<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Deus ex Machina</title>
	<atom:link href="http://blogs.faz.net/deus/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://blogs.faz.net/deus</link>
	<description>welches ein Blog vorstellt, worin getreulich und mit Plaisir berichtet wird von den göttlichen Internetmaschinen neuester Art.</description>
	<lastBuildDate>Tue, 14 May 2013 09:43:12 +0000</lastBuildDate>
	<language>de-DE</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	
		<item>
		<title>„Der ist süß, den wähle ich vielleicht“</title>
		<link>http://blogs.faz.net/deus/2013/05/13/christian-lindner-ist-sus-den-wahle-ich-vielleicht-1514/</link>
		<comments>http://blogs.faz.net/deus/2013/05/13/christian-lindner-ist-sus-den-wahle-ich-vielleicht-1514/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 13 May 2013 20:01:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Teresa Bücker</dc:creator>
				<category><![CDATA[Beteiligung]]></category>
		<category><![CDATA[Jugend]]></category>
		<category><![CDATA[Piraten]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blogs.faz.net/deus/?p=1514</guid>
		<description><![CDATA[<p>Die Piraten wollten insbesondere jungen Menschen, die sich von anderen Parteien nicht repräsentiert fühlen, eine Stimme geben. Dazu reicht das Internet allein nicht aus. <a href="http://blogs.faz.net/deus/2013/05/13/christian-lindner-ist-sus-den-wahle-ich-vielleicht-1514/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/violandra_temeritia_von_avila/">Teresa Bücker</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><span style="font-size: small;"><em>Wir sind viele<br />
Und uns einander ewig fremd</em></span></p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img class="size-large wp-image-1520" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/05/Ohne-Titel-1024x663.png" width="584" height="378" /></div><span class='Bildnachweis'>&copy; Teresa Bücker</span><span class="Bildunterschrift">Marie-Juchacz-Saal, Reichtagsgebäude.</span></div>
<p>„Nee, die Piraten doch nicht. Bist du verrückt?“, lacht meine kleine Schwester ins Telefon. „Christian Lindner ist süß, den wähle ich vielleicht.“ Sie gehört zur jüngsten Gruppe der Wählerinnen, die in diesem Jahr ihre Stimme abgeben dürfen. In der europäischen Realität wird jedoch der italienische Ministerpräsident Enrico Letta mit 47 als <a rel="nofollow" href="http://www.tagesschau.de/ausland/portraet-letta100.html">&#8220;Jungspund&#8221;</a> bezeichnet, im letzten Jahr meiner Zwanziger darf ich mich blutjung fühlen, die noch Jüngeren müssen demnach Babys sein. Über die Jungen und Mädchen, die halb so alt sind wie ich selbst, weiß ich so gut wie nichts. In der U-Bahn huschen täglich magersüchtige Mädchen mit tiefen Augenschatten an mir vorbei, anderen Teenagern klebt so viel orangestichiges Make-up im Gesicht, wie ich in drei Jahren nicht verbrauche. Einer Horde männlicher Jugendlicher möchte ich in manchen Gegenden Berlins nachts nicht alleine begegnen, wiederum andere sieht man niemals, da sie in abgedunkelten Kinderzimmern zocken, im Bundestag laufen sie mit großen Augen und mühsam geknoteten Krawatten umher. Ich habe noch nie einen Praktikanten gesehen, dessen Anzug gut sitzt. Ob sie sich sicherer in der erwachsenen Stoffhülle fühlen?</p>
<p><span style="color: #000000; line-height: 24px;">Eigentlich möchte ich sie alle in den Arm nehmen und verraten, wie schön das Älterwerden ist; die Zeit zwischen 14 und 19 ist vielleicht die härteste Probe, das sage ich Maria, als sie schnell von meiner Ausgangsfrage, ob sie die Piratenpartei wählt, umschwenkt auf ihren Liebeskummer. Im Vorfeld der Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen habe ich sie oft angerufen und versucht mit ihr über Politik zu sprechen. Obwohl sie in ihrem dualen Studium einen rechtswissenschaftlichen Schwerpunkt hat und einige Monate in der Ausländerbehörde arbeitete und Verstörendes über Abschiebungen erzählte, nahm sie auf Wahlplakaten zunächst den blonden FDP-Politiker wahr, den sie als <em>Eye Candy</em> unter wählbar verbuchte. Sie postet bei Facebook Partyfotos und Einträge über Unlust auf Klausuren, die sie überdurchschnittlich gut absolviert. Von der politischen Filterbubble, in der ich mich bewege, lebt und klickt sie weit entfernt.</span></p>
<p>Ich bitte sie am Telefon, den Livestream des Piratenparteitags in Neumarkt anzumachen, den schon partei- und politikerfahrene Twitternutzer als <a rel="nofollow" href="http://www.sheng-fui.de/wp-content/uploads/2013/05/Bundesparteitag-der-Piraten-Bullshit-Bingo.jpg">bizarr</a> bezeichnen. Der Kurznachrichtendienst und Liveblogs helfen dabei, sich in der Tagesordnung zurechtzufinden. Lust auf Politik macht er nicht. „Was machen die da?“, fragt sie, „Das ist nicht ernst, oder doch?“ Sie kommentiert keine Outfits, keine Frisuren, kein Kabelgewirr. Das Parteitagsprozedere provoziert bei ihr keine emotionale Reaktion außer Irritation. Die andere steife Seite von Politik kennt sie aus der Verwandtschaft. Unser Cousin kandidierte in einem tiefschwarzen Wahlkreis für ein Landtagsmandat der CDU, fotografierte unsere Großeltern samt des dazugehörigen Kaninchenzuchtvereins für seine Wahlbroschüren, er hat 469 Facebook-Fans, auf den Fotos herrscht eine Männerquote von 90 Prozent. Einer der letzten Einträge besteht aus einem Foto mit dem Begleittext: „Übergabe eines Schützenvogels an Bundeskanzlerin Angela Merkel“. Bei Familienfeiern werden die Enkelkinder weit auseinandergesetzt; ich solle bloß nicht die gleichgeschlechtliche Ehe thematisieren, den Großeltern zu Liebe, so meine Mutter. In diesen Räumen auseinanderklaffender Werte, denen ein Schweigen gut tun soll, wächst meine kleine Schwester auf und wird unpolitisch. In einem konservativen sozialen Kontext ist ein Piercing schon rebellisch genug, eine abweichende Meinung am Mittagstisch, eine Mitgliedschaft bei der Piratenpartei braucht es da nicht.</p>
<p>Die Piraten repräsentierten zunächst ein politisches Extrem, das schnell harmlos wurde, da es obgleich anders lautender medialer Darstellung die Jugend nur streift, selbst die politische. Die Zeit Redakteurin <a rel="nofollow" href="https://twitter.com/Khue_P">Khue Pham</a> schreibt in der <a rel="nofollow" href="http://www.zeit.de/2013/20/index">ZEIT</a>, als junger Mensch schäme man sich für die Piraten und sei wütend, da sie eine Chance verspielt haben. Sie fragt: „Was wird aus denen, (&#8230;) die sie wählen wollten, weil sie sich von keiner anderen Partei repräsentiert fühlen?“ Doch wer fühlt sich von den Piraten noch repräsentiert? In den Ergebnissen der Meinungsforschung schwindet der Schwarm.</p>
<p><img class="alignnone size-large wp-image-1525" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/05/Foto-6-1024x682.jpg" width="584" height="388" /></p>
<p>In dem Ort, in dem ich aufwuchs, gab es nur die Junge Union – und zu meiner Schulzeit keinen digitalen politischen Diskurs. Gut möglich, dass ich damals den Piraten beigetreten gewesen wäre, oder sie gewählt hätte. Ich war Akte-X-Fan und glaubte an das Paranormale. Jetzt interessieren meine kleine Schwester und ihre Freundeskreis mich in ihrer Normalität: weder besonders politisch noch lethargisch. Maria fühlt sich von keiner Partei repräsentiert, sagt sie, ernüchtert klingt sie dabei nicht. Ihre Freundinnen, die schon ein Kind haben, hätten dafür erst recht keine Zeit. „Die meisten wählen das gleiche wie ihre Eltern, wenn überhaupt“, erzählt sie. Als größten Einschnitt hat sie zuletzt das Inkrafttreten des Rauchverbots empfunden: „Das hat eingeschlagen wie eine Bombe. Ich bin erwachsen und werde immer noch bevormundet.“ Sauer auf eine spezielle Partei ist sie nicht: &#8220;Die Politik halt.&#8221; In ihrem Zimmer hängt das „I want to believe“-Poster aus Fox Mulders Büro, das ich bei meinem Auszug da ließ. Ich glaube immer noch, dass Beteiligung an Politik eine gute Idee ist. Ich hatte und habe die Hoffnung, dass irgendeine politische Organisation zu einer Heimat für jemanden wie meine kleine Schwester werden könnte. Maria ist der Typ Mensch, die Klassensprecherin wird sobald sie den Raum betrifft. Repräsentierte sie die Durchschnittsfrau, läge die Quote in Führungspositionen bei mindestens 90 Prozent. Sie will einmal Chefin werden, sagt sie, „egal wo.“ Sie erinnert mich ein bißchen an Julia Klöckner, nur dass sie niemals Weinkönigin werden oder den Schützenkönig küssen müsste, doch vielleicht ist der Vergleich auch schief, denn sie würde politische Phrasen niemals beherrschen und stattdessen mit Neuschöpfungen der Jugendsprache für Ordnung sorgen. Sie leitet jeden dritten Satz mit „Alter!“ ein und sagt dann etwas sehr Kluges. Ich mag diesen wütenden Slang, weil er lebendig klingt. Meine Projektion schwankt zwischen dem Wunsch nach ihrem politischen Engagement und dem Wunsch, sie politisch inkludiert zu sehen.</p>
<p><span style="color: #000000; line-height: 24px;">Das </span><a rel="nofollow" href="http://www.jugendwort.de/jugendwort.cfm">Jugendwort des Jahres</a><span style="color: #000000; line-height: 24px;"> löst bei seiner Bekanntgabe stets Verwunderung aus, doch es sollte nachdenklich stimmen, dass wir junge Menschen so selten in ihrer eigenen Sprache sprechen hören. Dieser Text ist das allererste Mal, dass ich „YOLO“ überhaupt tippe. Der durchschnittliche junge Mensch ist ein vernachlässigtes Thema, das Englische stellt dabei mit dem schönen Begriff </span><a rel="nofollow" href="https://twitter.com/lheron/status/325706725103644672">„undercovered topic“</a><span style="color: #000000; line-height: 24px;"> die journalistische Komponente hervor, eine politische Dimension hat die Zustandsbeschreibung auch. Parteien haben Jugendorganisationen, selbst die Piraten, doch erst der Piratenpartei gelang es Öffentlichkeit herzustellen für einen Ausschnitt von jüngeren Menschen und den besonders internetaffinen, die sich zumindest in technologischen Fragen am Puls der Zeit befinden. Die Antwort, ob in den nächsten Wochen des Wahlkampfes Jugendverbände in Fragen von Teams von Spitzenkandidat_innen eine gewichtigere Rolle spielen werden als Landesverbände, ließe sich vorwegnehmen. Auch die Sprache in (journalistischen) Kommentierungen ist interessant. So heißt es über Gesche Joost, gerade als Expertin für „Vernetzte Gesellschaft“ in das Kompetenzteam von Peer Steinbrück berufen, man wolle über sie </span><a rel="nofollow" href="http://www.sueddeutsche.de/politik/spd-bundestagswahlkampf-steinbrueck-holt-designprofessorin-in-sein-wahlkampfteam-1.1669549">„jüngere Wähler ansprechen“</a><span style="color: #000000; line-height: 24px;">. Das Ansprechen ist dabei kein „Hi, wie geht es dir?“, es ist ein „Wähle uns!“ und dementsprechend kurzfristig konzipiert. Die Piraten hingegen kreisten an diesem Wochenende um die</span><a rel="nofollow" href="http://www.zeit.de/politik/deutschland/2013-05/piraten-online-politik"> innerparteiliche Beteiligung</a><span style="color: #000000; line-height: 24px;">, bevor sie sich überhaupt Gedanken machen konnten, über welche Ansprache sie über die eigene Partei hinaus wirken und zum Mitmachen aufrufen könnten. Die Piraten wollen demokratische Teilhabe früher verwirklichen: Sie fordern die Absenkung des Wahlalters. Doch schaut man sich die Partei heute an, versagen sie nicht nur dabei, die jungen Menschen anzusprechen, die sich in keiner Partei wiederfinden. Anstatt den Gegenentwurf zur etablierten politischen Kultur zu realisieren, haben die Piraten sich als Nischenpartei </span><a rel="nofollow" href="http://astefanowitsch.tumblr.com/post/50330120755/die-piratenpartei-vor-dem-k-o">verschlossen</a><span style="color: #000000; line-height: 24px;">. Offenheit und Inklusion bringt man mit ihnen nicht mehr in Verbindung. Gegen das dicke Fell, das eine Person, die Verantwortung in der Partei übernehmen will, mitbringen muss, wirken andere Parteien kuschelig. Der Flausch hat </span><a href="http://blogs.faz.net/deus/2012/09/06/piratenpartei-der-flausch-laesst-federn-892/">die letzten Federn </a><span style="color: #000000; line-height: 24px;">verloren.</span></p>
<p>Ihr Vorsitzender <a rel="nofollow" href="https://www.piratenpartei.de/2013/05/12/rede-von-bernd-schlomer-zur-eroffnung-des-dritten-sitzungstages-bundesparteitags-2013-1/">sagte</a> auf dem Parteitag: „Die Piraten werden eine neue, andere Kultur einbringen.“ Auch die Kultur ist nur noch eine Phrase, ein weiteres Wort, das ich aus meinem Sprachschatz streichen werde. Die Piraten müssen <a rel="nofollow" href="http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/wir-sind-viele-1">viele</a> sein, wenn sie ihr Versprechen, den Bundestag weniger gemütlich zu machen, dort tatsächlich hineintragen sollen. Doch das Murmeln der Piratenblase, die nicht nur nach und nach Parteihabitus in sich aufgesogen hat sondern auch die leere politische Sprache, besitzt nicht die Schärfe, um in der Gemengelage des Wahlkampfes erkennbar zu bleiben. Gesche Joost, vor einer Woche noch Professorin und seit Freitag Netzpolitikerin im Schattenkabinett der SPD, bekommt zu Beginn der Woche mehr Aufmerksamkeit als die <a rel="nofollow" href="http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/piraten-geschaeftsfuehrerin-katharina-nocun-verdammt-noch-mal-alles-geben-12180529.html">Katharina Nocun</a>, neue politische Geschäftsführerin der Netzpartei.</p>
