Schlaflos

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Das Familienblog der F.A.Z.

So gelingt die Vegetarisierung der Eltern

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© Picture AllianceDass vegetarische Kinder Gemüse essen, ist natürlich ein Gerücht. Aber es gibt wirklich sehr viele Nudeln auf der Welt.

Als Kind dachte ich, „vegetarisch“ sei irgendwas Schlimmes. Eine Krankheit vielleicht, irgendwas im Kopf, das nicht so richtig funktioniert und deshalb auf den Magen schlägt. „Vegetarier“ waren mir in etwa so unheimlich wie die Leute auf dem RAF-Fahndungsplakat, das in unserem Bahnhof hing. Blassgesichtig, düster, mit leicht irrem Blick. Natürlich kannte ich keine Vegetarier. Woher auch? In meiner Familie gab es zwar fleischlose Tage, aber die waren der knappen Haushaltskasse geschuldet. Und selbst an diesen traurigen Tagen wurde mindestens eine Wurstdose geöffnet – wahlweise Bierschinken, Schwartenmagen, Blutwurst oder Hausmacher Bratwurst. Auf meine Pausenbrote bekam ich immer Kalbsleberwurst aus dem Golddarm und die Liste meiner Lieblingsgerichte führte bis zur Oberstufe Kaninchenbraten an, gefolgt von Wiener Schnitzel und Grillhähnchen. Mit irgendeiner Beilage und verkochter Gemüsedekoration. Ich glaube, meine Ernährungsgewohnheiten haben sich damals nicht sehr von denen in meiner Alterskohorte unterschieden. Es gab keine Ankläger, nirgends, vor allem nicht am eigenen Esstisch. Es war der unschuldige Frühling meiner Fleischeslust.

Das hat sich inzwischen verändert. Sehr verändert. Das liegt aber nicht an den Berichten und Dokumentationen über die Massentierhaltung, an dem Wissen über die Konsequenzen unseres Fleischkonsums für Umwelt und Gesundheit oder an einer romantischen Ahnung vom Leid der Tiere. Nein. Zeig mir ein schönes Steak und ich finde immer noch 1000 Gründe, warum ein Veggieday der Weg in den Bevormundungsstaat ist. Es bleibt dabei: Erst kommt das Fressen, dann die Moral (und die Vernunft). Nein, das, was inzwischen alles verändert hat, ist einzig und allein die tonlose Frage unserer ältesten Tochter, wenn das Mittagessen auf den Tisch kommt: „Ist das mit Fleisch?“

In Gedanken habe ich schon verschiedene Antworten auf diese Frage durchgespielt:

  • die aggressiv-linguistische zum Beispiel: „Das ist Chili con Carne. Con Carne! Das heißt: ‚Mit Fleisch!‘. Nicht Chili con Körner!“
  • oder die aggressiv-vergleichende: „Weißt du wie viele Menschen auf dieser Welt froh wären, wenn etc. pp.“
  • oder die aggressiv-anthropologische Antwort: „Ohne Fleischkonsum hätte es nie eine menschliche Zivilisation gegeben.“
  • oder, ganz fies, die aggressiv-besorgt-medizinische: „Wir müssen echt aufpassen, dass du keine Mangelerscheinungen entwickelst. Vielleicht sollten wir mal wieder eine Blutprobe machen lassen.“

Man darf ja mal träumen. In Wirklichkeit beantworten meine Frau oder ich die Frage, ob denn Fleisch im Essen sei, in der Regel mit einem schlichten „Nein“. Falls wir rumdrucksen, beschränkt sich unsere Tochter auf die eindeutig als fleischfrei identifizierbaren Teile des Essens – Nudeln zum Beispiel, Kartoffeln, Reis. (Seltsamerweise können wir sie fast nie davon überzeugen, dass Gemüse und Salate auch zu den fleischfreien Speisen zählen.) Jetzt könnte man ja sagen: Lass sie doch – ihr Problem, wenn sie tatsächlich auf Fleisch verzichten möchte. Bleibt mehr für alle anderen übrig. Es gibt da nur einen Haken: Das Ganze ist ansteckend. Unser Fleischkonsum in der Familie ist radikal gesunken, obwohl wir nur eine praktizierende Vollzeit-Vegetarierin bei fünf Familienmitgliedern haben. Wir anderen sind wohl Flexitarier geworden, ohne darüber nachgedacht zu haben. Plötzlich gibt es Linsen statt Lende, Aufstrich statt Aufschnitt. Und das liegt nicht an irgendeiner aggressiven Rhetorik, mit der unsere Älteste uns das Fleisch madig macht. Sie verdreht auch nicht die Augen, wenn – selten genug – mal ein Braten auf dem Tisch steht. Sie klagt nicht an, sie zeigt uns auch keine PETA-Videos auf ihrem Handy über Schweinemastbetriebe oder Rinderhinrichtungen. Nein. Sie schweigt, füllt sich gegebenenfalls ihren Teller mit einer vegetarischen Sättigungsbeilage und lässt uns in Ruhe.

