Home
Pop-Anthologie

Maximo Park: „Apply some Pressure“

| 1 Lesermeinung

Verzweifeltes Sehnen: In diesem Song wird die Liebe von der nordenglischen Band Maximo Park als Versuchsanordnung behandelt. Dann braucht die Begierde einen Beichtstuhl – und alles wird komplizierter.

***

© dpaPaul Smith, Sänger von Maximo Park

Apply some Pressure

You know that I would love to see you next year
I hope that I am still alive next year
You magnify the way I think about myself
Before you came I rarely thought about myself
Behind your veil I found a body underneath
Inside your head were things I never thought about
You know that I would love to see you next year
I hope that I am still alive next year

What’s my view?
Well how am I supposed to know?
Write a review
Well how objective can I be?

You know that I would love to see you in that dress
I hope that I will live to see you undressed
The everyday is part of what consumes me
The hate I feel is part of what fuels me
I testify to having guilty feelings
I must confess, I’d like to be caught stealing
You know that I would love to see you next year
I hope that I am still alive next year

What’s my view?
Well how am I supposed to know?
Write a review
Well how objective can I be?

I like to wait to see how things turn out
If you apply some pressure

What happens when you lose everything
You just start again, you start all over again

I like to wait to see how things turn out
If you apply some pressure
What happens when you lose everything
You just start again, you start all over again
Apply some pressure, you lose some pressure
What happens when you lose some pressure
Apply some pressure, you lose some pressure

Well, you just start again
You know that I would love to see you next year
I hope that I am still alive next year
You know that I would love to see you in that dress
I hope that I will live to see you undressed

***

In „Apply some Pressure“ singt ein Mann, der das erste Mal wirklich verliebt ist. Er ist klug, hat seine Jugendjahre in der Stadtbibliothek verbracht, Audre Lorde gelesen, mag Fassbinder und „Menschen am Sonntag“. Und jetzt steht diese Frau plötzlich vor ihm und er weiß nicht, was seine Sicht auf die Welt eigentlich ist. Sie verwirrt ihn, bringt ihn zum Nachdenken über sich selbst und dann hat sie auch noch einen eigenen Kopf: „Inside your head were things I never thought about”. Mit so einer will man Pläne machen, das ist von der ersten Zeile an klar, „You know that I would love to see you next year”. Das ist so existenziell, dass die Singstimme hoffen muss, auch im kommenden Jahr überhaupt noch am Leben zu sein, die Zeile „I hope that I am still alive next year” taucht im ganzen Stück immer wieder auf.

Das Leben hängt von dieser Liebe ab und weil all das so überwältigend und unbekanntes Terrain ist („Before you came I rarely thought about myself”) übersetzt der Liebende sie in eine Versuchsanordnung. Denn der eigene Standpunkt ist unklar, eine Rezension nicht objektiv.

Dazu noch das Begehren, das aus dem Singenden wie in Not herausplatzt: In diesem einen Kleid will er die Angebetete schon sehen, aber eigentlich doch viel lieber ohne („You know that I would love to see you in that dress/ I hope that I will live to see you undressed”). Die Begierde braucht einen Beichtstuhl, und der ist das Schlimmste, was der Protagonist über sich sagen kann: Der Kampf gegen die Ödnis des Alltags, Hass als Motor, die Lust, bei etwas Verbotenem erwischt zu werden, inklusive Schuldgefühle. Eigentlich nicht besonders viel. Dazu immer wieder der Wunsch, auch im nächsten Jahr mit ihr sein zu können.

Wie also damit umgehen, mit diesem Experiment lieben? Den Druck langsam erhöhen und sich gleichzeitig immer wieder sagen – gewissermaßen als Netz und doppelten Boden: Wenn ich alles verliere, dann fange ich eben mit diesem Versuch wieder von vorn an, experimentiere mit Druckaufbau und Druckentladung: „Apply some pressure, you lose some pressure”. Doch letztlich triumphiert die Hoffnung und die kann man nicht planen. Bevor der Song abrupt abbricht, heißt es noch einmal: „You know that I would love to see you in that dress/I hope that I will live to see you undressed.”