<p>Bernd Schlömer will angreifen, sagt er am Sonntag, den Rest habe ich zwei Minuten später vergessen. Bushido <a rel="nofollow" href="https://twitter.com/Bushido78/status/333484188474953728">twittert</a> zeitgleich: „Seid dankbar für jede Sekunde, die ihr mit euren Müttern verbringen könnt.“. 627 Menschen retweeten ihn. Laut <a rel="nofollow" href="http://www.re-publica.de/sessions/vermessung-social-media-welt-multiplikatoren-im-netz-ihre-themen-und-resonanz-im-bundestags">Kommunikationswissenschaftlern</a>, die gerade zu Multiplikatoren im Wahlkampf forschen und Tweets auswerten, ist derjenige, der mit politischen Meinungsäußerungen die höchste Reichweite generiert ausgerechnet der Rapper aus Berlin. „Nee, der versteht mich auch nicht. Der findet bestimmt auch gut, dass die Piraten sich für 30 Gramm Gras Eigenbedarf einsetzen. Das ist völliger Nonsens“, sagt meine Schwester während ihr Feuerzeug in den Hörer klackt. „Keine Ahnung,  CDU wähle ich sicher auch nicht, aber sag es Mama nicht.“</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/violandra_temeritia_von_avila/">Teresa Bücker</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blogs.faz.net/deus/2013/05/13/christian-lindner-ist-sus-den-wahle-ich-vielleicht-1514/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>19</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Warum Drosselkom nervt und das Tempolimit egal ist</title>
		<link>http://blogs.faz.net/deus/2013/05/12/warum-drosselkom-nervt-und-das-tempolimit-egal-ist-1504/</link>
		<comments>http://blogs.faz.net/deus/2013/05/12/warum-drosselkom-nervt-und-das-tempolimit-egal-ist-1504/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 12 May 2013 13:38:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>donalphonso</dc:creator>
		
		<guid isPermaLink="false">http://blogs.faz.net/deus/?p=1504</guid>
		<description><![CDATA[<p>Lieber ungebremste Daten als Vollgas auf der Autobahn: Ein Tempolimit für ein ohnehin verzichtbares Auto ist für Internetbewohner oft weniger problematisch, als ruckelnde Videos und lahme Verbindungen. <a href="http://blogs.faz.net/deus/2013/05/12/warum-drosselkom-nervt-und-das-tempolimit-egal-ist-1504/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/donalphonso/">donalphonso</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Eigentlich ist alles für die Autolobby gut ausgegangen: Nur kurz forderte der SPD-Chef Gabriel ein Tempolimit auf den Autobahnen, wie es in den meisten zivilisierten Ländern dieser Erde existiert und dortselbst zu Benzinersparnis und weniger Unfällen beiträgt – da gingen auch schon seine Parteigenossen Steinmeier und Nahles mit der Blutbremse dazwischen: Bloss keine Wählerverärgerung vor den Wahlen! Aber hätte ich davon nicht in der Zeitung gelesen, hätte ich das Ganze gar nicht mitbekommen: In meiner Onlineumgebung gab es keinen Aufschrei, kein Fäkalgewitter, keine Empörung, dass man hier freien Bürgern die freie Fahrt wegnehmen würde. Statt dessen las ich überall von den schändlichen Plänen der Telekom und anderer Internetprovider, ab einer gewissen Datenmenge die Leitungen für die Nutzer zu drosseln.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/05/11ma1.jpg" width="550" height="281" /></p>
<p>Nun ist das mit meinem Netzumfeld so eine Sache: Das sind eher junge, kreative Menschen aus ordentlichen Verhältnissen, und man ist gemeinhin schnell bei der Hand mit lauten Tönen, wenn man mit Entwicklungen unzufrieden ist. Und man erzählt im Netz so einiges über sich, was man isst, in welcher Beziehung man lebt, was man beruflich und privat so treibt, womit man den Abend zubringt, und von einigen habe ich auch die Wohnung gesehen, ohne je dort gewesen zu sein. Aber ihre Autos kenne ich nicht. Ich bin einer der ganz wenigen, bei dem das Auto und das Thema individuelle Mobilität in der Aussendarstellung eine grosse Rolle spielt, ich fahre schon mal zum Käsekauf nach Meran und nehme dabei sechs Alpenpässe mit und schreibe darüber. Aber bei den meisten anderen weiss ich noch nicht mal, ob sie einen Führerschein haben. Ich weiss, wann sie sich ein neues iPhone kaufen, weil sie es dann auspacken und ablichten. Aber ein Auto?</p>
<p>Dabei müht sich die Industrie redlich um Anschluss an die digitale Welt: Vor ein paar Wochen fuhr ich einen brandneuen Lancia über sizilianische Strassen. Das ist im Vergleich zu meiner alten, fast noch vollmechanischen Schleuder eine amüsante Erfahrung, denn der Wagen – eindeutig entworfen für eine junge Zielgruppe – ist ein hochmoderner Computer mit vier Rädern, angefangen bei den Instrumenten und Displays über den CD-Player bishin zu den diversen Warnhinweisen. Dazu kommt ein Navigationsgerät, das mich mit einem Bimmeln jederzeit an Geschwindigkeitsübertretungen erinnert, die ich gar nicht begehe, und mich von Licata nach Mazzarino über 10 Kilometer Strasse schickt, die auf dem Display nach hübscher Bergstrecke aussieht, und in der Realität eine gesperrte Strada Interrotta ist. Das alles fühlt sich wie ein geknebeltes Appleprodukt an, auf dem Windows 8 läuft. Solange man sich an den Anzeigen orientiert, das Schlechteste aus beiden Welten. Zum Glück hat jemand einen Knopf eingebaut, mit dem man Plunder wie die elektronische Fahrstabilitätskontrolle ausschalten kann, und einen Motor, der dann bei 5000 Umdrehungen richtig Spass macht. Bloss nicht nach den Anzeigen gehen! Ansonsten aber ist das ein Rechner mit Rädern. Mit jeder Menge Zusatzfunktionen und Menüs, die kein Mensch je brauchen wird.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/05/11ma2.jpg" width="550" height="278" /></p>
<p>Das alles hat den faden Beigeschmack der Kapitulation; waren Autos früher noch gefährliche Maschinen für Weltenentdecker, die auf Eisen traten, sich an Lenkräder klammerten und Öl und Benzin verbrannten, sind es nun von Sensoren und Software gesteuerte Mobilgeräte. Meine Barchetta etwa, noch ein echtes Auto von 1995, bleibt stehen, wenn sie einen Motorschaden hat. Anderes, abgefahrene Bremsscheiben und Beläge, kaputte Radlager, ausgeschlagene Domstreben, leckende Ölkühler, abgefallene Auspuffe klingen und riechen zwar etwas komisch, ändern aber nichts am Vorwärtsdrang, mit dem sie über Alpenpässe fliegt. Der Audi meiner Mutter dagegen schaltet auf auf eine Art abgesicherten 16-bit-Notbetrieb mit Kriechgeschwindigkeit, wenn ein Sensorkabel am Vorderrad reisst und der zentrale Rechner keine Daten mehr von der Bremse bekommt. Ich bin vielleicht altmodisch, aber von hinten vom Lastwagen überrollt werden erscheint mit mit Motorschaden irgendwie ehrenhafter, als wegen eines Kabels und eines Rechners, der einen voll funktionsfähigen Wagen exakt vor einem gerade das Mädchen auf Seite 3 begaffenden Truckfahrer einbremst.</p>
<p>Aber diese Veränderungen verstärken vielleicht nur die neue Einstellung zur Mobilität bei den jungen Menschen. Früher war das Auto der erste Begriff der grenzenlosen Freiheit, heute ist es der Rechner und das Netz, Und das wird unweigerlich dazu führen, dass diese jungen Käufer das Auto auch nur als eine Art Gerät betrachten, bei dem sich die Frage stellt, was es eigentlich kann, und wozu es gut ist. Und welchen Mehrwert der Funktionsumfang bringt, wenn man es mal mit wirklich wichtigen Geräten wie dem Mobiltelefon oder dem Rechner vergleicht. Die Raserei auf der Autobahn mit Tempo 200 ist da nur eine Zusatzfunktion, die man gar nicht wirklich braucht; so eine Art teure App, die nicht den Gewinn bringt, den man gerne hätte. Aus diesem Geist heraus kann man sich masslos über die Drosselkom aufregen, aber kaum über ein Tempolimit.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/05/11ma3.jpg" width="550" height="279" /></p>
<p>„Man kann seine Kohlenstoffexistenz mit relativ hoher Geschwindigkeit über relativ weite Distanzen relativ unabhängig bewegen, bis es dann bis zum nächsten Einsatz erheblich mehr Kosten als ein nicht genutzter Flatlinevertrag für andere Mobilgeräte verursacht“ &#8211; so könnte man das Auto aus Sicht der Nutzer beschreiben. Das Auto ist, so betrachtet, auch nur ein Zweit- oder Drittrechner mit einem spezialisierten Funktionsumfang, wie etwa auch die Armbanduhr, das Lesegerät, die Schreibmaschine, der MP3-Player und die Kamera. Bis heute allerdings noch mit dem kleinen Unterschied, dass man dessen Funktionen noch nicht im Mobiltelefon vereint vorfindet, und zwar in einer Art, dass es in diesem einen Gerät für den normalen Nutzer vollkommen ausreicht. Noch gehen wir nicht den Weg der Unterhaltungselektronik zu einem einzigen Gerät für alles, mag die Autoindustrie denken, und der nachwachsenden Generation hier noch einen USB-Anschluss und da noch ein paar proprietäre Apps spendieren.</p>
<p>Trotzdem ist das Auto mit Sicherheit das teuerste Gerät, das sich ein junger Mensch anschaffen kann; es kostet ein Vielfaches der normalen Rechner, und selbst die günstigeren Neuwagen warten mit einem Wertverlust auf, der alle anderen Technikprodukte in den Schatten stellt. Die Funktion der Mobilität müsste also erheblich grösseren Mehrwert als alle anderen Funktionen bringen, und hier stellt sich natürlich die Frage, wozu man diese individuelle Beweglichkeit eigentlich wirklich braucht, im Zeitalter von Billigfliegern, politischen Ideen wie fahrscheinlosem Nahverkehr, Carsharing, E-Bikes und anderer Optionen, die nicht so teuer sind, dass man dafür eine Generation des angesagten Telefons ausfallen lassen muss.</p>
<p style="margin-bottom: 0cm;"><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/05/11ma4.jpg" width="550" height="291" /></p>
<p>Das Tempolimit oder der Benzinpreis sind bei dieser Sichtweise keine Frage der Freiheit mehr, sondern eine Marginalie. Schlimm wird es, wenn das Herunterladen amerikanischer Serien ruckelt. So haben sich die Prioritäten verschoben, und wenn nun manche alten, weissen Männer und Frauen wie Steinbrück und Nahles weiter rasen können, spielt es für jene keine Rolle, die das Auto längst nicht mehr als Statussymbol sehen. Autos tauchen in meinem digitalen Leben eigentlich nur auf, wenn von Konzernen geschmierte Autoblogger sich selbst durch Verlinkung gegenseitig fördern, was als Mittel der Aufmerksamkeitserzeugnis wie jeder andere Spam ein ganz schlechtes Zeichen ist – wer sich solche Leute ranholen muss, hat eigentlich schon verloren. Und sie tauchen auf, wenn ich über die Berge zur Mille Miglia oder zum Gran Premio Nuvolari fahre, und wochenlang Bilder von Altmetall veröffentliche, das aus einer fernen Zeit stammt, da es noch keine Computer gab, und man statt Videokonferenzen wirklich zu anderen Menschen fahren musste. Nächste Woche ist wieder so eine Orgie von Blech, Gummi und Kohlenmonoxid. Da will ich hin. Den anderen reicht es, wenn die Bilder schnell durch die Leitungen sausen.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;"><em><strong>HINWEIS:</strong></em></span></p>
<p>Für Kommentare ist der gleiche Beitrag auch <a rel="nofollow" href="http://stuetzendergesellschaft.wordpress.com/2013/05/12/warum-drosselkom-nervt-und-das-tempolimit-egal-ist/">im speziellen Kommentarblog,</a> wo die Software auch weniger drosselkomt.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/donalphonso/">donalphonso</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blogs.faz.net/deus/2013/05/12/warum-drosselkom-nervt-und-das-tempolimit-egal-ist-1504/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>20</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die Statistik – Hand in Hand mit der Religion</title>
		<link>http://blogs.faz.net/deus/2013/05/06/die-statistik-hand-in-hand-mit-der-religion-1488/</link>
		<comments>http://blogs.faz.net/deus/2013/05/06/die-statistik-hand-in-hand-mit-der-religion-1488/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 06 May 2013 12:22:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sophia.infinitesimalia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Diskurs]]></category>
		<category><![CDATA[Forschung]]></category>
		<category><![CDATA[Geschichte]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blogs.faz.net/deus/?p=1488</guid>
		<description><![CDATA[<p>Aktuell interessieren sich Sozialwissenschaftler wieder mehr für die Determinanten und den Einfluß von Religion – tatsächlich hat diese Verbindung aber auch eine mehr als 500-jährige Geschichte. <a href="http://blogs.faz.net/deus/2013/05/06/die-statistik-hand-in-hand-mit-der-religion-1488/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/sophia-infinitesimalia/">sophia.infinitesimalia</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<style type="text/css"><!--
P { margin-bottom: 0.08in; }
--></style>
<p>Nachdenkliche, reflektierte und angemessen selbstkritische Forscher erinnern sich sporadisch daran, daß wir – der Westen – nicht der Nabel der Welt sind. Die USA sind dafür bekannt, diesem Irrglauben dauerhaft chronisch verfallen zu sein; wir auf der anderen Seite des Atlantik wähnen uns gerne aufgeklärter in solchen Fragen, ziehen dabei jedoch den Stachel aus dem Auge unseres Nächsten, ohne den eigenen Balken zu bemerken.</p>
