhalts in der Gesellschaft“ ist. Jetzt weiß man solcherlei.

Daraus könnte das von Abstiegsängsten geplagte „gesamtdeutsche Bürgertum“ etwas lernen.

 

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[1] Der ultimative Bürgerliche, Thomas Mann, ist diesbezüglich erhellend. Er steht bis heute geradezu synonym dafür, wofür sich das Bürgertum interessiert und was es niemals sein wird. Das ging nur, weil er selbst eben genau das war. Bezeichnend ist dabei, dass kein großer Denker, schon gar nicht erst eine große Denkerin, mit Thomas Mann etwas anfangen konnte. Denn entweder wollten sie eine Veränderung, eine Verbesserung der Gesellschaft erreichen, oder schlichtweg verstehen. Mit Mann hingegen, kann man nur stehenbleiben und sich selbst als gewichtig empfinden. Lächerlich, höchst lächerlich!

 

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13 Lesermeinungen

  1. Verehrter Autor,
    beim Lesen blieb ich bei dem – nun ja, etwas provozierendem – Foto von Katrin Roenicke haengen. Es ist nicht nur genial sondern auch eine verdiente Klatsche :)

    Von Zusammenwachsen kann keine Rede sein, dennn die Wunden sitzen tief: „ueber 90% des Treuhand-Vermoegens wurde innerhalb von vier Jahren in den Westen auf „vornehme“ Art und Weise „transferiert“. Der Osten versprach Gewinne ohne Ende. Ich komme ins Traeumen bei den Worten Rechts- und Unrechtstaat.“ In Ansaetzen albtraumhaft ist immer noch die nach zehn Jahren erfolgte Schuldzuweisung betreffs des Mordes an Rohwedder.

    Persoenlich enttaeuscht mich immer wieder das vorbereitete Verlangen in Menschenseelen – „Ich habe den Westen entdeckt, wie man Märchenwelten entdeckt” – welches weltweit in absurden Aktionen muendet und letztlich der entsetzlichen „Globalisierung“ immer schneller Vorschub leistet.
    Der feine Geruchsunterschied von Melisse und Minze (Katrin Rönicke) ist vergessen und das Gros ueberliest, dass gleichzeitig die Biopiraterie (aktuell in suedamerikanischen Urwaeldern seitens Agro-Wissentschaftlern von Monsantos und deren Namensderivate) boomt.

    Trotz tiefverwurzeltem Misstrauen und Ablehnung gegenueber Russland seitens ehemaliger DDR-Bewohner ist nicht zu leugnen, dass in in der vergangenen Vergangenheit etliche Westdeutsche dem Ruf gen Osten folgten. Ein interessanter Aspekt ist doch, dass – zack – direkt nach dem Ende des WK2 eine Haelfte Nazideutschlands vor dem Hegemon weit hinter dem Atlantischen Ozean buckelte und der andere Teil Konformitaet mit den Vorstellungen Moskau´s zeigte. Manchmal schaeme ich mich, Deutscher zu sein. Auch aus dem Grund, dass die unter Hitler in Anfaengen geschaffenen ultimativen Waffensysteme in den Haenden beiden Supermaechte bis zur scheinbaren Perfektion weiterentwickelt werden konnten.
    Ist das das Vermaechtnis Deutschlands an die Welt? Ungeliebter Konkurrent, technisch innovativ, jedem Fuehrer blindlings gehorchend? Ein Aufsteiger und shooting star namens Werner von Braun hat den Begriff „Wendehals“ zu Recht verdient. Andererseits ergaben sich im Nachkriegsdeutschland (West) gar unappetitliche Karrieren von Nazi-Richtern, die noch Monate und Jahre zuvor Todesurteile aussprachen und spaeter ihre „verdiente“ Rente erhielten.

    „Quo vadis“ …. einmal ist wahr, dass viele Lemminge waehrend ihrer Wanderungen auf der Suche nach neuen Lebensraeumen nicht ueberleben; andererseits waren die „dramatischen Szenen des Disney-Films »Abenteuer in der weißen Wildnis«, in denen sich Massen von Lemmingen in ein Flusstal gestellt, sagt der kanadische Journalist Brian Vallee. Keiner der Lemminge im Film sei lebensmüde gewesen. Vielmehr hätten die Disney-Leute die Lemminge kamerawirksam in den Abgrund geschubst.“
    Beruhigend zu wissen, dass Hollywood wieder einmal gelogen hat.

    PS:
    Margot Benary-Isbert „Ich komme Larry“ (englisch: The Long Way Home!!!) von 1959…
    Leider hat sie in ihrer Angst vor den Russen die ganze Zeit ihres Lebens einige Fakten des von 1950 bis 1953 dauernden Koreakrieg ausgeblendet. Sie muss auch sonst von weiterer geschichtlicher Bildung verschont geblieben sein. 1957 wurde Margot glueckliche US-Staatsbuergerin – folgerichtig. Sie hat Gott sei Dank die Verwandlung Detroit´s von Boomtown in geliebte Filmkulisse fuer Endzeitfime nie erlebt.

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