Allein: Da ist keine Ruhe mehr. Weder bei mir, dem mit Kalbsleberwurst sozialisierten Hardcore-Fleischesser noch bei unserer Jüngsten, die sich bisher arglos Hähnchenschenkel im Restaurant bestellt hat. Auch nicht bei meiner Frau und bei unserer mittleren Tochter. Es ist, als ob da an einer Tischseite unser aller Gewissen sitzt, elf Jahre alt, 6. Klasse, Pfadfinderin. Und wenn ich dann tatsächlich mal ein Grillhähnchen mache oder einen Salzkrustenbraten, dann fühlt sich das an, als ob ich gerade absichtlich eine LEGO-Friends-Figur mit dem Staubsauger aufsauge. Irgendwie fies. Und dieses Gefühl, das gebe ich zu, begleitet mich auch schon, wenn ich im Supermarkt an der Fleischtheke stehe. Inzwischen erwische ich mich dabei, dass mir bei meinem Lieblingsgericht immer zuerst irgendetwas mit Linsen einfällt. Das ist doch krank!

Wenn man unsere älteste Tochter fragt, warum sie denn kein Fleisch mag, protestiert sie: „Ich mag Fleisch.“ Sie wolle nur nicht, dass wegen ihr Tiere sterben müssen. Das sagt sie nun schon seit ihrem fünften Lebensjahr. Und sie ist sich immer treu geblieben. Selbst angedünsteten Speck, der auf den Flammkuchen oder ins Sauerkraut gerutscht ist, fingert sie bis auf das letzte Krümelchen heraus.

Wie konnte es so weit kommen? Haben wir irgendetwas in der Erziehung falsch gemacht? Wo kommt dieser Extremismus her? Landet sie auch mal auf Fahndungsplakaten? Fakt ist, weder in unserer Familie noch in der Kita wurde sie in dieser Hinsicht indoktriniert. Nie. Ich erinnere mich, dass sie noch im zarten Alter von drei Jahren Hähnchenkeulen verspeiste und gegrillte Sardellen mit Kopf verputzte. (Nein, Fisch isst sie heute auch nicht mehr.)

Sicher, sie hat die einschlägigen Kinderfilme angeguckt, in denen niedliche Tiere mit großen Kulleraugen vor bösen Menschen fliehen müssen. Aber das hatte keinen erkennbaren Einfluss auf ihre Ernährungsgewohnheiten. Genauso wenig wie die inzwischen häufiger auftretenden Vegetarier im Freundes- oder Bekanntenkreis.

Der Wendepunkt für sie (und für den Rest der Familie) scheint ein Besuch ihrer Kitagruppe in einer Fleischerei gewesen zu sein. (Nein, es war kein Schlachthof!) Also der Besuch in einem traditionellen Handwerksbetrieb. (Und, nein, da gab es keine Tiere. Keine lebendigen jedenfalls.) Die Köchin der Kita wollte den Kleinen mal zeigen, wo die Würste herkommen und wie die gemacht werden. Was ich als Idee immer noch sehr gut finde! Die Kinder durften selbst auch Würste herstellen, die sie dann nach Hause mitbrachten. Es war, glaube ich, ein schöner Ausflug. Die Würste waren sehr lecker – ich bekam auch eine. Danach aber hat unsere Älteste entschieden: Schmeckt zwar gut, will ich aber nicht mehr. Nie mehr.

Ich verstehe bis heute nicht, wie unsere Tochter das Schicksal von Tieren mit der Herstellung von leckeren Würsten zusammenbringen konnte. Das eine hat doch mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.


7 Lesermeinungen

  1. Geht mir "fast" genauso
    Ich mag Fleisch (vor allem kleingehackt als Hack, Frikadelle, Wurst…) will aber auch nicht das wegen mir Tiere sterben. Da ich noch zu Faul und inkonsequent bin esse ich weiter Fleich würde es aber gerne lassen. Immerhin esse ich von den eigenen Hühnern nur die Eier und die Tiere dürfen solange leben bis sie tot umfallen oder der Habicht sie erwischt. Ich hoffe noch auf bezahlbares „künstlich“ gezüchtetes Fleisch aus der Petrischale. Da wäre ich sofort dabei. Andere Lebewesen aus welchen Gründen auch immer zu töten ist archaisch. Das sollten wir uns als Menschheit grundsätzlich abgewöhnen.