<p>Besonders augenfällig ist dies, wenn es um Religion geht. Für viele aufgeklärte Europäer ist Religion ein Seitenthema, und die evangelikalen Bewegungen in den USA rufen bei Europäern  oft Befremden hervor. In den Sozialwissenschaften (und besonders Wirtschaftswissenschaften) wiederum ist Religion als wesentlicher Bestimmungsfaktor menschlichen Handelns auch eher eine Nische, spätestens seit Säkularisierung und die Vorstellung vom laizistischen Staat mit dem Einfluß der Kirche aufgeräumt haben und die Zunft vor allem mit dem homo oeconomics ringt.</p>
<p>Zweifellos hat früher das Kirchenrecht den wirtschaftlichen Alltag vielseitig beeinflußt – man denke nur an Zünfte und Handwerk und Bankwesen – , aber das ist lange her. Umso überraschender, daß es tatsächlich bis heute Einkommensunteschiede zwischen Protestanten und Katholiken in Deutschland gibt. Zur Erklärung wird heute allerdings nicht mehr Max Webers Hypothese vom protestantischen Arbeitsethos bemüht, welche bereits in den 90er Jahren vielfach kritisiert wurde [Edit]. Zum Beispiel gingen entscheidende Innovationen &#8211; wie etwa im Bankwesen &#8211; der Reformation voraus, während es umgekehrt reichlich wesentliche Entwicklungs- und Industrialisierugsschübe in katholischen Regionen, wie zum Beispiel dem Rheinland gab.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img class="size-full wp-image-1492" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/05/6mai_3.jpg" width="530" height="210" /></div><span class='Bildnachweis'>&copy; Eigenes Bild</span><span class="Bildunterschrift">&nbsp;</span></div>
<p>Erst <a rel="nofollow" href="http://qje.oxfordjournals.org/content/124/2/531.short">neuere Forschung</a> in <a rel="nofollow" href="http://www.welt.de/wissenschaft/article13645481/Protestanten-verdienen-mehr-als-Katholiken.html">diesem Themengebiet</a> hat gezeigt, daß es offenbar doch Unterschiede gibt, und Protestanten bis heute im Durchschnitt in Deutschland höhere Einkommen erzielen als Katholiken. Die <a rel="nofollow" href="http://www.sobecker.de/">Au</a>to<a rel="nofollow" href="http://www.cesifo-group.de/ifoHome/CESifo-Group/ifo/ifo-Mitarbeiter/cvifo-woessmann_l.html">ren</a> der fraglichen Studie sehen die Ursache allerdings eher in der von Protestanten höher geschätzten Individualbildung. Da diese Wert darauf legten, die Bibel selber lesen zu können und jedem Individuum ohne Vermittlung von Priestern zugänglich zu machen, mußten guten Protestanten lesen lernen – und das eröffnete wiederum den Zugang zu vielen Arten von Bildung. Ob das tatsächlich die Ursache für die bestehenden Unterschiede ist, darüber kann man sich streiten, aber die Unterschiede sind nun einmal da – und offenbar persistent, bedenkt man, daß die Reformation mehr als 500 Jahre zurückliegt.</p>
<p>In anderen Ländern <a rel="nofollow" href="http://www.colorado.edu/Economics/morey/4999Ethics/Religion/Iannaccone1998_Edward.pdf">spielt die Kirche noch immer eine enorme Rolle</a>, zum Beispiel in Südostasien, wo wesentliche Teile des Bankensektors darauf spezialisiert sind, <a rel="nofollow" href="http://www.ifsb.org/">Bankgeschäfte ohne die im Islam verbotenen Zinssätze</a> zu entwickeln, während in den USA das “In God we Trust” bis heute den Alltag in vielen kleinen Dingen – und nicht nur pro Forma auf Geldscheinen – dominiert. Die USA verfügen über eine hervorragende Datenbasis und tatsächlich ist die Anzahl der Geistlichen pro Kopf um die Jahrtausendwende sogar über das Niveau von 1860 hin angestiegen, während die Ausgaben für kirchliche Belange &#8211; die in den USA freiwillig sind zugunsten der Kirche oder Kongregation, bei welcher man Mitglied ist &#8211; fast unverändert seit Jahrzehnten bei ungefähr 1 % des BNP liegen. Jenseits solcher Grundzusammenhänge fischen Forscher allerdings schnell in trüben Wassern: religiöse Menschen sind zum Beispiel seltener kriminell, aber kausale Zusammenhänge sind angesichts der Vielzahl möglicher sozio-ökonomischer Einflußfaktoren kaum klar zu beweisen. Ähnliches gilt für Effekte auf die Gesundheit jenseits von diätetischen Vorschriften: Wer nicht raucht, trinkt, und sich nicht der Völlerei hingibt, lebt logischerweise gesünder.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img class="size-full wp-image-1491" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/05/6mai_2.jpg" width="530" height="203" /></div><span class='Bildnachweis'>&copy; Eigenes Bild</span><span class="Bildunterschrift">&nbsp;</span></div>
<p>So gesehen ist es ermutigend, daß die Religion in der quantitativen sozialwissenschaftlichen Forschung aktuell wieder wichtiger, oder zumindest wieder öfter berücksichtigt wird. Nicht zuletzt ermöglichen weltweite „Value Surveys“ zum ersten Mal,<a rel="nofollow" href="http://www.afrobarometer-online-analysis.com/aj/AJBrowserAB.jsp"> religiöse Einstellungen jenseits von Mittelmeer </a>und Ural systematisch zu untersuchen.</p>
<p>Darüber hinaus stehen heutige Sozialwissenschaftlicher nicht nur generell auf den Schultern von Riesen, sondern vor allem auch <a rel="nofollow" href="http://www.jstor.org/discover/10.2307/1973321?uid=3739696&amp;uid=2129&amp;uid=2&amp;uid=70&amp;uid=4&amp;uid=3739256&amp;sid=21102239418237">auf den Schultern von Geistlichen</a>. Kirchliche Statistiken und die innerkirchlichen Diskurse waren der Ausgangspunkt jeder sozialwissenschaftlichen Statistik. Es waren Pfarrer wie <a rel="nofollow" href="http://statprob.com/encyclopedia/CasparNEUMANN.html">Caspar Neumann</a> und <a rel="nofollow" href="http://statprob.com/encyclopedia/JohannPeterSussmilch.html">Johann Peter Süßmilch</a>, die in ihren Gemeinden die ersten Bevölkerungsstatistiken erhoben und daraus systematisch Geburten- und Sterberaten ableiteten, und damit die moderne Demographie begründeten.</p>
<p>Zugegebenermaßen dienten ihre Arbeiten vor allem dem Zweck, Gottes planmäßiges Wirken in größerem Maßstab nachzuweisen und dadurch zur Theologie beizutragen. Diese Abeiten wären nicht denkbar gewesen in der vorreformatorischen Zeit. Es<a rel="nofollow" href="http://benjamins.com/jbp/series/BPJAM/7/art/0026a.pdf"> gibt Quellen</a>, die das <a rel="nofollow" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Konzil_von_Trient">tridentinische Konzil</a> von 1545 bis 1563 als zentralen Ausgangspunkt sehen, nach welchem auch theologische Diskurse sich in ihrer Qualität veränderten. Zum Beispiel scheint die Debatte darüber, ob und inwieweit der Mensch sündenfrei leben kann, tatsächlich entsprechende Ideen widerzuspiegeln. Die – offenbar im 17. Jahrhundert von Theologen vieldiskutierte – Idee, daß unter 1000 Menschen oder generell einer hineichend großen Anzahl immer einer sündigen würde, ist tatsächlich zutiefst probabilistisch und statistisch. Zwar wäre es theoretisch möglich, daß 1000 Menschen sündenfrei leben, so wie man auch 1000 Mal hintereinander eine sechs würfeln könnte – aber es ist doch reichlich unwahrscheinlich. Der Mensch war also durchaus dank freien Willens in der Lage, anständig zu leben – aber realiter, in großer Zahl, über lange Zeit, dann doch nicht – dank des Gesetz der großen Zahl und Durchschnittseffekten. Umso praktischer, daß man dennoch mit Beichte oder Gnade erlöst werden kann. Protestanten haben es da leichter .</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img class="size-full wp-image-1490" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/05/6mai_1.jpg" width="530" height="256" /></div><span class='Bildnachweis'>&copy; Eigenes Bild</span><span class="Bildunterschrift">&nbsp;</span></div>
<p>Gleichzeitig wurde damit menschliches Handeln nicht mehr nur im Einzelfall und qualitativ-moralisch betrachtet, sondern das Element des Zufälligen stärker betont, ebenso wie das Konzept des rationalen, also interessengeleiteten Handelns, welches Verhaltensweisen vorhersehbar macht. Alles zusammen wiederum war Voraussetzung für die Arbeiten von Wissenschaftlern wie <a rel="nofollow" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Adolphe_Quetelet">Adolphe Quételet</a>, die von „social physics“ träumten, also einer Sozialwissenschaft, die ähnlich den Naturwissenschaften deterministische Gesetmäßigkeiten würde zeigen können. Quételet sammelte er in der erste Hälfte des 19. Jahrhunderts unzählige sozioökonomische und anthropometrische Daten, um einen „durchschnittlichen Menschen“ definieren zu können, und trug damit maßgeblich zur Weiterentwicklung der Wissenschaft bei. Die Idee von deterministischen Gesetmäßigkeiten im menschlichen Handeln war allerdings weniger erfolgreich und ist bis heute – mindestens, bestenfalls – umstritten.</p>
<p>Andererseits ist es gerade diese Tatsache, welche die Disziplin bis heute so spannend macht, daß ich seit drei Jahren immer wieder neue Themen finden kann, neue Aufsätze, und neue Phänomene. Wären Sozialwissenschaften tatsächlich deterministisch &#8211; wieviel langweiliger ginge es hier zu.</p>
<p><span style="font-size: small;">Für die Anregung, in diese Richtung zu recherchieren, Dank an Paul Bademeister!</span></p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/sophia-infinitesimalia/">sophia.infinitesimalia</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blogs.faz.net/deus/2013/05/06/die-statistik-hand-in-hand-mit-der-religion-1488/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>31</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Protokoll eines (möglichen) Hackangriffs</title>
		<link>http://blogs.faz.net/deus/2013/04/28/protokoll-eines-moglichen-hackangriffs-1465/</link>
		<comments>http://blogs.faz.net/deus/2013/04/28/protokoll-eines-moglichen-hackangriffs-1465/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 28 Apr 2013 09:53:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sophie von Maltzahn</dc:creator>
				<category><![CDATA[Account]]></category>
		<category><![CDATA[Ausweiszwang]]></category>
		<category><![CDATA[GMX]]></category>
		<category><![CDATA[Hackangriff]]></category>
		<category><![CDATA[Passwort]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blogs.faz.net/deus/?p=1465</guid>
		<description><![CDATA[<p>Nach dem jüngsten Relaunch von GMX begannen die Probleme: Passwort weg, Einstellungen kaputt, Fehler bei Word-Dateien. Doch ein Verantwortlicher ist nicht auszumachen. Den Schaden trägt der Nutzer allein.  <a href="http://blogs.faz.net/deus/2013/04/28/protokoll-eines-moglichen-hackangriffs-1465/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/faz-soma/">Sophie von Maltzahn</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Mir ist etwas unangenehmes passiert: Mein GMX-Account hat mein Passwort nicht mehr erkannt. Dabei hab ich nichts verändert. Mein Passwort wartete wie immer automatisch auf mich. Ich brauchte nur noch „enter“ zu drücken. Doch plötzlich hatte ich ein großes Problem: GMX sperrte meinen Account. GMX behauptete, dass ich mein Passwort falsch eingebe. Unterm Strich unterstellten sie mir, ich wäre nicht ich.</p>
<p><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/Login-nicht-erfolgreich.png" width="1059" height="250" /></p>
<p>Der Mitarbeiter am Servicetelefon behandelte mich, als wäre ich anscheinend zu doof, mein Passwort einzutippen. Dabei versichere ich: ich kenne mein Passwort sehr genau. Ich habe es mir notiert. Ich musste es nämlich erst vor zwei Monaten ändern. Da hatte ich ähnliche Probleme, doch dann behob es sich von „alleine“. Alles lief wieder glatt, &#8211; ich Kunde glücklich.</p>
<p>Doch nun wurde mein Postfach gesperrt. Ich kam nicht mehr an meine Emails. Ich konnte nicht mehr weiter arbeiten. Das war eine persönliche Katastrophe!</p>
<p>Doch damit bin ich nicht alleine: Es ist wohl schon öfter vorgekommen, dass GMX seine Kunden „vergisst“.</p>
<p>März 2011<br />
Im Forum der „Computer BILD“ <a rel="nofollow" href="http://forum.computerbild.de/sicherheit/schlimmes-gmx-problem_120690.html">berichtet ein Teilnehmer, dass er sich nicht mehr einloggen kann</a>. Daraufhin hat GMX ihn aufgefordert, sich auszuweisen.</p>
<p>22. Dezember 2012<br />
<a rel="nofollow" href="http://forum.chip.de/e-mail-spam/gmx-erzwingt-passwortaenderung-1696336.html">„GMX erzwingt Passwortänderungen“</a> heißt es auf www.chip.de. Hier vermutet man einen Hackerangriff, und zwar einen recht gewieften, der an die Vorgehensweise im Bankensektor erinnert.</p>
<p><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/ID-Optionen.png" width="654" height="354" /></p>
<p>GMX hat von mir NICHT NUR ein neues Passwort erzwungen. Ich musste GMX eine Kopie meines Personalausweises schicken. Ich musste mich vor GMX ausweisen. Bin ich hier in der Volkszählung, oder was? Nichts ist mir unheimlicher, als meine Personalausweis-Daten im Internet zu verschicken. Vor allem nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass einer „mitlesen“ könnte. Doch ich musste mich fügen. Ich bin von GMX abhängig.</p>