Der Druck, der angelegt werden soll, ist vom ersten Takt an hör- und spürbar. Im nicht einmal drei Minuten langen Song wird Tempo vorgelegt, die Gitarren schrammeln, grob ist das Arrangement. Paul Smith drückt auf seine Stimme und beim „Apply some Pressure“ kippt sie sogar. Die ständigen Wiederholungen des Titels tun ihr übriges. Eigentlich schreit Smith die Sehnsucht mehr, als dass er sie singt. Als die Band Maximo Park den Kunstlehrer im Pub beim Singen von „Very Superstitious“ entdeckte, sahen sie in ihm vor allem eine Rampensau, die im Anzug (für die Band später ikonische) Sprünge auf der Bühne vollführte. Ob er singen konnte, wussten sie gar nicht so genau, als sie ihn baten, ihr Frontmann zu werden. Wenn man Paul Smith einmal unplugged allein zur Gitarre Songs von Maximo Park hat singen hören, wie man das in Frankfurt im September 2015 bei seiner Solotour konnte, dann findet man diese Frage nachgerade lächerlich. Jeder Ton sitzt, seine Stimme hat einen Variantenreichtum, den man in „Apply some Pressure“ nicht einmal ahnen kann, wohl aber in späteren Songs wie „Questing, not Coasting“ oder „The Undercurrents“ und nicht zuletzt mit einem Cover von Nick Drakes „Northern Sky“.

Banal wird es nie

Paul Smith ist dazu ein begnadeter Texter, der seine Sprache („skewwhiff“) und ihre Werkzeuge kennt, weil er in ständigem Austausch mit der Kunst anderer steht, wie man nicht nur auf @paulsmithmusic beobachten kann. Literarische wie filmische Einflüsse oder solche der Bildenden Kunst sind in den Liedzeilen immer wieder zu erahnen, zuweilen so deutlich wie bei „Angst essen Seele auf/Fear eats the soul“. Das Fragile des Liebens fängt Smith gekonnt ein, etwa in „Midnight on the Hill“ auf dem 2014er Album „Too Much Information“. Er erzählt in drei Zeilen eine Geschichte, die man so oder anders kennt. Banal wird es nie: „The smell of sunscreen smeared on the front seat/ You and your bear feet topping on the glove box/ It wasnt meant to be, this is how the summer goes“.

Seit dem Album „National Health“ (2012) ist die Band politischer geworden. Anfang dieses Jahres besang sie in „Risk to Exist“ die Lage Flüchtender im Mittelmeer und spendete den Erlös an die Hilfsorganisation „Migrant Offshore Aid Station“. Kritik an der Sozial- und Menschenrechtspolitik der Tories dringt aus vielen Zeilen des gleichnamigen Albums. 2017 singt Paul Smith (wieder drängend) gegen den Nationalismus eines Nigel Farage an: „So anachronistic/An acronym for a name/In Parliament laughing in our face“.

„Apply some Pressure“ hatte 2007 in der Single „Our Velocity“ musikalisch wie textlich einen Nachfolger: „Never never try to gauge temperature/ When you tend to travel at such speed“ – das weiß einer, der schon geliebt hat. Bei beiden Titeln sollte man sicher nicht am Schreibtisch sitzen. Bewegung ist der Ausweg, wenn man nachts niemanden zum Anrufen hat. Tanzen Sie. Zum Beispiel am 30. September 2017 in Wiesbaden, wo Maximo Park im Schlachthof spielen. Oder in Hamburg, München, Köln, Berlin und Münster.

3

1 Lesermeinung

  1. Einfach nur....
    …Klasse geschrieben!

Hinterlasse eine Antwort

Angemeldet als GAST





Noch Zeichen frei

Richtlinien für Lesermeinungen