  2. Ganz schön hinterrücks
    dieser Text. Impliziert über die Aktivitäten der unschuldig-jungen Tochter doch nur, dass Leute, die sich vegetarisch ernähren, irgendwie irre oder gar terroristisch sind. Warum sind die Vegetarier? Weil sie sich einfach ein bisschen mehr Gedanken/Sorgen um die Mit(!)welt machen als die gedankenlosen Fleischfresser, die sorgsam die Herkunft und Entstehung ihres letztlich doch völlig anachronistischen Mahls verdrängen, weil sie wissen, dass sie sonst auch keinen Bissen mehr runterkriegen würden, wenn sie nicht pathologisch empfindungsarm sind.
    Da hilft auch kein vermeintliches humorvolles Augenzwinkern im Text. Die Welt der Fleischproduktion ist derart grauenvoll, dass es kaum auszuhalten ist. Da rate ich: nehmen Sie Ihre Tochter ernst, informieren Sie sich gründlich, und dann werden auch Sie zum überzeugten und vor allem informierten Fleischverzichter. Alles Andere ist Leben in Unmündigkeit und Verantwortungslosigkeit.
    Sorry für den fehlenden Sinn für Humor in der Sache.

  3. Titel eingeben
    Kinder sind sensibel. Die wissen oft intuitiv, welches Grauen hinter der Fleischproduktion steckt.
    Erwachsene wollen meist nicht wissen, wie ihr Steak produziert wurde. Eine intensive Beschäftigung mit Massentierhaltung und Schlachthöfen (YouTube, Facebook) führt allerdings sehr schnell zu einem überdenken der carnivoren Lebensweise.

  4. (Alle) Tiere müssen sterben
    @Herr Scholz: Dass Vegetarier oder gar Veganer oft humorlose Predigerseelen sind, ist bekannt und hier wieder schön erkennbar in den Kommentaren. Kann das eine Folge der Körnerdiät sein?

    Die angenommene Weisheit der Kinder ist ein sekundäres Smartphone-Phänomen. Da es mit dem kritischen und dfifferenzierten Denken bei Kindern nicht so weit her ist, kann man sie schnell und eindeutig moralistisch infizieren. Fragen sie die Roten Garden. Übrigens müssen alle Tiere sterben. Fast alle Wildtiere sterben einen eher elend-schrecklichen Tod, die meisten werden lebendig an- und aufgefressen. Das ist nicht schön, aber natürlich. Der unnatürliche Tod durch den Blattschuss des Jäger mag der beste Tod sein, den man als Wildtier überhaupt haben kann.

  5. Jeder Mensch sollte sein Essen schon einmal selbst geschlachtet haben
    Ich glaube dass es für eine natürliche und naturverbundene Lebensweise eine gute Erfahrung ist, wenn man sein Essen selbst füttert, sich um das Wohlergehen der Tiere kümmert, aber diese auch selbst schlachtet, ausweidet, zerlegt, zubereitet und isst. Viele Stadtmenschen haben sich bedingt durch ihre Lebensumstände, die sehr viel Ähnlichkeiten zur Massentierhaltung haben, sehr weit von der Ursprünglichkeit des Lebens entfernt. Fundamentale Zusammenhänge werden oft kaum noch erkannt. Dabei könnte gerade bei jungen Menschen ein Überlebenstraining, z.Bsp. mit Fisch fangen, töten, ausnehmen, grillen und essen, positiven Einfluss auf den Charakter haben.

  6. Alles eine Frage des richtigen Maßes
    Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, dass Nutztiere geschlachtet werden. Ein ethisches Problem hingegen habe ich mit der Art und Weise, wie die Massenhaltung mit den Tieren bis dahin umgeht und die industriellen Maßstäbe, die in der Fleischproduktion angelegt werden, nebst den ökologischen Folgen. Fleisch muss wieder eine seltene Delikatesse werden und darf nicht die Regelernährung bleiben. Wer darüber hinaus strikt vegetarisch oder vegan leben möchte, soll das gern tun, aber seine Ideologie für sich behalten und mich in Ruhe mein Rindersteak vom Biobauern genießen lassen. Danke dafür.

  7. Wir wären alle Vegetarier, wenn wir die Tiere selbst erlegen müssten
    Was antwortet ein Fleischesser auf die Frage, ob er ein Tier töten könnte?
    Nicht einen Knopf an einer Großen Maschine drücken! Sondern mit einem Bolzen, während das Tier einen anschaut. Die Vorstellung, wie das Leben auf einen Schlag aus dem Blick verschwindet.

    Ganz ehrlich – ich bin Koch, ich habe täglich mit Massen an Fleisch zu tun. Aber ich stelle mir die Frage auch. Und ich denke, ich könnte es nicht. Bin ich deswegen zu weich? Oder einfach mitfühlend mit meiner Umwelt?

    Wir sollten uns mehr Gedanken über unser Essen machen. Mehr will ein Vegetarier auch nicht von seinem Gesprächspartner, wenn dieser meint DER will mich bekehren.

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