<p>Wie konnte es bitte dazu kommen, dass der Internet-Riese GMX mein Passwort verliert? Wurde mein Computer gehackt? Mir wird angst und bange.</p>
<p>Nun ist die Faktenlage so, dass GMX kurz vor dem Verlust meines Passworts einen Relaunch durchgeführt hat. Ich weiß von anderen Relaunches, dass bei so einer Großaktion Zugänge und Passwörter verloren gehen können. Auch kann es passieren, dass die Sicherheit leidet, weil Hintertüren in das System offenstehen bleiben und erstmal niemandem auffallen.</p>
<p>Die Kriminialgeschichte, &#8211; man muss doch zugeben: die Option, einen Hackangriff live zu verflogen, hat ein kriminologisches Element – ist noch nicht zu Ende. Es hat noch mehr Störungen gegeben: Mein Computer hat innerhalb der nächsten Stunden so getan, als wüsste er nicht mehr, wie spät es war. Auch wusste er nicht mehr, welchen Tag wir heute hatten. Er fing vom 1.1.1970 an zu zählen.</p>
<p><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/Uhrzeit-unbekannt-II.png" width="665" height="409" /></p>
<p>So etwas kann passieren, wenn die Kraft des Akkus nachlässt. Das kann aber bei mir nicht der Fall gewesen sein: Ich habe erst vor ein paar Wochen einen Hardware-Check gemacht, den mein Computer tadellos bestanden hat. Wieder meine Frage: Was ist hier los? Geht gerade ein Wurm durch mein System und spielt an meinen Einstellungen rum? Langsam krieg ich Paranoia.</p>
<p>Als mein Computer dann nicht mehr wusste, wie er eine ganz normale Word-Datei öffnen soll und den gespeicherten Text in Hieroglyphen ausspuckte, hatte ich genug. Ab zum PC-Doktor. Der schaute sich die Symptome an und verschrieb mir das Antibiotikum der PC-Welt: komplett platt machen und neu programmieren.</p>
<p><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/Word-was-ist-word-II.png" width="602" height="428" /></p>
<p><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/Word-was-ist-word-I.png" width="1247" height="418" /></p>
<p>Damit ging natürlich jede Spur verloren, den Täter ausfindig zu machen. Niemand ist verantwortlich, den Schaden trage ich allein. Was bleibt, ist das Gefühl des hoffnungslos ausgeliefert Seins.</p>
<p>Jetzt tröstet mich nur noch ein Zitat aus meinem „Schauspiel Frankfurt“-Programmheft zu Hans Falladas „Kleiner Mann, was nun?“:</p>
<p><i>„Entwürdigung heißt, Menschen so zu behandeln, als wären sie keine Menschen, sondern Tiere, Dinge oder Maschinen. Die Bürokratie hat diesen Vergleichsmöglichkeiten eine weitere Variante hinzugefügt: Man kann mit jemandem umgehen,<br />
als wäre er bloß eine Nummer.“ (Avishai Margalit) </i></p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/faz-soma/">Sophie von Maltzahn</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blogs.faz.net/deus/2013/04/28/protokoll-eines-moglichen-hackangriffs-1465/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>77</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Rasterfahndung nach Rucksackträgern</title>
		<link>http://blogs.faz.net/deus/2013/04/24/rasterfahndung-nach-rucksacktragern-1442/</link>
		<comments>http://blogs.faz.net/deus/2013/04/24/rasterfahndung-nach-rucksacktragern-1442/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 24 Apr 2013 12:54:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>marco_settembrini_di_novetre</dc:creator>
				<category><![CDATA[Crowdsourcing]]></category>
		<category><![CDATA[Informationsgesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[journalismus]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blogs.faz.net/deus/?p=1442</guid>
		<description><![CDATA[<p>Bei der fieberhaften Suche nach den Bombenlegern von Boston haben sich übereifrige Netzbewohner nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Aber auch die etablierten Medienbetriebe haben ihre Lektion aus dem Fall zu lernen.  <a href="http://blogs.faz.net/deus/2013/04/24/rasterfahndung-nach-rucksacktragern-1442/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/marco_settembrini_di_novetre/">marco_settembrini_di_novetre</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wie genau es zuging, dass der Student Sunil Tripathi im Internet fälschlicherweise als einer der beiden Hauptverdächtigen des Bostoner Bombenanschlags gehandelt wurde, lässt sich <a rel="nofollow" href="http://www.businessinsider.com/it-wasnt-sunil-tripathi-a-misinformation-disaster-2013-4">nicht mehr zweifelsfrei nachvollziehen</a>. Ohrenzeugen wollten den Namen (und auch einen weiteren, Mike Mulugeta) im Polizeifunk des Boston Police Departments gehört haben. Andere Nutzer meinten, im Bild des seit Wochen vermissten Tripathi eine frappierende Ähnlichkeit mit einer der Personen auf den Fahndungsfotos des FBI zu erkennen. Kurz darauf machten die Namen auf Twitter und Reddit die Runde und verbreiteten sich in Windeseile um die Welt. Ein Tweet vom offiziellen Anonymous-Account („Police on scanner identify the names of #BostonMarathon suspects in gunfight, Suspect 1: Mike Mulugeta. Suspect 2: Sunil Tripathi.“) wurde tausendfach retweetet.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img class="size-full wp-image-1449" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/bostonbomb31.jpg" width="539" height="146" /></div><span class='Bildnachweis'>&copy; FAZ</span><span class="Bildunterschrift">&nbsp;</span></div>
<p>Für ein paar Stunden sah es tatsächlich so aus, als hätte die Netzöffentlichkeit mit ihren crowdgesourcten Anstrengungen, die mannigfaltigen Bilder von Überwachungskameras und Smartphones mit den richtigen Namen der mutmaßlichen Täter zusammenzubringen, tatsächlich die Nase vorn gehabt im Rennen gegen die etablierten Medienbetriebe. Ein Nutzer namens Greg Hughes, der sich auf Twitter an den Spekulationen über die Mittäterschaft von Tripathi und Mulugeta beteiligt hatte, schrieb: „Sollte Tripathi tatsächlich für den Bombenanschlag von Boston verantwortlich sein, hat der Internetdienst Reddit einen Sieg erzielt, der die Spielregeln dauerhaft ändern wird“. Und kurze Zeit später legte Hughes nochmal nach: „Journalistik-Studenten aufgepasst: Heute haben die Zuschauer die beste Berichterstattung abgeliefert, digital und crowdgesourct“.</p>
<p>Einziges Problem an dieser Erfolgsgeschichte: Sie war falsch. Nur wenige Stunden später benannten die Polizeibehörden ein aus Tschetschenien stammendes Brüderpaar als Hauptverdächtige. Damit war klar, dass sich viele Hobby-Ermittler vor ihren heimischen Monitoren an völlig falsche Fährten geheftet hatten. Das betraf nicht nur Sunil Tripathi (oder besser gesagt dessen gesamte Familie) sowie den nicht verifizierbaren Mike Mulugeta, zeitweise galten auch ein sportbegeisterter Schüler aus Marokko und ein arabischer Student, der bei der Bombenexplosion verletzt wurde, den Mausklick-Privatschnüfflern als verdächtig. Was freilich nicht heißt, dass sich Vertreter der traditionellen vierten Gewalt die Mitwirkung an der Onlinehatz komplett verkniffen hätten: Das Boulevardblatt „New York Post“ (das zu Rupert Murdochs News Corporation gehört) ging mit einem Foto von angeblich verdächtigen Rucksackträgern <a rel="nofollow" href="http://www.nypost.com/p/news/national/feds_have_men_in_sights_j43UJwXZncr0wmysU42scJ">hausieren</a>, die mit dem Anschlag nicht das Geringste zu tun hatten. Im Unterschied zu den Verantwortlichen von Murdochs Revolverblättchen haben sich die Verantwortlichen von Reddit aber ausführlich bei den falsch Verdächtigten und ihren Familien entschuldigt: Es sei zwar mit guten Absichten geschehen, aber einige der Aktivitäten auf der Plattform hätten sich „zu gefährlichen Spekulationen und zu Online-Hexenjagden aufgeschaukelt“, die für Unbeteiligte sehr negative Folgen gehabt hätten, <a rel="nofollow" href="http://blog.reddit.com/2013/04/reflections-on-recent-boston-crisis.html">schreibt Reddit-Manager Erik Martin</a> im Unternehmensblog.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img class="size-full wp-image-1452" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/bostonbomb4.jpg" width="530" height="269" /></div><span class='Bildnachweis'>&copy; FAZ</span><span class="Bildunterschrift">&nbsp;</span></div>
<p>Viele der einschlägigen Threads, Tweets und Retweets dieses Fehlinformations-Desasters sind mittlerweile gelöscht, aber <a rel="nofollow" href="http://konradweber.ch/2013/04/19/boston-journalismus-zukunft/">wichtige Fragen</a> bleiben offen. Etwa, ob den einzelnen Mitwirkenden in solchen schwarmintelligenten Zusammenrottungen die potenziellen Folgen ihres Handelns immer so klar sind. Unstrittig ist, dass die Polizei auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen ist und in Boston auch explizit um sachdienliche Hinweise gebeten hat. Aber das war keine Aufforderung, irgendwelche Mitmenschen auf Bildern zu markieren und der Netzöffentlichkeit als Verdächtige zu präsentieren. <a rel="nofollow" href="http://www.spiegel.de/netzwelt/web/hexenjagd-auf-verdaechtige-in-boston-hobbyermittler-entschuldigen-sich-a-895390.html">Laut Spiegel Online</a> hat selbst der Nutzer, der tatsächlich einen der beiden Bombenattentäter zufällig auf einem Foto mit abgelichtet hatte, das Bild auf Facebook gepostet, weil er eine andere Person auf dem Bild als vermeintlichen Verdächtigen ausgemacht hatte. Früher™, bevor das Netz auch bei Norbert Normalnerd den Reporter-Ehrgeiz anstachelte, hat man halt im Aufnahmestudio der Sendung „Aktenzeichen XY“ oder bei einer anderen Polizeidienststelle angerufen, wenn man der Meinung war, etwas Sachdienliches beisteuern zu können – aber man setzte nicht unbedingt alle Welt über seine Beobachtungen in Kenntnis.</p>
<p>Doch die partizipative Macht des Netzes ändert das alles und macht das klassisch-eindimensionale Sender-Empfänger-Modell obsolet. Überspitzt gesagt beobachten wir heute, dass vernetzte Onliner am heimischen Computer oder mit dem Smartphone unterwegs CNN, Reuters &amp; Co. zeigen wollen, wo der Hammer hängt. Wie schrieb der Nutzer CPDeathblade <a rel="nofollow" href="http://www.reddit.com/r/news/comments/1co395/live_updates_of_boston_situation_part_2/">in seinem Ticker</a> auf Reddit: „CNN zeigt nackten Mann. DER WIRD NICHT MEHR VERDÄCHTIGT. CNN ist total hintendran.“ Ganz gleich, ob wir Medienarbeiter <a rel="nofollow" href="http://www.newyorker.com/online/blogs/elements/2013/04/the-webs-failed-hunt-for-the-boston-bomber.html">das gut finden oder nicht</a>: Die althergebrachten Medien-Institutionen müssen ihre Deutungshoheit immer mehr teilen mit dem Schwarm von Twitterern, Foristen und anderen, die sich ebenfalls Zugang zu Quellen wie dem Polizeifunk verschaffen und in sozialen Netzwerken herumrecherchieren können.  Das bietet einerseits jede Menge Chancen, denn es kursieren im Netz ja beileibe nicht nur falsche Anschuldigungen, sondern durchaus auch Informationen, die Berichterstattern helfen können, sich <a rel="nofollow" href="https://maps.google.com/maps/ms?msid=200082141349599835237.0004daaf434ba5147dce8&amp;msa=0&amp;iwloc=A">ein Bild</a> von der aktuellen Lage zu machen. Andererseits kommt uns das Privileg mehr und mehr abhanden, selber entscheiden zu können, welche Informationen und Quellen wir dem Publikum lieber vorenthalten. Im Zweifelsfall müssen wir davon ausgehen, es mit Lesern, Hörern und Zuschauern zu tun zu haben, die alles gesehen haben, was wir gesehen haben – und vielleicht sogar noch mehr.</p>
<div class="ArtikelBild alignnone"><div class="MediaLink"><img class="size-full wp-image-1446" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/bostonbomb1.jpg" width="530" height="356" /></div><span class='Bildnachweis'>&copy; FAZ</span><span class="Bildunterschrift">&nbsp;</span></div>
<p>Der nicht im Medienbetrieb sozialisierte Nutzer macht keinen Unterschied zwischen verifizieren und berichten; er glaubt, mit der Weitergabe einer Information der Öffentlichkeit womöglich schon einen Dienst geleistet zu haben. Und was bleibt da für den Journalismus zu tun? Der muss, so der Journalismus-Professor und Web-Evangelist <a rel="nofollow" href="https://plus.google.com/+JeffJarvis/posts/1ajNvQaaqNb">Jeff Jarvis</a>, dem unablässigen Strom der Informationen einen Mehrwert hinzufügen: „Fakten verifizieren, Zeugen prüfen, Gerüchte auseinandernehmen, Kontext und Erklärungen beisteuern – und mehr als alles andere auch die Fragen stellen und beantworten, die grad nicht im Strom obenauf schwimmen.“ Berichten hieße heute weniger denn je, allwissend erscheinen zu wollen, die journalistische Kardinaltugend liege heutzutage vielmehr darin, „klar zu sagen, was wir nicht wissen, Vorbehalte anzubringen und die Öffentlichkeit zu ermuntern, uns mitzuteilen, was sie weiß.“ Aber wo künftig der Anreiz für das Publikum herkommen soll, die Reporter mit Infos zu füttern, anstatt die eigenen Erkenntnisse exklusiv auf Reddit, Facebook oder sonstwo in die Welt zu tragen, das hätte man von dem vielgelobten Vordenker der Informationsgesellschaft 2.0 doch ganz gerne mal gehört. Denn mit einem Anruf oder einer Mail in die Redaktion sind die sprichwörtlichen 15 Minuten Ruhm nun mal nicht zu gewinnen.</p>
<p>Bildnachweis: Screenshots von <a rel="nofollow" href="http://www.businessinsider.com/it-wasnt-sunil-tripathi-a-misinformation-disaster-2013-4">Business Insider</a>, <a rel="nofollow" href="http://www.nypost.com/p/news/national/feds_have_men_in_sights_j43UJwXZncr0wmysU42scJ">New York Post</a> und <a rel="nofollow" href="http://21stcenturywire.com/2013/04/19/why-did-fbi-fake-boston-bomber-surveillance-video/">21stcenturywire.com</a></p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/marco_settembrini_di_novetre/">marco_settembrini_di_novetre</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blogs.faz.net/deus/2013/04/24/rasterfahndung-nach-rucksacktragern-1442/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>11</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Vom Versuch, Kriege zu quantifizieren</title>
		<link>http://blogs.faz.net/deus/2013/04/10/vom-versuch-kriege-zu-quantifizieren-1430/</link>
		<comments>http://blogs.faz.net/deus/2013/04/10/vom-versuch-kriege-zu-quantifizieren-1430/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 10 Apr 2013 13:34:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sophia.infinitesimalia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Forschung]]></category>
		<category><![CDATA[Krieg]]></category>
		<category><![CDATA[Modelle]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Statistik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blogs.faz.net/deus/?p=1430</guid>
		<description><![CDATA[<p>Die Konfliktforschung hat eine lange Tradition - sowohl mit statistischen als auch mit modelltheoretischen Methoden. Viele Fragen allerdings sind immer noch ungelöst. <a href="http://blogs.faz.net/deus/2013/04/10/vom-versuch-kriege-zu-quantifizieren-1430/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/sophia-infinitesimalia/">sophia.infinitesimalia</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<style type="text/css"><!--
P { margin-bottom: 0.08in; }A:link {  }
--></style>
<p>Zu den bekanntesten Mythen der Politikwissenschaften gehört die Geschichte vom <a rel="nofollow" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Democratic_peace_theory">demokratischen Frieden</a>: demokratische Staaten führen demzufolge keinen Krieg gegeneinander. Die Idee ist sehr schön, und man muß etwas überlegen, um Gegenbeispiele zu finden, aber es gibt sie. Die kontinuierlichen Konflikte zwischen Indien und Pakistan zum Beispiel, oder die türkische Invasion Zyperns 1974. Die Mehrzahl der <a rel="nofollow" href="http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_wars_by_death_toll">bewaffneten Konflikte</a> hingegen finden tatsächlich zwischen nicht-demokratischen Staaten statt. Die Unsicherheit beginnt bereits bei den Definitionen: was ist eine Demokratie? Was ist keine? Und was ist ein Krieg? Die meisten  modernen Datensätze definieren Konflikte über die Anzahl der Toten &#8211; wobei die Bandbreite von minimal 25 bis 1.000 reicht.</p>
<p>Grundsätzlich ist es nicht leicht, <a rel="nofollow" href="http://www.acleddata.com/">Zahlen aus den vergangenen</a> Jahren zu finden. Für Afghanistan und den Irak gibt es Zahlen, für Syrien schwanken die Schätzungen enorm, und überhaupt ist die Unsicherheit groß. Neben den direkt im Gefecht umgekommenen Menschen gibt es noch die getöteten Zivilisten. Hinzukommen all jene, die durch Hunger, Krankheiten oder auf der Flucht ums Leben kommen. Mit all unserer modernen Technik lassen sich diese Unsicherheiten doch nicht überwinden – umso beeidnruckender ist die Leistung von Lewis P. Richardson, der <a rel="nofollow" href="http://amstat.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/01621459.1948.10483278">1948 Zahlen zu den Kriegstoten seit 1820 aufzustellen versuchte</a>. Mit den von ihm gesammelten Daten zeigte er, daß Konflikte – ebenso wie viele andere Phänomene – Potenzgesetzen gehorchen. Genauer gesagt, verhält sich die Größe eines Ereignisses (hier <a rel="nofollow" href="http://necrometrics.com/20c300k.htm">Konflikttote</a>) invers proportional zur Häufigkeit eines solchen Ereignisses. Das heißt es gibt viele kleine Konflikte mit wenigen Toten, und einige sehr seltene, katastrophale Konflikte mit außerordentlich vielen Toten.</p>
<p>Die Schwierigkeiten beginnen für Konfliktforscher bereits damit festzulegen, wann ein Konflikt kein Krieg mehr ist. Da Richardson sich auch für die sehr kleinen Ereignisse interessiert, entfiel diese zusätzliche Komplikation für ihn. Er sammelte Daten zu allen Konflikten, vom kleinen Mord über Meutereien und Aufstände bis hin zum Weltkrieg für den Zeitraum von 1820 bis 1945. Im ersten Schritt kategorisierte er die möglichen Größenordnungen nach Konflikttoten von 0 Toten bis zu den etwa 40 Millionen Opfern des zweiten Weltkriegs. Um Erhebungsfehler und Ungenauigkeiten auszugleichen logarithmierte er sämtliche Werte und erhielt acht Kategorien (0-0,5; 0,5-1,5;&#8230;6,5-7,5).</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1433" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/10apr_2.jpg" width="530" height="195" /></p>
<p>Vergleicht man seine Werte mit dem Wissen von Wikipedia, so waren die historischen Zahlen offenbar etwas zu niedrig, aber wie eingangs bereits vermerkt: Ungenauigkeiten sind kaum zu vermeiden. Im nächsten Schritt war sein Ziel, sämtliche Konflikte gewissermaßen als Strichliste in diese Kategorien einzuordnen und zu zählen, wie häufig größere und kleinere Konflikte waren.</p>
<p>Die Datensuche gestaltete sich offenbar mühsam, vor allem für die mittelgroßen Konflikte. Große Kriege (&gt;2.5, d.h. mit mehr als 300 Toten) waren auch für ihn bereits aus Geschichtsbüchern gut nachvollziehbar , sehr kleine Zahlen (d.h. einzelne Mord- und Totschlagsdelikte) konnte er aus den Kriminalstatistiken verschiedener Länder hochrechnen. Dabei errechnete er einen Durchschnitt von 32 Konflikten mit Todesfolgen pro Million Einwohner für Länder mit brauchbaren Statistiken, und rechnete diese Zahl auf die ungefähre Weltbevölkerung von 1,5 Milliarden (um 1900) hoch. Der Einfachheit halber wurde das als konstanter Wert  für den gesamten Zeitraum von 126 Jahren angenommen. Und so kommt er auf 6 Millionen Mordfälle. Diese grobe Näherung korrigierte er im nächsten Schritt mit Daten aus der britischen Kriminalstatistik, um zu berücksichtigen, daß in manchen dieser Konflikte mehr als ein Mensch zu Tode kam, mit einem Gesamtergebnis von 9 Millionen Toten aus Kleinstkonflikten über den gesamten Zeitraum. Zwar handelt es sich bei dieser Zahl um eine sehr grobe Schätzung, aber für die Zwecke völlig ausreichend – auch bei Abweichungen nach oben oder unten würden sich die Gesamtergebnisse am Ende kaum ändern.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1434" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/10apr_3.jpg" width="530" height="198" /></p>
<p>Die größte Herausforderung waren offenbar die mittelgroßen Konflikte mit 5-300 Toten, die in keiner Kriminalstatistik systematisch erfasst sind – aber auch in keinem Geschichtsbuch umfassend verzeichnet. Diesen Teil der Daten leitet er mit einigermaßen komplizierten Berechnungen aus den existierenden Daten ab, und kommt insgesamt zu dem Ergebnis, daß seit 1820, gemessen an der gesamten Sterberate nur 1.6% der Toten auf Konflikte entfielen. Lapidar konstatiert er “Those who enjoy wars can excuse their taste by saying that wars after all are much less deadly than disease” &#8211; er war übrigens überzeugter Pazifist. In absoluten Zahlen entsprechen diesen 1,6 % immerhin 59 Millionen Tote über 126 Jahre – wobei das noch unter den heutigen Maximalschätzungen für den zweiten Weltkrieg allein liegt, also vermutlich wirklich deutlich zu niedrig ist. Seine Analysen zeigen jedoch, daß die Mehrzahl dieser Opfer entweder durch ordinäre Morde oder aber durch die beiden Weltkriege zu Tode kam.</p>
<p>Mit weiteren mathematischen Analysen zeigt Richardson abschließend, daß Ausmaß und Häufigkeit der Ereignisse tatsächlich in einem regelmäßigen statistischen Zusammenhang stehen, und zwar sowohl für die von ihm gesammelten weltweiten Daten wie auch für einzelne, kleinere Phänomene, zum Beispiel bei Gangs und Konflikten in Chicago. Seither wurde diese Besonderheit auch in anderen Kontexten untersucht, insbesondere für <a rel="nofollow" href="http://arxiv.org/pdf/physics/0606007.pdf">terroristische Anschläge scheint Ähnliches zu gelten</a>, ebenso wie für aktuellere Datensätze, die die quantitativ orientierten Sozialwissenschaften natürlich längst zusammengetragen haben.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1432" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/10apr_1.jpg" width="530" height="213" /></p>
<p>Bleibt jedoch die Frage, wie ein solches Muster entstehen kann, bzw. welche Mechanismen dahinterstehen. In bester interdisziplinärer Manier suchte ein <a rel="nofollow" href="http://www2.econ.iastate.edu/tesfatsi/LarsErikCederman.ModelingSizeOfWars.pdf">Forscher daher in der Physik nach Erklärungen</a> und wurde fündig bei der <a rel="nofollow" href="http://www.nld.ds.mpg.de/~soc/">selbstorganisierten Kritikalität</a>, die sich bereits für alle möglichen ähnlichen Phänomene (zum Beispiel Lawinenabgänge, Erdbeben etc.) als nützlich erwiesen hat. Der fragliche Forscher schafft es, die Grundidee von selbstorganisierter Kritikalität auch ohne Fachbegriffe wie &#8220;Skaleninvarianz&#8221; und &#8220;Attraktoren&#8221; zu erklären, indem er auf ein illustrierendes Beispiel zurückgreift: läßt man Sand auf einen Haufen rieseln, so rutschen die Seiten des entstehenden Sandberges immer mal wieder, plötzlich, in größere Mengen ab. Die permanente (=lineare) Berieselung baut Spannungen auf, die sich ruckartig (und nicht-linear) entladen.</p>
<p>Der Zusammenhang mit Konflikten springt einem dabei nicht sofort ins Auge, aber bei näherer Überlegung: die Ausbreitung von Kriegen in Raum und Zeit und Größe sind gar nicht so unähnlich, wobei zum Beispiel technologische Neuerungen (Transportmittel zur räumlichen Ausbreitung) eine ähnliche Wirkung wie permanente Sandberieselung im o.g. Beispiel haben können. Auf dieser Grundidee konstruiert er ein mathematisches Modell mit Agenten (Staaten) auf einer (geographischen) Rasterfläche, die miteinander und über viele Zeitperioden hinweg in Beziehungen, ausgedrückt durch Gleichungen, die die Beziehungen mathematisch beschreiben, verbunden sind. Die Beschreibung dieses dynamischen Gleichungssystems erinnert entfernt an Computerspiele, und ganz ähnlich kann das System danach verschiedene Situationen simulieren.</p>
<p>Der Autor zeigt, daß sein Modell tatsächlich potenzgesetzmäßige Konflikte generiert – und vor allem, welche Faktoren dazu beitragen, namentlich technologischer Fortschritt und Entscheidungsregeln, die vielfältige Interdependenzen und Dimensionen zwischen den Akteuren berücksichtigen, wie etwa Konflikte an mehreren Fronten und deren Wechselwirkungen. Spannend, aber vermutlich für die Realpolitik wenig interessant – dafür jedoch ein weiteres Anzeichen dafür, daß die traditionell eher statischen modelltheoretischen Fundamente der Sozialwissenschaften pragmatisch betrachtet möglicherweise nicht der Weisheit letzter Schluß sind.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/sophia-infinitesimalia/">sophia.infinitesimalia</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blogs.faz.net/deus/2013/04/10/vom-versuch-kriege-zu-quantifizieren-1430/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>34</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wie Dieter Hildebrandt es dem Springerkonzern gezeigt hat</title>
		<link>http://blogs.faz.net/deus/2013/04/06/wie-dieter-hildebrandt-es-dem-springerkonzern-gezeigt-hat-1419/</link>
		<comments>http://blogs.faz.net/deus/2013/04/06/wie-dieter-hildebrandt-es-dem-springerkonzern-gezeigt-hat-1419/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 06 Apr 2013 20:48:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>donalphonso</dc:creator>
		
		<guid isPermaLink="false">http://blogs.faz.net/deus/?p=1419</guid>
		<description><![CDATA[<p>Viele Medien würden gern vom Nutzer direkt Geld beziehen, aber nur wenige schaffen es. Und ausgerechet das Kabaretturgestein Dieter Hildebrandt zeigt jetzt all den selbsternannten Internetgurus, wie man das macht- <a href="http://blogs.faz.net/deus/2013/04/06/wie-dieter-hildebrandt-es-dem-springerkonzern-gezeigt-hat-1419/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/donalphonso/">donalphonso</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Seit der Mensch Inhalte produziert, möchte er wissen, wie er damit wenigstens sein täglich Brot erwirtschaftet. Die Suche nach Antworten war noch nie leicht, die Handschriftenwerkstätten in den Niederlanden beschäftigten zur Reduktion der Kosten Frauen, Gutenberg ging mit seiner Erfindung pleite, und der erste Wiegendruck war noch nicht trocken, da sinnierte man auch schon auf Raubdrucke und Schmutz und Schund im Sinne einer Produktdiversikation. Mit den modernen Zeitungen und Büchern hatte man dann ein System gefunden, das allen ihr Auskommen zu gewähren schien, und dann kam das Internet. Und seitdem sucht man unter vielen insolventen Gutenbergs der New Economy nach einem, der wie der Messias aussieht.</p>
<p><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/6apr1.jpg" width="550" height="321" /></p>
<p>Bis zu dieser Woche hätte man vielleicht sagen könne, der Messias sähe aus wie Mathias Müller von Blumencron, der Chefredakteur von Spiegel Online und Schöpfer des deutschen Marktführers. Zumal Blumencron auch klug genug war, jeder übereilten „Pay Content“-Strategie die Stirn zu bieten. Damit setzte er sich klar von der Springer-Strategie ab, möglichst viele zahlende Kunden zu gewinnen, auch wenn es Reichweite und Leser kostet. Wie sinnvoll Pläne sind, den Nutzern für nicht sonderlich exklusive Inhalte, die er zumeist überall findet, plötzlich nur noch gegen Bezahlung und dennoch werbungsverseucht zu liefern, ist jedoch angesichts der jüngsten Entwicklungen nur noch eine akademische Frage: <a rel="nofollow" href="http://www.google.de/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=newssearch&amp;cd=5&amp;cad=rja&amp;ved=0CDoQqQIoADAE&amp;url=http%3A%2F%2Fmeedia.de%2Fprint%2Fspiegel-mascolo-und-blumencron-sollen-weg%2F2013%2F04%2F05.html&amp;ei=2MVgUZIEiIziBJLSgOAF&amp;usg=AFQjCNExmF4w-0CPxS78cpiFiw6uURdDaQ&amp;sig2=IaQA0g-FVbV-p5bEu0mcVQ&amp;bvm=bv.44770516,d.bGE">Blumencron wird auf seinem Posten vermutlich abgelöst</a>. Und damit ist das wichtigste Bollwerk gegen die versuchte Totalverwertung der Kunden weg. „Die New York Times macht das aber auch“, wird dann einer der Entscheider in den Verlagen sagen, der nicht versteht, dass es in Deutschland kein Onlineangebot wie die NYT gibt. Sondern hauptsächlich Versuche, die nicht sonderlich weit gediehen sind.</p>
<p>So hatte man früher die Idee, Zeitungen in einem dynamischen Medium ohne Links und Kommentare in E-Paper umzusetzen, und dann genau so zu verkaufen. Dann kam man auf die Idee, der normale Internetnutzer sei vielleicht wirklich zu geizig, aber all die schönen Trendanalysen zeigten unzweifelhaft auf, dass Mobilnutzer erheblich mehr zu zahlen bereit sind, um ihr Spielzeug herzuzeigen. Das Ergebnis dieser Neuausrichtung war die Entwicklung enorm teurer Apps, mit denen man sich in die Abhängigkeit von Apple und deren Preispolitik begab, und diese ernüchternde Erfahrung als hilfloser Zulieferer von Apple war dann auch schon wieder das Ende der Begeisterung für das Thema. <a rel="nofollow" href="http://meedia.de/internet/doepfner-beten-und-steve-jobs-danken/2010/04/08.html" target="_blank">Insofern wird man auch Hern Döpfner von Springer</a>, der solche Ideen gern und laut propagierte, vielleicht nicht mehr zwingend als das Gesicht des journalistischen Onlinegeschäfts betrachten wollen.</p>
<p><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/6apr3.jpg" width="550" height="248" /></p>
<p>Es ist eine feine Ironie der Geschichte, dass es nun, nach all den Rückschlägen und Fehlentwicklungen, inzwischen doch jemanden gibt, dessen Erfolg man entsprechend herausstellen könnte, wäre es nicht für all die Berater und Produktentwickler so peinlich: Der Mann ist 85 Jahre alt, Rentner, kommt vom Fernsehen und hat sich damit auch gleich ans schwierigste aller Formate gemacht: Pay-TV im Netz. Und er hat nicht erst kostenlos geliefert und danach per Kostenpflicht kassiert. Das ganze Projekt haben die Nutzer vorfinanziert. Einfach so. 125.000 Euro wären nötig gewesen, über 150.000 sind zusammen gekommen. Das schafft kein Dieckmann und kein Döpfner, das kann kein Blumencron und keine WAZ oder SZ, die Videocasts mal für das grosse Ding gehalten haben. <a rel="nofollow" href="http://www.startnext.de/stoersender">Das schafft der Kabarettist Dieter Hildebrandt</a>. Und es lohnt sich zu überlegen, warum er das kann. Und andere nicht.</p>
<p>Denn die Idee „Dann mache ich halt im Netz weiter“ ist unter nicht mehr ganz taufrischen TV-Grössen gar nicht mal selten anzutreffen. Dazu zählen eher skurrile Versuche wie jener der damaligen Eva Herman, nach dem Ende der Karriere als Tagesschau-Moderatorin eine Nachrichtensendung beim Kopp-Verlag zu machen, die im Internet mitsamt kruden Verschwörungstheorien verbreitet wurde. Aber auch andere Berühmtheiten gaben nicht einfach so auf: Tita von Hardenberg führte das 2008 eingestellte Lifestyle-Magazin Polylux noch einige Jahre im Netz als Polylog.tv weiter. Und auch die geschasste Literaturkritikerin Elke Heidenreich war zuversichtlich, ihre Sendung im Internet erfolgreich weiterführen zu können. Nach anfänglich passablen Zahlen kippte das Projekt innerhalb eines Jahren in die Bedeutungslosigkeit, und wurde eingestellt – nicht ohne die Ankündigung, man hielte sich diese Option weiterhin offen.</p>
<p><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/6apr4.jpg" width="550" height="255" /></p>
<p>Nun ist das Subskriptionsmodell gerade wieder als Crowdfunding ein Modethema im Netz; es wirkt sozial, frei von der Beeinflussung durch wirtschaftliche Interessen, und zudem hoch effektiv: Während die Umsätze klassischer Medien weitgehend durch die Verlagsstrukturen wie Abowerbung und Anzeigengeschäft entstehen, und entsprechend wenig bei der Redaktion ankommt, verspricht Crowdfunding eine direkte Finanzierung der Autoren durch den Leser. Und offensichtlich ist der Wunsch, Hildebrandt ohne zwischengeschaltete Landesmedienanstalten zu sehen, nur dem Betrachter verpflichtet und daher unplugged, attraktiv genug. Es gibt ein Angebot des grossen, alten Mannes, es gibt eine Nachfrage, eine Plattform, auf der das abgewickelt wird, ohne GEZ-Zwang oder Auswahl zwischen 25 Sendern, die sich weitgehend angeglichen haben: Das läuft. In diesem einem Fall.</p>
<p>Nun ist Dieter Hildebrandt sicher in der erfreulichen Lebenslage, dass er das machen kann, aber nicht mehr machen müsste. Bei anderen, die sich momentan mit der Entwicklung geschäftigen, ist es dagegen eine pure Notwendigkeit, die Leserschaft zu kapitalisieren, ohne die Ochsentour über den Verkauf von Werbung – nicht gerade ein einfaches Geschäft – oder die Abhängigkeit von grossen Medienhäusern zu erdulden. <a rel="nofollow" href="http://meedia.de/internet/web-zeitung-sammelt-ueber-1-mio-euro-ein/2013/04/02.html" target="_blank">Aber von wenigen erfolgreichen Beispielen</a> abgesehen ist das Netz wie so oft voll mit Geschichten des Scheiterns: Sei es nun ein gross <a rel="nofollow" href="http://signup.sobooks.de/?r=http://www.google.de/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=1&amp;ved=0CDUQFjAA&amp;url=http%3A%2F%2Fsobooks.de%2F&amp;ei=h0BgUf3rGeOn4gTJkYD4BQ&amp;usg=AFQjCNEIF1j_asiLr0c1MBIqkDzLSisrhQ&amp;sig2=0m71zJulXKA7PLkAQIuRhw&amp;bvm=bv.44770516,d.bGE">angekündigter Verlag mit Subskriptionsmodellen</a>, dessen Start mehr und mehr nach hinten geschobem wird, oder echte Killerthemen wie ein Buch über den Untergang des <a rel="nofollow" href="http://www.blog-cj.de/blog/2013/02/25/universalcode-2-es-geht-los-wenn-ihr-wollt/">Journalismus mit Finanzierung durch die im Internet</a> zu werbenden Leser: Da ist zwar die Idee und der Wunsch nach Geld da, aber nicht die Hartknäckigkeit, das auch durchzusetzen.</p>
<p><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/04/6apr2.jpg" width="550" height="255" /></p>
<p>Natürlich fühlt man als Blogger mit einer gewissen Bekanntheit auch, dass es eine Unterstützung durch die Leser gibt. Die Vorstellung so eines Modells hat seine Verlockungen, aber es garantiert einem keiner, dass man daraus mit regelmässigen Einnahmen rechnen kann. Und ob man alle paar Monate, wie es früher die taz getan hat, mit dem Klingelbeutel herumgehen will, muss man auch erst einmal überlegen. Man tauscht die Abhängigkeit vom Verlag gegen die Abhängigkeit von den Lesern ein, und wer weiss, ob die auch mal eine längere Krankheit finanzieren. Man geht einen Pakt ein, man muss liefern. Oder man muss es sich leisten können, es nicht zu tun, wie man das über all die Jahre bei den führenden deutschen Blogs und ihren gescheiterten Bestrebungen, Geld zu verdienen, mit anschauen musste. Aber der leichtere Weg wird vermutlich der sein, den jetzt schon diverse &#8220;freie&#8221; Auto-, Tech- und Modeblogger gehen: Schleichwerbung, Gewinnspiele, Einladungen, freundliche Berichterstattung. Auch hier sind die Wege zwischen Autor und Kunden kurz, und die Risiken einer juristischen Auseinandersetzung, wie sie einem beim kritischen Journalismus immer wieder befürchten muss, gering. <a rel="nofollow" href="http://www.regensburg-digital.de/">Regensburg Digital ist so ein Fall</a>. Kritisch, unabhängig, immer wieder in Prozesse verwickelt, und bei den Nutzern heiß geliebt. Ein leichter Weg ist das freilich nicht.</p>
<p><span style="text-decoration: underline;"><strong>HINWEIS:</strong></span></p>
<p>Der Beitrag ist wie immer in einer <a rel="nofollow" href="http://stuetzendergesellschaft.wordpress.com/2013/04/06/wie-dieter-hildebrandt-es-dem-springerkonzern-gezeigt-hat/">kommentarfreundlichen und leicht administrierbaren Version hier verfügbar.</a></p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/donalphonso/">donalphonso</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blogs.faz.net/deus/2013/04/06/wie-dieter-hildebrandt-es-dem-springerkonzern-gezeigt-hat-1419/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>28</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Essen &#8211; lassen: über Gesellschaft und Gewicht</title>
		<link>http://blogs.faz.net/deus/2013/03/31/essen-lassen-uber-gesellschaft-und-gewicht-1403/</link>
		<comments>http://blogs.faz.net/deus/2013/03/31/essen-lassen-uber-gesellschaft-und-gewicht-1403/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 31 Mar 2013 16:57:07 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sophia.infinitesimalia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeitskultur]]></category>
		<category><![CDATA[Forschung]]></category>
		<category><![CDATA[gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheit]]></category>
		<category><![CDATA[Konsum]]></category>
		<category><![CDATA[Regulierung]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blogs.faz.net/deus/?p=1403</guid>
		<description><![CDATA[<p>Seit Jahren befassen sich Medien und Forschung mit dem Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Körpergewicht. Dabei wäre Forschung im naturwissenschaftlichen Umfeld möglicherweise aufschlußreicher. <a href="http://blogs.faz.net/deus/2013/03/31/essen-lassen-uber-gesellschaft-und-gewicht-1403/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/sophia-infinitesimalia/">sophia.infinitesimalia</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<style type="text/css"><!--
P { margin-bottom: 0.08in; }A:link {  }
--></style>
<p>Mit Mitte zwanzig mußte ich – höchst unfreiwillig – meinen Fernseher aufgeben. Ich hatte soeben das Studienfach gewechselt, kam in eine neue Stadt, in eine neue Wohnung, mit all dem Sress eines Umzugswochenendes. Meine Eltern und ich trugen den Fernseher ins Zimmer, meine Mutter wollte uns in die Nähe des Kabelanschlußes dirigieren – allein, es gab keinen. Bei der Wohnungsbesichtigung war mir der Gedanke überhaupt nicht gekommen, es könne noch Behausungen ohne Kabelanschluß geben, aber genauso war es. Die öffentlich-rechtlichen Programme konnte ich mit der Antenne gerade noch empfangen, Kabelanschluß verlegen zu lassen war zu teuer, und am Ende habe ich zwei Jahre damit verbracht, viele Bücher zu lesen, was auch nicht verkehrt war.</p>
<p>Ob Bücher dick oder dünn machen, ist nicht bekannt – aber Fernsehen macht angeblich dick (und Computer und Internet auch). Unzählige<a rel="nofollow" href="http://www.stern.de/ernaehrung/uebergewicht-abnehmen/uebergewicht-bei-kindern-generation-pommes-615768.html"> Studien, vor allem mit Kindern</a>, versuchen den Zusammenhang zwischen Fernsehkonsum und Körpergewicht nachzuweisen, und gerne wird dabei der Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität unterschlagen. Bei komplexen Phänomen greifen monokausale Erklärungen fast immer zu kurz, so auch hier. Es gibt unzählige Gründe, die alle dazu beitragen, daß der durchschnittliche Bürger eines Industrielandes immer schwerer wird.</p>
<p><img class="size-full wp-image-1404" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/03/30märz_4.jpg" width="530" height="194" /></p>
<dl class="wp-caption alignnone" id="attachment_1404" style="width: 540px;">
<dd class="wp-caption-dd"></dd>
</dl>
<p>Die moderne Wirtschaft ist vom tertiären Sektor, also Dienstleistungen, geprägt, und solche Tätigkeiten sind typischerweise weniger bewegungsintensiv als das Jagen und Sammeln von früher, oder die harte Arbeit auf dem Acker.</p>
<p>Veränderte Ernährungsmuster spielen ganz sicher auch eine Rolle. In Entwicklungsländern muß man Tütensaucen und Fertiggerichte im Supermarkt mühsam suchen, in der Schweiz ist die Auswahl  begrenzt, in Deutschland erheblich größer, und in den USA sucht man eher die unbehandelten Nahrungsmittel. In der Schweiz ist eine Mahlzeit auf dem Sofa nahezu undenkbar, in Deutschland eine von mehreren Optionen und in amerikanischen Familien oftmals die einzige. Über die biologischen Mechanismen, die einen Zusammenhang zwischen der Art der Lebensmittel und Übergewicht herstellen können, weiß man – wie so oft – auch nicht genug. <a rel="nofollow" href="http://www.fitforfun.de/abnehmen/figurfalle-glutamat-macht-der-geschmacksverstaerker-dick-_aid_8014.html">Glutamate</a> machen dick, richtige <a rel="nofollow" href="http://www.tum.de/die-tum/aktuelles/pressemitteilungen/kurz/article/30517/">Fette machen satt</a>, <a rel="nofollow" href="http://www.focus.de/gesundheit/ernaehrung/tid-13247/gesund-essen-der-zuckerersatz-verursacht-heisshunger_aid_366090.html">Zuckerersatzstoffe</a> hingegen regen den Appetit an – viele Korrelationen, Kausalität nachzuweisen ist hingegen mühsam.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1405" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/03/30märz_3.jpg" width="530" height="196" /></p>
<p>Abgesehen vom reinen Erkenntnisinteresse, das man an solchen Fragen haben kann, ergibt sich aus unserem unzureichenden Verständnis der Zusammenhänge aber noch ein weiteres Problem: die Politik mischt sich immer öfter in solche privaten Entscheidungen der Menschen ein – das allerdings häufig im wissenschaftlichen Blindflug, weil so viele Mechanismen völlig unklar sind. Ob die New Yorker wirklich alle abnehmen würden, wenn 1-Liter-Colabecher verboten würden? Ob bunte Lebensmittelampeln tatsächlich jenen bei der Ernährung helfen, die Hilfe bräuchten? Und wo bringt man auf der <a rel="nofollow" href="http://online.wsj.com/article/SB10001424127887323393304578358681822758600.html">von mir geliebten Weihnachtsgans</a> das dunkelrote Schildchen an?</p>
<p>Wer sich schon mal mit Diäten versucht hat, weiß, wie schwierig abnehmen ist. Selbst bei optimaler Anleitung, ohne absurde Essenspläne à la &#8220;nur Weißbrot&#8221; oder &#8220;nur Kohlsuppe&#8221;, in Kombination mit einem sportlichen Ausgleichsprogramm, gelingt es doch nur wenigen, dauerhaft das Gewicht zu reduzieren. Als weitgehend gesichert gilt, daß der Körper, wenn man plötzlich weniger isst, den Grundumsatz reduziert – also den Kalorienverbrauch im Ruhezustand wie auch für Aktivitäten vermindert. Das war in früheren Zeiten sinnvoll, um Hungersnöte zu überbrücken – zumal zum Beispiel mangelernährte Kinder einen Teil des Entwicklungsrückstands relativ schnell wieder aufholen können.<a rel="nofollow" href="http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20844188"> Studien zeigen, daß Kinder</a>, die während Hungersnöten zu wenig wachsen, dafür umso schneller wachsen, sobald sie wieder angemessen ernährt werden. Der Rückstand wird zwar nicht völlig aufgeholt, aber zumindest teilweise. Die Evolution hat dem Menschen zusätzlich sogar noch einen psychologischen Hilfsmechanismus mitgegeben: bei <a rel="nofollow" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hunger">Hunger</a> werden Serotonine ausgeschüttet, zum Teil auch Endorphine, so daß Hungern glücklich macht (und Anorexie eine besonders fatale Eßstörung).</p>
<p>In Industrieländern hingegen sind die Hungersnöte für die meisten Menschen eine selbstgewählte Kasteiung – umso frustrierender, wenn man nicht ans Ziel gelangt, wenn die Gesellschaft trotz aller flankierenden politischen Maßnahmen immer schwerer wird. Dabei ist das Gewicht vermutlich zu wesentlichen Teilen von den Genen bestimmt – und gegen seine Gene anzuhungern ein aussichtsloses Unterfangen.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1406" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/03/30märz_2.jpg" width="530" height="206" /></p>
<p>Bei den oben erwähnten Studien zu Fernsehkonsum und Kindergewicht ist die logische Lücke offensichtlich: Eltern, die den Fernsehkonsum ihrer Kinder begrenzen, achten vermutlich auch auf gesunde Ernährung und fördern sportliche Aktivitäten. Das ist<a rel="nofollow" href="http://science.orf.at/stories/1701650/"> mitnichten Kausalität, sondern Korrelation</a>. Solange man den biologischen Mechanismen und Genen nicht im Labor zuleiberücken kann, bleiben nur beobachtende, statistische Studien. Das Ideal wäre, dieselben Kinder in veschiedenen Familien beobachten zu können: solchen, in denen auf gesunde Ernährung und Sport geachtet wird, solchen, wo der <a rel="nofollow" href="http://main.nc.us/cartoons/obesity-gene.jpg">Fernseher</a> der Babysitter ist, aber die Ernährung ausgewogen und solchen, wo das Abendessen von der Fastfoodkette serviert wird. Unterschiede im Gewicht wären dann tatsächlich auf die unterschiedlichen Umstände zurückzuführen – aber ein derartiges Experiment ist erstens unrealistisch und zweitens unethisch, daher ausgeschlossen. Studien mit ein- und zweieiigen Zwillinge deuten darauf hin, daß das Erbgut eine entscheidende Rolle für das Gewicht spielt – können allerdings die Umwelteinflüsse des familiären Umfelds kaum von den Genen trennen.</p>
<p>Ungleiche Umstände wie oben beschrieben künstlich herzustellen, wäre fragwürdig, aber das Leben beschert Forschern annähernd ähnliche Umstände, wenn Zwillinge zur Adoption freigegeben werden und in unterschiedlichen Haushalten aufwachsen.<a rel="nofollow" href="http://ki.se/ki/jsp/polopoly.jsp?d=13903&amp;a=30148&amp;l=en"> Schweden hat einen der am häufigsten verwendeten Zwillingsdatensätze</a> jeden Alters (insgesamt 25.000 Zwillingspaare geboren zwischen 1886 und 1958). Die Zwillinge sind im Durchschnitt 60 Jahre alt, weil in der Zeit vor 1930 Zwillinge häufiger getrennt aufwuchsen als heute. <a rel="nofollow" href="http://www.nejm.org/doi/full/10.1056/nejm199005243222102#t=articleTop">Auswertungen dieser Daten</a> zeigen, daß das Gewicht (und folglich auch Übergewicht) bis zu 80 % genetisch beeinflußt ist und die Umweltumstände nur eine begrenzte Rolle spielen. Dabei gibt es allerdings nicht das eine Gen, welches dick macht.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1407" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/03/30märz_1.jpg" width="530" height="214" /></p>
<p>Ein<a rel="nofollow" href="http://www.jgenomics.com/v01p0045.htm"> aktuelles Forschungsprojekt</a> hat in verschiedenen Menschen und Tieren über 1.700 Genorte festgestellt, die mit dem Gewicht in Zusammenhang stehen (und auch interessante Überschneidungen zwischen Menschen und Tieren gefunden). Außerdem gibt es noch die Interaktion zwischen Genen und Umwelt, die Epigenetik. Diese befasst sich damit, wie frühe Außeneinflüsse, zum Beispiel frühkindliche Traumata, die Chromosomen verändern können und damit die zukünftige Entwicklung eines Menschen mitbestimmen. Im Zusammenhang mit dem Gewicht scheint es, als würden Kinder, die im Mutterleib signalisiert bekommen, daß Nahrung knapp ist, später zu Übergewicht neigen – möglicherweise weil der gesamte Stoffwechsel frühzeitig geprägt wird und damit auf reichhaltige Nahrung im weiteren Leben anders reagiert &#8211; nämlich mit Übergewicht.</p>
<p><a rel="nofollow" href="http://www.nytimes.com/2007/05/08/health/08iht-snfat.5614611.html?pagewanted=1&amp;_r=2&amp;">Tröstliche Erkenntnis</a> für all jene, die mit ihrem Gewicht unzufrieden sind, und auch jene, die abends lieber Fernsehschauen als noch drei Stunden auf dem Laufband zu schwitzen. Andererseits ein weiteres Beispiel dafür, wie wenig wir eigentlich über uns selbst und die Grenzen unserer Möglichkeiten wissen.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/sophia-infinitesimalia/">sophia.infinitesimalia</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blogs.faz.net/deus/2013/03/31/essen-lassen-uber-gesellschaft-und-gewicht-1403/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>51</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wettbewerb in der Wissenschaft: die Bibliometrie</title>
		<link>http://blogs.faz.net/deus/2013/03/27/wettbewerb-in-der-wissenschaft-die-bibliometrie-1362/</link>
		<comments>http://blogs.faz.net/deus/2013/03/27/wettbewerb-in-der-wissenschaft-die-bibliometrie-1362/#comments</comments>
		<pubDate>Wed, 27 Mar 2013 13:44:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sophia.infinitesimalia</dc:creator>
				<category><![CDATA[Forschung]]></category>
		<category><![CDATA[Internet]]></category>
		<category><![CDATA[Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Statistik]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blogs.faz.net/deus/?p=1362</guid>
		<description><![CDATA[<p>Die Allgemeinheit diskutiert gelegentlich kontrovers über Hochschulrankings - Wissenschaftler hingegen über Publikationsrankings.  <a href="http://blogs.faz.net/deus/2013/03/27/wettbewerb-in-der-wissenschaft-die-bibliometrie-1362/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/sophia-infinitesimalia/">sophia.infinitesimalia</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<style type="text/css"><!--
P { margin-bottom: 0.08in; }
--></style>
<p>Akademische Forschung wird häufig für einen Elfenbeinturm mit selbstreferentiellen Tendenzen gehalten. Aber auch vor der ultimativen Gelehrsamkeit hat die Moderne nicht haltgemacht und versucht, selbige in ein möglichst kompaktes Maß zu verpacken: das Publikationsranking.</p>
<p>Die <a rel="nofollow" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Bibliometrie">Bibliometrie</a>, also die <a rel="nofollow" href="https://www.ischool.utexas.edu/~palmquis/courses/biblio.html">Auswertung</a> von Texten und Veröffentlichungen mittels statistischer Methoden, ist ein Kind des 20. Jahrhunderts. Im weiteren Sinne umfasst sie auch Untersuchungen zur Häufigkeit von Wörtern, oder die Analyse von grammatischen und syntaktischen Strukturen. Am umstrittensten ist jedoch vermutlich die Zitationsanalyse und ihre Bedeutung im <a rel="nofollow" href="http://www.arl.org/resources/pubs/mmproceedings/138guedon.shtml">wissenschaftlichen Betrieb</a>. Dabei werden aus einer bibliographischen Datenbank Informationen zu Veröffentlichungen miteinander verknüpft, so daß das Geflecht von Verweisen und Zitaten sichtbar wird – sowohl thematisch als auch zeitlich.</p>
<p>Bis vor einigen Jahren war es außerordentlich mühsam, Zitate und Querverweise zwischen Veröffentlichungen händisch zu erfassen und zu systematisieren, aber mit der Einführung von Computern taten sich ganz neue Möglichkeiten auf, von den Segnungen des Internets gar nicht zu reden. Der vermutlich bekannteste Zitationsindex, der <a rel="nofollow" href="http://en.wikipedia.org/wiki/Science_Citation_Index">Science Citation Index</a>, wurde in den 50er Jahren erfunden, zwischenzeitlich <a rel="nofollow" href="http://thomsonreuters.com/products_services/science/science_products/a-z/science_citation_index/">kommerziell</a> übernommen und umfasst – nach eigenen Angaben – 3.700 Fachzeitschriften aus über 100 Fachgebieten. Die vermutlich am weitesten verbreitete Anwendung dürfte Google Scholar sein – eine Seite, um die vermutlich kaum ein Student herumkommt. Analog zu normalen Suchmaschinen findet der fleißige Student dort Aufsätze und Arbeitspapiere, kann die Evolution von Forschungsarbeiten nachvollziehen (wenn verschiedene Versionen dort auftauchen) und sieht außerdem, von wievielen Werken der nachfolgenden Forschung ein Papier zitiert wird.</p>
<p><img class="size-full wp-image-1383" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/03/biblio1.jpg" width="530" height="214" /></p>
<p>Zitationsindizes erlauben es, einzelne Forscher, Institute, Universitäten und sogar Länder nach ihrer wissenschaftlichen Produktivität zu klassifizieren, gemessen in der Anzahl der Publikationen, gegebenenfalls gewichtet nach dem Ansehen der publizierenden Zeitschrift. Hübsch ist, daß man damit kuriose <a rel="nofollow" href="http://archive.sciencewatch.com/dr/rfm/mos/10marmosGLOBAL/">Landkarten</a> erstellen kann, welche die Beziehungen zwischen den Disziplinen darstellen. Nicht sicher ist, ob so ein Zitationsindex Fluch oder Segen ist – das hängt vermutlich davon ab, wen man fragt.</p>
<p>Für viele ist der Zitationsindex ein <a rel="nofollow" href="http://blog.prof.so/2011/06/in-defence-of-bibliometrics.html">bequemes und halbwegs objektives Maß</a>, welches einen aggregierten Anhaltspunkt für wissenschaftliche Produktivität bietet. Einen statistischen Zusammenhang gibt es fraglos, zum Beispiel zeichnen sich spätere Nobelpreisträger bereits deutlich vor Verleihung dieser allerhöchsten Ehre durch hervorragende – und viele – Publikationen aus.</p>
<p>Dennoch muß man bei der <a rel="nofollow" href="ftp://ftp.cordis.europa.eu/pub/indicators/docs/3rd_report_biblio_ext_methodology.pdf">Interpretation</a> vorsichtig und mit Augenmaß zu Werke gehen. Die reine Verbindung über ein Zitat sagt nichts darüber aus, ob zwei Aufsätze in Konsens oder Dissens miteinander stehen. Auch hat diese Statistik Schlagseite hin zur Quantität, während die Qualität einzelner Werke kaum erfasst werden kann – es sei denn durch Einbeziehung einer Maßzahl für Qualität und Ansehen des veröffentlichenden Mediums – was wiederum häufig auf Basis von Zitationsindizes erstellt wird.</p>
<p><img class="size-full wp-image-1382" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/03/biblio2.jpg" width="530" height="221" /></p>
<p>Als alleiniger Maßstab sind solche Rankings daher reichlich umstritten – in der Praxis aber dennoch enorm relevant. In vielen Fächern gilt die Devise “publish or perish”, Berufungsprozesse orientieren sich maßgeblich an den Veröffentlichungen. In einschlägigen Foren wird diskutiert, wieviele Aufsätze man in einer Fachzeitschrift der ersten, zweiten und dritten Liga man herausgebracht haben muß, um “<a rel="nofollow" href="http://www.utexas.edu/law/faculty/tenure_standards.pdf">tenure</a>” zu erhalten, also im angloamerikanischen Raum die Professur auf Lebenszeit. In manchen Fällen werden solche Kriterien sogar schon in den Verträgen für Juniorprofessuren festgeschrieben, und als Frau tut man gut daran, frühzeitig zu heiraten, bzw. in gut feministischer Manier <a href="http://blogs.faz.net/deus/2013/03/25/der-gottliche-funke-im-videospiel-1330/">den eigenen Namen zu behalten</a> &#8211; eine Namensänderung ist fatal für die Publikationsliste. Ein zu später Namenswechsel kostet buchstäblich wissenschaftliche Punkte, ebenso übrigens das Pech, mit einem späten Buchstaben im Alphabet durchs Forscherleben zugehen. Autoren werden meist alphabetisch gelistet und in der Regel geht das Paper von Müller und Schmidt als Müller et al. in die Annalen der Forschung ein – Pech für Schmidt.</p>
<p>Bei näherer Betrachtung handelt es sich allerdings beim Publikationsmarkt um eine <a rel="nofollow" href="http://scienceblogs.de/mathlog/2012/02/21/elsevier-und-die-mathematiker/">skurrile Angelegenheit</a>. Verlage verlegen Fachzeitschriften und verdienen damit Geld. Bibliotheken müssen Zeitschriftenabonnements vorhalten – und zuweilen enorme Geldsummen dafür ausgeben – um ihrer Klientel Zugang zu Wissen gewähren zu können. Dazwischen sitzen die Forscher, die erstens das eigentliche Produkt erstellen (den Fachaufsatz), zweitens die Qualitätskontrolle sicherstellen (als oftmals unbezahlte Referees) und das ganze – drittens – völlig umsonst. Es ist nicht einzusehen, wie sich dieser Markt so etablieren konnte, aber er ist schwer aus dem Gleichgewicht zu bringen, auch wenn es zunehmend Forscher gibt, die sich verweigern wollen. Besonders skurril ist daran, daß der Publikationsprozess selbst für erfolgreiche Wissenschaftler ein Spießrutenlauf ist.</p>
<p><img class="alignnone size-full wp-image-1388" alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/03/biblio4.jpg" width="530" height="207" /></p>
<p>In manchen Zeitschriften sind die – freiwilligen, unbezahlten – Referees und Herausgeber so überlastet, daß schon einmal zwei Jahre bis zur Entscheidung über <a rel="nofollow" href="http://www.universalrejection.org/">Annahme oder Ablehnung</a> vergehen können. Korrekterweise darf man sein neuestes Opus immer nur bei einer Zeitschrift einreichen, sodaß Geduld und Frustrationstoleranz essentielle Eigenschaften für den Wissenschaftler sind. Im letzten Jahr kam endlich Bewegung in diesen absurden Markt, als eine Reihe bekannter Mathematiker den <a rel="nofollow" href="http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/tu-muenchen-mathematiker-beteiligen-sich-an-elsevier-boykott-a-832454.html">Aufstand gegen die großen Verlage</a> probte und sich für den freien Zugang einsetzte. Etablierte Systeme zu stürzen ist allerdings nicht einfach, und das Hauptproblem in diesem Fall ist die Sicherstellung der wissenschaftlichen Qualität.</p>
<p>Ein Derivat des Zitationsindex ist der “Journal Impact Factor”, ein Maß, das die Relevanz, Bedeutung und Sichtbarkeit einer Fachzeitschrift einordnet und noch am ehesten die Qualität von Veröffentlichungen einzuschätzen erlaubt. Möglichst viele Publikationen in den so ermittelten Topzeitschriften einer Disziplin zu haben, ist die heilige Kuh der modernen, aufsatzgetriebenen Wissenschaft, erfordert allerdings große Mühe.</p>
<p>Computererrechnete Indizes sind anfällig für Manipulationen und im Prozess der “peer reviews”, wenn andere Forscher vor der Veröffentlichung gegenlesen, prüfen und auswählen, kann ebenfalls getrickst werden. Manche Journals veröffentlichen gegen Bezahlung, in anderen wird protegiert und nepotiert, wobei in den großen, einschlägigen Fachzeitschriften einer Disziplin die Kontrolle in dieser Hinsicht leidlich funktionieren dürfte – immerhin hat die gesamte Zunft ein Auge darauf. Dennoch kann man natürlich mit vielen Eigenzitaten Einfluß nehmen, und bei vielen Zeitschriften ist es für die Annahme förderlich, möglichst viele Veröffentlichungen aus dem fraglichen Hause im eigenen Werk unterzubringen. Manch Arten von Veröffentlichungen eignen sich besonders gut zur Sammlung von Zitationsmeriten, zum Beispiel Literaturrückblicke oder sonstige Übersichtspapiere – während Nischenforschung sich dafür gar nicht eignet.</p>
<p>Handelt es sich bei den Zitationsindizes um die Segnungen der Moderne, so bringen vielleicht die Segnungen der Postmoderne wieder <a rel="nofollow" href="http://crln.acrl.org/content/73/10/596.full">Bewegung in das System</a>. Wer als prominenter Forscher etwas auf sich hält, führt ein Blog, und auch die Präsenz in anderen Medien wird von Universitäten zunehmend gerne gesehen. Dafür gibt es inzwischen Cybermetrics, und wer weiß, vielleicht werden irgendwann Forscher auch an ihren Facebook-Likes gemessen. Bis dahin allerdings schreit der Alltag nach Verkürzung und Vereinfachung, und da ist so ein Platz im Ranking eben doch eines der einfachsten und akkuratesten Maße, die die schöne neue Computerwelt uns beschert hat. Bis auf weiteres jedenfalls.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/sophia-infinitesimalia/">sophia.infinitesimalia</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blogs.faz.net/deus/2013/03/27/wettbewerb-in-der-wissenschaft-die-bibliometrie-1362/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>21</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Trick 17 beim Namenswechsel zwecks Ehe</title>
		<link>http://blogs.faz.net/deus/2013/03/25/der-gottliche-funke-im-videospiel-1330/</link>
		<comments>http://blogs.faz.net/deus/2013/03/25/der-gottliche-funke-im-videospiel-1330/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 25 Mar 2013 14:00:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sophie von Maltzahn</dc:creator>
				<category><![CDATA[Digitale Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Hochzeit]]></category>
		<category><![CDATA[Mädchenname]]></category>
		<category><![CDATA[Namenswechsel]]></category>
		<category><![CDATA[Standesamt]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://blogs.faz.net/deus/?p=1330</guid>
		<description><![CDATA[<p>Keine Frau gibt nach der Hochzeit nonchalant ihren Mädchennamen ab. Es ist und bleibt ein Opfer. Doch es gibt ein Schlupfloch: Die digitale Identität. Hier kann sie jahrelang noch heißen wie bisher.  <a href="http://blogs.faz.net/deus/2013/03/25/der-gottliche-funke-im-videospiel-1330/"></a></p><p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/faz-soma/">Sophie von Maltzahn</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Für die Avantgardisten unter uns ist Heiraten ja kein Thema mehr. So was hakt man naserümpfend ab. Wer das nicht tut, den braucht man nicht mehr ernst zu nehmen.Wer wäre denn so blöd; schön blöd: verloben mit Verlobungskarte, Hochzeit im Kreis der Familie, Mädchennamen abgeben. Das alles sind Dinge, mit denen sich ein avantgardistisches Individuum nicht zu beschäftigen braucht. Schon allein wegen all des Kitsches: pinker Zuckerteig, Prinzessinnen-Frisur und viel Tüll. Wer kann das noch ertragen?</p>
<p><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/03/Transen.jpg" width="580" height="208" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Den Namen zu wechseln, kommt für die intellektuelle Frau sowieso nicht in Frage. Wie sollte man dann weiter publizieren? Vor Dreißig sollte man sich in dieser Branche einen Namen gemacht haben. Sonst kommt man nie nach oben. Der Name ist alles, findet die intellektuelle Frau und das mit Recht.</p>
<p>Aber wie schaut es bei den anderen aus? Bei denen, die sehr wohl einen Schleier vorm Altar aufsetzen werden, und zwei Mal mindestens, eine Kugel vor sich her schieben wollen. Bei denen, die sich Kinder wünschen und eine eigene Familie. Und dafür, weil sie es so kennen und richtig finden, ihren Mädchennamen abgeben werden.</p>
<p><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/03/Lady-Di-.jpg" width="580" height="352" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Doch wenn es soweit sein könnte, &#8211; die Urkunde unterschrieben, die Unterlagen vom Amt ausgefüllt und wieder abgeschickt -, ist es längst noch nicht vollbracht. Wer heute seinen Namen ändert, muss nicht nur ein neues Postkastenschild schreiben. Man hat schließlich viel mehr Adressen als nur die eine bei der Post. Einmal heißt man sophiemaltzahn@yahoo, dann wieder sophie-maltzahn@skype.com, soph1984 oder maltzahn_sophie@faz.de. Bei mir wird es ewig dauern, bis mein Mädchenname aus dem Netz verschwunden ist. Ich müsste alle meine Accounts ändern, sollte das überhaupt möglich sein. Ich denke nicht, dass hotmail, &#8211; dort hatte ich meine erste Emailadresse, mich überhaupt noch kennt.</p>
<p><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/03/metallskulptur-fallen-lassen.jpg" width="579" height="285" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Wie aber findet es die frisch verheiratete Frau wirklich, wenn der alte Name nicht vollständig erlischt? Wenn sie ehrlich ist, findet sie das gut. Wenn sie ehrlich ist, hat sie ihren Namen mit einem riesengroßen Wermutstropfen abgelegt. Keine trennt sich <i>nonchalant</i> von ihrem Namen. Demnach freut sie sich auch, wenn sie weiterhin Emails an ihren alten Namen geschickt bekommt.</p>
<p>Die digitale Identität ändert sich auch deshalb nicht, weil Freunde, Familie und Bekannte weiterhin ihre Emails an die bisherige Adresse schicken. Bei dem Tempo, mit dem die Leute derzeit vor den Altar treten, kann doch keiner mithalten. So schnell hat man nicht mal den Adressordner aufgeklappt, da ist schon wieder die Nächste verheiratet. Ergo, der Absender hält ebenso den alten Namen in Erinnerung.</p>
<p>Auf diese Weise ist eben nicht nach dem Standesamt  Schluss mit der vertrauten Identität, die der Nachname doch ein Leben lang gestiftet hat. Das ist der Trick 17.</p>
<p>Witzigerweise ist mir aber auch das Gegenteil passiert. Da war das Internet schneller als ich. Es wusste was, das ich nicht noch nicht mal wusste. Ich öffnete meinen Posteingang, und was las ich in der Betreffzeile:</p>
<p>„Hallo Sophie v. Grawert! Einmaliges Frühlings-Angebot: Fotobücher nur 9,99 Euro, inkl. Versand.“</p>
<p><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/03/gummipuppen.jpg" width="580" height="233" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Moment mal, dachte ich, ich hieß doch noch gar nicht Sophie v. Grawert. Ich wohnte doch nur bei meinem Freund. Am Klingelschild stand sein Name und am Briefkasten genauso. Keiner kam auf die Idee, das zu ändern. Wenn ich jemandem meine Adresse gab, dann mit c/o.</p>
<p>Nur einmal nicht. Da habe ich mir Fotos im Internet bestellt und einfach nur Sophie v. Grawert angegeben. In der Maske gab es nämlich keine Zeile für ein c/o. Was sollte der Umstand, dachte ich. Wenn Sophie vorm Nachnamen stand, würde ich ja wissen, dass das Päckchen für mich war. Auf die Idee, ein neues Postschild anzubringen, kam ich weiterhin nicht. Wieso, weiß ich bis heute nicht. Als die Fotos ankamen, hatte ich die Angelegenheit schnell wieder vergessen.</p>
<p>Bis diese Werbung in meinem Emailprogramm landete. Als ich meinen Namen in der fremden Kombination las, dachte ich, mich trifft der Schlag.</p>
<p><img alt="" src="http://blogs.faz.net/deus/files/2013/03/gefesselt.jpg" width="515" height="307" /></p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Gott sei Dank hatte das niemand gesehen. Vor allem nicht mein Freund. Was der sich wohl gedacht hätte? Dass er mit einer Heiratswütigen zusammen war. Wie peinlich. Niemand gibt zu, dass er heiraten will, bevor der Antrag kommt. „Das hat noch Zeit“, behaupten die einen. „Wir sind doch noch so jung“, lügen die nächsten. Auch ich fühlte mich von dieser Email entlarvt und hab sie schnell gelöscht. Heute kann ich über diesen Herzsprung lachen. War doch eh klar, dass ich diesen Mann heiraten würde, denke ich jetzt.</p>
<p>Ich finde es also überhaupt nicht schlimm, wenn der alte Name im Internet erstmal so stehen bleibt. Im Gegenteil. Es muss sich nicht alles auf einen Schlag ändern! So schnell hat man sich selbst auch nicht verändert. Auch nach der größten Hochzeit nicht. Da kann man ruhig noch ein bißchen weiter heißen wie bisher. Danke yahoo, google+, facebook, twitter, pixum, dropbox, skype, brand for friends, flickr und pinterest.</p>
<p>von <a rel="author" href="http://blogs.faz.net/deus/author/faz-soma/">Sophie von Maltzahn</a> erschienen in <a href="http://blogs.faz.net/deus">Deus ex Machina</a> ein Blog von <a href=http://www.faz.net/>FAZ.NET</a>.</p>]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://blogs.faz.net/deus/2013/03/25/der-gottliche-funke-im-videospiel-1330/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>22</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
